„Das Leben ändert sich völlig durch Infliximab“

„Das Leben vieler Patienten ändert sich völlig durch Infliximab“

„Die Geschichten von Patienten, die mit Remicade behandelt werden, klingen sehr enthusiastisch“, so Dr. Pedro Tetteroo, Vizepräsident des niederländischen Unternehmens Centocor, das das Präparat entwickelt hat, im Gespräch mit Roland Fath. Das Präparat ist zur Zeit bei Morbus Crohn und Rheumatoider Arthritis zugelassen. Anwendungen bei anderen chronischen Entzündungen, etwa Asthma, werden erforscht.

Infliximab ist der erste Hemmstoff von TNF-alpha auf dem Markt gewesen. Hat Ihr Unternehmen als erstes die Bedeutung dieses Zytokins für die Pathogenese chronisch-entzündlicher Erkrankungen erkannt, oder sind die klinischen Tests mit der Substanz besonders zügig und erfolgreich gelaufen?

Tetteroo: Es trifft beides zu. Wir haben in der Tat als erstes Unternehmen die Schlüsselrolle von TNF-alpha bei chronischen Entzündungen erkannt, und wir waren auch die ersten, die klinische Untersuchungen mit einem Hemmstoff dieses Zytokins vorgenommen haben.

Zunächst ist Infliximab aber nicht bei einer chronischen Entzündungserkrankung, sondern bei Sepsis getestet worden?

Tetteroo: Ja, das ist richtig. Centocor hatte in den frühen 90er Jahren ein anderes Präparat: Centoxin. Es wurde entwickelt für gram-negative Sepsis. Wir wollten eine weitere Substanz für gram-positive Sepsis. Infliximab wurde ursprünglich entwickelt als Ergänzung zu Centoxin. Aber es hat in dieser Indikation nicht gewirkt.

Wie fand man heraus, dass die Substanz bei Morbus Crohn wirksam ist?

Tetteroo: Es gab eine Anfrage des Academisch Medisch Centrum in Amsterdam, das Präparat bei Patienten mit Morbus Crohn zu testen. Es war schon bekannt, dass Crohn-Patienten in ihrem Stuhl eine erhöhte Konzentration von TNF-alpha hatten. Dann wurde auch nachgewiesen, dass die Konzentration des Zytokins im Darm erhöht ist. Wir stimmten zu und baten um Informationen, wie die Tests verliefen. Der erste Therapieversuch bei einem 16jährigen Mädchen mit Morbus Crohn, das auf bisher auf kein anderes Mittel angesprochen hatte, war ein großer Erfolg. Schon nach einer Woche hatte sich ihr Stuhlgang wieder normalisiert.

Zur Zeit ist Infliximab bei Morbus Crohn und bei Rheumatoider Arthritis zugelassen. Sind weitere Studien zu anderen Indikationen geplant?

Tetteroo: Wir machen derzeit ausgedehntere Studien zur Verwendung des Antikörpers bei RA in einem frühen Stadium und bei Kindern mit Morbus Crohn. Dann werden Untersuchungen bei juveniler RA folgen. Studien zu anderen entzündlichen Erkrankungen sind in Vorbereitung. Die Reihenfolge wird sein: Asthma, Psoriasis, Colitis ulcerosa. Auch die Verwendung bei Herzinsuffizienz soll erfoscht werden. Denn es gibt ja Hinweise, dass Patienten mit Herzinsuffizienz eine chronische Entzündung aufgrund einer Chlamydien-Infektion haben. Bei allen Erkrankungen, die mit einer chronischen Entzündung einhergehen, könnte der TNF-alpha-Hemmer etwas bringen.

Wie sieht es denn in der Praxis aus. Verwenden auch niedergelassene Ärzte den Antikörper?

Tetteroo: Zur Zeit wird das Präparat vor allem von Spezialisten in Kliniken angewandt. Wir empfehlen die Anwendung derzeit nur durch Rheumatologen und Gastroenterologen.

Die Therapiemöglichkeiten werden derzeit durch die hohen Kosten des Antikörpers eingeschränkt. Wird das Präparat in Zukunft preiswerter sein?

Tetteroo: Das Präparat ist teuer, weil der Antikörper in einem sehr aufwendigen Verfahren produziert wird. Man muss Zellkulturen anlegen, es müssen aufwendige Nährmedien verwendet werden, usw. Der Produktionsprozeß dauert lange: Es vergehen sechs Monate, bis das Präparat fertig ist. Möglicherweise kann der Produktionsprozeß künftig vereinfacht werden, und das Präparat wird dann billiger. Medikamente, die in einem biologischen Prozeß hergestellt werden, werden aber immer teurer sein als chemisch synthetisierte Präparate.

Ist das Präparat von Klinikärzten gut akzeptiert worden?

Tetteroo: Von den Klinikärzten, die das Präparat anwenden, hören wir sehr viel Positives. Zum Beispiel kenne ich auch einen Patienten, der vorzeitig berentet wurde und nicht mehr Golf spielen und Fahrrad fahren konnte. Nach der Behandlung konnte der wieder anfangen, Sport zu treiben. Bei Patienten, die mit dem Präparat behandelt werden, ändert sich das Leben vollständig. Zum Beispiel wird Rheuma-Patienten in Rollstühlen wieder dazu verholfen, zu Fuß zu gehen. Die Geschichten von Patienten klingen sehr enthusiastisch.

Information

Das Präparat Remicade, Träger des Prix Galien International 2000, wird in Deutschland vom Unternehmen Essex seit September 1999 zur Therapie bei Morbus Crohn und seit Mitte dieses Jahres auch bei Rheumatoider Arthritis angeboten.

Quelle: Ärzte Zeitung, 06.11.2000

2 Kommentare

  1. beste Zeit während meiner Erkrankung
    Alle erdenklichen Salben, Bäder, Bestrahlungen, Tabletten und auch Spritzen habe ich während meinerlangen Erkrankung genommen oft nur mit mäßigem Erfolg- Sieger war immer die Psoriasis. Mit Remicade war ich fast komplett erscheinungsfrei und endlich mal wieder ein „normaler Mensch“ ohne große Beeinträchtigungen- leider wurde die Studie abgebrochen und wieder auf konventionelle Mittel umgestellt- ein großer Rückschritt für mich physisch und auch psychisch. Aber es gibt etwas, was mir hilft und ich hoffe auf eine Behandlung mit Remicade, wenn dem zugestimmt wird- aber die Hoffung stirbt zuletzt.

  2. Remicade
    Hallo,
    warum wurde die Studie abgebrochen? Gab es schwerwiegende Nebenwirkungen? Ich hatte auch mal kurzfristig Remicade und habe es auch wie ein Wundermittel erlebt. Leider hatte ich unspezifische „Nebenwirkungen“ (ich glaube, sie waren psychischwer Natur). Danach hat sich kein Arzt mehr getraut, das Mittel zu verabreichen.
    Nach langer Zeit habe ich jetzt Stelara bekommen. Doch die Wirkung ist noch nicht so, wie ich sie mir erhofft hatte. Na, ich warte ´mal die zweite Spritze ab.
    Gute Besserung.

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