Kein adäquater Ersatz für die Klimatherapie

Es gibt keinen adäquaten Ersatz für die Klimatherapie

Ein Vorstoß des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung geht zur Zeit dahin, stationäre Rehabilitationsmaßnahmen zu verkürzen oder gar zu ersetzen. Da die Gefahr besteht, dass in der Hitze der kostenorientierten Diskussion die medizinisch durchstrukturierte Vorsorge und Rehabilitation, die ihren medizinischen Wirksamkeitsnachweis erbracht haben, mit Sanatoriumsaufenthalten und Kuren etwa bei Stoffwechsel- oder Leberkrankheiten in einen Topf geworfen werden, mahnt der Autor die strenge Unterscheidung dieser Begriffe an.

Rehabilitationsmaßnahmen machen drei Prozent der Gesamtausgaben der Rentenversicherungsträger aus. Das entspricht acht Milliarden Mark. Fast die Hälfte aller Kranken, die von der Rentenversicherung einer Rehabilitationsmaßnahme zugeführt werden. leidet an Krankheiten der Bewegungsorgane. Die wichtigsten Diagnosegruppen zusammengefasst machen – einschließlich der Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten – etwa 90 Prozent der Diagnosen aus. Mit nicht einmal einem Prozent schlagen die Hautkrankheiten „zu Buche“.

Deshalb ist die Gefahr groß, dass die dermatologische Rehabilitation in den Sog fast rein kostenorientierter Strukturreformen gerät, die aus leicht einsehbaren Gründen bei einigen Hauterkrankungen medizinisch unangemessen sind. Es kann nicht angehen. dass einerseits daran geforscht wird, inwieweit Luftschadstoffe an der Entstehung atopischer Hauterkrankungen beteiligt sind, und dass gleichzeitig in den Ballungsräumen. wo die Luftschadstoffkonzentrationen am höchsten sind. ein Netz von Rehabilitationszentren für eben diese Kranken aufgebaut werden soll.

Außerdem treffen die Hauptkritikpunkte, die derzeit am Rehabilitationssystem in Deutschland oft vorgebracht werden, zumindest für die Klimatherapie von Hauterkrankungen in keiner Weise zu. Kritisiert wird beispielsweise generell die ungenügende medizinisch-wissenschaftliche Fundierung von Rehabilitationsmaßnahmen. Nun ist beispielsweise das Hochgebirgsklima die wohl bestuntersuchte Klimazone auf der Erde. Nicht nur Dermatologen, sondern auch Pneumologen, Internisten, Physiologen und Biologen haben seit gut hundert Jahren bis auf den heutigen Tag die Wirkungen der einzelnen Klimafaktoren sowie die Wirkung des Klimas als Ganzes auf die Haut und auf den gesamten Organismus über die Maßen gründlich untersucht. Es gibt dazu nicht nur eine reichhaltige wissenschaftliche Literatur, sondern es wurden auch vergleichende Untersuchungen der verschiedenen Heilklimazonen gemacht. Aufgrund dieser Untersuchungen stellen praktisch alle Hochgebirgsklima-Forscher fest, dass insbesondere die Haut und die Lungen – beides lebenswichtige Atmungsorgane des Menschen – ausgesprochen gut auf die spezifischen Klimareize in Höhenlagen über 1.500 Meter ansprechen, ebenso auf die Allergenarmut, auf das Fehlen von Hausstaubmilben und auf die besonders trockene und reine Luft.

Ein weiterer Kritikpunkt an der stationären Rehabilitation im allgemeinen ist, dass der gesundheits-ökonomische Nutzen der Rehabilitationsmaßnahmen nicht genügend dargelegt sei. Auch dies trifft zumindest für die Hochgebirgsklima-Therapie in keiner Weise zu. Es wurden – wenn auch nicht ständig, so doch grundsätzlich – die finanziellen Vorteile einer stationären Heilbehandlung für den Kostenträger berechnet, so dass der Nutzen von Rehabilitationsmaßnahmen im Hochgebirge auch im ökonomischen Sinne als nachgewiesen gelten darf.

Einige „Kurgegner“ lassen zuweilen durchblicken, dass rehabilitative Maßnahmen keinen nachweisbaren und längere Zeit anhallenden medizinisch-therapeutischen Nutzen hätten. Auch dieser Kritikpunkt geht an den Tatsachen vorbei. Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen. die eindeutig physiologische Langzeiteffekte bei  Hautkranken nach der Heilbehandlung im Hochgebirge gefunden haben und die – dazu korrespondierend – bei den chronisch-rezidivierenden Hautleiden verlängerte Rezidivintervalle und auf lange Sicht Erscheinungsfreiheit feststellen konnten. Aus Studien die von den Kostenträgern /um Teil selbst durchgeführt wurden, gehl außerdem klar hervor, dass die Patienten nach der stationären Heilbehandlung – insbesondere nach zwei bis drei Heilbehandlungen – signifikant weniger und wenn. dann deutlich kürzere Fehlzeiten wegen ihrer Hauerkrankung im Beruf hallen als vor dem Rehabilitationsaufenthalt.

Der Vorwurf, dass die Rehabilitationsmaßnahmen wissenschaftlich zu wenig fundiert, in ihrem Nutzen zu ungewiss oder gar ineffektiv seien, muss also für die stationäre klimatherapeutische Rehabilitation bei Dermatosen und Allergien als falsch zurückgewiesen werden.

Quelle: Sonderdruck Deutsches Ärzteblatt – Ärztliche Mitteilungen – 93. Jahrgang /Heft 30 / 26 Juli 1996

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*