Thalassotherapie: Zwischen Kurklinik und Schönheitsfarm

Von Barbara Lehnig

Wellness-Ferien an Frankreichs Küsten, Algen in Kosmetik, pulverisierter Schlick in Mittelgebirgs-Kurorten – aber auch Behandlung mit Meerwasser und Klima in den Bädern an Nord- und Ostsee. Thalassotherapie ist in Mode.Der Pschyrembel definiert Thalassotherapie als „therapeutische Bäder mit Meerwasser bei normaler oder erhöhter Wassertemperatur“. Das ist etwas dürftig, denn hinter dem Begriff Thalassa, der im griechischen „Meer“ bedeutet, steckt weitaus mehr. Das beginnt mit dem wissenschaftlich erprobten deutschen Gesundheitskonzept und führt über französische und mediterrane Lifestyle-Produkte für Wellness und Beauty, die zurzeit aus Frankreich in die Apotheken gelangen, bis zu den Angeboten der modernen Seebäder: Thalassotherapie mit Meereswasser und Meeresklima, mit Algen und Schlick.

Die Thalassotherapie ist eine Kur unter ärztlicher Aufsicht. Sie nutzt sowohl das Seewasser für therapeutische Bäder und die Bewegung im Meer oder erwärmten Meerwasser als auch die heilklimatische Wirkung der Seeluft, das Aerosol der Brandung, dazu die verstärkte UV-Strahlung und den Wind. Dies sind Bestandteile der Behandlung, und erst die Kombination dieser Faktoren bestimmt die Wirksamkeit der Thalassotherapie.

Es war ein weiter Weg vom griechischen Dichter Euripides und seiner Feststellung „Das Meer wäscht alles Übel ab“, über den chemischen Nachweis, dass Meerwasser 104 Spurenelemente und Mineralien enthält, die denen des menschlichen Blutplasmas entsprechen, bis zur heutigen Thalasso-Heilbehandlung, die mit Bädern, Packungen, Inhalationen, Massagen und Aquagymnastik arbeitet.

Der Begriff Thalassotherapie löst zwei Assoziationen aus: Die Tatsache, dass er sich für die Mehrheit – vor allem der Deutschen und Franzosen – mit der Modewelle von Wellness-, Fitness- und Beauty-Angeboten verbindet, spricht nicht gegen die Thalassotherapie. Sie ist fast ein Synonym für Wellness-Ferien an Frankreichs Küsten von La Baule bis Biarritz. Und fast täglich lassen sich in den „bunten Blättern“ neue Thalasso-Erfolgsstorys lesen von Prominenten wie Catherine Deneuve oder Gérard Depardieu, von der monegassischen Prinzessin Caroline oder Topmodels aller Nationen.

In Frankreich boomt die Thalassotherapie, ebenso in Griechenland, der Türkei und in den USA. Tunesien wartet mit exklusiven Thalasso-Zentren im Dutzend auf. Auch in Deutschland häufen sich Angebote zurzeit – selbst in Mittelgebirgsorten wird „Thalassotherapie“ angeboten. Das ist – gefriergetrocknete Algen hin, pulverisierter Meeresschlick her – schlicht Augenwischerei. In den Reisekatalogen der Spezialveranstalter werden die Wirkungen wohlig warmen Meerwassers für den erholungsbedürftigen Leistungsmenschen beschrieben. Und überall wird mit der Seele gebaumelt.

Seebäder ziehen nach

Die Thalasso-Buchungen boomen, allerdings vorwiegend für Auslandsziele. Das erste anerkannte Thalassotherapie-Zentrum in Deutschland ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen: das Hotel Neptun in Warnemünde an der Ostseeküste. Doch die deutschen See- und Seeheilbäder beginnen nachzuziehen – nicht nur durch Umbenennung ihrer Kurmittelhäuser in Gesundheits- oder Wellness-Zentren.

Die Geschichte der modernen medizinischen Meeresheilkunde beginnt vor 250 Jahren. Dem englischen Arzt Richard Russel war aufgefallen, dass Fischer nicht an Skrofulose erkrankten und keinen eitrigen Auswurf hatten. So veröffentlichte er 1750 seine Erfahrungen über den Gebrauch von Meerwasser in einer Dissertation mit dem Titel: „Über die Verkleinerung der Halslymphknoten oder über den Gebrauch des Meerwassers bei Erkrankungen der Lymphknoten“.

Die erste deutsche Arbeit erscheint 1787, eine Dissertation, in der Goldhagen die Wirkung der Seeluft auf den Organismus beschreibt. Das erste deutsche Seeheilbad wird 1793 in Heiligendamm an der Ostsee durch den Großherzog von Mecklenburg gegründet. Gebadet wurde damals ausschließlich in Badekarren und mit Ganzkörper-Badekostümen.

Es war die Thalassobehandlung, die in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts die Klimatherapie an Nord- und Ostsee begründete. Schon wenige Jahrzehnte später änderte sich die Lehrmeinung. Danach war zur Behandlung der Tuberkulose das Schonklima der Mittelgebirgsregionen besser geeignet als das Reizklima der See.

Am offenbar nachhaltigsten prägte der Marburger Internist Prof. Dr. Wilhelm Beneke die Entwicklung der Meeresheilkunde für Kinder. Beneke, der 1849 die ersten Kinderheilstätten in den englischen Seebädern Brighton und Margate kennen gelernt hatte, beschäftigte sich intensiv mit der Bekämpfung konstitutioneller Krankheiten.

Früher auf Behandlung von Kindern beschränkt

Die Gründung des ersten „Vereins für Kinderheilstätten an den deutschen Seeküsten“ im Jahr 1881 war sein Werk. So entstanden bis ins 20. Jahrhundert an Nord- und Ostsee Kinderheime, in denen die Prophylaxe im Vordergrund stand. Bis zum zweiten Weltkrieg blieb die Thalassotherapie in Deutschland hauptsächlich auf die Kinderheilbehandlung beschränkt.

Medizinisch ist die Thalassotherapie vorwiegend bei chronischen Krankheiten indiziert. An erster Stelle stehen Bronchitis und Asthma bronchiale, gefolgt von Neurodermitis, Psoriasis und Ichthyosis. Ebenso Einschränkungen des Bewegungsapparates, zum Beispiel durch Arthrosen oder nach Unfällen.

Ein therapeutisch wichtiger Faktor an der Nord- und Ostsee ist das Klima, das durch Wind, hohe absolute Luftfeuchte und milde Nächte gekennzeichnet ist. Schwüle Tage sind selten. Die Luft ist allergenarm. Drei Klima-Komponenten, die einen besonderen Einfluss auf die Wirksamkeit der Thalassotherapie haben, sind das maritime Aerosol, die Sonnenstrahlung und der thermisch-hydrische Komplex. Dieser setzt sich zusammen aus Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

Das salzhaltige Aerosol in Brandungsnähe wirkt als natürliches Inhalatorium auf die Atemwege. Es kann altes Sekret lockern und damit produktives Abhusten – auch eitrigen Sputums – fördern. Die Dichte des Aerolsols hängt von Windstärke, -richtung und Wellengang ab. In der Brandungszone ist das Aerosol am stärksten. In nur zehn Meter Entfernung nimmt seine Konzentration um die Hälfte ab; in hundert Metern sinkt sie auf ein Zehntel. Daher belüften Strandspaziergänge am Brandungssaum die Lunge am besten, besonders wenn dabei langsam und tief geatmet wird.

Die UV-Strahlung ist seit einigen Jahren zwar durch steigende Melanomzahlen in Verruf geraten, doch dosierte Sonnenbäder können das subjektive Wohlbefinden und die physisch-psychische Leistungsfähigkeit verbessern. Sie fördern die Immunabwehr, vermindern die Infektanfälligkeit und stoßen die für alle Altersstufen so wichtige Vitamin-D-Synthese an. Vor allem Kinder, die unter permanenten Entzündungen der Atemwege leiden, profitieren von den Sonnenbädern.

Es genügt auch an der See nicht, sich nur passiv Wasser, Wind und Wetter auszusetzen oder sich den Händen der Masseure und Kosmetikerinnen anzuvertrauen. Die Stärke der Thalassotherapie liegt vor allem in der Kombination physikalischer Maßnahmen mit den Wirkungen der Heilfaktoren des Meeres.

Heiligendamm, heute Ortsteil von Bad Doberan, ist das älteste deutsche Seeheilbad.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt 98, Heft 3 vom 19.01.01

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