Im Zeichen von A, G, T und C

In Martin Schneiders Reich regieren der Computer und vier Buchstaben: A, G, T und C. Vier Buchstaben, in denen ein großer Teil der Zukunft von Schneiders Arbeitgeber, der Schering AG, liegt und die den Menschen zu dem machen, was er ist. Denn sie bezeichnen die vier Grundbausteine der 40 000 bis 80 000 menschlichen Gene und heißen Adenin, Guanin, Thymin und Cytosin. Schneider ist der oberste Genforscher des Konzerns. Er und seine Kollegen wollen wissen, welche Gene bei bestimmten Krankheiten eine bedeutende Rolle spielen.

Der Markt scheint riesig, allerdings auch noch sehr weit entfernt. Denn was Schneider und seine Kollegen erforschen, wird frühestens im Jahr 2010 in neue Medikamente für den Verkauf münden. So lange dauert es mindestens vom Erkennen eines wichtigen Gens bis zur Markteinführung.

«2020 oder 2025 werden 20 bis 30 Prozent der Medikamente auf der Genforschung basieren», schätzt Berthold Baldus, Chef des Office of Technology, das unter anderem mögliche Biotechnologie-Partner für die Schering AG gewinnt. Schneider rechnet sogar mit 50 Prozent. Wie der Markt sich tatsächlich entwickele, sei eher Philosophie. Gesicherte Studien gibt es nicht. Etwa 80 Prozent aller Krankheiten gelten zurzeit als nicht effektiv behandelbar, unter anderem Schlaganfall und Alzheimer. Schneider und Baldus sehen hier zusätzliches Marktpotenzial.

Schon in den vergangenen Jahren wuchs der Pharmamarkt stetig. Von 1994 bis 1999 stieg der Umsatz allein in Deutschland von 26,6 Milliarden auf 33,6 Milliarden DM – Tendenz weiter steigend. Der Weltmarkt hatte im vergangenen Jahr nach Schätzungen des Instituts für medizinische Statistik ein Volumen von rund 337,2 Milliarden Dollar (rund 790 Mrd. DM). Für 2004 erwartet das Institut 500 Milliarden Dollar.

Um auch in den nächsten Jahren vorn dabei sein zu können, baut Schering seit drei Jahren den Forschungsbereich Funktionelle Genomanalyse und Bioinformatik auf. Schneider und seine 30 Mitarbeiter erforschen systematisch, welche Funktion welche Gene des Menschen haben. Dafür müssen sie nicht alle 40 000 bis 80 000 Gene untersuchen, nur zehn bis 20 Prozent gelten zurzeit als interessant für die Pharmaindustrie, wie Baldus sagt. Bei einem Teil der Gene lässt sich die Funktion heute schon technisch unterdrücken, wichtig zum Beispiel für die Behandlung von Tumoren. Medizinisch interessant seien wohl noch viel weniger Gene, vermutet Baldus.

Die Struktur der einzelnen Gene, also in welcher Reihenfolge die As, Gs, Ts und Cs zusammenhängen, ist weitgehend bekannt und in Datenbanken gespeichert, zum Beispiel beim Humanen Genomprojekt, einem weltweiten, staatlich finanzierten Forschungsprojekt, oder der US- Firma Celera Genomics. Allerdings nicht, was die Gene bedeuten. «Wir haben viele Sätze, die aber total durcheinandergewürfelt und unverständlich sind», sagt Schneider.

Er und seine Kollegen versuchen, das Kauderwelsch zu verstehen und bereits bekannte Strukturen oder sich wiederholende Sequenzen aufzuspüren – am Computer. Ist ein Gen gefunden, das interessant sein könnte, versuchen die Forscher, nachzuweisen, in welchen Zelltypen es aktiv ist.

Jede menschliche Zelle enthält den vollen Satz Gene, aber nur ein Teil davon ist aktiv, je nachdem ob es sich zum Beispiel um eine Haut- oder eine Nierenzelle handelt. Ist eine Zelle krank, wie bei Schuppenflechte, stellt sie bestimmte Eiweiße im Übermaß her, was wiederum auf bestimmte aktive Gene zurückzuführen ist. Sind diese bekannt, kann ein Medikament sie unterdrücken. So lässt sich zum Beispiel Schuppenflechte oder Krebs besser behandeln.

Functional Genomics ist ein relativ neuer Bereich und unterscheidet sich von der klassischen Biotechnologie. «Diese läuft heute wie Bierbrauen», sagt Baldus: Man finde zufällig ein Eiweiß, das bei einer Krankheit helfe, finde wegen der vier Grundbausteine «relativ einfach» die passende Gensequenz, baue sie nach, setze sie in Mikroorganismen ein und züchte dann das Eiweiß, das man dann nur noch isolieren müsse. Die Funktional-Genetiker hingegen gehen anders vor: Sie suchen systematisch nach Genen, die für die Arzneimittelproduktion interessant sein können.

Schneider und seine Kollegen erforschen Gene für Hautkrankheiten, Gehirnerkrankungen wie Alzheimer, Schlaganfall und für die Hormontherapie. Bei der US-Tochter Berlex arbeiten weitere 30 Mitarbeiter in der Genforschung. Seit 1996 brütet auch die Tochter Metagen in Berlin-Dahlem über Genen in Tumoren. Inzwischen beschäftigen sich 25 Mitarbeiter und zehn Doktoranden mit Brust- und Prostatakrebs. Ursprünglich gegründet, um das Wissen von Akademikern zu nutzen – Metagen arbeitet eng mit der Freien Universität zusammen – brachte das Unternehmen «Ergebnisse von hervorragendem Wert» (Baldus), die nicht alle in Scherings Hauptgeschäftsfelder passen.

Um die Ergebnisse auch vermarkten zu können, braucht Metagen «mehr Mitarbeiter, mehr Geräte, mehr Räume», wie Baldus sagt – und damit mehr Geld. Deshalb sollen zunächst Risikokapitalgesellschaften Anteile übernehmen, um Metagen reif zu machen für den Börsengang im nächsten Jahr. Weitere Einzelheiten könnte Schering heute auf der Herbstpressekonferenz zusammen mit den Zahlen für das dritte Quartal bekannt geben. Metagen stellt sich jedenfalls auf Wachstum im Zeichen von A, G, T und C ein, bis 2002 sollen 100 Forscher für Metagen arbeiten. Als erstes Produkt wird vermutlich 2006 ein Diagnose-Chip auf den Markt kommen. Er ist etwas einfacher zu entwickeln als das passende Medikament.

Quelle: Berliner Morgenpost, 30. Oktober 2000

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*