Heilbäder wollen Pille des Ruins nicht schlucken

Von Waltraut Rohloff

Der Beschluss des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen, wonach ambulante Balneo-Photo-Therapien für Hautkranke nicht mehr verordnet werden sollen, stößt auf Protest. Vertreter hessischer Heilbäder fürchten zudem weitere Einbußen, wenn ortstypische Heilmittel nur bei Kuren verwendet werden dürfen und Preise gesenkt werden müssen.

Patienten, Deutscher Psoriasis Bund und Neurodermitis-Verband, der Berufsverband der Dermatologen und Vertreter von Heilbädern nehmen den Mehrheitsentscheid des Bundesausschusses für Ärzte und Krankenkassen vom Dezember nicht widerspruchslos hin. Sie appellieren an Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Bündnisgrüne), den Beschluss zu beanstanden. Eine Stellungnahme des Ministeriums war gestern nicht zu erhalten.

Mitte Februar läuft die Beanstandungs-Frist ab. Bleibt das Veto aus, steht Versicherten der langwierige Weg einer Klage offen. „Die Bereitschaft von Patienten ist da“, verweist Bad Homburgs Kur-Geschäftsführer Peter Bruckmaier auf Patientenreaktionen an Krankenkassen.

Nach Ansicht von Bruckmaier und seinen Kollegen Bodo Scholz (Bad Soden) und Rainer Ost von einem Therapie-Fachzentrum in Bad Nauheim ist der Beschluss „sachlich falsch“ und die Wirksamkeit der bei ihnen praktizierten Behandlungsmethode chronisch Hautkranker zu belegen. Zudem seien ambulante Behandlungen für die Kassen preiswerter als Kuren oder Aufenthalte am Toten Meer. Für Bruckmaier liegt der Grund für die Entscheidung des Bundesausschusses nahe: Ambulante Verordnungen gehen zu Lasten des Ärztebudgets, Kuren nicht.

Den Heilbädern drohen jedoch noch von anderer Seite Einbußen. Auch ortstypische und natürliche Heilmittel etwa für Mineral- und Solebäder, Heilton- und Moorpackungen oder Inhalationen dürfen auf Anordnung der Kassen ebenfalls nur noch im Rahmen einer Kur abgegeben werden. Zudem müssen die Preise mit dem vom Bundesausschuss der Ärzte und Kassen erlassenen Heilmittel-Richtlinien abgeglichen werden. Und die gehen von niedrigeren Preisen aus.

„Das hat nicht nur für Patienten, sondern auch für die Heilbäder eine unglaubliche Auswirkung“, sagt Rainer Kowald, Chef der Kurbades Königstein und Geschäftsführer des Verbandes hessischer Heilbäder. Kurdirektor Bruckmaier sieht die Praxis der Mischkalkulation ausgehebelt und fragt sich, warum er jährlich mehr als eine Viertelmillion Mark für den Schutz der Heilquellen ausgeben muss, wenn es wie „normales Wasser“ abzurechnen ist. Von Privatpatienten und Kuren könne das Bad nicht existieren: „95 Prozent unserer Patienten sind nicht in Kur.“ Bruckmaier rechnet mit bis zu 15 000 Anwendungen weniger im Jahr. Über Auswirkungen auf Arbeitsplätze will er noch nicht sprechen. Eine Vertreterin des Bundesausschusses spricht von „gewisser Panik“ in Kurorten. Es sei nicht geplant, ortstypische Heilmittel zu unterbinden.

Quelle: Frankfurter Rundschau, 03.02.2000

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