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"Amerikahaus": Er steht unter keinem guten Stern

Er steht unter keinem guten Stern

Von Harald Jähner

Auch das ist geschafft: F. C. Delius' "Amerikahaus"

Das Hühnerei, das am 5. Februar 1966 gegen das Amerikahaus in Westberlin flog und langsam die Fassade herunterglitt, war ein historisches Ei. Es war das erste Ei der Studentenbewegung. So ein Eieraufklatschen hat ohne Zweifel einen gewissen Sex-Appeal.

Friedrich Christian Delius hat in seiner autobiographischen Erzählung "Amerika und der Tanz um die Frauen" sogar Eierwurf und Ejakulation novellengerecht miteinander vermischt: Am Tag, als das Ei fliegt, fliegt auch des Autors Samen erstmals dahin, wo er reproduktionslogisch hingehört. Zwar viel zu früh, aber immerhin: Auch das ist geschafft. Man muss das so banal zusammenfassen, weil es so banal erzählt ist. Hier hat ein 54jähriger Schriftsteller den Mut, kaum geschönt wiederzugeben, was er als 23jähriger über "Peniswurm" und "Ziel und Zentrum Möse" gedacht hat.

Viel war es nicht. Und weil der Autor dieser Schlichtheit die Treue gehalten hat, muss der Kritiker nun auf die Waagschale legen, worüber er lieber geschwiegen hätte.

Das Abenteuer mit der Diskothekenbekanntschaft Rahel, die auf der grünen Woche Orangen aus Haifa anpreist ("Wie kann man mit einem Steifen in der Hose über Israel sprechen?"), beendet knapp 150 Seiten sexuellen Notstands, markiert durch ängstliches Nachsinnen überSchuppenflechte und Stottern, "Rätsel Vagina, Sphinx Vulva" und natürlich allerlei Sorgen über "Länge, Steifheit und Ausdauer".

Gottesvergiftet

Martin steht unter keinem guten Stern. Kaum haben seine Freunde ihn Buster getauft, liest er am nächsten Morgen den Nachruf auf Buster Keaton in der Zeitung, einer der charmanteren Einfälle der Erzählung. Der Rest ist karstig. Martin hat zwei Freundinnen, die ihn nur platonisch mögen. Er will mehr von ihnen, sinnt erfolglos darüber nach, wie sie zu betören seien. Das reicht schon für den "Tanz um die Frauen" im Titel, einem Gemälde von Kirchner entlehnt. Über die Gottesvergiftung durch sein körperfeindliches Elternhaus nachsinnend, gerät Martin in die Demonstration. Soeben noch voller Zweifel über die radikalen Parolen, ist ihm der Aufzug bald nur noch das dunkle Augenpaar einer "wilden" Studentin, die ihn zum Mitmachen animiert.

Martin, endgültig von der Sünde infiziert, begibt sich auf Jagd. Voller Skrupel, Scham und Ungeschick stößt er auf Rachel, schüttelt beim Tanz im Big Apple die Krücken ab, die im Kirchnerbild den einsamen Tänzer stützen müssen. Der Rest ist schon vorweggenommen: "Sie führte, sie ließ es ein, er stöhnte, und im gleichen Moment schossen die Samen los." Während Martin nach Hause zieht, gehen ihm die Ebenen wild durch den Kopf: "Krawall, Rahel. Krawall Rahel. Eine Erektion, er lief langsamer." Delius gilt als aufmerksamer Chronist der deutschen Linken. Er hat mit derselben buchhalterischen Akribie seine Erektionen gezählt.

Diese doppelte Buchführung hätte durchaus erhellend sein können, hat doch gerade die antiautoritäre Bewegung sexuelles Verhalten auch als politisches Verhalten gesehen. Wenn etwas von ihr geblieben ist, dann vor allem die nachhaltige Bezweiflung der klassischen Geschlechterrollen.

Diese Mentalitätsrevolte läßt sich in der erzählerisch naiven Restauration des klassischen Autor-Ichs ohnehin kaum darstellen, unmöglich wird es, wenn die Beschreibung sexueller Empfindungen einem infantilen Bauklötzchenspiel mit Loch und Stöpsel ähnelt.

In der Novelle gibt es etliche Hinweise dafür, wie Sexualität und literarischer Stil zusammenhängen. Delius läßt uns an einer Stelle Zeuge werden, wie ein Gedicht entsteht. "Riß mir die Fahne, die Maske runter", dichtet Martin, die geschändete US-Flagge noch vor Augen und die sexuelle Not im Rükken. "Leib", das christlich tönende Wort, ersetzt er schnell durch "Körper. "Weg mit dem Leib, dem Vaterwort, Fremdwort. Es musste gemieden werden, weil es die Suche nach der eigenen Sprache sabotierte. Diese Wörter vergifteten ihn, lähmten ihn, er durfte sie höchstens ironisch wenden."

Es scheint, als hätte sich Delius in der Abwehr vergifteter Wörter erschöpft. Er kämpft noch immer gegen die Windmühlenflügel der fünfziger Jahre, verkörpert in seinem prüden, sprachgewaltigen Vater. Die eigene Sprache, die er zu finden hoffte, ist in dem vorliegenden Buch von erschütternder Dürre. Sie reduziert den Charakter auf die gröbsten Funktionen: Haben, Wollen, Sein und Siegen und stets auf das An- und Abschwellen des Gliedes. Angst vor der Sprache, Angst vor dem Vater hat die Selbstbeobachtung auf das Allersichtbarste verkrampft, als sei das ganze Leben eine Angelegenheit von Ding und Dose: "Wer schneidet dir das Glied ab, wer, wenn nicht der Vater, wer nimmt dir dein Glied, was passiert, wenn du dein Ding versteckst, in eine Frau steckst" und so weiter. Und so fort.

Friedrich Christian Delius: Amerikahaus und der Tanz um die Frauen. Erzählung. Rowohlt Verlag, Reinbek 1997. 160 S.

Quelle: Berliner Zeitung, 27. Dezember 1997

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 23. Juli 2007 um 02:32 Uhr