Neue Mittel hemmen Zerstörung der Gelenke

Wesentlich gebessert haben sich in den letzten Jahren die Behandlungsmöglichkeiten bei rheumatischen Erkrankungen. Gentherapeutische Aspekte stehen erst am Anfang.

VON CLAUDIA RICHTER

Rheumatische Erkrankungen sind in Österreich für zehn bis 20 Prozent aller Krankenstandstage und für mehr als 20 Prozent der Invaliditätsrenten verantwortlich. „Mit den ,alten‘ Medikamenten können wir diese Erkrankungen heute viel besser behandeln als noch vor zehn Jahren“, erwähnt Univ.-Prof. Dr. Josef Smolen, Klinische Abteilung für Rheumatologie der Universität Wien. Dies vor allem deshalb, weil man heute viel mehr Erfahrung mit den Rheuma-Mitteln habe, weil man mehr über die richtige Dosis, mehr über die richtige Applikation wisse.

Zudem warten neue Medikamente sozusagen vor der Tür. Etwa gegen die chronische Polyarthritis, eine entzündliche Gelenkserkrankung, an der etwa ein Prozent der Österreicher leiden. Die Ursache der Krankheit ist nicht bekannt, man nimmt an, daß es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt (Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper).

Neue biologische Stoffgruppen haben da erfolgsversprechende Ansätze geliefert: Mit monoklonalen Antikörpern oder künstlich hergestellten Rezeptoren will man Immunbotenstoffe wie Tumornekrosefaktor Alpha (TNF-Alpha) und Interleukin-1 hemmen. Diese entzündunsgsfördernden Substanzen sind an der Zerstörung der Gelenke maßgeblich beteiligt. „Es ist wirklich erstaunlich und positiv, wie sehr diese neuen Stoffgruppen die Entzündung in den Gelenken hemmen können“, berichtet Univ.-Prof. Dr. Jochen Kalden von der Universität Erlangen. Er sei sehr optimistisch, noch aber fehlten Langzeitstudien zu den Nebenwirkungen.

Auch auf dem Sektor der allgemein schmerz- und entzündungshemmenden Medikamente hat sich Neues ergeben. Und zwar durch die Entdeckung und Hemmung des Enzyms Cyclooxygenase 2 (COX-2), das bei entzündlichen Prozessen verstärkt gebildet wird. Sehr kleine Moleküle, die in Tablettenform verabreicht werden können, werden nun klinisch erprobt. Die neuen Substanzen sollen aber nur das „böse“ COX-2 bremsen, die „gute“ Form des Enzyms (COX-1) aber nicht beeinflussen. Die Beeinträchtigung von COX-1 ist nämlich mitverantwortlich für die Nebenwirkungen von Antirheumatika (etwa Magen-Darm-Beschwerden).

Ganz neu, allerdings noch nicht ausreichend erforscht, sind die sogenannten Metalloproteinasen-Inhibitoren. Sie hemmen jene Enzyme, die bei der Gewebszerstörung aktiv sind. Und last not least: In den USA wird auch die Gentherapie bei der chronischen Polyarthritis überdacht. Entsprechende Versuche stellen derzeit aber lediglich einen Beginn dar. Jedoch ist es US-Forschern der Universität Pittsburgh zumindest im Tierversuch gelungen, Gelenke mittels Gen-Transfer gegen die Angriffe von TNF-Alpha und Interleukin-1 zu schützen.

Arthrose, eine Schädigung der Gelenksknorpel, die bis zur Invalidität führen kann, ist das mit Abstand häufigste Gelenksleiden. „Im höheren Alter sind 60 bis 80 Prozent der Österreicher davon betroffen“, weiß Smolen. Die Erkrankung befällt vorwiegend die Knie-, Hüft- und Fingergelenke sowie die kleinen Gelenke der Wirbelsäule. Ursachen dieser Erkrankung sind unterschiedliche Faktoren wie genetische Disposition, Übergewicht, Verletzungen, Beruf oder falsche sportliche Betätigung. Dadurch kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen Knorpelaufbau und -abbau und gleichzeitig zu einer vermehrten Bildung von Enzymen (Metalloproteinasen), die, wie erwähnt, zu einer Zerstörung des Knorpelgewebes führen. Metalloproteinasen-Inhibitoren haben sich auch bei der Arthrose im Tierversuch bewährt – hier hemmen sie jene Enzyme, die den Knorpelabbau herbeiführen.

Daneben stellen Wachstumsfaktoren eine weitere neue Therapieform dar: Sie werden lokal appliziert und sollen über einen Wiederaufbau des zerstörten Gelenksknorpels eine Verbesserung der Gelenksfunktion bewirken. Zu den Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises zählen unter anderem auch reaktive Arthritis (Gelenksentzündung), Psoriasisarthropathie (Gelenksentzündung und -deformierung bei Schuppenflechte), Osteoporose, Gicht, Weichteilrheumatismus.

Eine Rheuma-Diät gibt es leider nicht! Laut einer Aussendung des deutschen Arbeitskreises Ernährungs- und Vitamin-Information aber können etwa hohe Dosen von Vitamin E und Omega-3-Fettsäuren verschiedenen Studien zufolge rheumatische Beschwerden lindern. Manche Forscher haben herausgefunden, daß Rheumakranke generell mehr sogenannte antioxidative Vitamine, vor allem Vitamin C und E, brauchen als Gesunde. Eine aktuelle US-Studie zeigt: Bei Patienten mit Entzündungen des Kniegelenks, die gut mit Vitamin C versorgt sind, treten deutlich seltener Verschlechterungen des Leidens auf als bei jenen, deren Vitamin-C-Status zu wünschen übrig läßt.

Quelle: Die Presse, Österreich, 10.12.1997

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