Auf der Suche nach den Psoriasis-Genen

Herr Professor Braun-Falco, was hat die 7. Psoriasis-Fachtagung Neues gebracht?

Braun-Falco: Unter der Leitung von Prof. Dr. med. E. Christophers, Kiel, und Dr. med. M. Ständer, Bad Bentheim, verlief die 7. Psoriasis-Fachtagung statt, sehr erfolgreich. Die Vorträge des wissenschaftlichen Programms, das die Themen "Psoriasis-Gene – Psoriasis-Typen – Psoriasis-Therapie" behandelte, waren durchweg von internationaler Qualität. Erstaunlich war, wie es den Veranstaltern an einem Tag gelungen ist, eine Übersicht über die moderne Entwicklung der Genetik, der Pathogenese und der Therapie der Psoriasis zu geben. Interessant auch die "Pro und Kontra"-Diskussionen: UVB versus PUVA, systemische versus topische Therapie sowie Mono- versus Kombinationstherapie.

Der erste Teil war den Vorbedingungen der psoriatischen Erkrankung gewidmet und beleuchtete deren Genetik. So konnte festgestellt werden, dass nicht eine monogenetische Erkrankung vorliegt, sondern sehr wahrscheinlich mehrere Gene bei der Psoriasis-Realisation eine verursachende Rolle spielen. Es gibt erste Genom-Untersuchungen und

genetische Forschungen biochemischer Art, die darauf hindeuten, dass hier noch vielversprechende Neuigkeiten zu erwarten sind. Man ist auf der Suche nach den Psoriasis-Genen.

Interessant sind auch die Bezüge zum HLA-System, die besonders auf den analytischen Arbeiten von Christophers und Henseler, Kiel, beruhen und die ergeben haben, dass wir heute zwei Typen von Psoriasis – Typ 1 und Typ 2 – unterscheiden können. Die Bestimmung des HLA-Musters hat uns dabei weiter geführt. Wir wissen jetzt, dass bestimmte HLA-Haplo-Typen mit dem Typ 1 verbunden sind, andere mit dem Typ 2: beim Typ 1 sind es die HLA-Moleküle CW 6, B 13 und Bw 57, beim Typ 2 B 27, Cw 2 und andere.

Wesentlich dabei ist: Wir wissen mehr über den genetischen Backround und haben durch diese sehr breiten statistischen Analysen mehr Anhaltspunkte bezüglich des Risikos einzelner Mitglieder in belasteten Familien gewonnen.

Lässt sich schon voraussagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit in einer betroffenen Familie beispielsweise Geschwister oder künftige Kinder an Psoriasis erkranken?

Braun-Falco: Eine individuelle Prognose ist nicht möglich. Uns ist, auch aufgrund breiter statistischer Untersuchungen, klar, dass man so nicht schätzen kann: Bei einem betroffenen Elternteil liegt das Risiko für die Kinder bei – sagen wir – 25%, bei beiden Elternteilen steigt es dann gleich auf 50%. Wir können aber genauer als bisher vorhersagen: wenn ein Geschwister an Psoriasis erkrankt ist, hat das andere auch eine Risikobereitschaft von einem bestimmten Prozentsatz. Wir sind tiefer eingedrungen in die Genetik und Molekulargenetik der Psoriasis. Sicher nähern wir uns damit auch einer genaueren Beurteilungsmöglichkeit für die Risokobereitschaft. Letzteres gilt natürlich immer nur statistisch bei einem größeren Kollektiv. Für den Einzelfall läßt sich nichts Definitives voraussagen, zumal sich Provokationsfaktoren sehr unterschiedlich auswirken können.

Auf dem Programm standen auch Beiträge über Wirkmechanismen, immunologische Faktoren, Auslöser. Wie ist diesbezüglich die Forschung weitergediehen?

Braun-Falco: Wir haben uns viel über Mediatoren und Faktoren, die bei der Entzündung maßgeblich sind, unterhalten, denn die Psoriasis ist eine Erkrankung, die durch Entzündung und Schuppenbildung gekennzeichnet ist. Der Schuppenbildung liegt eine gesteigerte Epidermopoese mit gestörter Ausdifferenzierung (Hyperparakeratose) zugrunde. Wir stellten bereits vor Jahren fest, dass Lymphozyten und Leukozyten die wesentliche Rolle bei der psoriatischen Hautentzündung spielen. Insbesondere Leukozyten werden in die Epidermis angezogen und führen dort zu den Munro-Abszessen. Wir erkannten ebenfalls, dass viele Mastzellen im beginnenden Psoriasis-Herd vorhanden sind, desgleichen Makrophagen, während Plasmazellen zahlenmäßig kaum eine Rolle spielen.

Heute wissen wir, dass es ganz bestimmte T-Lymphozyten sind, die bei der psoriatischen Hauterkrankung nachweisbar werden. Diese morphologischen und histologischen Befunde werden in einem ganz anderen Licht gesehen, weil mehr über die Funktion dieser Zellen bekannt ist, die über Mediatoren, die Zytokine, miteinander in Verbindung treten und sich gegenseitig beeinflussen (Zytokinnetzwerk).

Dennoch zeigen die neueren Untersuchungen immer noch nicht, ob primär die Epidermis erkrankt ist und die Entzündung nachgezogen wird oder ob dies umgekehrt verläuft. Es wurden aber einige Ergebnisse vorgestellt, die dafür sprechen, dass primär etwas in der Epidermis passiert, also eine Entzündung verursacht wird, die ihrerseits wiederum zur Proliferation der Epidermis führt. Interessant sind auch die Nachforschungen über ein Psoriasis-Antigen. Wir nehmen an, dass die zellulärentzündliche Reaktion immunologischer oder autoimmunologischer Natur ist. Deshalb wurde den dendritischen Zellen, die Antigene aufnehmen, verarbeiten und sie den T-Lymphozyten anbieten, Aufmerksamkeit geschenkt.

Es sieht so aus, als ob diese auch in der Epidermis nachgewiesenen Zellen eine wichtige Funktion in der psoriatischen Pathogenese haben: Sie können Antigene erkennen. Doch welches Antigen erkennen sie, das im Falle einer psoriatischen Diathese zur Manifestation führen kann?

Interessant war in diesem Zusammenhang die Diskussion über Super- und Streptokokkenantigene. Von letzteren ist ihre psoriasisprovozierende Aktivität bekannt (Streptokokken-Anging bei Typ 1-Psoriasis). Möglicherweise besitzen diese Antigene chemische Gemeinsamkeiten mit gewebseigenen Stoffen (Antigengemeinschaften), die durch eine immunspezifische Entzündung zur Selbstunterhaltung der Psoriasis führen können.

Wir haben also Vorstellungen über die epidermalen Störungen und entzündlichen Vorgänge im Psoriasis-Herd und damit auch genauere und neue Ansatzpunkte für die Therapie. Das zeigt auch die Therapie beispielweise mit Methotrexat oder neuerdings mit Cyclosporin und den Vitamin D3-Analoga; die verschiedenen Angriffspunkte dieser Pharmaka am Keratinozyton und dermalen entzündlichen Zellen wurden sehr gut dargestellt. Wir wissen also besser, wo die einzelen Antipsoriatika angreifen und können eine antipsoriatische Kombinationstherapie erwarten.

Eine andere ideale Therapie, die Badetherapie mit anschließender Bestrahlung, wurde ja den Tagungs-Teilnehmern im gastgebenden Bad Bentheim gleichsam vor Augen geführt?

Braun-Falco: In Bad Bentheim wurde das Tote Meer simuliert, weil es hier eine 28%ige Kochsalz-Sole gibt, die den Patienten als Wannenbäder plus an-schließender UV-Bestrahlung zur Verfügung gestellt wird. Die ebenfalls mögliche Balneo-Photochemotherapie, die PUVA-Badetherapie, bei der dem Badewasser Psoralene zugesetzt werden, erspart dem Patienten das Einnehmen von Medikamenten und damit eine Leberbelastung.

Bemerkenswert in der Klinik Bad Bentheim sind die Fortschritte mit dem Einbau modernster Klimakammern. In diesen wird eine UV-Bestrahlung unterschiedlicher Qualität in einem temperatur- und feuchtigkeitsreguliertem Raum durchgeführt, der das Schwitzen infolge der wärmeabgebenden Strahler vermeidet. Auf diese Weise werden Schweißretentionen und Juckreiz verhindert. Diese neuen UV-Klimakammern stellen für die Behandlung von Neurodermitis-Patienten etwas bundesweit Neues dar. Es liegt mir sehr am Herzen, Chefarzt Dr. Ständer meine hohe Anerkennung für diese Initiative und auch sein Lebenswerk in Bad Bentheim auszusprechen.

Fragen und Antworten zur Klinik und Therapie der Psoriasis sowie zur Differentialdiagnose mit dem TED-System am zweiten Tag beendeten ein ertragreiches und informatives Symposium.

Quelle: hautnah dermatologie 2/1997