Pflanzliche Stoffe beeinflussen die Wirkung von Medikamenten

Pflanzen und Medikamente

Pflanzliche Präparate oder Lebensmittel können die Wirkung von Medikamenten verändern: Bei manchen verstärkt sie sich, bei anderen wird sie abgeschwächt. In einigen Fällen können sogar mehr oder weniger schwere Nebenwirkungen auftreten, wenn ein Medikament gleichzeitig mit einem pflanzlichen Stoff eingenommen wird. Der Mediziner nennt das „Wechselwirkung“ bzw. „pharmakokinetische Interaktion“.

Gerade wer mit einem neuen Wirkstoff behandelt wird, sollte mit der Ärztin oder dem Apotheker abklären, ob es Wechselwirkungen geben kann: nicht nur zu allen anderen Medikamenten, die man zu sich nimmt, sondern auch zu pflanzlichen Stoffen und Lebensmitteln. Grundsätzlich gilt: Tabletten sollten nur mit Wasser eingenommen werden, solange nicht völlig klar ist, dass ein bestimmter Saft die Wirkung des Medikaments nicht beeinflusst.

Johanniskraut

Seit langem ist bekannt, dass Johanniskraut die Wirkung von Ciclosporin abschwächt. Wer beides gleichzeitig einnimmt, benötigt demnach eine höhere Dosis Ciclosporin, um den gleichen Therapieeffekt zu bewirken.

Das könnte daran liegen, dass Johanniskraut-Extrakt „blutreinigend“ wirkt und damit ein Arzneimittel schneller „ausspült“. Obgleich die genaue Wirkung wissenschaftlich noch nicht nachgewiesen werden konnte, sind vermutlich zwei Reaktionen dafür verantwortlich. Johanniskraut bildet ein Protein (P-Glyko), das Arzneimittel schneller durch den Körper transportiert. Außerdem regt ein Inhaltsstoff des Johanniskrauts (Naphto-Di-Antron) in der Leber die Bildung bestimmter Enzyme an (Cytochrom-P-450). Die sorgen in der Leber dafür, dass das Ciclosporin schneller abgebaut wird.

Patienten benutzen Johanniskraut gern als „natürlichen Stimmungsaufheller“, um Depressionen oder innere Unruhezustände „natürlich“ zu behandeln. Wer regelmäßig Johanniskraut einnimmt, muss mit Nebenwirkungen rechnen.

Ciclosporin gehört zu den starken Wirkstoffen für schwere Fälle der Psoriasis. Wegen der Nebenwirkungen wird es grundsätzlich nur als Kurzzeit-Therapie (10 – 16 Wochen) eingesetzt, bis die Psoriasis deutlich abgeheilt ist. Das kann gegebenenfalls nach einer Unterbrechung wiederholt werden. Nur in besonders schweren Fällen darf Ciclosporin als Langzeittherapie (maximal zwei Jahre) ununterbrochen eingenommen werden.

Außerdem gibt es eine Wechselwirkung zwischen Johanniskraut und Tacrolimus. Das betrifft aber nicht Patienten, die Tacrolimus äußerlich als Salbe (Protopic®) auftragen wie bei Psoriasis. Das wird „off label“ für empfindliche Stellen oder für Kleinkinder verschrieben.

Die Dosis in der Salbe ist viel geringerer als in Kapseln, die Organ-Transplantierte schlucken müssen. Deshalb geht man davon aus, dass es ungefährlich ist, bei äußerlicher Anwendung von Tacrolimus zugleich Johanniskraut einzunehmen. Trotzdem sollte man es sicherheitshalber reduzieren oder absetzen bzw. mit dem Arzt oder der Apothekerin darüber sprechen.

Johanniskraut steht in einer Studie aus Taiwan (2012) an der Spitze bei den Wechselwirkungen von pflanzlichen Stoffen mit Medikamenten. Vorsicht ist geraten bei innerlichen Medikamenten wie Antidepressiva, Blutverdünnern, Cholesterinsenkern, Asthma-Mittel, Immunsupressiva und Kortison-Präparaten. Umstritten ist, ob Johanniskraut die Verhütungswirkung „der“ Pille tatsächlich abschwächt. Professor Volker Schulz (Vorsitzender der Gesellschaft für Phytotherapie) wies darauf hin, dass das, wenn überhaupt, nur für die „Minipille“ gilt. Er empfiehlt Frauen, die Johanniskraut nehmen, zur normal dosierten Pille.

Grapefruit & Co

Pampelmuse, Grapefruit, Pomelo und Pomeranze (auch in Marmeladen, Aromastoffen, Orangeat, Parfums und Likören) erhöhen und beschleunigen die Wirkung und Nebenwirkungen von Ciclosporin. Schon nach vier Stunden können z.B. unerwünschte Arzneimittel-Wirkungen an Nieren, Leber und Nerven nachgewiesen werden.

Das könnte daran liegen, dass durch die Früchte die „Bioverfügbarkeit“ des Wirkstoffes erhöht, d.h. vom Enzym CYP3A4 besser abgebaut wird. Andere vermuten, das in den Früchten enthaltene Anti-Oxidans Naringin hemmt die Stoffwechsel-Wege in der Leber. Dadurch würde die Wirkstoffkonzentration im Blut ansteigen.

Grapefruit & Co. beeinflussen ebenfalls die Wirkung von Tacrolimus, wenn es innerlich eingenommen wird. Man geht aber davon aus, dass es ungefährlich ist, sie zusammen mit der äußerlich aufzutragenden Tacrolimus – Salbe zu konsumieren. Trotzdem sollte man sicherheitshalber darauf verzichten bzw. oder mit dem Arzt oder der Apothekerin darüber sprechen.

Weitere Wirkstoffe, die auf die Pampelmusen-Früchte reagieren sind Beta-Blocker Celiprolol, Atenolol und Talinolol, die Anti-Biotika Ciprofloxacin und Levofloxacin, das Anti-Pilzmittel Itraconazol, das Zytostatikum Etoposid, das Anti-Histaminikum Fexofenadin und das Immun-Suppressivum Sirolimus. Es wird außerdem ein einziger Fall einer Frau geschildert, die die Pille einnahm und durch tägliche Grapefruits ein lebensgefährliches Blutgerinnsel bekommen haben soll.

Generell sollte man Grapefruits und andere Zitrusfrüchte „nicht im Übermaß“ verzehren, solange man Medikamente einnimmt. Tabletten sollten immer mit Wasser eingenommen werden.

Kamille

Umstritten ist, ob Echte Kamille (Matricaria recutita L.) die Wirkung von Ciclosporin verringert. PD Dr. Werner Knöss (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) sieht einen ähnlichen Mechanismus wie beim Johanniskraut, „nur in viel geringerem Maße“. Dagegen meint Prof. Dr. med. Volker Schulz, dieser Verdacht sei bisher nicht begründet, weil die dazu vorgelegten Daten zu gegensätzlich seien.

Wechselwirkungs-Check

Der Vorsitzende der Gesellschaft für Phytotherapie, Prof. Schulz, sieht für die meisten pflanzlichen Wirkstoffe lediglich rein theoretische, weniger praktische Risiken. Dagegen wird in der oben erwähnten Studie aus Taiwan darauf hingewiesen, dass mehr als 200 pflanzliche Heilmittel bei über 500 Wirkstoffen Wechselwirkungen hervorrufen können. Dazu gehören Knoblauch, Ginko, Ginseng, Ingwer, Kava Kava, Mutterkraut und Sennesblätter, S-Adenosylmethionin (SAMe) und grüner Tee.

Der Deutsche Apothekerverband geht außerdem davon aus, dass mehr als 315 Arzneistoffe auf Lebensmittel reagieren, wie z.B. tierische Milchprodukte. Viel zu selten würden Ärzte ihren Patienten zusammen mit dem Rezept auch Ernährungsempfehlungen geben, die bei der Einnahme des Medikaments zu beachten seien.

Im Internet gibt es verschiedene Angebote, Wechselwirkungen von Medikamenten abzufragen. Zum Beispiel bei der Apotheken-Umschau.

Fazit

  • Führen Sie eine Liste, welche verschriebenen oder selbst gekauften Medikamente Sie aktuell nehmen oder heben Sie alle Packungen gut auf.
  • Besprechen Sie anhand der Liste oder der Packungen mit der Ärztin oder der Apothekerin, ob Wechselwirkungen auftreten können – vor allem bei neu hinzukommenden Medikamenten.
  • Notieren Sie mögliche Nebenwirkungen und besprechen Sie die mit dem Arzt.
  • Seien Sie möglichst sparsam mit Medikamenten. Je weniger Sie einnehmen, desto seltener riskieren Sie Wechselwirkungen.

Links

Interaktion durch Pflanzenstoffe und pflanzliche Arzneimittel, Prof. Volker Schulz, in : Phyto Therapie 3/08, S. 4

Die giftigen Früchte von Mutter Natur, Kai Kupferschmidt, Der Tagesspiegel, 01.10.2010

Wie Obst und Gemüse auf Medikamente wirken, Silvia von der Weiden, DIE WELT, 07.09.2012

Pflanzliche Arzneimittel: Gefährliches Johanniskraut, Dennis Ballwieser, Spiegel Online, 25.10.2012

Pflanzliche Mittel: Wechselwirkungen beachten

Pflanzliche Ergänzungsmittel: Welche Risiken bestehen?

Grüner Tee beeinflusst Medikamentenwirkung

Knoblauch und Kräuter beeinflussen Herzmedikamente

Risiko Nahrungsmittel – Wechselwirkung mit Medikamenten

 

Fotos:

Johanniskraut: Rudolf Dueller / Flickr.com

Grapefruit: Peter Massas / Flickr.com

Kamille: Hindrik Sijens

Lizenz: CC BY-SA 2.0

Über Rolf Blaga 115 Artikel
Rolf Blaga hat bis 2012 als Studienrat in Berlin am Oberstufenzentrum Gesundheit unterrichtet. Seit 1993 ist er aktiv in der Psoriasis-Selbsthilfe tätig, sowohl regional im Psoriasis Forum Berlin als auch überregional in der Psoriasis Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*