Neues von der Schuppenflechte – was Ihr Arzt wissen sollte

Dresden

Die gute Nachricht: Kratzen ist erlaubt. Die schlechte: Es haben weit mehr Menschen mit Schuppenflechte auch eine Psoriasis arthritis – die Form der Schuppenflechte, die die Gelenke betrifft. Ein Fazit ist aus der Tagung der deutschen Hautärzte nur schwer zu ziehen. Auf jeden Fall geht es auf dem Gebiet der Forschung in Sachen Psoriasis mächtig voran.

Vom 20. bis 23. April 2005 trafen sich die deutschen Hautärzte in Dresden. Sie waren zur 43. Tagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft in die Elbestadt gekommen, um neue Forschungsergebnisse kennenzulernen und Fragen aus der täglichen Praxis zu diskutieren.

Auffällig war, dass Wissenschaftler vermehrt nicht nur die Zellen und die Haut sehen, die ein Patient zu ihnen bringt, sondern den ganzen Menschen. Das ist noch ausbaufähig, aber schon deutlich zu spüren.

Nicht nur der PASI zählt

So wird eine jahrzehntelang verwendete Formel zur Ermittlung, wie schwer die Psoriasis ist, überdacht: Der PASI (Psoriasis Area and Severity Index) berücksichtigt die Größe der befallenen Körperoberfläche sowie, wie dick die Stellen sind, wie stark sie schuppen und wie rot sie sind. Daraus wurde und wird ein Punktwert ermittelt. „Ein größerer Befall am Körper eines Patienten kann etwa den gleichen PASI ergeben wie ein Befall beider Hände“, erklärte Professor Gottfried Wozel von der Hautklinik der Technischen Universität in Dresden. „Zweiterer Fall ist aber eine schwere Schuppenflechte, weil der Patient nicht arbeiten kann und dringend behandelt werden muss.“ Eine pustulöse oder eine Gelenk-Psoriasis seien ebenfalls schwere Formen der Schuppenflechte.

Auch Professor Kristian Reich erklärte: „Die Schwere der Psoriasis ist am PASI nicht immer messbar. Es kommt auch darauf an, wo die Psoriasis auftritt.“ Bei einer Verkäuferin oder Außendienstmitarbeiterin könne ein Psoriasis an den Händen nicht hingenommen werden.

Psoriasis arthritis häufiger als gedacht

Professor Wolf-Henning Boehncke aus Frankfurt/Main berichtete: „Die Psoriasis arthritis tritt dreimal öfter auf, als es in unseren Büchern steht.“ Dr. Markus Friedrich von der Berliner Charité nannte Zahlen: „Wir haben gerade erfahren, dass 30 Prozent der Psoriatiker eine Psoriasis arthritis haben.“

Professor Hubert Nüßlein vom Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt berichtet außerdem: „Sehr häufig tritt eine Psoriasis-Arthropathie auf“ – also Schmerzen in den Gelenken, ohne dass dies gleich eine Arthritis mit den gefürchteten Verformungen der Gelenke wäre.

Professor Joachim Peter Kaltwasser aus Frankfurt/Main wusste: Die Psoriasis arthritis kommt bei bis zu drei Vierteln der Psoriasis-Patienten durchschnittlich zehn Jahre nach den Hauterscheinungen. In fünf bis 40% der Fälle ist die Wirbelsäule mit betroffen. (Anmerkung der Redaktion: Zwischen fünf und 40 Prozent ist denn doch eine Menge Raum. Da wird sicherlich noch einiges zu untersuchen sein.)

Im Symposium zur Psoriasis arthritis saßen mehrheitlich Hautärzte. In einem Quiz beantworteten sie am Anfang zehn Fragen – und siehe da: Die meisten waren gut informiert, obwohl die Psoriasis arthritis vornehmlich ins Fachgebiet der Rheumatologen gehört.

Diskussionswürdig ist offenbar folgende Tabelle, die Professor Ulrich Mrowietz vom Uniklinikum Kiel mitbrachte:

Wirkstoff Wirkung auf die Haut Wirkung auf die Gelenke
NSAID* keine gut
MTX mäßig bis gut gut bis sehr gut
Fumarsäureester gut bis sehr gut mäßig
Ciclosporin sehr gut mäßig
Acitretin mäßig keine
Leflunomid keine gut
Sulfasalazin keine mäßig bis gut
Gold keine fraglich
systemische Kortikoide gut
(aber: Rebound)
gut
Etanercept mäßig bis gut sehr gut
Infliximab sehr gut sehr gut
Efalizumab mäßig bis gut keine

 

Professor Nüßlein hatte mit Leflunomid andere Erfahrungen gemacht. Auf diesen Wirkstoff hätten die Hauterscheinungen von Probanden deutlich angesprochen.

Psyche findet mehr und mehr Beachtung

Immer öfter sollten Hautärzte ihre Patienten fragen „Wie geht es Ihnen sonst so?“. Denn: Untersuchungen der National Psoriasis Foundation aus den USA haben ergeben, dass acht Prozent der Menschen mit Schuppenflechte bereits an Selbstmord gedacht haben. 66 Prozent der Menschen mit Schuppenflechte leiden unter Depressionen.

Welche Krankheiten können mit Psoriasis einhergehen?

  • Morbus Crohn tritt bei Menschen mit Psoriasis neunmal häufiger auf als bei Gesunden.
  • Koronare Herzerkrankungen, die zum Tod führen, sind überdurchschnittlich häufiger bei Psoriatikern anzutreffen.
  • Auch die Diabetes ist häufiger mit einer Psoriasis „verbandelt“.
  • Metabolisches Syndrom und Arteriosklerose sind ebenfalls häufig bei Psoriatikern zu finden.

Darauf wies Professor Enno Christophers aus Kiel hin.

Kratzen erlaubt! Und: Akupunktur hilft

Im Workshop „Pruritus“ (Juckreiz) waren auffällig mehr jüngere Wissenschaftler auf dem Podium als in anderen Veranstaltungen. Dr. Sonja Ständer aus Münster widmet einen Großteil ihrer Arbeit dem Thema Juckreiz – gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern. Sie sagt: „Wir müssen den Patienten das Schuldgefühl nehmen.“ Und – die gute Nachricht für alle, die sich kratzen müssen: „Kratzen ist normal. Es gehört zum Juckreiz wie das Aus- zum Einatmen.“

In einer Untersuchung wurde die Creme Physiogel A.I. von Stiefel unter die Lupe genommen: „Bei 64 Prozent der Patienten wurde der Juckreiz weniger“, so Sonja Ständer.

Dr. Ulf Darsow aus München berichtete von einer Studie mit Akupunktur. Untersucht wurde ein Akupunktur-Punkt am Ellbogen (für Fortgeschrittene: Di11), verglichen mit Patienten, wo der Einstich-Punkt an einer anderen Ellbogen-Stelle lag. Das Ergebnis: Der Juckreiz war nach der Di11-Akupunktur nicht mehr so intensiv und störend. Wichtig: „Wir haben nur diesen Punkt untersucht“, so Dr. Darsow. Es könnten also weitere Akupunktur-Punkte nützlich sein.

Dr. Markus Streit aus Bern wies auf den Zusammenhang zwischen Juckreiz und inneren Erkrankungen hin. Wenn die Haut nicht erkrankt ist und es trotzdem juckt, sind oft innere Erkrankungen die Ursache. Am häufigsten ist eine Urämie (eine schwere Nierenerkrankung) die Ursache, gefolgt von Eisenmangel oder Morbus Hodgkin. Bei Kindern indes – so Dr. Elke Weisshaar aus Heidelberg – sind innere Erkrankungen als Ursache für Juckreiz selten. Hier sind es meist Hautkrankheiten, vor allem die atopische Dermatitis.

Die neuen Biologics

„Für mich ist es ethisch nicht vertretbar, einem Patienten mit Knochenveränderungen erst ein Medikament geben zu müssen, bevor ich ihm ein Biologic geben darf“, erläuterte Professor Kristian Reich aus Göttingen für mehrere seiner Kollegen. Hintergrund: Wer eines der neuen Medikamente wie Enbrel, Raptiva oder Remicade verschrieben haben möchte, muss laut Zulassung erst andere innerliche Medikamente „durch“ haben, die entweder nicht geholfen haben oder zu schwere Nebenwirkungen zeigten, bevor er das teure Neue bekommen kann. Für Professor Professor J. O. Schröder aus Kiel ist klar: „MTX würde heutige Zulassungskriterien überhaupt nicht mehr erfüllen.“

Professor Ulrich Mrowietz rief die Hautärzte und Rheumatologen auf, Mut zu zeigen und die neuen Medikamente zu verschreiben: „Sie müssen sich trauen das zu tun“. Dem Argument Regress (Rückforderungen der Krankenkasse, weil der Arzt über sein Budget pro Patient hinaus verschrieben hat) könnte mit einer guten Dokumentation mit Fotos und Berichten entgegengetreten werden. Meist geben die Hersteller den Ärzten mit Formblättern auch eindeutige Hilfen an die Hand.

Welche Biologic eingesetzt wird, ist je nach Schuppenflechte unterschiedlich. „Wenn eine großflächige Psoriasis schnell therapiert werden soll, ist Infliximab das Mittel der Wahl“, so Mrowietz. Eine Kombination aus Alefacept und UV-Therapie wirke auch sehr gut, doch sei nicht klar, ob das Krebsrisiko dadurch nicht steigt.

Das größte Problem bei den neuen Biologics sind Infektionen. Professor Schröder rät seinen Patienten immer, dass sie auch bei kleinen Anzeichen für eine Infektion, bei Fieber oder Unwohlsein, auch am Wochenende oder spätabends fix in die Uniklinik kommen, um sich untersuchen zu lassen.

Lieber zuviel erzählen…

Dem Hautarzt gegenüber sollte der Patient keinesfalls maulfaul sein – oder vorauseilend sagen, der Arzt hätte bestimmt sowieso keine Zeit. Dinge, von denen man denkt, dass sie den Hautarzt nicht interessieren, gehören oft zur Psoriasis dazu: Gelenkprobleme, Infekte, Mandelentzündungen, andere Entzündungen – ein guter Hautarzt bezieht diese in die Diagnose und Therapie mit ein. Also: Erzählen Sie dem Hautarzt lieber zuviel als zuwenig.

 

Quellen: DDG-Tagung

  • Seminar „Moderne Aspekte der topischen Psoriasis-Therapie“
  • Wokshop „Psoriasis arthritis – Was Dermatologen wissen sollten“
  • Symposium „Innovative Therapiestrategie zur Behandlung der Psoriasis“
  • Symposium „Psoriasis – Eine Erkrankung und der rasante Forschritt“
  • Workshop „Pruritus“ (Juckreiz)
Über Claudia Liebram 279 Artikel
Claudia Liebram ist Berlinerin mit Leib und Seele. Dort arbeitet sie als Redakteurin. Ihre Psoriasis begann, als sie 3 Jahre alt war – viel Erfahrung also, die sie weitergeben kann.

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