Die Lust an Kur, Klima und Natur

Bad Reichenhall bietet „neue Wege zum Wohlbefinden“: Kompaktkuren in Gruppen als den ganzen Menschen umfassende Behandlung – Es gibt aber auch Kultur und Kühe, Boutiquen und Beauty für eilige Damen

Von ERMANO HOEPNER

Als sei Italiens Blumenstadt San Remo nicht weit, so spielen im Kurpark wieder die Wasser und leuchten die Früh- und Spättulpen. Rot, gelb, blau, fast alle Regenbogenfaben. Die alten Magnolienbäume treiben immer weitere Blüten, als möchten sie nach dem lästig langen Winter klarstellen: Nun erst recht! Der suchend umhergehende Parkbetreuer von Bad Reichenhall zeigt sich auch an warmen Tagen korrekt-adrett: weißes Hemd, Krawatte, maritimblaues Sakko, ganz wie auf See. Das nahe Theater im Kurgastzentrum kündigt „die beliebtesten Melodien von Lehar“ an, im Alten Kurhaus steigt wieder der Bayerische Heimatabend, was „zwegn der steten Nachfrage“ unbedingt sein muß.

Zwischen dem „Trend-Shop“ im Kurgastzentrum und der tausend Schritte weiter oben dominierenden Alten Saline liegt der Fußgängerbereich. Fast drei Kilometer Bummelpromenade, Einkaufsverlockungen, sprudelnde Brunnen. Laut Prospekt gibt es 330 Geschäfte, über 100 Wasserspiele, zudem Weinstuben, Bistros, Lokale wie „Der Kochlöffel“ und das famose Cafe Reber, in dem so ziemlich alles irgendwie gerötet daherkommt:

rote Tapeten, Lampen, charmant errötende Serviererinnen, rote Teppiche, auch Speisekarten und Mozartkugeln (heftig süß) in der Farbe der Liebe …

Bad Reichenhall im eindrucksvollen Umfeld zwischen Berchtesgadener und Salzburger Land weiß die hier an fast allen Ecken und Enden sichtbare Historie gut einzusetzen. Staatsbad, Solebad, Salatbad (Schlankheitsanwendungen), Single-Bad („im Einzelzimmer ohne Aufpreis“), Spaßbad mit Pauschalen „zu Freundschaftspreisen“, Spagat-Bad (im Ort: Kur und Kultur, außerhalb: Heimatliebe und stramme Kühe).

Aber auch oder ganz zuerst „Damenbad“. Schon im Park, in den Wandelhallen, auf der Shoppingmeile, am Tortenbüfett bei Reber: überwiegend mit der Welt zufrieden wirkende Frauen nahezu jeden Alters, meist ohne erkennbares. Hier im Heilbad zählen weniger die Lenze, eher die Lust an Kur, Klima und Natur. Denn abgesehen von den örtlichen Besichtigungsobjekten, der nach wie vor aktiven Salz- und Sole-Anlage Alte Saline, von den ungewöhnlichen Ausflugszielen, der Boutiquen-Konkurrenz gleich gegenüber in Salzburg, überhaupt von der klimatisch günstigen Lage: In diesem Kurort wird auch ernsthaft gekürt, wahrhaftig.

Schon durch die Gesundheitsreformen der alten Bonner Regierung wurden den Bädern insgesamt neben den klassischen Heilkur- und Kassenangeboten „mehr Ideen“ abverlangt. Mehr Inklusivpreispakete auch für Selbstzahler und den lange verpönten „Kurlaub“. Das nun haben die Reichenhaller vorbildlich geschafft. Zum Beispiel bei Frauenleiden und den an dieser Stelle erfolgreichen Kompaktkuren (von Kassen anerkannt).

„Kompakt“ verläuft hier eine besondere Form der bekannten ambulanten, also der freien Badekur. Dabei geht es um „eine den ganzen Menschen umfassende Heilbehandlung“ nach den jüngsten Erkenntnissen der Kurmedizin, meistens im Rahmen einer Gruppe mit höchstens zwölf Teilnehmern, immer ärztlich betreut und begleitet von einem erfahrenen Kurieiter. Dabei wird erlernt, wie der Mensch mit seiner Krankheit besser umgehen, wie und womit er selbst zu seinem Wohlbefinden beitragen kann. Zur Zeit genehmigen Krankenkassen in jedem vierten Jahr eine Kompaktkur, bei medizinischer Notwendigkeit in jedem Jahr.

Die kompakte Form der Behandlung wird in Bad Reichenhall für mehrere Komplexe angeboten. Als Atemkur (bei Asthma, Bronchitis, Infekten), als Anti-Streß-Kur (Entspannungstechniken), als Hautkur (z. B. gegenSchuppenflechte, Neurodermitis, Ekzeme). Auch die Hautkur verläuft vorwiegend in der Gruppe und ist mit einem „psychischen Training“ verbunden. Bei den Pauschalen gibt es nun auch Offerten wie „Eine Woche raus aus dem Alltag“ und „Fit durch Bewegung“ oder die „Vital-Woche“. Femer drei- undvierwöchige „Kurpakete“ und die vielgelobten „Beauty-Pakete“. Zum Beispiel für eilige Damen, die mit nur zwei Übernachtungen und etlichen Hilfsmitteln (Molkebad, das ideale Tages-Makeup, femöstliche Entspannung) zum neuen Aufschwung ansetzen möchten.

Wer die sich hinziehende Anreise scheut: Das Bad am Berg hält die Extra-Pauschale „Mobil mit der Bahn“ bereit. Dabei sind dann die Kosten fürs Bahnfahren, den Taxitransfer zum Quartier und ein paar hübsche Abwechslungen inklusive (je Woche bei über 350 km Bahnfahrt ab 660 Mark). Spaß ohne Mühe verspricht auch der einwöchige „Erlebnisurlaub“, bei eigener Anreise ab 450, mit Flug (via München) ab 842 Mark. Und das inklusive Bergbahnfahrt, Alpenpanorama, Solebewegungsbad und einer Begutachtung der Alten Saline, aus der Bad Reichenhall seit eh sein wichtigstes Kurmittel bezieht, die Sole.

Beim Stichwort „Schönheit“ betonen die Damen in der Kurverwaltung immer gern, daß „natürlich auch Männer“ an den Beauty- Künsten teilnehmen, nicht selten mit erstaunlichem Erfolg. So daß es zuweilen die eigene Familie schwer haben soll, ihren verjüngten Heimkehrer aus Bad Reichenhall auf Anhieb wiederzuerkennen … Eine Dame (sehr jung, naja!) mit Nelke ziert das Titelblatt des Reichenhaller Hauptkatalogs.

Quelle: Hamburger Abendblatt, 8.5.99

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