Abimael Guzman: Mörder, Richter, Opfer

Mörder, Richter, Opfer

Mitte der achtziger Jahre machte sich Nicholas Shakespeare auf die Suche nach dem Guerillaführer Abimael Guzman, der dann 1996 die japanische Botschaft in Lima überfiel. Gefunden hat er ihn damals nicht, doch die Recherche lieferte den Grundstock zu dem Roman „Der Obrist und die Tänzerin“.

Von Evelyn Schlag

Am 17. Dezember 1996 feierten 400 Diplomaten mit einer Gartenparty den Geburtstag des japanischen Kaisers in der Botschafterresidenz in Lima. Die Sicherheitsvorkehrungen waren relativ gering, schließlich befanden sich die meisten Mitglieder der Guerillaorganisation „Leuchtender Pfad“ in Haft, einschließlich ihres Anführers Abimael Guzman.

Die Feier wurde unsanft unterbrochen, als ein Kommando der unterschätzten T£pac Amaru das Gelände stürmte und die Gäste als Geiseln nahm. Die Aktion sollte der Freipressung inhaftierter Guerillakämpfer, vor allem der Frau des Anführers N’stor Cerpa, gelten. Nach 126 Tagen, während derer immer wieder Geiseln freigelassen wurden, beendete eine militärische Operation das Geiseldrama.

Zugang zum Areal hatte man sich über Tunnel verschafft. Frage: Welcher Autor, der nicht Garc¡a Marquez heißt, aber einen aus der englischen Literaturgeschichte nicht gerade unbekannten Namen trägt, wäre prädestiniert dafür, aus diesem Material einen anspruchsvollen Roman zu machen? Nicholas Shakespeare natürlich.

Der Diplomatensohn aus Worcestershire, Jahrgang 1957, hat seine Kindheit in den britischen Botschaften Brasiliens, Kambodschas, Portugals und Argentiniens verbracht, sich auf die Spuren von peruanischen Guerillas gemacht, und über den Tunnelbau weiß er auch einiges. Das Problem ist nur: Shakespeare hat das alles schon aufgearbeitet, verteilt auf drei Romane und eine Reportage.

Da ist einmal sein Diplomatenroman „The High Flyer“ (deutsch: „Die Säulen des Herakles“), ein hinreißend zarter, melancholischer Abgesang auf eine Karriere und eine bis vor kurzem dahindämmernde Hafenstadt. Nach Ceuta, den spanischen Freihafen an der Küste Marokkos nämlich, wird der Diplomat Thomas Wavery nach einer Liebesaffäre strafversetzt. Es ist sein letzter Posten. Eigentlich hatte er gehofft, Botschafter in Lissabon zu werden.

Auf einer Party in Lima hatte sich der unglücklich verheiratete Diplomat in die ebenfalls verheiratete Catherine Riding verliebt. Die beiden waren von Waverys Vorgesetztem auf dem Flughafen beobachtet worden. Wavery soll als Generalkonsul in Ceuta (im Roman Abyla genannt) die Eröffnungsfeier eines Jahrhundertprojekts vorbereiten: eines Tunnels, der die beiden Säulen des Herakles, Gibraltar und Ceuta, miteinander verbindet.

Mitte der achtziger Jahre machte Shakespeare sich für die englische Literaturzeitschrift „Granta“ in Peru auf die Suche nach dem im Untergrund lebenden Abimael Guzman, jenem ehemaligen Philosophieprofessor, der, von ethnischem Haß gegen die Spanier geprägt, eine Art präkolonialen Inka-Kommunismus errichten wollte. Nicholas Shakespeare war besessen von dem Gedanken, daß es da eine Organisation gab, deren Anführer man nie zu Gesicht bekam. Würde man getötet werden, wüßte man nicht, ob es der „Leuchtende Pfad“ oder das Militär gewesen war.

Shakespeare machte sich auf die Suche, befragte Dorfbewohner, zu den Terroristen vorgedrungen ist er aber nicht. Die nicht ungefährliche Recherche lieferte jedoch den Grundstock zu Shakespeares Debütroman, „Die Vision der Elena Silves“, und mit seinem dritten, heute zu besprechenden Roman, „Der Obrist und die Tänzerin“, kehrt er in merkwürdiger, aber sympathischer Anhänglichkeit wieder zu diesem Thema zurück.

Der Obrist ist Agust¡n Rejas. Er ist der Erzähler in diesem Roman. Um ihm eine glaubwürdige Stimme zu verleihen, hat sich Shakespeare eine Rahmenhandlung ausgedacht, die ein wenig bemüht und vor allem am Beginn verwirrend wirkt. Man darf sich davon auf keinen Fall abhalten lassen. Ein Journalist namens Dyer, der Rejas‘ Vorgesetzten interviewen will, trifft durch Zufall in einem Restaurant auf den viel interessanteren Polizisten, der Guzman – im Roman Presidente Ezequiel – gefangengenommen hat: „Nur einen Meter vor ihm, so nahe, daß Dyer ihn, wenn er wollte, am Ärmel berühren konnte, saß der Mann, der den Anführer der Weltrevolution verhaftet hatte.

Die genaue Story kannte niemand. Dem Polizisten war der Mund verboten worden. Er hatte die Befehle mißachtet und Ezequiel nicht sofort an Calderon übergeben, der ihn bestimmt hätte hinrichten lassen.“ Gerüchte sagen, daß Rejas bei den Präsidentschaftswahlen kandidieren könne, seine Aussichten wären ziemlich gut. Rejas erzählt dem Journalisten seine Geschichte. Das hat etwas von Ferdinand von Saar mit einem Mikrophon in der Hand. Ebenso gibt es – diesem alten erzählerischen Trick folgend, der in Gefahr gerät, überspannt zu werden – ein ganz zufälliges Band zwischen dem Journalisten und dem Polizeioberst.

Der Oberst hat eine Tochter, Laura, die Ballettunterricht nimmt, ihre Tanzlehrerin Yolanda wiederum hat früher in der Truppe von Dyers Tante Vivien getanzt. Die Ballettstunden bezahlt der Polizist aus den Überstundengeldern, die ihm die Beschattung von möglichen Verstecken Ezequiels bringt. Agust¡n Rejas entspricht ganz und gar nicht dem Bild, das man sich von einem Polizisten in einem lateinamerikanischen Land macht. Als müßte er den totalen Herrschaftsanspruch seines Gegners Ezequiel über seine Gefolgsleute konterkarieren, hat er nichts von einem Macho an sich. Sein Vater war Spanier, seine Mutter Indio. Rejas ist dunkelhäutig. Die Kaffeeplantage, die seit dem 16. Jahrhundert im Besitz der Familie war, wurde vom Militär enteignet, als Rejas noch ein Kind war. Grund genug eigentlich, daß sich der Junge, der Jus studiert und zunächst Rechtsanwalt wird, auf die Seite der Unterdrückten stellen könnte.

Am 17. Mai 1980, dem Tag der ersten demokratischen Wahlen in zwölf Jahren seit dem Militärputsch, läßt Rejas im Zuge einer Kontrolle in einem Dorf einen Pritschenwagen anhalten, der ihm verdächtig vorkommt. Der Fahrer hat keinen Ausweis bei sich. Rejas macht ein Photo von dem Mann. „Besondere Kennzeichen: Hautausschlag – evtl. Ekzem.“ Er ahnt nicht, daß dieser Mann am selben Tag in den Untergrund gehen, die Weltrevolution verkünden und eine jahrelange Serie von unglaublich brutalen Terrorakten beginnen wird. „30.000 Tote, 2000 Autobomben und zwölf Jahre später“ wird Rejas ihn wiedersehen, in einem Zimmer über einer Ballettschule, wo er sich versteckt gehalten hat.

Es wird einige Zeit dauern, bis Rejas durch einen Zufall erfahren wird, daß der Mann auf dem Photo das Phantom Ezequiel ist. Und dieses Photo wird jahrelang das einzige sein, das von Ezequiel in Umlauf ist. Mit dem Wahltag im Mai 1980 beginnt die Legendenbildung um den Anführer des „Sendero Luminoso“. Shakespeare beschreibt schreckliche Szenen in Dörfern, wo Ezequiels Gefolgsleute und das Militär einander an Grausamkeit und Brutalität überbieten. In Lima wird davon zunächst keine Kenntnis genommen: „Solange Ezequiel im Hochland operierte, stellte er für die Metropole keine Bedrohung dar . . . Bis zu dem Zeitpunkt, als ein Junge, der etwa in Lauras Alter war, die Empfangshalle eines Hotels in Coripe betrat und dort explodierte . . . In der Empfangshalle versammelte sich gerade ein Ausschuß von Stadtpolitikern, um den Bau einer Milchpulverfabrik zu besprechen. Der Junge sagte, er habe eine dringende Nachricht für seinen Vater, den Ausschußvorsitzenden. Die müsse er persönlich überbringen.“ Relativ bald erfährt der Leser, daß Ezequiel über einer Ballettschule festgenommen wurde.

Es ist eins der großen Verdienste dieses Autors, daß er die Spannung trotzdem bis zur letzten Seite durchhalten kann. Er verrät etwas – und macht neugierig darauf zu erfahren, wie es dazu gekommen ist. Daß der Leser diese Neugier durchhält, ist der immer wieder beglückenden Beschreibungskunst Shakespeares zu verdanken, die sich schon in seinem ersten Roman in Stellen wie dieser zeigte: „Einen Monat nach Henriques Geburt prüfte Manuela auf dem Markt gerade einige Avocados auf ihren Reifezustand, als Pater Felipe sie am Arm berührte und sagte, daß in Europa Krieg war.“

Bei Shakespeare schweben Bussarde „wie aufgeschlagene Bibeln“ von den Bergen herab, Fußabdrücke „zeichnen einen Rosenkranz in den Staub“. Über die grünen Papageien, die im Norden Perus schwarmartig auftreten, läßt er Rejas sagen: „Im Sitzen sind sie schwer zu erkennen. Man sieht einen grünen Busch, und auf einmal erhebt sich das Ganze in die Luft, und während das Licht auf ihre sich spreizenden Federn fällt, scheint es, als hätten die Tiere in der Luft plötzlich die Farbe gewechselt. Was vorher grün war, ist nun ein grelles Rot, und man hat ein ganz anderes Wesen vor sich.“

Shakespeare schrieb übrigens einmal für die BBC das Drehbuch zu einem Dokumentarfilm über Thronfolger im Exil. „The Men Who Would be King“ kam 1984 auch als Buch heraus und verwertet seine Interviews mit Leuten wie dem Prinzen von Araukanien und Patagonien, mit König Umberto von Italien, Otto Habsburg oder dem Herzog von Braganza. Man wird den Eindruck nicht los, daß Shakespeare mit den Königen ohne Untertanen, kings without subjects, das ideale Sujet gefunden hatte. Er konnte Leute mit verrückten Lebensgeschichten beschreiben, die auf das große Ereignis warteten.

Im Bildteil ist das Photo enthalten, das das Kind Otto von Habsburg mit seinen Eltern bei der Krönung 1916 in Budapest zeigt. Das Kreuz der Stephanskrone wurde bekanntlich bei einem Diebstahl geknickt – ein Detail, das der Staatsbürger des Vereinigten Königreichs genüßlich verzeichnet.

Das entscheidende Detail, das Rejas bei der Suche hilft, ist der Hinweis auf die Hautkrankheit Ezequiels: „Nach jedem Angriff seiner Leute auf ein fernes Dorf verhörte ich den Drogisten dort. Manchmal logen sie, manchmal gab es keine Aufzeichnungen, aber wenn es welche gab, dann fand sich dort oft eine verkaufte Packung ,Kenacort E‘. Das legte den Schluß nahe, daß sich sein Leiden verschlimmerte. Falls das stimmte, würde er sich bald gezwungen sehen, das Hochland zu verlassen. Wissen Sie, ab einer gewissen Höhe bekäme er vom Cortison sehr schlechte Blutwerte.“

In mühsamer Kleinarbeit arbeitet Rejas über zwölf Jahre hinweg zugleich mit seiner Suche am Entwurf dieser Figur, erstellt er den Charakter einer Person, die ebensowenig greifbar zu sein scheint wie eine Romanfigur. In einem Interview zu seinem ersten Roman, in dem Guzman bereits vorkommt, sagte Shakespeare, er habe manches erfunden – etwa daß Guzman an einer Hautkrankheit leidet. Mitten in der Arbeit an dem Roman kam der Auftrag für die Reportage, und zu seinem größten Erstaunen fand er seine Erfindung über Guzmans Psoriasis bestätigt.

Die zweite Hauptfigur des Romans, die Tänzerin Yolanda, zeigt Rejas, ohne es zu wissen, immer den nächsten Schritt, den er machen muß. Es wäre unfair, dem Leser zuviel von dieser Geschichte zu verraten, die mit vielen wunderbaren Kunstgriffen in eine fatale Engführung mit der Terroristenjagd gelenkt wird.

Der Übersetzer, Werner Richter, hat den richtigen Zeitpunkt in der Geschichte gewählt, um im Deutschen vom „Sie“ zum „Du“ zwischen Rejas und Yolanda überzugehen. Sie haben sich eine Photoporträtausstellung in einem Theater angesehen, Gesichter von Mördern, Richtern, Opfern, und beim Raten festgestellt, daß man einem Gesicht nicht ablesen kann, zu welcher Gruppe es gehört. Draußen im Park, auf dem Rasen fragt Yolanda: „Agust¡n, gibt es einen Grund dafür, daß du mir nichts von deiner Reise erzählst?“

Die Liebesgeschichte zwischen dem Polizisten und der Tänzerin wird nie peinlich, bleibt immer glaubwürdig. Es hätte dazu nicht der Überzeichnung der Ehefrau Sylvina bedurft, die ewig der gesellschaftlichen Position ihrer Freundinnen nachhechelt, allesamt Frauen von Männern mit besseren Gehältern als Rejas. Sylvina veranstaltet Literaturabende, an denen Bücher besprochen werden, und versucht mit Kosmetikparties den drohenden finanziellen Ruin (die Polizistengehälter werden gekürzt) aufzuhalten. Die Terroristen haben den schlechten Geschmack, an einem dieser Frauenabende einen Stromausfall zu verursachen und Sylvinas Auflauf zu gefährden.

Im September 1992 wird Ezequiel – wie sein Vorbild Guzman – festgenommen und der Öffentlichkeit in einem Käfig vorgeführt. Der prominenteste Häftling des Landes trägt zu seiner Demütigung eine schwarzweißgestreifte Uniform. Die Photos von Guzman im Käfig zeigen einen dicken Mann mit zerzaustem Bart, der die Faust ballt.

Nicholas Shakespeare hat in Werner Richter einen kompetenten Übersetzer gefunden, der dem Roman auch im Deutschen nichts von seiner Spannung nimmt. Nur ein Mal hätte ich ihm mehr Mut gewünscht. Yolanda sagt von einem befreundeten Choreographen: „He worried continually I’d run off with his steps.“ Richter macht daraus: „Er hatte ständig Angst davor, daß ich ihm seine Ideen stehle.“ Das Sinnliche und Konkrete der englischen Redewendung geht dabei völlig verloren.

Mittlerweile hat Nicholas Shakespeare an seiner Bruce-Chatwin-Biographie gearbeitet und hat dabei schon eine Menge Weges zurücklegen müssen. Literarisch ist er schon vorher des öfteren mit den Schritten seines Lehrmeisters davongelaufen, was ihm aber nicht geschadet hat.

Nicholas Shakespeare: „Der Obrist und die Tänzerin“ Roman, Aus dem Englischen von Werner Richter, Rowohlt Verlag, Reinbek

Quelle: Die Presse (Österreich), 21.03.1998

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*