Soziale Ausgrenzung von Menschen mit sichtbaren Hautveränderungen

H. Lutz, Diplompsychologe, PsoriSol Therapiezentrum GmbH

„Dich gibt’s zwei mal, einmal in der Kehrichtschaufel und einmal so!“ So, berichtet ein Patient mit Schuppenflechte, sei eine typische Äußerung seiner Ehefrau. Während hier noch schwarzer Humor und rauhe Herzlichkeit anklingen mögen, ist die Aufforderung des Bademeisters:“ Verlassen Sie bitte das Schwimmbecken, sonst beschweren sich die anderen Badegäste!“ bitterer Ernst im Leben vieler von sichtbaren Hauterkrankungen Betroffener.

Manchmal kann auch falsch verstandenes „Mitleid“ kränken und verletzen: „Oh Gott, wie Du das aushalten kannst, so herum laufen zu müssen!“. Es sind auch Unwissenheit und damit Angst vor Ansteckung, die Mitmenschen auf Distanz gehen lassen und den Erkrankten das Gefühl geben, „aussätzig“ zu sein. Tatsächlich wurde auch schon der Spitzname „Lepra“ berichtet.

Eine Unmenge von Kosmetika werden mit dem Versprechen jugendlicher Schönheit und damit natürlich auch einer makellosen Haut beworben. Cremes sollen die Haut so glatt und weich machen wie Babypopos, Make ups jede Unregelmäßigkeit überdecken, Gesichtswasser dem kleinsten Mitesser den Garaus machen. Sonnenstudios machen gute Geschäfte mit dem Wunsch nach „knackig brauner Haut“. Oft genug stehen solche „Verschönerungsmöglichkeiten“ Hauterkrankten nicht zur Verfügung, da sie der Haut auch schaden können.

Nicht nur für Jugendliche ist äußere Attraktivität zusammen mit dem Wunsch nach Anerkennung und Akzeptanz von zentraler Bedeutung. Vor allem Frauen, die in unserer Gesellschaft weitaus mehr dem „Schönheitszwang“ unterworfen sind, gehören zu denjenigen, die für Ausgrenzung sensibel und sozial ängstlicher geworden sind. Erstaunlich viele Patienten mit sichtbaren Hauterkrankungen sind glücklicherweise trotz der genannten Anfechtungen in der Lage, sich ein positives Selbstwertgefühl zu bewahren und sich im täglichen Leben nicht einzuschränken.

Nach wiederholten und intensiven negativen Erfahrungen nimmt es allerdings nicht wunder, daß Betroffene sich immer mehr zurückziehen und soziale Kontakte aus Angst vor Stigmatisierung meiden. Oft genügt schon allein die Vorstellung einer solchen belastenden Situation, um auf ursprünglich angenehme Aktivitäten wie Besuch von Kino, Schwimmbad oder Freunden oder einen Stadtbummel zu verzichten. So wird das Leben ärmer an Spaß und Abwechslung, was sich zunehmend auf die Stimmung, Initiative und Interesse und so auch auf das ohnehin angeschlagene Selbstwertgefühl auswirken kann. Es kommt zu dem, was Psychologen „selbsterfüllende Prophezeiung“ nennen: Man lehnt sich innerlich mit seiner Haut selbst ab, erwartet Ablehnung, und verhält sich auch dementsprechend, z.B. misstrauisch, „dünnhäutig“, vorwurfsvoll oder beleidigt und zieht sich zurück. Aufbau von Selbstsicherheit und Kontaktbereitschaft einerseits und Abbau von Ängsten und Vermeidung andererseits sind im PsoriSol-Therapiezentrum deshalb zentrale Bausteine des Gesundheitstrainings. „Es tut schon gut zu sehen, daß man nicht alleine mit seiner Hauterkrankung dasteht und zu spüren, daß es anderen genauso geht!“ Diese wichtige Erfahrung erleichtert es unseren Patienten im Gesundheitstraining, sich über ihre sozialen Probleme, Ängste und Hemmungen zu öffnen und sie damit einer Lösung zugänglich zu machen. Negative Annahmen über sich selbst, Selbstvorwürfe werden überprüft, entkräftet und an ihrer Stelle angemessenere und zweckmäßige Einstellungen gelernt und Selbstsicherheit eingeübt.

Viele erleben es auch als hilfreich, sich in der Gruppe mit anderen Betroffenen wieder Situationen auszusetzen, die schon längere Zeit vermieden wurden und so endlich wieder das Gefühl von Kompetenz zu spüren. Dabei ist klar, daß dies manchmal nur erste, allerdings sehr wichtige Schritte in Richtung mehr Selbstsicherheit im Umgang mit der chronischen Hauterkrankung sein können. Es bedarf des beständigen Übens und damit eines hohen Maßes an Selbstdisziplin, zu der wir unsere Patienten ermutigen und anregen. So nehmen viele, die schon einmal in unserer Klinik waren, gerne wieder an diesem Training teil, um Gelerntes aufzufrischen und neue Anregungen zu bekommen.

Quelle: PsoriSol – Haut und Allergie 1/2000

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