Aufklärung nimmt die Angst

Topische Glukokortikoide sind aus der dermatologischen Praxis nicht wegzudenken. Eine klare Diagnose und ein korrekter Einsatz sichern den Therapieerfolg bei minimalen Nebenwirkungen. Kleinkinder sollten es nur bei absoluten Indikationen bekommen, rät der Dermatologe Professor Volker Steinkraus.

PP: Welche Bedeutung haben Kortikoidsalben in der dermatologischen Praxis?

Steinkraus: Topische Glukokortikoide sind einsetzbar bei nahezu allen Ekzemen: Das Spektrum reicht von der akuten toxischen Dermatitis über die allergische Kontaktdermatitis bis zur nummulären Dermatitis. Aber auch das atopische Ekzem und die seborrhoische Dermatitis kommen in Betracht. Allerdings kann man nicht einfach irgendein Hautleiden mit Kortison behandeln. Vor jeder Behandlung ist eine klare Diagnose zu stellen.

PP: Wie steht es um die Psoriasis?

Steinkraus: Abgesehen vom Befall am Kopf und in den intertriginösen Arealen wie Bauchnabel, Leisten und Achseln sind die Glukokortikoide hier nicht die erste Wahl. Bei einer Psoriasis kann man auch niedrigpotente Kortikoide einsetzen.

PP: Was ist bei der Behandlung mit topischen Kortikoiden zu beachten?

Steinkraus: Wichtig ist, welche Körperstelle behandelt werden soll. Der behaarte Kopf sowie Hand- und Fußflächen sind dick und relativ unempfindlich gegenüber Kortison. Dagegen ist die Haut am Hoden oder in den Leisten extrem dünn und sehr empfindlich. Das Gesicht sollte möglichst überhaupt nicht mit Kortison behandelt werden.

PP: Gibt es eine besondere Vorgehensweise?

Steinkraus: Grundsätzlich behandelt man ein Ekzem zunächst mit einem möglichst potenten Präparat. Je ausgeprägter der Befund ist, desto stärker sollte die Salbe sein. Sobald die Therapie greift, beginnt man mit dem Ausschleichen. Da jede Kortisonsalbe langfristig zu Hautatrophien führt, darf eine Kortisontherapie keine Dauertherapie sein. Die Behandlung sollte nicht länger als ein bis drei Wochen dauern. Als sehr günstig ist auch eine Intervalltherapie einzustufen, bei der Kortisonsalbe und Pflegepräparate im Wechsel zum Einsatz kommen.

PP: Unterscheidet sich die Behandlung von Kindern und Erwachsenen?

Steinkraus: Stimmt die Diagnose, gibt es beim Erwachsenen kaum Bedenken gegen eine Kortisontherapie. Bei Kindern ist eine erhöhte Absorption der Kortikoide denkbar. Weil Kinderhaut oft leichter zu irritieren ist, muß auch sekundär mit einer gesteigerten Resorptionsrate gerechnet werden. Die Anwendung lokaler Kortikoide erfolgt daher nur nach klarer Indikation, zum Beispiel bei einer schweren Neurodermitis.

PP: Wie gehen Sie mit der Kortison-Angst vieler Patienten und gerade auch betroffener Eltern um?

Steinkraus: Ich kläre meine Patienten genau über die Wirkungen und Nebenwirkungen auf. Bei korrektem Einsatz lassen sich die unerwünschten Wirkungen minimieren und der therapeutische Erfolg maximieren. Den Eltern beispielsweise sage ich: Ich für meine Tochter würde auf alle Fälle die kortisonhaltige Salben anstatt der fragwürdigen Alternativen wählen. Dies beruhigt viele Eltern. Für eine pauschale Ablehnung gibt es keinen Grund.

PP: Haben Sie außerdem noch Tips?

Steinkraus: Manchmal empfiehlt es sich, eine milde Kortison-Creme und die dazugehörige Basiscreme getrennt zu rezeptieren. Die Patienten tupfen sich dann auf die eine Handfläche die milde Kortison-Creme, auf die andere die Basiscreme und verreiben sie vor der eigentlichen Anwendung. Dies hat mehrere Vorteile: Zum einen kommen die Patienten länger mit den Cremes aus. Zum anderen kommt letztlich weniger Kortison pro Zeiteinheit auf die Haut.

PP: Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?

Steinkraus: Neben den Hautatrophien können auch Allergien gegen die Kortisonsalben auftreten – beispielsweise wenn sich ein Ekzem unter Kortisontherapie verschlechtert. Bei langfristigem Gebrauch kann es zu Teleangiektasien kommen. Auch die Hypertrichiosis und die Steroidakne sind zu nennen. Wegen der vermehrten Resorption bei großflächiger Anwendung können starke Salben die Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse beeinflussen.

PP: Wann sind Kortikoide kontraindiziert?

Steinkraus: Pilzinfektionen sind eine Kontraindikation. Häufig werden sie als Ekzeme fehldiagnostiziert und mit topischen Glukokortikoiden behandelt. Die Salben unterdrücken zwar das Ekzem, aber der Pilz wächst weiter. Dann liegt eine Tinea incognita vor, eine Pilzinfektion, die nicht mehr richtig zu erkennen ist und auch nur schlecht abheilt. Weiterhin sind Gesichtsentzündungen wie die periorale Dermatitis und virale sowie bakterielle Infekte keine Indikation für Kortison.

PP: Was halten Sie von Kombinationspräparaten?

Steinkraus: Kombinationspräparate haben sich bei entzündlich überlagerten Pilzinfektionen bestens bewährt. Ich wähle in der ersten Woche das Kombinationspräparat, das also sowohl Kortison als auch ein Antimykotikum enthält. In der zweiten Woche steige ich dann um auf eine Monotherapie mit dem reinen Antimykotikum.

PP: Welche Bedeutung haben neuentwickelte Glukokortikoide?

Steinkraus: Bei neuen Kortisonpräparaten bin ich eher konservativ. Ein alter Pharmakologenspruch sagt: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Daher bin ich mit der Verordnung eher zurückhaltend. Was nicht heißt, daß ich sie überhaupt nicht einsetze. Aber ich beschränke die Anwendung neuer Präparate schon eher auf Versuchsreihen.

Interview: Jürgen Steinert

Quelle: privataerzte.de