Fumaderm wird teurer

Dschungel in der Apotheke

Die Preise für Medikamente werden nach obskuren Regeln festgesetzt. Der Dumme ist der Patient.

Die Münchner Firma Sankyo Pharma macht sich vor allem um die Lahmen verdient. Sie offeriert allen, deren Gelenke wegen der degenerativen Abnutzung der Knorpel knacken und schmerzen, einen lindernden Spray. Er heißt Mobilat Indometacin, 50 Milliliter kosten in der Apotheke 14,63 Mark.

Man sprüht das Gemisch aus Alkohol, Fettsäuren, Geruchsstoffen und dem Rheumamittel Indometacin drei- bis fünfmal täglich auf den Ort der Pein, manchmal hilft das. Neben dem teuren Mobilat-Spray bietet der Apotheker auch Elmetacin feil. Die gleichgroße Sprühdose enthält haargenau dieselben Substanzen in den gleichen Mengen – schließlich wird sie von derselben Firma im gleichen Bottich zusammengerührt. Ihr Vorteil: Elmetacin kostet nicht 14,63 Mark wie das Mobilat-Spray, sondern 8,25 Mark. Der Lahme und seine Kasse sparen 44 Prozent.

Die frohe Beschwingtheit hält selten lange an, weil Arthrose- und Rheumaschmerzen meist wiederkehren. Versucht der Malträtierte diesmal sein Glück mit einem anderen beliebten Wirkstoff namens Diclofenac, führt ihn der Schweizer Pharmariese Novartis in das geheimnisvolle Dunkel der Medikamentenpreise. Novartis empfiehlt für diese Gebresten sowohl sein Voltaren Schmerzgel als auch das Voltaren Emulgel. Die beiden Medikamente sind völlig identisch – allerdings ist das Schmerzgel deutlich teurer. Die meist viel zu üppige 120-Gramm-Packung ist für 19,80 Mark (17 Pfennig pro Gramm) zu haben, während das Emulgel auch als 50-Gramm-Tube angeboten wird, für preiswerte 7,37 Mark (12 Pfennig pro Gramm).

Solche Preistricks sind in der Pharmabranche gang und gäbe. Der Dumme ist immer der Patient. Selbst bei gutem Willen kann er sich im Dschungel der Kunstworte, Packungsgrößen und Werbetricks nicht zurechtfinden. Listig nutzen die Arzneimittelproduzenten (davon gibt es allein in Deutschland 1100) und Apotheker (21 556 betreiben einen eigenen Laden) die Hilflosigkeit und das Vertrauen der Kundschaft aus.

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Alle Versuche der deutschen Gesundheitsminister Rita Süssmuth (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Andrea Fischer (Grüne), den Arzneimittelmarkt, der vor allem von den zwangsweise eingetriebenen Beiträgen der Krankenkassenmitglieder lebt, halbwegs unter Kontrolle zu bekommen, sind gescheitert. In anderen EU-Ländern, darunter Großbritannien und Spanien, müssen die Pharmaproduzenten ihre Preiskalkulation der Regierung offen legen, sie ist genehmigungspflichtig.

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Als ginge die ganze Kostendebatte sie nichts an, hat beispielsweise die Pharmafirma Fumedica im Juli den Preis für ihr konkurrenzloses Schuppenflechte-Medikament Fumaderm initial um stolze 55 Prozent erhöht: Von 140,21 Mark auf 217,87 Mark für 40 Tabletten. Nur der Heilige Vitus, den Apotheker und Arzneifabrikanten um Beistand anrufen, mag wissen, warum.

Von der kühnen Preispolitik profitieren nicht nur die Pillendreher: Apothekengroßhändler schlagen auf den Herstellerabgabepreis durchschnittlich 13,7 Prozent auf, die Apotheker dann noch einmal stolze 47,7 Prozent. Auch aus diesem Grund sind Medikamente in Deutschland so teuer wie in kaum einem Land der Welt.

Der Berliner Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des industrieunabhängigen „arznei-telegramm“, hat sich die Mühe gemacht, in einem „Kursbuch“ mehr als 12 000 Medikamente nach Wirkung und Preis zu vergleichen*. Das verdienstvolle Werk, soeben erschienen und dicker als die Bibel, ermöglicht die Verordnung sinnvoller und preiswerter Arzneimittel.

Tatsächlich gibt es etliche kostengünstige Medikamente, der Arzt muss nur ihre Namen kennen. So werden von dem oft verordneten Nitrendipin – einem wichtigen Herzmedikament aus der Gruppe der Kalziumantagonisten – insgesamt sieben Präparate zu sehr kommoden Preisen abgegeben: Sie kosten alle kaum mehr als ein Zehntel des Nitrendipin-Renners Bayotensin der berühmten deutschen Firma Bayer Vital, die für 100 Tabletten 165,01 Mark verlangt.

Niedrigpreis-Präparate erfreuen sich bei den Apothekern wenig Sympathie. Der Stand, früher auch im profitablen Branntweingeschäft engagiert, schätzt eher jene Kunden, die kaufen und die Ware – nach der Lektüre der Packungsbeilage – gleich wegwerfen.

Pro Jahr landen in Deutschland Arzneimittel im Wert von mindestens vier Milliarden Mark auf dem Müll, getreu der bisher nur mündlich überlieferten Patientenregel: „Angesichts der bekannten Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage und sagen Sie nichts ihrem Arzt oder Apotheker.“ HANS HALTER

Quelle: SPIEGEL online, 11. Oktober 1999

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