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Wiener Modell: Dermatologen und Psychiater agieren gemeinsam

Wiener Modell: Vorbildliche Liaison von Dermatologen und Psychiatern

Wenn die Haut krank ist, leidet oft auch die Seele. Psychodermatologische Patienten werden nach dem "Wiener Modell" von Dermatologen und Psychiatern gemeinsam betreut.

VON GERTA NIEBAUER

Einerseits wird die Haut als Spiegel der Seele bezeichnet, andrerseits aber können auch psychische Faktoren bei dermatologischen Krankheiten eine Rolle spielen und die Heilung verzögern. Dermatologen und Psychiater haben bei bestimmten Hautkrankheiten die Bedeutung von emotionalen Faktoren erkannt und sich deshalb zu einer Zusammenarbeit entschlossen. An der Abteilung für Allgemeine Dermatologie der Wiener Universitäts-Hautklinik gibt es eine Liaison-Ambulanz für Dermatologie, Parasitologie und Psychiatrie.

Hier werden psychodermatologische Patienten gleichzeitig von der Dermatologin Dr. Ulrike Mossbacher und Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Facharzt für Psychiatrie, betreut. Dieses vorbildliche Konzept läuft unter dem Titel "Wiener Modell".

"Die besten Erfolge erzielen wir durch die Kombination von dermatologischer Therapie, ergänzt durch Psychopharmaka inklusive Antidepressiva sowie einer kurzfristigen problemorientierten Psychotherapie und vor allem durch verständnisvolle Zuwendung", erklärt Mossbacher. Zum Kreis der Patienten zählen vor allem Menschen mit extrem starkem Juckreiz , wie bei der Neurodermitis, der Skabies, bei chronischen Ekzemen und Nesselausschlag (Urticaria).

Juckreiz und der darauf folgende Kratzreflex können zu einem Circulus vitiosus führen. Durch die mechanische Irritation werden neue Hautschäden verursacht, die weitere pathologische Hauterscheinungen und Infektionen auslösen. Der Juckreiz erzeugt geradezu eine "zwanghafte Hingabe", eine Art "Bearbeitungsreflex", dem nach dem Kratzen ein Lustgewinn folgt. Der Juckreiz wird für viele Patientenoft zum Hauptproblem - "es juckt mich so, ich halte es nicht mehr aus."

Der Psychiater Dr. Walter Pöldinger, emeritierter Vorstand der Psychiatrischen Univ-.Klinik in Basel, spricht von einer Dauerverstimmung, einer "Dysthymie". Vom Patienten werde diese leichte Verstimmung oft gar nicht wahrgenommen oder als schlechte Laune, Pessimismus, Reizbarkeit, Streß empfunden. Diese dauerhafte Verstimmung, die sich auch negativ auf das Immunsystem auswirken kann, könne mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern gut behandelt werden. Pöldinger: "Die Allgemeinstimmung wird positiver, der Patient ist besser drauf."

Ein erhöhtes Stimmungsbarometer hat für Patienten, die unter ihrem Erscheinungsbild leiden, wie etwa Akne- oder Psoriasis-Patienten, auch einen weiteren positiven Effekt: Durch die Verbesserung des psychischen Zustandes kann sowohl eine bessere Compliance im Therapieverlauf und damit eine Besserung des Hautbildes erreicht werden als auch die Bereitschaft, sich selbst zu akzeptieren. "Besonders Jugendliche haben oft große Probleme mit der Akzeptanz ihres Aussehens und den damit verbundenen sozialen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten", weiß Pöldinger.

Zu den Patienten, die von einer psychiatrischen Behandlung besonders profitieren, aber nie in eine psychiatrische Praxis gehen würden, zählen auch jene Menschen, die unter dem sogenannten Dermatozonenwahn leiden. Sie bilden sich ein, daß sich unter ihrer Haut kleinste Tierchen befinden, Würmer oder Insektenlarven, und kratzen sich dementsprechend heftig. Therapie gegen den Wahn Während der Dermatologe die Hautverletzungen behandelt, die sich der Patient selbst zugefügt hat, setzt der Psychiater eine problemorientierte Psychotherapie ein, um den Patienten aus seinem Wahn herauszuführen. Oft geht die Einbildung des Kranken so weit, daß er dem Arzt vermeintliche Restteilchen von "seinem" Tierchen mitbringt, die allerdings nur Hautabschürfungen oder Textilfasern sind. In diesen Fällen ist die Kooperation von Psychiater und Dermatologen besonders wichtig.

Quelle: Die Presse (Österreich), 26.01.2000

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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 02. Juni 2007 um 07:54 Uhr