Selbsthilfe sucht Nachwuchs

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Mit einem Appell hat sich der Dachverband PSOAG an die Mitglieder und Sympathisanten der Regensburger Psoriasis-Selbsthilfe gewandt. Wenn es in nächster Zeit nicht einen neuen Vorstand für die örtliche Gruppe gibt, wird sich der Verein auflösen müssen. Damit würde es zukünftig in Regensburg keine wirklich unabhängige Patientengruppe für Menschen mit Schuppenflechte mehr geben. Eine Selbsthilfegruppe zu leiten ist nicht nur zeitaufwendige Arbeit: Man wächst auch mit den Anforderungen und bekommt interessante Kontakte und Einblicke.

Regensburg ist kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil droht vielen Selbsthilfegruppen in Deutschland das gleiche Schicksal: Wie woanders auch sind es meist nur wenige engagierte Personen, die aktiv sind und die Arbeit machen. Wenn die sich dann dafür zu alt fühlen, gibt es keine jungen Mitglieder, die nachrücken könnten. Denn viele Selbsthilfegruppen sind hoffnungslos überaltert. Ein „Generationswechsel“ ist mangels Masse nicht möglich. Große Patientenverbände entwickeln sich seit einigen Jahren immer weiter weg von mitgliederstarken Selbsthilfeorganisationen hin zu schlagkräftigen Lobby-Vereinen. Man vertritt zwar nicht mehr große Mitgliederzahlen, hat aber genug Geld, um sich ausgebildete Sozialmanager leisten zu können.

Hinter vorgehaltener Hand wird zugegeben, dass Mitgliederzahlen nach außen großzügig hochgerechnet werden. Regionalgruppen von großen Verbänden stehen oft genug nur noch auf dem Papier oder es gibt gerade mal einen Ansprechpartner. Tatsächliche Treffen finden kaum oder extrem selten statt. Trotzdem muss der Schein aufrechterhalten werden, weil es schließlich um Fördergelder geht. Auf die will niemand gerne verzichten.

Schon seit längerem diskutieren Selbsthilfe-Dachverbände, NAKOS und Krankenkassen darüber, wie dieser Trend aufgehalten werden könnte. Wodurch motiviert man andere Generationen zur praktischen Selbsthilfe vor Ort? Was kann eine Gruppe anbieten, das über das Internet nicht organisierbar ist? Wodurch unterscheidet sich die persönliche Begegnung im Verein von einem Chatter-Treffen?

Für viele Menschen sind persönliche Begegnungen mit Gleichbetroffenen und Gespräche von Angesicht zu Angesicht nicht durch Schreibkontakte zu ersetzen. Nicht jeder kann sich über die Tastatur so ausdrücken, wie im direkten Gespräch. Man sieht und spürt sein Gegenüber und kann damit seine Aussagen zur Krankheit oder Therapie auch gefühlsmäßig einordnen. Bei Treffen kann man solange nachfragen, bis man etwas verstanden hat – auch die eingeladenen Referenten. Durch gemeinsame Aktivitäten kann sich ein Gruppengefühl entwickeln, d.h. man geht da einfach gerne hin. Nicht jeder, der sich mit seiner Krankheit beschäftigt, braucht das. Aber das Internet mit seinen Patienten-Communities kann nicht alle Möglichkeiten der Selbsthilfe abdecken.

Die Zukunft der Patientenselbsthilfe liegt vermutlich darin, die Stärke der regionalen Gruppen mit den Möglichkeiten des Internets zu verbinden. Es wird immer Patienten geben, die lieber zu Gruppentreffen oder Veranstaltungen gehen, als im Internet Kontakte aufzubauen. Aber es gibt auch gute Gründe, nicht regelmäßig an Gruppenveranstaltungen teilzunehmen oder in einen Verein einzutreten. Da bietet es sich an, sich in  Patienten-Communities anzumelden.  Schließlich gibt es auch diejenigen, die beide Möglichkeiten nutzen. Die wissen dann vermutlich am allerbesten Bescheid.

Jeder, der einmal ein Ehrenamt übernommen hat, wird bestätigen können, dass es nicht nur eine Last ist. Dadurch, dass man Treffen vorbereitet, lernt man interessante Leute kennen und erfährt viel über die Zusammenhänge im Gesundheitswesen und im Endeffekt über sich selbst. Anfangs ist vieles neu, aber man wächst mit seinen Aufgaben und traut sich nach einiger Zeit Dinge zu, die man früher vermieden hat. Natürlich gibt es auch unbeliebte Verwaltungsaufgaben. Aber selbst darin wird man nach einiger Erfahrung routiniert. Das kann einem dann auch in anderen Bereichen weiterhelfen.

Rolf Blaga

Tipps für SH-Gruppen:
Es gibt eine Reihe von Texten zu den Problemen der Überalterung von Selbsthilfegruppen, dem notwendigen Generationswechsel und der Frage, wie junge Menschen in die Selbsthilfe integriert werden könnten.

Wer bei Google das Stichwort: „Generationswechsel in der Selbsthilfe“ eingibt, erhält über 60.000 Einträge. Lesenswert sind die Beiträge „Junge Menschen in der Selbsthilfe“ auf der Seite von NAKOS mit vielen weiteren Links zum Thema. Ebenso interessant sind die Beiträge von der Selbsthilfe-Fachtagung des AOK Bundesverbandes „Umdenken für den Generationswechsel notwendig“. Etwas älter ist das Spezial 12/2009 der AOK-Zeitschrift „Gesundheit und Gesellschaft“ zum gleichen Thema. Ausführlich hat sich Andreas Greiwe (DPW Emsdetten) mit dem Thema „Generationswechsel und Generationenkonflikte in Selbsthilfegruppen“ befasst.

Bildquellen

  • Anschub: ioannis kounadeas / Fotolia.com

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