Haut reagiert sensibel auf seelische Konflikte

Psychische Faktoren spielen bei Auftreten und Verlauf von Hauterkrankungen oft eine große Rolle

Emotionen lassen sich oft schlecht verbergen. Da läuft jemand vor Wut rot an, ein anderer wird vor Schrecken ganz blaß, da treibt die Angst jemandem Schweißperlen auf die Stirn, da bekommt einer vor Aufregung ganz kalte und feuchte Hände, und dort entlarven Lachfältchen in den Lippenwinkeln gute Laune. Für solche vertrauten und persönlich kaum kontrollierbaren Reaktionen der Haut auf heftige Gemütsbewegungen haben Wissenschaftler seit langem eine Erklärung, und zwar den entwicklungsgeschichtlich gleichen Ursprung von Haut und zentralem Nervensystem. Die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen der Haut und dem subjektiven Erleben zeigen sich in ihrer unverkennbaren Weise aber nicht nur im Alltag, sondern spielen mittlerweile auch bei der Betreuung von Patienten mit Hauterkrankungen eine immer größere Rolle. „Es gibt etliche Hauterkrankungen, die durch die Psyche in ihrem Verlauf maßgeblich mitbeeinflußt sind“, betont Dr. Johannes Hockmann. Seit gut einem Jahr leitet der Arzt und Diplom-Psychologe die psychodermatologische Sprechstunde, die in der Hautklinik eingerichtet wurde, um psychosomatischen Aspekten in Diagnostik und Therapie einen größeren Stellenwert einzuräumen.

Bei Hauterkrankungen und Psyche liegt es nahe, zunächst einmal an jene Hauterkrankung zu denken, bei der dieser Zusammenhang schon im Namen deutlich wird. Neben der Neurodermitis sind nach Worten Hockmanns jedoch andere Erkrankungen womöglich sogar noch stärker mit psychischen Komponenten in Verbindung zu bringen. Zumal wenn es um die Einschätzung der Betroffenen selbst geht, scheint die Psyche bei einem anderen Krankheitsbild, und zwar bei der Schuppenflechte (Psoriasis), eine ungleich größere Rolle zu spielen: Immerhin rund 70 Prozent der erwachsenen Patienten geben an, daß sie bei der Erstmanifestation der Krankheit unter einer besonderen Streßsituation beziehungsweise unter seelischer Belastung gestanden hätten. Und bei Kindern mit Psoriasis soll dieser Wert Untersuchungen zufolge sogar bei 90 Prozent liegen, wie Hockmann betont. Vor dem Hintergrund, daß trotz nachgewiesener genetischer Disposition manche Menschen tatsächlich an Schuppenflechte erkranken und andere nicht, liegt es aufgrund dieser Zahlen nahe, daß psychische Faktoren bei der Suche nach möglichen Auslösern dieser Hauterkrankung mit in Betracht zu ziehen sind.

Im Fall der Neurodermitis, wo Dermatologen seit jeher auch ein Augenmerk auf die Psyche der Patienten legen, wird der Zusammenhang zwischen Krankheitsausbruch und psychischen Komponenten in der Einschätzung der Patienten niedriger eingestuft als bei der Psoriasis. Doch mit 40 bis 70 Prozent der Betroffenen, die die Auslösung ihrer Neurodermitis auf seelische Faktoren zurückführen, wird auch diese Krankheit nicht nur aus genetischer, allergologischer und immunologischer Sichtweise, sondern in hohem Maße auch unter psychosomatischen Gesichtspunkten betrachtet. Woraus sich zuweilen auch unmittelbare Konsequenzen für die Behandlung ergeben: „Die Psychotherapie sollte bei der Behandlung der Neurodermitits einen maßgeblichen Anteil haben“, betont Hockmann.

Bei den Erkrankungen der rund 50 vornehmlich stationären Patienten der Hautklinik, die auf Empfehlung ihres behandelnden Arztes bislang schon die psychodermatologische Sprechstunde aufgesucht haben, stehen Erkrankungen des atopischen Formenkreises, wozu auch die Neurodermitis zählt, und Schuppenflechte mit an oberster Stelle. Als Beispiel für weitere klassische Psychodermatosen nennt Hockmann die Prurigo, eine Erkrankung, bei der die Haut mit stark juckenden Knötchen übersät ist. Was die Art der psychischen Belastungen betrifft, die als Auslöser oder als Mitauslöser solcher Erkrankungen in Frage kommen können, so verweist der Psychosomatiker auf eine breite Palette möglicher seelischer Konflikte – von einer larvierten Depression über eine gestörte Elternbeziehung bis hin zu nachhaltigen frühkindlichen Erfahrungen.

Neben solchen Hauterkrankungen, bei denen psychische Komponenten gesichert als Auslöser eine Rolle spielen, verweist Hockmann auf Krankheiten, wie etwa Akne oder insbesondere auch Hautkrebs, die für die Betroffenen eine große Belastung darstellen. Häufig kommen sie allein nicht damit zurecht, die Krankheit zu bewältigen beziehungsweise mit ihr zu erleben, so daß ein großer seelischer Druck auf ihnen lastet. Ob es sich nun etwa um Jugendliche handelt, deren Selbstbewußtsein aufgrund der persönlich als häßlich und entstellend erlebten Akne daniederliegt, oder um eine junge Frau mit Hautkrebs, die mit ihrer lebensbedrohlichen Erkrankung nicht klar kommt – auch in all solchen Fällen kann eine Einbeziehung der Psychodermatologie für den Kranken eine große Hilfe sein, wie Hockmann betont. Er verweist dabei gleichzeitig auf entsprechende Erwartungen vieler Patienten: „Zwei Drittel aller Melanom-Patienten wünschen intensivere Gespräche, 15 Prozent explizit psychotherapeutische Hilfe.“Bei dieser Erkrankungsgruppe kann die Hautklinik allerdings bereits auf eine eigene Sprechstunde verweisen.

Neben den Hauterkrankungen, bei deren Erstmanifestation psychische Momente eine Rolle spielen können, und solchen, die ihrerseits die Psyche belasten, nennt Hockmann auch vermeintliche Hauterkrankungen, die im Grunde gar keine sind. Ein Beispiel sind die sogenannten Artefakt-Erkrankungen, bei denen sich eine Person beispielsweise selbst Schnittverletzungen oder sonstige Veränderungen an der Haut zufügt und damit ein Krankheitsbild simuliert. Hinter einem solchen Verhalten stehen häufig traumatische Kindheitserlebnisse, erklärt der Arzt, der auch hier Chancen für eine Psychotherapie sieht. Darüber hinaus verweist er auf Hauterkrankungen, die nur im Erleben der Betroffenen bestehen, wie beispielsweise Mykophobien. Menschen mit einem solchem Krankheitsbild sind der festen Überzeugung, daß ihre Haut und womöglich auch ihre inneren Organe von Pilzen übersät sind, ohne daß es einen konkreten Hinweis darauf gibt.

Einer möglichen seelischen Belastung oder gar einer ernsthaften psychischen Erkrankung von Hautpatienten auf die Spur zu kommen und ihnen einschlägige wohnortnahe therapeutischeWege aufzuzeigen, erfordert viel Sensibilität und Zeit. Eine Stunde nimmt sich Hockmann in der Regel Zeit für seine Patienten. Da er neben der psychodermatologischen Sprechstunde mit einem Großteil seiner Arbeitszeit als Stationsarzt eingebunden ist, kann er pro Woche nur wenige Patienten beraten. Therapeutisch tätig werden kann er daher auch bei diesen Patienten selbst allerdings nur im Ausnahmefall. Dazu ist auch der stationäre Aufenthalt der Patienten in der Regel zu kurz. Wenn seiner Einschätzung nach dennoch eine möglichst schnelle psychotherapeutische Intervention nötig ist, arbeitet er eng mit der psychosomatischen Abteilung der Kinderklinik (Czerny-Station), mit der Poliklinik für Psychiatrie und mit dem Institut für Medizinische Psychologie zusammen. Der in diesem Institut tätige Diplom-Psychologe Henry Buhk steht Hockmann beispielsweise häufig bei einer Kurzzeittherapie zur Krisenintenvention unterstützend zur Seite.

In Redewendungen kommen die Wechselwirkungen zwischen Haut und psychischem Erleben schon lange zum Ausdruck – da fährt beispielsweise jemand aus der Haut oder ein anderer fühlt sich seiner Haut nicht wohl. Viele Dermatologen schenken solchen Zusammenhängen indes nach Einschätzung Hockmanns noch zu wenig Bedeutung. Um so mehr freut er sich darüber, daß die hiesige Hautklinik bei allen Verdiensten um genetische, allergologische und immunologische Aspekte von Hauterkrankungen mit der Einrichtung einer psychodermatologischen Sprechstunde auch psychischen Faktoren gleichermaßen Beachtung schenkt. Jedoch würde er sich auch eine eigenständige Psychosomatik fürs gesamte Klinikum wünschen. Ein entsprechender Lehrstuhl ist zwar vorhanden, seit Jahren jedoch allenfalls kommissarisch besetzt. Wie aus dem Personaldezernat zu hören, liegt allerdings zur Zeit wieder eine Besetzungsliste der Fakultät vor, die jetzt die Gremien der Universität durchlaufen muß.

-REI-

Quelle: PulsSchlag – Informationsblatt der Medizinischen Einrichtungen der Universität Münster, Ausgabe 03/1998 (März.1998)

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