Ärzte fragen für Patienten nach Harnstoff-Salben

Ärzte hinterfragen die Entscheidung gegen Harnstoff-Cremes

Hautkranke Menschen bekommen seit 1. April keine harnstoffhaltigen Pflegecremes mehr verschrieben. Auf der Ausnahmeliste, die der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen beschlossen hat, sucht man Mittel mit Harnstoff vergebens. Folge ist, dass Hautkranke alles, was nicht verschreibungspflichtig ist, selbst bezahlen müssen. Im Sommer loderte Protest bereits in einer Aktion von Patienten- und Ärzteverbänden auf. Nun wollten es die Ärzte selbst noch einmal genauer wissen: Sie luden sich den Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses, Dr. Rainer Hess, ein, um zu erfahren, warum der Ausschuss so und nicht anders entschieden hat.

Dabei waren

– Dr. Harald Gollnick, Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft

– Professor Matthias Augustin, Pharma-Ökonom aus Hamburg

– Dr. Michael Reusch, Generalsekretär des Bundesverbandes der Deutschen Dermatologen und

– Ralf Blumenthal, Redakteur und Öffentlichkeitsarbeiter des Bundesverbandes der Deutschen Dermatologen

Laut Dr. Rainer Hess hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen "Schuld": Der hat der Wirkung von Harnstoff bei chronischen Hautkrankheiten die wissenschaftliche Grundlage abgesprochen. Er meint, von einem wissenschaftlich anerkannten Therapiestandard könne nicht gesprochen werden.

Hess weiter: "Sehr viele Experten sagen, ohne Harnstoff sind die fraglichen Krankheiten nicht richtig behandelbar. Der Knackpunkt ist aber die Frage: Geht es um Expertenmeinung oder geht es um evidenzbasierte Studien?" Die Studienlage würde als äußerst dünn angesehen. "Es wird gesagt: Harnstoff hat eine mildernde Wirkung. Das ist aber mehr Pflege, das ist nicht eigentlich Behandlung." Sicherlich könne man sagen, Harnstoff wirke, aber die Frage, wer bezahlt, ist eine andere. Hess weiter: "Es wurde mir gesagt, dass die Kosten in vielen Ländern der Patient selbst tragen muss."

Dem widersprach Dr. Gollnick sofort: Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft habe bei ihren Schwestergesellschaften herumgefragt. Das Ergebnis: "Nur in Portugal zahlen die Patienten selbst, in der Schweiz, in den Niederlanden, in Belgien, in Frankreich, in Italien, in Schweden, in Großbritannien und in Finnland, gelten Harnstoffpräparate als Standardtherapie und sind keine Pflegemittel." Für Gollnick ist zudem der MDK keine unabhängige Institution.

Dr. Michael Reusch erklärte, ein Psoriatiker könne nur mit einer Basistherapie – beispielsweise mit Harnstoff – ein erträgliches Leben führen. Nur durch eine begleitende Behandlung mit Harnstoff könne eine belastende Behandlung mit Kortison oder mit innerlichen Medikamenten, die mit einer Vielzahl schwerer Nebenwirkungen verbunden sind, auf einige Intervalle begrenzt werden.

Gollnick: "Das Einbringen von einem Harnstoffpräparat in die Haut ist nicht vergleichbar mit dem Auftragen irgendeiner Pflegecreme. Harnstoff ist das einzige externe Medikament, das Wasser in der Haut bindet, zugleich aber auch antientzündlich ist, Juckreiz lindert und den Verhornungsprozess beeinflusst."

Wer hat, der hat…?

Einige Zeilen aus dem Dialog zeigen, wie wenig Ausschuss-Chef Dr. Rainer Hess das Dilemma der Hautkranken nachvollziehen kann (und will?):

Dr. Reusch: Lassen Sie mich einen weiteren Punkt ansprechen. Bislang konnten wir bei einer Vitiligo noch Lichtschutzpräparate verordnen…"

Dr. Hess: "Eine Vitiligo habe ich von Kindheit an, die notwendigen Medikamente habe ich ein Leben lang selbst bezahlt…"

Dr. Reusch: … das kann sich aber nicht jeder leisten. (…)

Wer sich durch das sehr lange Interview kämpfen will, findet es unter http://www.uptoderm.de/public/010/010/041104.html

Claudia Liebram