Interview

Immer wieder wird das Thema „Kortison“ heiß diskutiert. ATOP möchte zur Versachlichung der Diskussion über dieses Thema beitragen. Prof. Dr. med. Volker Steinkraus, ehemaliger geschäftsfuhrender Direktor der Hautklinik der Universität Eppendorf und praktizierender Arzt (Allergologie, Dermatologie Dermatohistopathologie) in Hamburg äußert sich wie folgt:

Wann sollten topische Kortikoide zur Behandlung von Hautkrankheiten eingesetzt werden?

Steinkraus: Die Domäne topischer Glukokortikoide in der Dermatologie ist nach wie vor, die Ekzemtherapie. Ihr Einsatzgebiet umfaßt nahezu alle Ekzemformen: die nummuläre Dermatitis, in fast allen Fällen das utopische Ekzem, die Kontaktdermatitis, insbesondere die allergische Kontaktdermatitis, aber auch die akute toxische, irritative Dermatitis und zum Teil auch die seborrhoische Dermatitis. Bei Psoriasis sind Glukokortikoide nicht die Therapie der ersten Wahl, mit Ausnahme des Befalls am Kopf und in intertriginösen Arealen, also Bauchnabel, Leisten, Achseln usw. Da kann man niedrigpotente Kortikoide auch als Therapie der ersten Wahl ansehen.

Was muss beim Einsalz von topischen Kortikoiden beachtet werden?

Steinkraus: Wichtig ist, vor der Behandlung eine klare Diagnose zu stellen. Man kann nicht einfach irgendein Hautleiden mit Kortison behandeln. Denn bei einigen Hautkrankheiten sind Kortikoide kontraindiziert. Weiterhin muß man berücksichtigen, welche Körperstelle behandelt werden soll. Der behaarte Kopf sowie Hand- und Fußflächen sind zum Beispiel dick und unempfindlich gegenüber Kortison, wohingegen die Haut am Hoden oder in den Leisten extrem dünn und daher sehr empfindlich ist. Das Gesicht sollte möglichst überhaupt nicht mit Kortison behandelt werden. Von Bedeutung ist auch das Alter des Patienten. Bei einem Säugling verabreicht man Kortison extrem zurückhaltend und nur bei klarer In-dikationen. Beim Erwachsenen hingegen gibt es wenig Bedenken, sofern die Diagnose stimmt.

Wie gehen Sie bei der Behandlung vor?

Steinkraus: Die Therapie mit lokalen Steroiden erfolgt in absteigender Wirkstärke. Wir fangen mit einer stärkeren Salbe an, um den Patienten schnell aus dem Schub herauszuholen, wechseln nach drei bis vier Tagen auf eine mittelstarke Salbe und gehen dann nach weiteren vier bis fünf Tagen auf eine schwache und später pflegende Salben über. Die Stärke der Salbe richtet sich natürlich auch danach, wie ausgeprägt der Befund ist. Sehr ausgeprägte, schwere Befunde werden mit stärkeren Salben behandelt, leichte Befunde mit schwachen Salben. Da jede Kortisonsalbe langfristig zu leichten Hautatrophien führt, sollte die Behandlung möglichst kurz sein, etwa ein bis zwei Wochen. Die Kortisontherapie sollte keine Dau-ertherapie sein. Wichtig ist auch, mit dem Patienten über die Möglichkeit der Intervallthera-pie zu sprechen.

Welche Probleme können auftreten?

Steinkraus: Neben den Hautatrophien muß auch mit einer Allergie gegen Kortisonsalben gerechnet werden. Wenn sich ein Ekzem unter Kortisontherapie verschlechtert, dann könnte es sein, daß der Patient gegen diese Kortisonsalbe allergisch ist. Bei langfristigem Gebrauch kann es außerdem zu Teleangiektasien, also einer Erweiterung der kleinen Blutgefäße und Steroid-Purpura kommen. Ferner ist auch die Hypertrichosis und die Steroidakne zu nennen. Die großflächige Anwendung starker Salben kann die Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse beeinflussen, da hierbei Kortison h größerem Umfang resorbiert wird. Auch bei empfindli-chen Hautpartien zum Beispiel am Hoden wird deutlich mehr Kortison resorbiert.

Viele Patienten lehnen Kortison aus Angst vor Nebenwirkungen ab. Wie gehen Sie mit diesen Ängsten um?

Steinkraus: Indem ich meine Patienten aufkläre. Zum Beispiel so: Kortison ist wie ein Messer, mit einem Messer können Sie sich schneiden, mit einem Messer können Sie auch einen Apfel schälen. Daß man sich mit einem Messer schneiden kann, ist kein Grund, alle Messer dieser Weit wegzuwerfen. Kortison ist ein hervorragendes Mittel, das der erfahrene Therapeut je nach Krankheitsbild und Patient gezielt einzusetzen vermag. Es gibt keinen Grund für eine pauschale Ablehnung. Der Stellenwert von Kortison muß neu definiert werden.

In welchen Fällen sind Kortikoide kontraindiziert?

Steinkraus: Eine Kontraindikation sind Pilzinfektionen. Häufig werden diese als Ekzeme fehldiagnostiziert und mit Kortison behandelt. Dadurch unterdrückt man zwar das Ekzem, aber der Pilz wächst weiter. Es liegt dann eine Tinea inkognito vor, eine Pilzinfektion, die nicht mehr richtig zu erkennen ist und nicht abheilt. Auch virale und bakterielle Infekte sowie Gesichtsentzündungen wie die periorale Dermatitis sind keine Indikationen für Kortison. (…)

Wo liegen die Indikationen für das „mildere“ Hydrokortison aus der Apotheke?

Steinkraus: Hydrokortison ist ein Kortison wie alle anderen, nur wesentlich schwächer. Es ist das schwächste von allen und eignet sich daher zum Beispiel für eine kurzfristige Kortisonbehandlung im Gesicht oder auch bei Kindern. Da Kinder im Verhältnis zum Volumen eine große Körperoberfläche haben, setzen wir hier vorzugsweise schwächere Kortisonpräparate ein.

Wie kann der Apotheker die Behandlung unterstützen?

Steinkraus: Der Apotheker kann die Behandlung unterstützen, indem er dem Patienten die Kortisonangst nimmt. Das ist ganz wichtig. Es ist natürlich schwierig für einen Apotheker, ein Rezept zu kommentieren. Aber er kann sachliche Aufklärungsarbeit leisten und den Patienten helfen, den Stellenwert von Kortison neu zu bestimmen. Es ist wichtig, das Medikament kritisch zu betrachten, es nicht vorschnell einzusetzen, aber bei ganz bestimmten Erkrankungen sollte man nicht damit zögern.

Quelle: AT0P 1/99

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