Dialog mit meiner Psoriasis

RolfRolf Blaga hat einen Dialog mit seiner Psoriasis begonnen und setzt sich damit auf andere Weise mit der Schuppenflechte auseinander.

(1991)

Vor einigen Jahren hätte ich mit dir noch nicht reden können! Ich wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass du mich verstehen könntest, geschweige denn, dass du mir auch etwas zu sagen hättest. Stattdessen habe ich unter dir gelitten und das meiste in mich hineingefressen. Und das dreißig Jahre lang! Normalerweise habe ich immer versucht, dich zu verstecken. Das ging solange gut, wie du klein und unauffällig warst. Und vor allem, solange mir nicht jemand auf die Pelle gerückt ist. Aber immer dann, wenn ich mich ’nackt und bloß‘ gezeigt habe, musste ich zwangsläufig über dich reden: Wie harmlos du seist, würdest überhaupt nicht ansteckend sein und manchmal wärst du überhaupt nicht zu sehen. Du warst mir peinlich. Ich wusste nicht, wie ich dich erklären sollte. Das hat meine Kontakte gehemmt, vor allem zu Frauen, von denen ich berührt und gestreichelt werden wollte.

Ich habe mich bei anderen über dich beklagt, habe mich bemitleiden und trösten lassen. Weil es so schwer ist, dich loszuwerden, war ich verzweifelt. Deshalb bekämpfte ich dich mit allen Mitteln. Einige meiner Freundinnen halfen mir, dich los zu werden: sie schmierten mir Salben und Cremes auf deine Stellen. Ich suche nach Menschen, die mir Mut machen. Vor allem sollen sie mir bestätigen, dass sie dich gar nicht so schlimm empfinden. Aber gleichzeitig kann ich mir gar nicht vorstellen, dass sich jemand nicht an dir stört!

Es war ein langer, mühevoller Weg, bis ich mich mit dir auseinandersetzen konnte. Ich wusste ganz einfach nicht, dass Krankheiten einen tiefen Sinn haben können. Deshalb musstest du Dich von Jahr zu Jahr stärker bemerkbar machen und aufblühen. Meine Illusion, ich könnte dich aus meinem Leben herausdrängen, hast du zunichte gemacht. Nur deshalb habe ich angefangen, mich mit dir zu beschäftigen. Ich habe viele Informationen gesammmelt, Bücher über dich gelesen, Psycho-Seminare besucht und angefangen, mir meine Gedanken über uns beide zu machen.

Heute weiß ich sehr viel mehr über dich und will daraus etwas machen! Ein erster Schritt ist dieser Dialog zwischen uns beiden. Ich ahne, dass du mir etwas zu sagen hast. Es ist mir wichtig, deine Botschaft zu verstehen. Nur wenn ich deine „Wünsche“ kenne, kann ich auch etwas für mich selbst tun! Du zeigst mir den Weg, um mir dessen bewusst zu werden. Ich will dich nicht länger vorschieben, weil ich meine eigenen Bedürfnisse und Ziele nicht formulieren kann. Du sollst es nicht mehr nötig haben, ständig auf dich aufmerksam zu machen. Ich möchte eine Situation, in der du dich nicht ständig produzieren und überall zeigen musst, um überhaupt beachtet zu werden. Ich habe mir vorgenommen, dich ernst zu nehmen und dir zuzuhören. Mir ist klar, dass unser Reden nur dann einen Sinn hat, wenn ich daraus Konsequenzen ziehe! Ich muss also mein Leben allmählich so umstellen, dass wir miteinander und nicht gegeneinander leben.

Wenn ich erscheinungsfrei bin, betrachte ich mich gerne im Spiegel und gefalle mir. Meine Haut mag ich, weil sie weich ist und sich gut anfühlt. Sie ist sensibel und spürt vieles. Aber dann gerät meine Selbstsicherheit ins Wanken und ich bekomme Angst. Selbst wenn du kaum zu sehen bist, fürchte ich mich vor der Zeit, in der du meine Haut beherrschst. Ich weiss, irgendwann kommst du wieder! Aber es gibt viele Tage, an denen ich dich vergesse. Oder ich kümmere ich mich einfach nicht um dich, weil ich dich nicht so wichtig nehmen will. Das ganze geht nur solange, bis ich dich nicht einfach mehr übergehen kann. Hast du dich dann erst einmal auf meiner Haut ausgebreitet, machst du mich unsicher. Du stellst meine oft mühsam aufgebaute Selbstsicherheit auf eine harte Probe. Du bist der hässliche Teil meiner Haut, bist mir fremd. Ich will nichts mit dir zu tun haben und eigentlich nicht wahrhaben, dass es dich überhaupt gibt. Das gelingt natürlich nicht. Dann fühle ich mich dir ausgeliefert, von undurchschaubaren Mächten gesteuert.

Du machst, dass ich mich in meiner Haut nicht wohl fühle! Du juckst mich solange, bis ich mich wundgekratzt habe. Ich fühle die Spannung auf der Haut, wenn du Schuppen bildest. Deine Stellen sind hart und heben sich von meiner sonst weichen Haut ab. Wenn ich die Schuppen ablöse, hast du die Haut darunter gerötet, sie entzündet. Sie schmerzt, wie eine offene Wunde. Du krauchst in meine Fingergelenke und machst sie unbeweglich. Unter den Fingernägeln spüre ich deine Spannung. Die Nägel machst du hart und spröde und lässt sie bei der geringsten, unachtsamen Berührung abbrechen.

Du zwingst mich immer wieder, mich auf dich einzustellen. Du wirst aggressiv, wenn ich dich nicht beachte. Es soll mich dir zuwenden, dich regelmäßig und intensiv pflegen. Du willst liebevoll behandelt werden, wie ein Baby, das von seiner Mutter umsorgt wird. Du beherrschst große Teile meines Lebens. Wenn ich meinen Kopf nicht schuppenfrei bekomme, möchte ich mich am liebsten verkriechen und nicht aus der Wohnung gehen. Dann geht es mir schlecht. Nur mit großer Kraftanstrengung gehe ich unter Menschen. Ich „verkleide“ mich mit einer Strickmütze, die ich auch in Innenräumen trage. So sieht wenigsten niemand meine Schuppen oder meinen eingefetteten Kopf. Deinetwegen habe ich jahrelang als Erzieher gearbeitet. Nur in diesem Beruf konnte ich auch als erwachsener Mann kurze Hosen tragen, um Sonne an dich heranzulassen. Meine Haare muss ich oft extrem kurz schneiden lassen, damit ich dich besser behandeln kann. Du bist der Grund, weshalb ich fast nur noch in den Süden verreise und mich dort in der Sonne braten lasse. Wenn du meine Gelenke versteifst, muss ich die Finger ruhig halten und kann z.B. nicht mehr Gitarre spielen. In der Sexualität verlangst du von mir, viel vorsichtiger zu sein, weil ich mich sonst verletzen würde.

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie du aussehen könntest. Ich sehe dich als einen Lavastrom, der sich langsam, aber unaufhaltsam über meinen Körper ergießt. Es ist völlig unvorhersehbar, wann und an welcher Stelle du ausbrichst. Genauso undurchsichtig bleibt mir, weshalb du dich dann plötzlich wieder zurückziehst. Im bedrohlichen Gelb und Rot erreichst du die undenkbarsten Punkte meines Körpers. Ich höre deine Stimme als ein nie abbrechendes Weinen, das leise, ganz im Verborgenen tönt.

Die Psoriasis spricht:

Bist du endlich fertig mit deinem Selbstmitleid? Lässt du mich jetzt auch mal zu Worte kommen? Ich finde, du hast mich durchaus treffend beschrieben. Für dich sieht es so aus, als würde ich kommen und gehen, wann ich will. Du behauptest, du wärst mir ohnmächtig ausgeliefert und ich würde dir Angst machen. Hast einmal darüber nachgedacht, ob du mich nicht vielleicht nur vorschiebst? Du gibst mir die Schuld daran, dass du deine wirklichen Ängste nicht bearbeitest? Vieles packst doch aus Angst erst gar nicht an. Zum Beispiel deine ungeklärte berufliche Perspektive oder deinen Wunsch, aus der Stadt fortzuziehen. Warum planst du nicht in kleinen realistischen Schritten? Stattdessen hängst du großen Wunschträumen hinterher, die du nie erreichst!

Merkst du nicht, dass du es bist, der mir jedesmal den Grund dafür liefert, auf der Hautfläche zu erscheinen? Du trennst dich z.B. von deiner Freundin und fühlst dich dann nicht wohl in deiner Haut. Damit schiebst es aber mir zu, deine Gefühle auszudrücken. Ich wachse und breite mich aus, weil du stark tust. Zuerst warne ich dich lediglich. Niemand anderes außer dir selbst bemerkt mich. Ich lasse es zu, dass du mich noch gut vor anderen verbergen kannst. Passiert nichts, niste ich mich eben überall ein. Ich belege die sichtbare Haut genauso wie verborgene oder intime Stellen. Wenn du jetzt jemanden an dich heran lässt, musst du mich schon erklären und entschuldigen! Ich lasse mich aber nicht verstecken, solange du dich nicht endlich auch mit den „hässlichen“ Teilen von dir selbst beschäftigst.

Ignorierst du deine Situation, hindere dich daran, weiterzumachen wie bisher. Veränderst du nichts von selbst, zwingst du mich an Körperteile, die du eigentlich brauchst. Deine Finger, deine Beine, deine Gelenke, deinen Unterkörper. Gerade dort, wo es dir wichtig ist zu funktionieren oder makellos zu erscheinen, setze ich dir Grenzen. Diejenigen Stellen, die du so gerne Reibungen aussetzt, besetze jetzt ich. Vielleicht hörst du dann auf, dich für oder an anderen ständig aufzureiben! Warum machst du so wenig für dich selbst? Weshalb gehst du nicht vorsichtig und zärtlich mit dir selbst um?

Deine Beine lasse ich nicht in Ruhe, weil du gerne so tust, als würdest du fest mit den Beinen auf dem Boden stehen. Dabei weißt du ganz genau, wie oft du ängstlich und verletzlich warst. Aber nur wenn ich dich ständig dort jucke, berücksichtigst du vielleicht endlich auch deine Schwächen! Deine Ellenbogen dagegen habe ich in letzter Zeit geschont. Kann es sein, dass du sie jetzt besser einsetzt als früher? Deine Finger dagegen verdienen die Spannung! Du nimmst viel zu viel selbst in die Hand und steckst überall deine Finger hinein, obgleich du oft genug spürst, dass deine Kraft dafür gar nicht ausreicht! Gib doch einiges aus der Hand! Halte einfach deine Finger aus einigen Angelegenheiten heraus! Deine Gelenke bekommen mich seit einiger Zeit ebenfalls zu spüren. Du tust so gelenkig, als ob du noch ein junger Kerl wärst. Vor allem lässt du dir gerne bestätigen, wie jung und dynamisch du wirkst. Ich bremse dich, damit du dir nicht ein völlig falsches Bild von deinem wirklichen Alter und deiner Gelenkigkeit machst. Den Nägeln an Fingern und Fòßen habe ich ebenfalls die alte Elastizität genommen. Sie sind spröder geworden und brechen schneller ab. Nur so wirst du vielleicht endlich lernen, vorsichtiger mit dir selbst umzugehen und deine Kräfte einzuteilen.

Mein Wesen ist, dass ich schnell viele Hautzellen produziere. Die können dann zwar nicht ausreifen und ihre normalen Funktion erfüllen. Aber sie stopfen Löcher. Der Körper verlangt das immer dann, wenn eine Wunde zu schließen ist. Bei normalen Menschen ruhen sich 40% der Haut aus und der Rest produziert neue Zellen. Bei dir aber ist alles aktiviert und darauf ausgerichtet, eine scheinbare Wunde zu schließen. Du bist es, der das von mir verlangt! Zeige mir endlich dass du dich nicht immer gleich verletzt fühlst. Gehe doch endlich die unterentwickelten Bereiche in dir an, anstatt verwundet, unsicher oder sogar pessimistisch zu reagieren. Schritt für Schritt, wie du z.B. monatelang und mühsam das Tanzen gelernt hast.

Du musst mich nicht sofort ausrotten! Lasse mir bitte auch Zeit, damit ich mich in meinem eigenen Tempo entwickeln kann! Wenn du dich bemühst, ruhig und entspannt zu werden, muss ich mich nicht so aggressiv wehren. Was würde denn Schreckliches passieren, wenn du in deinem Alltag ganz bewusst ausruhst oder zu faul bist, etwas zu erledigen? Nicht als Termin, sondern weil du es wirklich genießt und dich danach sehnst!

Ich locke ständig neue weiße Blutkörperchen in deine Haut, als wären immer wieder Eindringlinge aufzuspüren und zu bekämpfen. Die an sich aussergewöhnliche Notsituation, sich wehren zu müssen, ist für mich alltäglich! Wann endlich gibst du mir zu verstehen, dass du dich nicht immer bedrängt fühlst? Nicht jeder, der in dein Leben eintritt, wird dir gefährlich und muss abgewehrt werden. Lasse dich doch auch auf andere ein! Warum denken so viele deiner Freunde, du hättest nie Zeit für sie? Du signalisiert oft, dass dein Tag verplant sei. Kannst du dir nicht mehr Zeit für sie nehmen? Ausserdem siehst du viele deiner Freunde und Bekannte zu kritisch. Weshalb stellst du an sie solch hohe Ansprüche? Nimm sie doch, wie sie sind und freue dich, dass du mit ihnen auch einfache Dinge machen kannst. Es gibt nicht die perfekten Menschen! Klammere dich nicht nur an wenige Menschen und stoße die restlichen nicht so leichtfertig weg. Du kannst doch realistisch einschätzen, was du mit wem machen kannst. Du musst nicht immer gleich enttäuscht zu sein, wenn jemand keine Zeit für dich hat. Fühle doch mal nach, wie es dir mit anderen Menschen geht und höre auf diese Gefühle!

Ich gebe den Hautzellen viel zu wenige und viel zu schlechte Informationen, um normal wachsen zu können. Aber woher soll ich denn wissen, was Normalwachsen ist. Nur du kannst mir mehr über das normale Leben beibringen. Dann muss ich auch nicht aus lauter Unsicherheit ständig hyperaktiv sein. Du bist es, der sich dagegen wehrt, erwachsen zu werden. Alltag ist kein Kino, sondern mühsam und ungerecht. Du musst dich klein fühlen, wenn du nur die alltäglichen Anforderungen bewältigst, ohne zu wissen, wohin es gehen soll. Kümmere dich um deine Pläne, Ziele und Bedürfnisse! Man kann gut leben und atmen, ohne gleich den „idealen“ Jobs, das „schöne“ Haus, die „Super-Frau“ oder „interessante“ Freunde zu haben. Es geht auch eine Nummer kleiner!

Ich sorge für Spannungen auf deiner Haut. Anders reagierst du nicht und sorgst nicht für Entspannung! Dein Kopf ist oft derart angespannt, dass du überhaupt nicht mehr abschalten kannst. Selbst wenn du es wolltest! Aber du willst das nicht wahrhaben oder vergisst schlichtweg, wie kopflastig und grübelnd du oft bist. Statt deinen Kopf zu entspannen, versuchst du, mich dort radikal zu beseitigen. Dabei rackerst du dich verzweifelt ab, um die Kopfschuppen weg zu bekommen! Interessant, wieviel Zeit du dir dafür nehmen kannst. Ich dachte, du hättest so viel anderes zu tun! Wenn du die Schuppen endlich beseitigt hast, zeige ich dir deine erst recht deine ganze Verletzlichkeit. Deine gerötete Kopfhaut ist nun wirklich empfindlich wie eine offene Wunde!

Ich jucke dich, damit du dich kratzen musst und nicht mehr so tun kannst, als würde dich das alles nicht jucken.

Rolf Blaga, Berlin

– erschienen erstmals im PSO Magazin 06/1992 –

[Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers]

Kontakt per E-Mail an RolfBlaga@gmx.de

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