„Akzeptiert die Krankheit als Teil von Euch selbst“

„Macht Euch nicht verrückt und akzeptiert die „Krankheit“ als Teil von Euch. (…) Leute, die dauernd ihre Psoriasis aus Scham verstecken, tun weder ihrer Psyche noch ihrem Wohlbefinden noch der Psoriasisausprägung selbst etwas Gutes.“ Der Erfahrungsbericht eines Betroffenen.

Ich bin 27 Jahre alt und bei mir ist die Psoriasis im sehr ungewöhnlichen Alter von 2 Jahren aufgetaucht. Meine Mutter entdeckte sie zunächst auf der Kopfhaut und schon bald hatte ich sie am gesamten Körper.

Vor allem die Ellenbogen, Oberarme, Knie und Oberschenkel wiesen Häufungen der Schuppen auf. Bis zur Pubertät war auch mein Gesicht – vor allem die Wangen – betroffen. Nach der Pubertät verringerte sich die Anzahl der Schuppen und im Gesicht verschwanden sie völlig. Häufungen sind nun nur noch an den Ellenbogen und Knien zu sehen, am restlichen Körper verteilen sie sich durchschnittlich im Abstand von 10 cm.

Im Winter ist die Schuppenbildung intensiver als im Sommer, was vor allem von der Sonne abhängt. Seit über 10 Jahren mache ich in der Algarve in Portugal Urlaub, wo ich die besten Erfahrungen bezüglich der Psoriasis machte. Ich habe, im Vergleich zum Mittelmeer, eine mindesten drei mal schnelleren Effekt des Rückgangs der Psoriasis, was vor allem durch das Klima und den Atlantik kommt. Ich lasse viel Sonne an meinen Körper und gehe immer im Meer schwimmen. Oftmals verschwindet die Psoriasis nach dem Urlaub fast völlig – allerdings ist der Zeitraum, in dem sie verschwindet, sehr variabel: z.B. letztes Jahr gab es schon nach 2 Tagen eine deutliche Verbesserung und nach 2 Wochen war sie sehr weit zurückgegangen. Dieses Jahr hatte ich den selben Erfolg erst nach 4 Wochen.

Reaktionen auf bestimmte Lebensmittel habe ich (noch) nicht feststellen können.

Im Sommer 1995 machte ich eine Therapie mit Psoralon und anschließender kurzer Teerbehandlung. Nach 6 Wochen war die Psoriasis zum ersten Mal in meinem Leben völlig weg. Im späten Winter hatte ich Prüfungsstress und prompt brach sie wieder aus.

Seitdem habe ich keinen Versuch mehr unternommen, da sie meiner Meinung nach sowieso wieder ausbrechen wird. Da lohnt der Aufwand nicht. Nachdem allerdings mein diesjähriger Urlaub zu einer starken Minderung der Schuppen führte, sank der voraussichtliche Aufwand auf schätzungsweise 2-4 Wochen. Im August werde ich diesen zweiten Versuch unternehmen.

Da ich schon seit frühester Kindheit mit der Krankheit zu tun habe, ist es für mich keine „Krankheit“ im eigentlichen Sinne, sondern einfach nur ein Merkmal – so wie z.B. Haar- oder Hautfarbe. Meine Ausprägung der Psoriasis behindert mich im Alltag nicht und so stört sie mich auch nicht. Die Psoriasis ist ganz einfach ein Teil von mir. Mir fehlen auch die schlechten Erfahrungen mit Mitmenschen, was vielleicht auch von meinem unbeschwerten Umgang herrührt. Ich habe also z.B. nie erlebt, daß mich jemand gehänselt hätte oder einen Bogen um mich gemacht hätte. Sicher wurde ich öfter drauf angesprochen, doch das waren immer ganz normale Fragen, da es ja keine so alltägliche Erscheinung für die anderen ist. Ich habe erklärt, was es war und damit war alles klar.

Die Krankheit ist mir als „Krankheit“ erst bei der Musterung bewusst geworden. Dort fragte mich die Ärztin, was ich da hätte und warum ich das nicht als Krankheit vorher angegeben hätte. Psoriasis war für mich so normal, dass ich alle möglichen Allergie-Atteste (Gräser, Heu, Staub, …) besorgte und gar nicht an die Psoriasis als Ausmusterungsgrund oder Grund überhaupt für irgendwas dachte. Jedenfalls wurde ich sodann aufgrund der Psoriasis ausgemustert, da die Bundeswehr angeblich die Uniformen hart wäscht und sie so eng sind, dass ich blutende Stellen bekommen könnte. Mir war das ganz recht und ich ging mit einem Erstaunen nach Hause, dass diese Kleinigkeit der Grund war.

Nachdem ich mich im Internet über Psoriasis erkundigt habe und mir immer mehr Publikationen zu diesem Thema auffallen, komme ich allerdings immer häufiger ins Grübeln, wenn es darum geht, ob ich die Psoriasis die ganze Zeit meines bisherigen Lebens verdrängt bzw. ignoriert habe. Ich komme jedoch immer zu dem Schluss, dass ich eigentlich doch sehr vernünftig mit der Krankheit umgehe, da sie mich im Alltag weder körperlich noch seelisch belastet und ich ja schließlich mit ihr aufgewachsen bin. Ich denke, es wäre ein Problem für mich, wenn ich sie erst später (z.B. mit 20 Jahren) bekommen hätte. Dann erst ist es ja ein Thema – für mich war es das nicht, da ich es ja nie anders kannte.

Eine Sache gibt mir jedoch trotzdem zu denken: Ich hatte noch nie eine feste Freundin. Sicher könnte das an vielen Faktoren liegen, doch es besteht halt die Möglichkeit, dass ein Faktor eben die Psoriasis ist. Ob es der entscheidende Faktor ist oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen, doch sollte es ein „Schwachpunkt“ von mir sein, so habe ich diesen immer in eine Stärke umgewandelt, indem ich mir sage, dass nicht jeder über einen solchen „Filter“ gegen oberflächliche Leute verfügt. Ich denke, dass diese Ansicht richtig ist, dennoch wurde sie nicht in Form einer festen Freundin belohnt.

Aber das Thema ist ohnehin zu Komplex, da ja über die Psoriasis hinaus noch sehr viele andere Dinge eine Rolle spielen …

Meine Botschaft an Psoriatiker, die nicht mit ihrer Krankheit umgehen können, ist folgende:

Macht Euch nicht verrückt und akzeptiert die „Krankheit“ als Teil von Euch. Wenn es eine Form ist, die zwar ab und zu jucken kann, aber sonst zu keinem körperlichen Unbehagen führt, sollte es nicht schwierig sein, auch ohne Hauttherapie damit umzugehen. Ich z.B. laufe, wie alle anderen, im Sommer auch mit kurzen Hosen und kurzen Ärmeln herum und gehe schwimmen, etc. Dieses Verhalten führt nämlich ganz nebenbei auch zur Verminderung der Schuppenflechte. Leute, die dauernd ihre Psoriasis aus Scham verstecken, tun weder ihrer Psyche noch ihrem Wohlbefinden noch der Psoriasisausprägung selbst etwas Gutes. So gesehen bin ich also „schamlos“ gegenüber meiner Psoriasis und das bilde ich mir nicht ein, sondern das ist so. Wer mich aufgrund meines „Merkmals“ nicht akzeptiert, verdient es auch nicht besser. Und ich sehe es als Vorteil, wenn sich solche oberflächlichen Leute schon vor dem Kennenlernen entlarven.

Nebenbei ist mir übrigens schon oft aufgefallen, dass viele Leute, die ein Stigma haben – egal ob Hautfarbe, auffällige Behinderungen oder Psoriasis, u.d.m. -, sehr oft die Schuld an alle möglichen vermeintlich-negativen Situationen auf das Stigma schieben.

Ich möchte dies bewusst nicht am Beispiel von Psoriasis klar machen, sondern an einem fiktiven Beispiel der Hautfarbe: Eine farbige Frau aus Nigeria ist in Deutschland und hat dort Erfahrung mit Rassismus gemacht. Sie hat nun leider das Vorurteil: In Deutschland gibt es viele Rassisten. Sie geht durch die Fußgängerzone und zufällig, als sie neben einer Gruppe von Menschen vorbei geht, hört sie hinter ihrem Rücken Gelächter. Sie denkt sofort – ohne es zu wissen -, dass das Gelächter ihr galt und sich diese Gruppe über sie lustig machen würde, da sie anders aussieht als die meisten in Deutschland. Sie findet damit eine Bestätigung des Vorurteils, dass die deutschen allgemein zu Rassismus tendieren. In Wirklichkeit hat die Gruppe jedoch über einen Witz gelacht, sie haben die nigerianische Frau gar nicht wahrgenommen.

Ich denke, dieses Beispiel lässt sich noch viel weiter ausmalen, der Zusammenhang zu Psoriasis dürfte auch klar sein. Man kann alles Mögliche für die schlechte Situation von einem verantwortlich machen und es ist furchtbar leicht, es auf den einen, hervorstechenden und scheinbar auf der Hand liegenden Grund zu schieben – nämlich der Psoriasis. Es erfordert sehr viel mehr Denken und Anstrengung, den wahren Grund zu finden.

Wer aus Bequemlichkeit zu faul zum an der Objektivität orientierten Denken ist, wird nicht glücklich und erst recht kein besserer Mensch.

Tamio Patrick Honma

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für deinen Bericht! Ich stimme Dir zu.
    Mir geht es ähnlich. Da ich die Psoriasis seit einem sehr jungem alter habe, fühle ich mich nicht krank sondern es ist einfech ein Teil von mir. Und wenn ich in den spiegel sehe, sehe ich mich und nicht die Schuppenflechte.
    Trotz allem muss ich dazu sagen, dass ich mich, wenn ich einen schweren Schub habe, trotzdem nicht wohl fühle. Ausserdem habe ich sehrwohl blöde, unwissende und unangebrachte Komentare erhalten.
    Ein Problem mit dem anderen Gschlecht hatte ich nie und ich hatte auch feste Freunde, ohne dass die Schuppenflechte eine Rolle gespielt hätte. Ich denke, das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*