Herr Professor, was ist das?

Hintergrundinterview mit Professor Dr. Wolfram Sterry, Berlin, Professor Dr. Niels Sönnichsen, Borkum, und Dr. Klaus Fritz, Landau

Über zwei Millionen Deutsche – Männer, Frauen, Jugendliche und sogar schon Kinder – leiden unter Schuppenflechte. Auch wenn diese Krankheit erblich bedingt ist, und jeder einzelne Fall unterschiedlich verläuft, besteht kein Grund zur Verzweiflung: Fachärzte für Hautkrankheiten kennen viele Mittel und Wege, die Schuppenflechte weitgehend zu besiegen oder doch deutlich zu lindern. Außerdem versprechen jetzt mehrere neue Therapien aus der Natur zusätzliche Erfolge.

Einen Überblick über die Entstehung der Schuppenflechte, die neuen Behandlungsmöglichkeiten und Tips zur richtigen Lebensführung für Betroffene geben in folgendem Interview Professor Dr. Wolfram Sterry, Direktor der Hautklinik an der Charité, Berlin, Professor Dr. Niels Sönnichsen, Ärztlicher Direktor des Fachklinikums Borkum, Zentrum für Dermatologie, Allergologie, Pädiatrie und pädiatrische Pulmologie und Dr. Klaus Fritz, Landau, vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen e.V.

Herr Professor Sterry, wodurch entsteht Psoriasis?

Sterry: Die Veranlagung zur Schuppenflechte ist erblich. Für ihre Ausprägung – und ob die Krankheit überhaupt ausbricht – sind jedoch oft zusätzliche Faktoren verantwortlich: Streß und seelische Belastungen, Infektionskrankheiten – vor allem bei Kindern – oder Klimawechsel. Aber auch übermäßiger Alkoholgenuß, Medikamente, Hautverletzungen, Verbrennungen, Operationen und schließlich Hormonumstellungen, zum Beispiel in den Wechseljahren.

Und was passiert mit der Haut bei dieser Erkrankung?

Sterry: Eine gesunde Haut stößt etwa ein Gramm Schuppen pro Tag ab, bei akuter Schuppenflechte sind es dagegen bis zu 13 Gramm pro Tag. Dabei bilden sich rote, leicht erhabene Flecken, später silbrig-weiße Schuppen, die manchmal auch jucken können. Die Psoriasis kann den ganzen Körper betreffen, meist befällt sie jedoch Kopfhaut und Gesicht, Ellbogen, Knie, Rücken und Nabelgegend, mitunter auch Finger- und Zehennägel. Bei manchen Betroffenen ist das Leiden so schwer, daß sie sich völlig isolieren. Sie fürchten, daß ihre Mitmenschen beim Anblick der roten, mit weißen Schuppen bedeckten Flecken vor ihnen zurückschrecken – vielleicht auch, weil sie irrtümlich vermuten, daß Psoriasis ansteckend sei.

Herr Dr. Fritz, was kann der Hautarzt tun, wenn die Schuppenflechte einmal ausgebrochen ist?

Fritz: Durch seine individuelle Betreuung kann der Dermatologe die Krankheit so gut in den Griff bekommen, daß der Patient weitgehend frei von Beschwerden gehalten wird. Dafür stehen neue, hochwirksame Behandlungsmethoden und Medikamente zur Verfügung. Welche Therapie und welches Mittel im individuellen Fall am besten anzuwenden ist, müssen Arzt und Patient gemeinsam besprechen. Nur der Hautarzt, der ja auf die Behandlung von Psoriasispatienten spezialisiert ist, kann die im individuellen Fall beste Therapie finden. Grundsätzlich sind drei neue Formen der Psoriasistherapie zu unterscheiden: die äußerlichen Anwendungen mit Licht und Wasser, äußerlich einzusetzende Arzneimittel in Form einer Creme oder Salbe und innerlich angewendete Medikamente, die der Patient zum Beispiel in Form von Tabletten einnimmt.

Wie funktionieren die äußerlichen Anwendungen?

Fritz: Da ist einmal die UV-Therapie in Kombination mit Meerwasser, eine Behandlungsmöglichkeit, die die Medizin aus der Natur abgeschaut hat. Schon in der Antike rühmte Hippokrates die Heilkraft der Sonne und des Meeres bei Hauterkrankungen. Später hat sich herausgestellt, daß Licht speziell gefilterter Wellenlängen um 311 nm bei der Behandlung der Schuppenflechte besonders wirkungsvoll ist. Reicht eine solche Lichtbehandlung nicht aus, so kann man die Haut durch Vorbehandlung mit bestimmten Medikamenten empfindlicher machen. Unter dem Medikament wird nämlich der positive Effekt von UVA intensiviert.

Unter dem Begriff „Balneo-Photo-Therapie“ versteht man die Verbindung des Badens in salzhaltigem Wasser mit der Bestrahlung durch UV-Licht. Neu ist die ambulante Balneo-Photo-Therapie. Bei dieser Therapieform nimmt der Patient zunächst ein zehn- bis fünfzehnminütiges Ganzkörperbad in Solelösung – das entspricht dem Wasser zum Beispiel im Toten Meer – und wird danach mit UVB-Licht behandelt. Oder mit UVA und einer Substanz, die die Lichtwirkung verstärkt. Die Hauterscheinungen heilen dann in 60 bis 90 Prozent der Fälle gut ab. Bisher war diese Art der Behandlung auf spezialisierte Rehabilitationskliniken begrenzt. Jetzt besteht in vielen Hautarztpraxen sowie einigen dermatologischen Kliniken die Möglichkeit der ambulanten Behandlung. Mit der ambulanten Behandlung kann ein Teil der Aufenthalte abgekürzt oder vermieden werden. Dadurch spart der Betroffene Zeit bei meist gleich gutem Erfolg.

Sönnichsen: Wenn die ambulante Behandlung nicht ausreicht, ist eine Klimatherapie und Rehabilitation in Spezialkliniken im heilsamen Hochseeklima der Nordsee zu empfehlen. Badetherapie, Sonne und medizinische Behandlung sowie psychosomatische Stabilisierung in einer Spezialklinik können nämlich Schuppenflechtepatienten oft für Monate oder Jahre von ihrem Leiden befreien.

Was gibt es denn Neues an äußerlich anzuwendenden Präparaten gegen die Schuppenflechte?

Sönnichsen: Zu den neueren Medikamenten gehören die Vitamin-D3-Abkömmlinge. Daß Vitamin-D3 auch die Psoriasis bessert, wurde Anfang der 80er Jahre mehr durch Zufall bei der Behandlung der Osteoporose entdeckt. Die jetzt speziell entwickelten Vitamin-D3-Abkömmlinge enthaltende Salben wirken stärker als Kortisonpräparate, haben aber nicht deren Nebenwirkungen. Sie sind geruch- und farblos und jetzt neben der Fettsalbe auch als Creme und sogar als Lösung erhältlich.

Die Vitamin-D3-Abkömmlinge normalisieren das Wachstum und die Reifung der Oberhautzellen, führen dadurch zur Abschuppung und Verminderung der Dicke von Schuppenflechteherden. In der Regel ist die Verträglichkeit hervorragend. Wichtig zum Beispiel für Berufstätige: Inzwischen gibt es auch ein Präparat, das nur einmal täglich aufgetragen werden muß. Und auch für die Kopfhaut steht ab Anfang 1998 ein Präparat zur Verfügung.

Fritz: Neben den genannten neuen Behandlungen gibt es natürlich eine Fülle weiterer bekannter und bewährter Therapieansätze, wie naturheilkundliche und psychosomatische Methoden. Die neuen Wirkstoffe ermöglichen, belastende Wirkstoffe zu meiden oder zu reduzieren wie zum Beispiel Kortison – wirksam, aber bei langem Einsatz eben auch mit Nebenwirkungen verbunden. Zu den Neuerungen gehört auch ein hochgereinigter Extrakt aus Steinkohlenteer in einem Gel: In dieser sehr viel angenehmeren Form gibt es nicht mehr die früheren Probleme von Geruch, Farbe oder gar Nebenwirkungen.

Kann man Schuppenflechte auch von innen heraus behandeln? Und welche Fortschritte hat hier die Medizin gemacht?

Fritz: Die Einnahme von aus Vitamin A entwickelten Retinoiden kann auch eine schwere Psoriasis heilen, bei der andere Therapien versagt haben. Aber Vorsicht: Nur das zugelassene Arzneimittel hilft, herkömmliche Pillen mit Vitamin A nicht einnehmen, sie sind weniger wirksam und können hochdosiert zu Nebenwirkungen führen! Hautärzte setzen moderne Retinoide wie zum Beispiel Acitretin in Kapselform ein, bei denen möglichst viel Wirkung mit immer weniger Nebenwirkungen erreicht werden kann. Und die Erfahrung des Hautarztes mit solchen Wirkstoffen ermöglicht eine zusätzliche Optimierung ihres Einsatzes.

Aus dem Stoffwechselprodukt bestimmter Pilze wurde die Substanz Ciclosporin isoliert, die eine hemmende Wirkung auf die an der Entzündungsreaktion beteiligten Immunzellen hat. Da sie Abstoßungsreaktionen nach Transplantationen verhindert, wurde sie zunächst über viele Jahre nur zu diesem Zweck eingesetzt. Seit 1993 wird die Eigenschaft dieses Produktes auch gegen die Schuppenflechte genutzt. Diese Therapie, vor allem bei Kombination mit anderen Medikamenten, sollte vorher mit einem Facharzt für Hautkrankheiten abgeklärt werden. Um ein rasches Aufflammen der Herde nach dem Absetzen zu verhindern, wird eine langsame ausschleichende Therapie empfohlen.

Für die innerliche Behandlung von schwerer Psoriasis stehen außerdem Tabletten mit Abkömmlingen der Fumarsäure zur Verfügung. Fumarsäure kommt im Stoffwechsel des Körpers vor.

Was kann – außer den richtigen Medikamenten – einen Beitrag zur Linderung der Schuppenflechte leisten?

Sönnichsen: Neben der vom Hautarzt verordneten optimalen Behandlung muß der Betroffene auch selbst aktiv gegen seine Schuppenflechte ankämpfen. Dazu gehört z.B. eine ausgewogene Ernährung mit wenig Fett und wenig Alkohol. Besonders bei Befall von Handinnenflächen und Fußsohlen muß dringend vor Nikotinkonsum gewarnt werden. Da viele psychosomatische Faktoren die Psoriasis neu auslösen können, sollte jeder Psoriatiker versuchen, ein möglichst ausgeglichenes Leben zu führen. Hierbei können spezielle Entspannungstechniken, die man in Kursen erlernen kann, sehr förderlich sein. Schließlich ist eine individuelle Hautpflege besonders wichtig. Die Haut muß weich, feucht und geschmeidig gehaltenen werden. Dabei spielen u.a. harnstoffhaltige Salben oder auch bestimmte Badezusätze eine Rolle, hier gibt es kein Schema. Notwendig ist die individuelle Beratung, die durch den Dermatologen erfolgt.

Herr Professor Sterry, Herr Professor Sönnichsen, Herr Dr. Fritz, vielen Dank für dieses ausführliche und informative Gespräch.

Quelle: derminform, Januar 1998

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