Die Haut – das sensible Organ

Mit Neurodermitis, Schuppenflechte und Nesselsucht machen sich häufig seelische Konflikte bemerkbar

Die Haut ist der Spiegel der Seele. Das klingt recht romantisch, doch es ist Realität. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass wir rot werden vor Scham und blass vor Schreck, dass wir schwitzen vor Angst und gelegentlich vor Erregung aus der Haut fahren möchten. Psychische Einflüsse können die Haut als Ergebnis eines wechselseitigen Prozesses von Körper und Seele strapazieren und krank werden lassen. Als Auslöser von Hautkrankheiten sind Konflikte, Ängste, Kränkungen und die Verluste wichtiger Bezugspersonen gut bekannt, und sie sind somit ein «bio-psycho-soziales Phänomen».

Mit rund zwei Quadratmetern Größe und einem Gewicht von bis zu zwanzig Kilogramm ist die Haut das größte Organ des Körpers, und sie ist mit vielen Aufgaben ausgestattet. Sie ist beispielsweise die Grenze zwischen Innen und Außen, Schutzschild und Abwehrorgan vor ungebetenen Eindringlingen, sie hat wichtige Stoffwechselfunktionen zu erfüllen. Und schließlich trägt sie mit Tast-, Schmerz- und Temperatursinn dazu bei, dass wir uns in der Umwelt zurechtfinden und uns unterschiedlichen Situationen anpassen können.

Wann aber, in welchen Situationen kann eine seelische Last die Haut krank werden lassen? Die Antwort darauf ist schwierig, und oft kann sie nicht eindeutig gegeben werden, denn das komplizierte Gefüge der sozialen Einbettung, in das der Hautkranke gestellt ist, das auf ihn einwirkt und das vor dem Hintergrund seiner individuellen Entwicklung gesehen werden muss, erschwert sowohl die Diagnose als auch die Therapie seelisch mitverursachter Hautkrankheiten. Erschwert ist es auch deshalb, weil kaum nachträglich bestimmt werden kann, wann – um an Sigmund Freud zu erinnern – «der geheimnisvolle Sprung der Krankheit von der Seele in den Körper» sich ereignet hat.

Es sind Umwelteinflüsse, Erbfaktoren, allergische beziehungsweise immunologische Ereignisse und eben auch seelische Konstellationen, die häufig zur Entstehung einer Hautkrankheit führen. Gerade die Verbindung von Psyche und Immunsystem ist es, für die sich die Forschung heute verstärkt interessiert – angesiedelt in dem noch jungen Fachgebiet Psycho-Neuro-Immunologie. Man nimmt an, dass von dieser Verbindung negative wie positive Impulse auf den Organismus einwirken.

Klassische psychosomatische Hauterkrankungen sind in erster Linie Neurodermitis, Schuppenflechte und Nesselsucht, seltener aber auch Akne, Herpes-Infektionen und Haarausfall.

Außerdem gibt es Hautkrankheiten mit schweren psychischen Problemen als alleiniger Ursache wie beispielsweise Selbstverstümmelungen, die sich ein Kranker zufügt und damit eine Krankheit vortäuschen möchte, oder weil er unbewusst das Bedürfnis hatte, sich selbst zu verletzen. Dazu gehören außerdem absichtliche Hautschädigungen wie die Haarrupfsucht, also der Zwang, sich büschelweise die Haare auszureißen. Ausdruck einer schwerwiegenden seelischen Störung ist schließlich auch die abwegige Vorstellung, in der Haut steckten unsichtbare Parasiten.

Die Dermatologie kennt aber neben den psychosomatischen auch die «somatopsychischen» Krankheitsbilder. Sie treten dann auf, wenn organisch bedingte Hautstörungen so stark sind, dass sie den Patienten nun auch noch seelisch krank machen. So können zum Beispiel alle sichtbaren Hauterkrankungen, die das äußere Erscheinungsbild negativ beeinflussen, depressiv machen und im Extremfall in eine totale soziale Isolation führen.

Die bedeutendste aller Hauterkrankungen, bei der psychische Einflüsse beobachtet wurden, ist die Neurodermitis, auch endogenes Ekzem oder atopische Dermatitis genannt. Eine Häufung kritischer Lebensereignisse wird als Auslöser eines Neurodermitis-Schubs vermutet, und alltäglichen Belastungen kommt große Bedeutung für den Hautzustand zu. «Es bestehen bei jedem an Neurodermitis erkrankten Patienten zusätzlich zu den die Krankheit auslösenden Umweltfaktoren individuelle, spezifische körperliche und psychische Prädispositionen», heißt es über die entzündliche Hauterkrankung mit dem starken Juckreiz in dem Fachbuch «Psychotherapeutische Medizin» , das von Prof. Hans Henning Studt, dem Leiter der Klinik für Psychosomatik, Psychotherapie und Allgemeinmedizin im Universitätsklinikum Benjamin Franklin mitherausgegeben wurde.

Der Zwang, auf den schier unerträglichen Juckreiz mit Kratzen zu reagieren – immer wieder und meistens durch Stress ausgelöst – ist die Voraussetzung für die Chronifizierung. Juckreiz, Kratzen, Verstärkung des Juckreizes und Hautentzündungen: Dieser Teufelskreis kann sich zu einem nicht mehr kontrollierbaren, selbstzerstörerischen Geschehen aufbauen.

Doch hier kann die Psychotherapie wirksam eingreifen. Zwischen den Krankheitsschüben kann es lange Phasen ohne Symptome geben, doch jeder seelische Stress birgt die Gefahr, den nächsten Schub mit Jucken, Kratzen, Hautentzündungen auszulösen. Bei Neurodermitis-Patienten sind Angst, Aggression und Depression als Mitverursacher bekannt.

In Deutschland leiden zwei bis drei Millionen Menschen unter Neurodermitis, darunter – bis zu 15 Prozent – Kinder. Die Krankheit tritt erstmals vor dem fünften Lebensjahr auf, oft auch schon als Milchschorf in der Säuglingszeit.

Weitere Zeiten für das erste Auftreten sind die Pubertät sowie das 30. und 50. Lebensjahr. Wegen des Juckreizes können viele Betroffene nachts nicht schlafen und haben demzufolge am Tage gegen Konzentrationsschwäche, Müdigkeit und Leistungsabbau mit allen Auswirkungen auf das soziale und berufliche Leben anzukämpfen.

Stärker noch ist die Schuppenflechte (Psoriasis) verbreitet, die – ebenso wie die Neurodermitis – eine starke genetische Komponente aufweist, also in bestimmten Familien gehäuft vorkommt und bei seelischen Belastungen mit einem neuen Schub mit Hautentzündungen reagiert. Oft sind bei der Schuppenflechte große Teile der Haut stark gerötet und mit den silbrigglänzenden Schuppen bedeckt. Das zentrale Problem der Betroffenen ist denn auch die Furcht vor Entstellungen durch sichtbare Hautschädigungen.

Manchmal wird sogar behauptet, die Psoriasis erhalte ihren Krankheitswert erst durch die Stigmatisierung und die sich daraus ergebenden sozialen Einschränkungen. «Viele Psoriasis-Patienten berichten darüber, dass Stress – ähnlich wie bei der Neurodermitis – die Hautsymptomatik verstärkt. Unklar ist jedoch bis jetzt, über welche psychobiologischen Mechanismen dies erfolgt», berichtet Prof. Studt. Jedenfalls aber können psychosoziale Faktoren über enge anatomische und funktionelle Verknüpfungen zwischen Zentralnervensystem und Immunsystem die Schuppenflechte beeinflussen.

Ein vergleichbarer Mechanismus dürfte auch bei der Entwicklung der chronischen Nesselsucht (Urtikaria) eine ausschlaggebende Rolle spielen, sofern eine allergische Ursache nicht vorliegt. Etwa bei der Hälfte der Patienten wird ein Zusammenhang zwischen seelisch belastenden Ereignissen und dem Beginn der Nesselsucht gesehen, die sich mit heftigem Juckreiz auf der Haut und mit flüssigkeitgefüllten Quaddeln äußert.

Ein bis vier Prozent der Bevölkerung, so wird in dem Buch von Prof. Studt geschätzt, sind von chronischer Nesselsucht betroffen, Frauen sehr viel häufiger als Männer. Fachleute gehen davon aus, dass psychologische Faktoren, insbesondere Stressbelastungen, bei der Entwicklung und bei der Aufrechterhaltung der chronischen Nesselsucht von großer Bedeutung sind.

Sehr viel seltener, doch um so erschütternder sind die Selbstbeschädigungen der Haut – Notsignale einer leidenden Seele. «Die Selbstbeschädigung wird in der Regel durch Kratzen mit Fingernägeln, absichtliches Reiben, Scheuern, Bürsten, durch Verbrennen mit einer Zigarette, mit Laugen, Säuren oder durch Stricknadeln, seltener durch Abbinden oder Kneifen erzeugt», beschreibt der Göttinger Dermatologe Prof. Klaus Bosse.

Vorausgegangene und schon wieder abheilende Verletzungen oder Narben veranlassen den Patienten zu immer wieder neuen Manipulationen an seiner Haut. Der Zeitpunkt der plötzlichen, gegen sich selbst gerichteten Aggressionen wird meist von besonders emotional belastenden Umständen bestimmt.

Als typisch bezeichnet Prof. Bosse den anhaltenden Wechsel zwischen Abheilung, sobald der Patient stützende Zuwendung erfährt, und erneuten Körperschädigungen, wenn neue seelische Belastungen einsetzen. Die Entwicklungsstörungen in frühester Kindheit und die daraus resultierenden schweren psychischen Konflikte gelten als entscheidende Ursache dieser Selbstschädigungen.

Psychotherapie macht das Leiden erträglicher

Bei der Deutschen Gesellschaft für Dermatologie gibt es seit einiger Zeit eine Sektion Psychosomatik. Dies belegt, dass der mitunter sehr enge Zusammenhang zwischen psychischer Belastung und Hautkrankheit auch wichtiger Aspekt der Diagnose und Therapie geworden ist. Von gleichem Rang ist in der Psycho-Dermatologie aber auch das Problem der Krankheitsverarbeitung, also die Frage, wie ein Hautkranker die sichtbare, mitunter entstellende Beeinträchtigung seines äußeren Erscheinungsbildes verkraftet. Dies gelingt oft nur mit einer ausgiebigen Psychotherapie.

Ein geschulter und erfahrener Dermatologe kann oft schon mit einem Blick erkennen, ob und wie weit bei einem Patienten der psychische Einfluss die Hautkrankheit ausgelöst hat oder sie aufrechterhält. Es gibt immer wieder Patienten, die schon selbst einen Zusammenhang zwischen seelischer Belastung und ihrer Hauterkrankung vermuten und deswegen auch schon an eine Psychotherapie gedacht hatten. Natürlich ist sie immer nur als Ergänzung zur körperlichen Behandlung mit unter anderem Bädern, Salben, Cremes und zeitweise auch Cortison zu sehen.

Doch die Chancen für ein Leben mit weniger Belastung und längeren beschwerdefreien Intervallen zwischen zwei Krankheitsschüben sind für viele Patienten größer, wenn neben der körperlichen Behandlung auch das psychische Krankheitsbild einer Therapie unterzogen wird. In dem von Prof. Dr. Hans Henning Studt vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin mitherausgegebenen Fachbuch heißt es dazu, bei allen Formen der Psychotherapie müsse der Patient gründlich informiert und zur Mitarbeit motiviert werden.

«Die Schwierigkeit der Psychotherapie besteht aber nun darin», so der Gießener Professor Uwe Gieler, «dass zwar der Arzt die Zusammenhänge bei dem Patienten emotional erfassen kann, der Patient selber aber sie nicht sieht. Im Gegensatz zur rein lokalen Therapie, bei der wir ein Symptom einfach wegtherapieren, ist es in der Psychotherapie entscheidend wichtig, die Bedeutung des Symptoms und seine Funktion im Leben des Patienten zu begreifen. Und noch wichtiger ist es, dass der Patient selbst die Zusammenhänge emotional erlebt, damit sich seine Hauterkrankung bessern kann.»

Damit tun sich viele Patienten recht schwer, weil sie nicht erkennen wollen, dass ihre Krankheit auch etwas mit ihrem Seelenzustand zu tun hat. Manche wehren sich gegen die empfohlene Psychotherapie, weil sie die lieb gewordene Vorstellung, ihre Hauterkrankung beruhe allein auf einer Allergie, nicht aufgeben können, und sie kommen zum Arzt mit der Gewissheit, körperlich krank und seelisch gesund zu sein.

Bei einer Gruppe von Neurodermitis-Patienten, die dermatologisch und psychotherapeutisch behandelt wurde, stellten sich positive Effekte ein: Der Hautzustand besserte sich, es waren weniger Medikamente nötig und der Kratz-Zwang wurde weniger zwingend. Die Patienten berichteten zudem, sie seien nicht mehr so depressiv und ängstlich und hätten mehr Selbstvertrauen.

Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder progressive Muskelentspannung sind für den Neurodermitiker wichtig, und ebenso auch die Verhaltenstherapie, die mit dazu beitragen kann, den Teufelskreis Jucken-Kratzen-Jucken zu durchbrechen. In einigen dermatologischen Zentren werden Schulungen für Hautkranke und ganz besonders für Neurodermitiker angeboten. Die Patienten werden dort informiert über krank machende Umwelteinflüsse, über die Rolle ungenügend bewältigter, seelisch bedingter Stress-Situationen, über Ernährungsfragen, den Umgang mit Cortison und über Strategien zur Bewältigung des Juck-Kratz-Zirkels.

Bei der Schuppenflechte, bei Nesselsucht und anderen psychodermatologischen Krankheiten sind – ebenfalls nur ergänzend zur dermatologischen Körpertherapie – ähnliche psychotherapeutische Behandlungsverfahren wie bei der Neurodermitis angezeigt, zum Beispiel eine psychoanalytische Therapie und auch immer wieder Verhaltenstherapie.

Es gilt im übrigen der Grundsatz: Je mehr der Patient über sein Leiden weiß, um so besser ist es. Er sollte Bescheid wissen auch über die Konsequenzen der Krankheit, ihre Auswirkungen in der Familie und eventuell in seinem Beruf. Der gut informierte Hautkranke kann nämlich sehr viel für sich selbst tun. Dazu sagt Prof. Bosse: «Der chronische Hautpatient hat mehr als Patienten mit anderen Organkrankheiten die Chance, durch eigene Aktivität und bewusste Erfahrungen auch die lokale Therapie seiner Krankheit selbst zu handhaben. Statt dass der Arzt mit väterlicher Autorität den passiven Patienten führt, sollte dieser, wenn seine Erfahrung ausreichend ist, zur Selbstständigkeit angehalten werden, um gemeinsam mit dem Arzt eine weiterführende Therapie zu besprechen, festzulegen und sie selbstständig anwenden zu können.»

Quelle: Berliner Morgenpost, 17. November 2000

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