Wissenschaftler klären Wirkung von Cannabis

Rauschgift imitiert körpereigene Signalsubstanz

Von H. FELDMEIER

Wohl keine andere Heilpflanze hat ähnlich viele glühende Befürworter, aber gleichzeitig auch so viele kategorische Gegner wie Cannabis sativa, der indische Hanf. Seit mehr als tausend Jahren werden in der Volksmedizin Hanfextrakte zur Behandlung sehr unterschiedlicher Krankheiten eingesetzt. Im alten China verwendete man die Pflanze zur Bekämpfung von Malaria, bei Beri-Beri (einer Vitaminmangelkrankheit) und bei Rheuma.

Indianische Medizinmänner benutzten Hanfextrakte zur Behandlung von Lepra, Geschlechtskrankheiten und der Schuppenflechte (Psoriasis). Und in Lesotho rauchen Frauen bis zum heutigen Tag Cannabis, um sich auf eine Geburt vorzubereiten.Aber auch in der westlichen Medizin wurden Zubereitungen aus Cannabis für eine Reihe von Krankheiten eingesetzt, ohne dass man bislang den exakten Wirkmechanismus kennt. Cannabis sativa hilft bei Schmerzen und Entzündungen, löst verspannte Muskeln, verhindert Krampfanfälle bei Epileptikern, lindert Bronchialasthma und senkt den Augeninnendruck.

Bei chronischen Erkrankungen fördern Cannabispräparate den Appetit und unterdrücken starke Übelkeit oder Brechreiz, wie sie als typische Folgewirkung einer Chemotherapie bei Krebspatienten auftreten.

Doch während in zahlreichen Naturvölkern Cannabisextrakte immer noch zu Heilzwecken eingesetzt werden, ist in der modernen Medizin die Verschreibung von Tetrahydrocannabiol, so die chemische Bezeichnung der pharmakologisch wirksamen Substanz aus Cannabis sativa, verpönt. Besonders die psychischen Wirkungen der Droge, die von Panikreaktionen bis zu Psychosen reichen, verbieten es bei uns, Cannabis als Medikament zu verordnen.Es gibt zwei Thesen, um die Wirkung von Tetrahydrocannabiol (THC) zu erklären: Die eine besagt, dass THC prinzipiell seine Wirkung zuerst in bestimmten Regionen des Gehirns entfalte. Erst im Anschluß daran werden Signale über Nervenfasern und Hormone an die Organe weitergeleitet und die entsprechenden Reaktionen erzeugt.

Dafür spricht, dass vor zwei Jahren ein Rezeptor – also eine Struktur, an die THC binden kann – auf Zellen bestimmter Gehirnareale entdeckt wurde, der sich spezifisch durch Cannabis aktivieren läßt. Er wird als Cannaboid- oder Marihuanarezeptor bezeichnet.Die zweite Mutmaßung geht dahin, dass auch in anderen Körperorganen Rezeptoren vorhanden sein müssen, die von THC oder verwandten Molekülen stimuliert werden können. Diese Hypothese hat durch Untersuchungen englischer Wissenschaftler erheblich an Gewicht gewonnen. Pharmakologen vom Medical Research Council in Oxford haben nämlich nachgewiesen, dass es einen Rezeptor für THC auch auf bestimmten Immunzellen gibt. Dazu mussten die Forscher tief in die molekularbiologische Trickkiste greifen.

In einem ersten Schritt züchteten sie Zellkulturen, die noch so wenig ausgereift waren, dass daraus sowohl Immunzellen vom Typ Magrophagen als auch andere weiße Blutkörperchen entstehen konnten. Daraus isolierten sie die Erbinformationen und untersuchten zahlreiche Gene. Sie verglichen deren genetische Informationsmuster mit denen einer großen molekularbiologischen Datenbank. Dabei stieß man auf ein Muster, das in seiner Zusammensetzung zu etwa 55 Prozent mit dem des Marihuana-Rezeptors übereinstimmte.

Um herauszufinden, ob das Molekül, das diesem Muster entsprach, tatsächlich auch Tetrahydrocannabiol binden kann, wurde das Gen aus dem Kern der untersuchten Immunzellen herausgeschnitten. Anschließend wurde es in andere menschliche Gewebekulturzellen eingepflanzt. Tatsächlich bildeten die so veränderten Zellen anschließend auf ihrer Oberfläche Strukturen aus, an die sich THC-Moleküle anheften konnten. In einem dritten Schritt benutzten die englischen Forscher ihre gentechnischen Instrumente, um abzuklären, ob sich diese Eiweiße auch natürlicherweise auf der Oberfläche bestimmter Zellen in der Maus finden.

Bei ihren Analysen wurden sie zwar in der Milz fündig, jedoch nicht bei Gewebeproben, die sie dem Gehirn entnommen hatten.Wie sich in näheren Untersuchungen herausstellte, fand man das dem Marihuana-Rezeptor ähnliche Eiweißmolekül just in einem Gebiet der Milz, das Immunzellen ständig auf der Suche nach körperfremden Eindringlingen durchstreifen. Wenn ein solch sensibler Bereich des Immunsystems mit einem Rezeptor für Marihuana-Bestandteile ausgestattet ist, so spekulieren die englischen Forscher, dass hier auch pharmakologische Wirkungen ausgelöst werden, die direkt die Funktionsfähigkeit des Immunsystems beeinflussen.

So könnte man sich vorstellen, dass es gelingt, eine maßgeschneiderte Substanz für diesen Rezeptor herzustellen. Dieser könnte dann überschießende Immunreaktionen – wie sie etwa bei Autoimmunerkrankungen auftreten – dämpfen, ohne dass die unerwünschten Nebenwirkungen von Cannabis im zentralen Nervensystem auftreten.

Bislang unbekannt ist allerdings, welches körpereigene Molekül im Normalfall an den THC-Rezeptor auf den Immunzellen bindet. Denn Rezeptoren auf der Oberfläche von Zellen gibt es nur, wenn auch der dazu passende Ligand – das ist das zum Rezeptor passende Molekül – vom Organismus gebildet wird. Dabei passen Ligand und Rezeptor zusammen wie ein komplizierter Schlüssel zu einem modernen Sicherheitsschloß. Und wie ein Schlüssel den Zugang zu einem Raum ermöglicht, so öffnet der Ligand am Rezeptor den Weg ins Zellinnere.

Für den Cannabisrezeptor auf Gehirnzellen ist der dazugehörige Ligand seit kurzem bekannt. Professor Vogel und seine Kollegen von der neurobiologischen Abteilung des Weizmann-Institutes in Israel konnten nämlich zeigen, dass Anandamid das natürliche Äquivalent des Körpers zu Marihuana ist.

Die Forscher fanden heraus, dass Anandamid genau die gleichen Stellen im Gehirn aktiviert wie THC oder ungereinigtes Marihuana. Damit zählt Anandmid zur stetig wachsenden Stoffklasse der Neurotransmitter, also den Substanzen, die Informationen zwischen Nervenzellen übertragen.Interessanterweise bindet Anandmid aber wesentlich schlechter an den Rezeptor auf Immunzellen als das pflanzliche Äquivalent aus Marihuana. Es muss also mindestens noch einen weiteren natürlichen Liganden geben, der genau in das Immunzellenrezeptor-Schloß paßt. Die Rezeptorforscher sind auf dem besten Wege, die molekularen Wirkungsmechanismen von Cannabis aufzuklären.

Quelle: Die Welt, 16. August 1995

1 Kommentar

  1. Es ist in erster Linie wichtig, dass THC oft besser und ungefährlicher wirkt, als viele Präparate der Pharmaindustrie. Auch wenn das WIE und WARUM nicht immer geklärt werden kann. Dafür kann man bei Cannabis auf hunderte oder gar tausende Jahre empirischer Erfahrungen zurückgreifen. Zwar hat medizinisches Gras die gleichen „Nebenwirkungen“ wie beim Einsatz als milde Rauschdroge, aber die sind für die meisten Konsumenten ja nicht unangenehm. Viele Studien zeigen, dass die gewünschte medizinische Wirkung bereits bei einer Dosis eintritt, die an der Untergrenze zum Rausch liegt. Es ist an der Zeit, Cannabis den Kranken zugänglich zu machen. Als mündiger Bürger sollte jeder selbst entscheiden, ob er mit komplexen, chemischen, zum Teil kaum erforschten Substanzen der Pharmkonzerne behandelt wird, oder lieber selbst angebautes, sauberes Gras als Alternative wählt.

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