Lobhudelei für Nahrungsergänzungsmittel stammt oft von Verkäufern selbst

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat drei Bewertungsportale unter die Lupe genommen. Dabei ging es den Verbraucherschützern vor allem um Nahrungsergänzungsmittel. Die werden in Portalen und Foren beworben – mal getarnt als gut gemeinter Ratschlag, mal unverhohlen mit Verkaufsabsicht. Gern wird auch vermeintlich harmlos die Frage gestellt „Hat schon mal jemand vom Mittel xy gehört? Hilft das?“

Der Kauf von Nahrungsergänzungsmitteln ist „in den meisten Fällen eine überflüssige und teure Ausgabe“, sagt Angela Clausen. Die Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale NRW bezweifelt den speziellen Nutzen der offiziell als Lebensmittel eingestuften Produkte.

Das Gesetz ist eigentlich klar: Wenn ein Hersteller in der Werbung sagt, seine Säfte, Pillen oder Pülverchen würden gegen Krankheit A oder Zipperlein B helfen, begeht er einen Gesetzesverstoß. Konkrete Krankheiten dürfen nicht genannt werden. Doch die klare Rechtslage verschwimmt im Internet zur Grauzone.

Auf den Seiten der drei Meinungsforen Ciao, Dooyoo und Yopi sichteten die Düsseldorfer Verbraucherschützer drei aktuelle „Testberichte“ zu zehn Nahrungsergänzungsmitteln. Ins Visier gerieten so 30 Berichte zu Aloe Vera Gels, zu Vitamin- und Mineralstoffpräparaten.

Alle Mittel werden im so genannten Multi-Level-Marketing (MLM) vertrieben. MLM-Firmen setzen als Verkäufer vielfach Laien ein, die nicht nur die Produkte selbst verbrauchen, sondern auch stets auf Jagd nach neuen Kunden und Mitarbeitern sind. Ein pyramidenartiges Verdienstsystem lässt sie (angeblich) am Gewinn teilhaben. Je mehr Kunden und Verkäufer geworben werden, desto höher ist das Einkommen.

Die Folge. Nachdem Verwandte und Bekannte als Kundschaft abgegrast sind, beginnt die Vermarktung via Internet – mit oftmals zweifelhaften Methoden. Das ist das Ergebnis der Auswertung der Verbraucherzentrale NRW. Jeder zweite Autor in den Meinungsportalen outete sich als Verkäufer oder offerierte Informationen oder Bestellmöglichkeiten zum Produkt. Von den 30 überprüften Produktbewertungen enthielten 26 irreguläre und absurde Werbeaussagen.

Da geschahen wahre Wunder: chronische Schmerzen am Fußbereich verschwanden. Offene Beine waren nach drei Monaten Einnahme eines Saftes verheilt. Andere Autoren schrieben, dass Kapseln mit einem Mix aus Obst und Gemüse gegen Schuppenflechte und Tinnitus sowie gegen hohen Blutdruck geholfen hätten.

Ein Mittel soll nach einem Herzinfarkt alle Werte innerhalb von drei Monaten wieder in den grünen Bereich gebracht haben. Ein Aloe-Vera-Gel besiegte ein Schilddrüsenleiden. Ein Produkt soll nicht nur den Langzeitblutzucker innerhalb kürzester Zeit von 12,6 auf 6,2 gesenkt, sondern auch „Schulterschmerzen nach einem Sturz vom Fahrrad“ auskuriert haben.

Das Oberlandesgericht Köln (Az.: 6 U 149/07) hatte im Februar 2008 entschieden, dass MLM-Unternehmen für fehlerhafte und übertriebene Werbung auf der Homepage ihrer Vertriebspartner haften. Ein Urteil, das nach Meinung von Verbraucherschützerin Clausen auch für Aussagen in Internetforen gelten sollte, wenn offensichtlich „am Vertrieb Beteiligte oder an steigenden Verkaufszahlen Interessierte die Gesetze hier umgehen wollen“.

Betreiber von Meinungsportalen wollen außen vor bleiben. Viele begnügen sich mit Hinweisen auf die Eigenverantwortlichkeit ihrer Autoren. Bei Yopi findet sich ein entsprechender Verweis am Ende jedes Testberichts. Dooyoo hebt seine Informationsleiste an gleicher Stelle zusätzlich mit einem rot eingekreisten Ausrufezeichen hervor.

Das reicht Angela Clausen nicht. Sie fordert den Gesetzgeber sowie die Betreiber von Internetforen auf, die „Lobhudeleien für meist unsinnige und teure Nahrungsergänzungsmittel zu unterbinden“. cl

Auch im Forum vom Psoriasis-Netz kommen solche Fragen oder Hinweise an. Wir hoffen sie immer zu entdecken und freuen uns ansonsten über jeden Hinweis.

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  • eingeschlichen250: Andres Rodriguez (Fotolia)
Über Claudia Liebram 279 Artikel
Claudia Liebram ist Berlinerin mit Leib und Seele. Dort arbeitet sie als Redakteurin. Ihre Psoriasis begann, als sie 3 Jahre alt war – viel Erfahrung also, die sie weitergeben kann.

1 Kommentar

  1. Lobhudelei für Nahrungsergänzungsmittel
    Das Gemisch aus Ergebnissen wissenschaftlicher Forschungen, die aus dem Zusammenhang gerissen werden, verbunden mit Werbeaussagen ist offenbar eine gut funktionierende Geschäftsidee zum Vertrieb von Nahrungsergänzungsmitteln. Allerdings ist das Vorgehen nicht neu. Schon viel länger gibt es meist umsonst vertriebene Traktate, in denen Vittamine und Nahrungsmittel als Dragees, Tabletten oder Getränke mit wahren Wunderwirkungen angeboten. Kennen wir nicht alle ein hochprozentiges Melissengetränk, das nie so wertvoll war wie jetzt? Natürlich mit einer uralten Tradition! Ähnlich verhält es sich doch mit dem unausrottbaren Glauben, dass bei Erkältung Vitamin C geschluckt werden muss. In unzulässiger Weise wird von den Symptomen der Mangelzustände auf die Wirkung bei bereits ausreichender Zufuhr geschlossen.

    Üblicherweise bekommen wir mit einer abwechslungsreichen Ernährung alles, was wir brauchen. Nahrungsergänzungsmittel sind dann gar nicht erforderlich. Im Laufe von Millionen von Jahren haben wir uns auf eine Ernährung im Rahmen der Evolution eingestellt, wie unsere Vorfahren sie als Pflanzen und Tiere in der Natur vorgefunden haben. Was uns gesund erhält ist meistens weniger eine einzelne Substanz sondern vielmehr die Kombination verschiedener Stoffe, wie wir sie in natürlichen oder naturnah produzierten Nahrungsmitteln vorfinden.

    Wenn wir das bei unserer Ernährung bedenken, sind Nahrungsergänzungsmittel nicht nur teuer sondern überflüssig. Statt unsere Ernährung zu ergänzen bringen sie diese eher aus dem Gleichgewicht.

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