Yassir Arafat: Sein Reich steht auf tönernen Füßen

Arafats Reich steht auf tönernen Füßen

Von GERHARD BITZAN

Entlang der Straße zu Jassir Arafats Hauptquartier in Gaza sind mehrere Straßensperren aufgebaut. Schwerbewaffnete Wachposten prüfen genau die Dokumente, ehe sie das Auto passieren lassen. Zuviele wollen dem stoppelbärtigen „Präsidenten“ ans Leder. Das Gebäude selbst ist dann eher unscheinbar, kein Prunkpalast, sondern eine normale weiße Villa, von denen es in den vornehmeren Vierteln der Stadt mehrere gibt. Vor dem Haus stehen Dutzende Bewaffnete herum, überprüfen die Besucher, machen Leibesvisitationen. Der dunkelblaue Mercedes von Arafat mit den beiden Standarten vorne drauf ist nicht da. Der „Chef“ hat woanders einen Termin, heißt es.

Im Erdgeschoß befindet sich ein großer Warteraum, in dem die zahlreichen Delegationen ihre Wartezeit absitzen. Hier und auch im Stiegenhaus hängen große Bilder vom Felsendom in Jerusalem. Die kleinen Büros im ersten Stock sind überfüllt. Eine Delegation aus Jerusalem wartet auf Arafat; dazwischen schwirrt sein Hofstaat herum. Im Gegensatz zu dem grimmig blickenden Sicherheitspersonal vor dem Haus dominieren hier die gut gekleideten Berater: Vertreter von Protokoll, Presseabteilung und Präsidialbüro. Unten die palästinensischen Revolutionäre, oben die neuen staatstragenden Bürokraten.

Die Stunden vergehen, er kommt nicht. Es wird Tee und Kaffee gereicht. „Das wird heut‘ nichts mehr“, sagt einer vom Protokoll. Es sei ein hektischer Tag: Treffen mit dem britischen Premier Major, Gespräche mit einer Delegation bestehend aus Dutzenden britischen Geschäftsleuten, Pressekonferenz, Besprechungen mit seinem Beraterstab, dazwischen ein kleines Schläfchen, dann wird Johannes Rau mit einer riesigen Delegation empfangen.

Dann kommt er doch noch, eilt in sein kleines, schlichtes Büro, das für einen Präsidenten spartanisch eingerichtet ist. An der Wand wieder der unvermeidliche Felsendom – und natürlich die Flagge. Schnell noch empfängt er zwei Besucher. Wenige Minuten später ist der rastlose Neo-Staatsmann wieder auf dem Weg.

Das vereinbarte Interview wird nichts. „Es tut mir aufrichtig leid“, sagt er, ehe er in die Dunkelheit entschwindet.

Äußerlich hat sich der PLO-Chef nur wenig verändert. Wie eh und je trägt er sein Kopftuch und seine Uniform, ebenso unverändert seine Bartstoppeln, mit denen er angeblich eine Schuppenflechte verdeckt. Doch langsam sieht man ihm das Alter an, immerhin ist er schon 66, Präsidentsein zehrt an der Substanz.

Auch Arafats spärliches Privatleben ist nicht einfach. Seine – christliche – Frau Suha, die ein Kind von ihm erwartet, lebt die meiste Zeit in Paris. Das spartanische Leben im trostlosen Gaza ist nicht ihres. Schon gibt es Gerüchte, sie wolle sich scheiden lassen. Für Arafat wiederum sei der Nachkomme, hoffentlich ein Junge, wichtig. Ammar soll er heißen, nach dem Kampfnamen seines Vaters.

Auch in Tunis, wo der Palästinenserführer gerade mit dem Zentralkomitee seiner Fatah (der stärksten Fraktion der Palästinenser) tagt, hat es Arafat nicht leicht. Zuviel Kritik an seiner Führung hat sich in den vergangenen Monaten angesammelt. In Tunis muß er sich jetzt mit seinen ärgsten Opponenten auseinandersetzen, wie Faruk Kaddumi und Abu Mazen, die das Autonomieabkommen total ablehnen.

Aber auch in Gaza bläst dem Präsidenten scharfer Wind ins Gesicht. Kernpunkt der Kritik: autoritäres und bürokratisches Regieren, falsche Personalwahl. „Alles führt über den Präsidenten und muß von ihm unterzeichnet werden, sogar die kleinsten Entscheidungen werden dort getroffen“, klagt einer seiner Wirtschaftsmanager leise. Offen und deutlich übt dagegen Mansur Shawa Kritik: „Der Mitarbeiterstab und die Behörden sind inkompetent und wurden nur nach politischen Kriterien ausgesucht.“ Shawa ist ein Vertreter der alteingesessenen Palästinenser. Als erfolgreicher Geschäftsmann versteht Mansur viel von Wirtschaft. Es sei kein Wunder, daß die internationale Hilfe ausbliebe, die Behörden hätten kein Konzept vorgelegt, hätten keine Programme. Wenn Wahlen stattfänden, dann hätte er genau 17.000 Stimmen, sagt Shawa zynisch. „Das sind seine Polizisten und Bürokraten, denen er Jobs zugeschanzt hat.“

Etwas zurückhaltender gibt sich Khaled Abdel Shafi. Er ist der Sohn von Haider Abdel Shafi, dem einstigen Leiter der Palästinener-Delegation und heutigem Arafat-Kritiker. Shafi junior, ein in Deutschland ausgebildeter Wirtschaftsexperte, will in keiner Partei arbeiten. Er will als Unabhängiger im Kommunalbereich von Gaza kandidieren. Aber auch er kritisiert Arafat. „Alle Nominierungen werden nach politischer Loyalität gemacht, außerdem gibt es neun Monate nach Einführung der Autonomiebehörde keine Gesetze, die ein vernünftiges Wirtschaftsleben regeln.“ Und zu der oft beschworenen islamischen Gefahr meint er: „Sie profitieren von der Tatsache, daß das Autonomieabkommen mit Israel gescheitert ist. Die meisten, die jetzt die islamischen Gruppen unterstützen, sind nicht begeistert von ihrer Ideologie.“ Aber in der schwierigen wirtschaftlichen Situation, in der sich Gaza befinde, scheine vielen der Islam als einziger Weg.

Quelle: Die Presse, Österreich, 17.03.1995

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