Der Holzhammer hat bald ausgedient

Mediziner müssen heute bei Krankheiten, die vom Immunsystem ausgehen, nicht mehr die gesamte körpereigene Abwehr "mit dem Holzhammer" ausschalten. "Dank der fortgeschrittenen Grundlagenforschung in der Immunologie ist es uns heute auch im klinischen Bereich möglich, gezielt auf das Abwehrsystem einzuwirken", sagt der Arzt Hans Heiken von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Wie, das haben mehr als 630 wissenschaftliche Beiträge während der 30. Jahrestagung der Gesellschaft für Immunologie in Hannover gezeigt, zu der bis gestern mehr als 1000 Experten aus dem In- und Ausland nach Hannover kamen.

Prof. Reinhold E. Schmidt, Leiter der Abteilung Klinische Immunologie der MHH und Präsident des Kongresses, führt die Therapie mit Antikörpern als Beispiel an. Antikörper sind spezifische Abwehrstoffe, die der Organismus gegen Eindringlinge bildet – etwa Krankheitskeime. Diese Abwehrstoffe können mittlerweile außerhalb des Körpers im Labor gezüchtet werden. "Bis vor wenigen Jahren konnten wir diese Antikörper nur dazu nutzen, einen Tumor nachzuweisen", betont Schmidt. "Heute können wir sie als Medikament direkt gegen den Tumor einsetzen, denn wir wissen, wie Antikörper wirken."

"Antikörper hindern Tumorzellen nicht einfach am Wachstum", erklärt Schmidt. Sie schaffen vielmehr eine Brücke zwischen den eingedrungenen Keimen und den Fresszellen des Abwehrsystems. Dazu binden die Antikörper an spezielle Oberflächenstrukturen der eingedrungenen Krankheitserreger – an so genannte Rezeptoren. "Die Antikörper haften über diese Verbindung fest an den Keimen", sagt der MHH-Forscher. Wie ein weithin sichtbares Blaulicht markieren sie so die Eindringlinge, die dadurch von den Fresszellen des Immunsystems erkannt und vernichtet werden.

Erste Erfolge wurden auf dem Kongress präsentiert: Forscher konnten spezielle Antikörper gegen Darmtumoren so verändern, dass sie noch effektiver an die Rezeptoren der Tumorzellen passten. Nach einer Therapie mit diesen Antikörpern haben die Patienten eine um 30 Prozent verringerte Wahrscheinlichkeit, erneut an Darmkrebs zu erkranken.

Die Wissenschaftler wollen aber auch das neue Wissen um Botenstoffe des Immunsystems – so genannte Chemokine – nutzen, um Krankheiten zu bekämpfen. "Forscher haben entdeckt, dass der Botenstoff Interleukin-8 den gesamten Verkehr von Leukozyten, also von weißen Blutkörperchen, im Blut regelt", berichtet der Berner Wissenschaftler Marco Baggolini. Interleukin-8 bestimmt wann, wo und wie viele Leukozyten sich im Gewebe befinden. "Mit Substanzen, die Interleukin-8 hemmen, können wir somit auch die Menge der Leukozyten beeinflussen." Unter den ersten, die davon profitieren könnten, sind Patienten mit Schuppenflechte.

Schuppenflechte (Psoriasis) ist eine mit Juckreiz und Abschuppung verbundene Hautkrankheit. Bislang verschreiben Ärzte meist Kortisonsalben, um den Juckreiz zu lindern. Mediziner haben in ersten Untersuchungen herausgefunden, dass unter den frisch abgelösten Schuppen eine hohe Konzentration von Interleukin-8 im Gewebe anzutreffen ist. "Die Idee ist, Interleukin-8 zu blockieren, um damit die Schuppenbildung zu verhindern", sagt Baggolini. Erste Studien mit Substanzen, die Interleukin-8 hemmen, scheinen die Vermutung zu bestätigen.

Auch die MHH-Wissenschaftler versuchen, Rezeptoren an bestimmten Zellen zu blockieren. "Damit können wir viel zielgerichteter einen Teil des Immunsystems ausschalten", erklärt MHH-Forscher Schmidt. Denn bislang müssten die Mediziner noch zu oft sehr unspezifisch wirkende, das Abwehrsystem unterdrückende Medikamente einsetzen wie etwa Kortison. Von gezielteren Therapien könnten viele Patienten profitieren – so auch Rheumatiker, Asthmatiker oder Aids-Kranke.

Stefan Zorn, Hannover

Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 5. Oktober 1999