Unter die Haut: Psychotherapie bei Schuppenflechte

Unter die Haut

Schuppenflechte lässt sich bisher kaum heilen, manche Fachleute setzen nun auf Psychotherapie

Von Ursula Frey

Es ist eine lange Geschichte. Eine lebenslange Geschichte. Als bei Ilona Bertram (Name geändert) aus Hannover die Schuppenflechte ausbrach, war sie gerade zwei Jahre alt, jetzt ist sie 44. Psoriasis, das bedeutete für sie: überall am Körper schuppige und gerötete Stellen, die ihr die Lebenslust nahmen. Schon als junges Mädchen war es für sie Routine, schamhaft ihre Haut zu bedecken. Denn trotz zahlreicher Therapien war ihre Krankheit ein dauernder Begleiter.

Dann entschied sich Ilona Bertram für eine Psychotherapie. Sie sprach mit dem Arzt über ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Haut. Alles wurde aufgewühlt, doch die Therapie erwies sich für sie als großer Erfolg. Heute hat Ilona Bertram meist nur noch kleine Stellen unter den Füßen oder Achselhöhlen.

Seltenere Schübe

Dass eine Psychotherapie Menschen mit Psoriasis helfen kann, unterstrich Gerhard Schmid-Ott von der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) während einer Psoriasis-Fachtagung in Bad Bentheim. Das bedeute allerdings nicht, dass grundsätzlich eine bestimmte seelische Problematik oder gar eine besondere Persönlichkeitsstruktur mit der Erkrankung einhergehe, sagt der Psychoanalytiker. Vor allem Patienten, deren Schuppenflechte in Behüben auftrete und bei denen sich der seelische Zustand deutlich auf die Schübe auswirke, könnten von einer Psychotherapie profitieren, so Schmid-Ott: „Man kann diesen Patienten mit Hilfe von 25 bis 50 Sitzungen die erscheinungsfreien Zeiten verlängern. “ Wichtig sei, dass der Arzt oder Psychologe Erfahrung in .der Behandlung von chronischen Hautkrankheiten habe.

„Nicht allen Psoriasispatienten ist auf diese Weise zu helfen“, schränkt der Arzt jedoch ein. „Denjenigen, deren Schüppenflechte ständig präsent ist, kann in der Therapie nur vermittelt werden, wie sie die Hautkrankheit psychisch besser bewältigen.“ Auch diese Art von Hilfe ist für viele Betroffene allerdings von großer Bedeutung. Denn die „Volkskrankheit Schuppenflechte“, an der drei bis vier Millionen Bundesbürger leiden, ist bisher kaum zu heilen. Und obwohl die Psoriasis keine Schmerzen verursacht sofern sie nicht die Gelenke in Mitleidenschaft zieht – und auch keinen ständigen Juckreiz mit sich bringt, leiden doch viele Erkrankte seelisch.

„Die Betroffenen fühlen sich häufig stigmatisiert“, weiß Analytiker Schmid-Ott. Andere Menschen meiden die Kranken manchmal, weil sie glauben, diese würden sich nicht genug waschen oder an etwas Ansteckendem leiden. Manche Betroffene fühlen sich aber auch nur benachteiligt, weil sie sich ihrer selbst nicht so sicher sind wie die Gesunden.

Zehrend quält sie die Frage, wie sie wegen ihrer Haut bei anderen ankommen.

Und wenn die Erkrankten eine Zurückweisung erleben, dann glauben sie häufig zuerst, ihre Schuppenflechte sei die Ursache dafür. „Die Haut ist nicht nur ein körperliches, sondern auch ein soziales Organ“, betont Schmid-Ott. Für viele ist das Selbstbewusstsein untrennbar mit ihr verknüpft, das Gefühl, attraktiv zu sein, ohnehin.

Deshalb haben die hannoverschen Forscher Strategien entwickelt, mit denen sich die seelische Seite der Krankheit besser in den Griff bekommen lässt. So üben die Betroffenen, auf Blicke angemessen zu reagieren. Denn weil Menschen von Natur aus neugierig sind, schauen sie häufig verstohlen auf die kranken Hautstellen, wenn sie jemandem mit Schuppenflechte begegnen. Die Folge ist ein böses Missverständnis: Der Kranke deutet die verstohlenen Blicke als Ablehnung und versucht, ihnen seine schuppigen Hautstellen zu entziehen. Der andere muss sich noch mehr Mühe geben, seine Neugier zu befriedigen, und glaubt, es gebe wirklich etwas zu verbergen.

„Die Anlage zur Psoriasis ist vererbt. Doch für den Ausbruch und den Verlauf der Krankheit können psychosoziale Faktoren mitbestimmend sein“, sagt Schmid-Ott. Der Alltagsstress mit der kranken Haut – wie Ärger wegen der Schuppen, Selbstwertprobleme unter Fremden und das Gefühl, ausgestoßen zu sein – schlägt sich auf den Gesundheitszustand nieder. Wer hier besonders sensibel reagiert, leidet unter schwereren und häufigeren Schüben als gelassenere Zeitgenossen, fanden die MHH-Forscher heraus. „Bedeutend sind außerdem die schwer auszuhaltenden inneren Konflikte, die Tage andauern“, betont Schmid-Ott. Dabei löst nicht etwa ein Verkehrsunfall einen Psoriasisschub aus, sondern eher der wiederholte Ärger am Arbeitsplatz oder der häufige Krach mit der Tochter.

Nur optisch etwas ungewöhnlich

Deshalb hat der Deutsche Psoriasis-Bund nun gemeinsam mit Gerhard Schmid-Ott und weiteren Psychotherapeuten und Hautärzten ein Konzept entwickelt, das Patienten ihr Leben mit der Schuppenflechte erleichtern soll. Dabei lernen die Betroffenen unter Anleitung von Fachleuten, wie sie ihren oft für jeden sichtbaren Ausschlag bei einem Vorstellungsgespräch geschickt als Thema einbringen oder die Krankheit anderen sinnvoll erklären. Motto: Schuppenflechte ist nicht ansteckend, sondern nur optisch etwas ungewöhnlich.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 14. März 2000

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