Partnerschaft und Sexualität bei Psoriasis

Eva Rothermund und Doreen Sharav vom Institut für Sexualwissenschaften (Charité Berlin) wollten es ganz genau wissen. Ihre Fragen waren sehr intim: Die beiden haben untersucht, wie sich die Schuppenflechte auf Partnerschaft und Sexualität auswirken kann.

Ihre Erkenntnisse: Die meisten der befragten Psoriatiker fühlten sich durch ihre Krankheit nicht oder nur kaum in ihrem Sexualleben beeinträchtigt. Je zufriedener sie in ihrer Partnerschaft waren, desto weniger hat die Krankheit ihre Sexualität beeinflusst. Vor allem die Ängste von Psoriatikern, dass ihr Partner sie wegen der Krankheit ablehnen könne, stellten sich als unberechtigt heraus: Fast 70 % der Partner störten sich überhaupt nicht an der Psoriasis des anderen. Den Juckreiz jedoch empfanden alle als „Lustkiller“. Das Thema wurde bei den Befragten in der Partnerschaft selten offen angesprochen. Fast die Hälfte wünschte sich, besser beraten zu werden. Sexual-medizinisch weitergebildete Hautärzte sind aber bisher noch selten.

Die Aktion fand im Sommer 2003 statt. Es wurden nicht nur betroffene Psoriatiker befragt, sondern auch ihre Partner. Jeder beantwortete für sich einen 24 Seiten dicken Fragebogen – anonym und freiwillig. Die Antworten des anderen sollten aber nicht gelesen werden. Insgesamt beteiligten sich 1.076 Betroffene und 758 Partner daran. Es antworteten mehr Männer als Frauen. 50 Prozent der Betroffen hatten gleichzeitig Haut und Gelenk-Psoriasis. Das Durchschnittsalter lag mit 51 Jahren recht hoch. Ebenso die Krankheitsdauer mit durchschnittlich 30 Jahren.

Angeschrieben wurden alle Mitglieder des Deutschen Psoriasis-Bundes (DPB). Von ihnen antworteten 1.076 Betroffene und 758 Partner. Den geringen Rücklauf erklären sich die (ehemaligen) Studentinnen damit, dass der Fragebogen umfangreich zu intimen Themen Auskunft verlangte und die Befragung in der Sommerzeit durchgeführt wurde.

Gründe könnten aber auch sein: In der Generation derjenigen, die geantwortet hatten, wurde nicht so offen über Sexualität gesprochen wie heutzutage. Bei der Befragung waren sie in einem Alter, in dem Sex für sie vermutlich nicht mehr so wichtig ist wie in jungen Jahren. Außerdem geht man als „reifer Mensch“ normalerweise gelassener mit diesem Thema um. Nach so vielen Jahren verdrängen viele gerne ihre peinlichen Gefühle, die sie mit 20 oder 25 Jahren hatten. „Altersweisheit“ äußert sich auch darin, dass man Probleme der Jugend herunterspielt oder relativiert. Nach 30 Jahren Krankheitsdauer haben viele es entweder aufgegeben, sich darüber aufzuregen oder sich mit ihrer Psoriasis arrangiert.

Es antworteten mehr Männer als Frauen. 50 Prozent von ihnen haben neben der Hautkrankheit auch Beschwerden an den Gelenken.

  • 80 Prozent der Antwortenden waren in einer Partnerschaft.
  • 70 Prozent von ihnen haben Kinder.
  • 60 Prozent sind berufstätig.
  • Der durchschnittliche Schweregrad der Psoriasis (PASI) lag bei 18,9 Prozent. „Es beteiligten sich offenbar eher diejenigen mit einer schweren Psoriasis“, erklärt Doreen Sharav.
  • 20 Prozent der Antwortenden waren Singles.
  • Fünfzehn Prozent der Paare waren homosexuell – zehn Prozent männliche und zehn Prozent weibliche Paare. Ihre Erfahrungen und die Dauer der Partnerschaft unterschieden sich nicht von den anderer Paare.

Gefragt wurde unter anderem, wie viel Prozent der Haut von der Schuppenflechte betroffen sind und an welchen Stellen sie „sitzt“. Außerdem ging es um Partnerschaft und um sexuelles Verhalten – beispielsweise, wie oft der Geschlechtsverkehr „geschieht“ oder ob sexuelle Funktionsstörungen bemerkbar sind.

Problem Frauen Männer
kein sexuelles Verlangen (Appetenzstörung) 10,0 18,6
Orgasmusstörung 14,8 5,9
Erregungsstörung 21,0 16,7
vorzeitige Ejakulation oder Vaginismus 7,7 15,1
Schmerzen beim Geschlechtsverkehr 14,4 10,4
sexuelle Aversion 22,5 19,7

Sexuelle Aversion äußert sich zum Beispiel darin, dass der Mann solange Fußball guckt, bis die Frau entnervt ins Bett gegangen ist – damit er nicht mit ihr „schlafen“ muss. Wichtig ist: All diese Störungen sind auch bei Menschen ohne Schuppenflechte vorhanden.

Ergebnisse der Befragung

  • Die sexuellen Funktionsstörungen sind unabhängig vom Alter – außer die Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.
  • Auffällig häufiger als bei gesunden Menschen haben diejenigen mit Schuppenflechte kein Verlangen nach Sexualität. Besonders häufig ist dies bei Psoriasis arthritis. Die Studienleiterinnen vermuten die mangelnde Beweglichkeit als Hauptgrund.
  • Je stärker die Schuppenflechte ist, desto größer ist die sexuelle Dysfunktion.
  • Betroffene mit Schuppenflechte in der Leisten- oder Genitalregion
    • haben seltener eine ungestörte Sexualität
    • haben häufiger Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
  • Die Partner beurteilen die Partnerschaft optimistischer als die Betroffenen mit Schuppenflechte.
  • Nach Seitensprüngen befragt, erwies sich: Die Menschen mit Psoriasis und ihre Partner sind sehr treu.
  • Für 3,6 Prozent der Betroffenen ist eine Schwangerschaft nicht vorstellbar. Bei den Partnern sehen nur 5,7 Prozent dies genauso.
  • Acht Prozent der Betroffenen haben Angst vor einer Schädigung des Kindes durch Medikamente. Bei den Partnern sahen 4,5 Prozent genauso.
  • 44,9 Prozent der Antwortenden wünschten sich eine bessere Beratung.

Erfahrungen zeigen, dass sich junge Psoriatiker oft schwer mit ihrer Sexualität tun: Sie klagen über Schmerzen beim Sex, fühlen sich eingeschränkt und hilflos. Wütend gegen ihr Schicksal befürchten sie, dass die Psoriasis sie als Sexualpartner uninteressant macht. Der herrschende „Schönheitskult“ stempelt jeden ab, der nicht genau diesem Ideal entspricht! Die Ergebnisse der Befragung widersprechen außerdem mehreren Studien, bei denen die Lebensqualität von Psoriatikern untersucht wurde. Dabei wurden alle Bereiche abgefragt und nicht nur das Sexualverhalten. Danach steht die Psoriasis gegenüber anderen Krankheiten bei den körperlichen Belastungen an zweiter, beim psychischen Leidensdruck an dritter Stelle. (siehe auch hier). Zehn Prozent der Psoriatiker haben wegen ihrer Krankheit schon einmal an Selbstmord gedacht.

„Oft wird eine Schuppenflechte in der Leisten- oder Genitalregion beim Hautarzt diskret verschwiegen“, so Doreen Sharav. „Dabei: Wenn man beispielsweise die Leisten mit Vitamin-D3-Salben wie Psorcutan oder Silkus behandelt, hilft das oft sehr schnell.“

Hinweis für Ärzte: Hautärzte, die sich zum Thema Sexualität und Partnerschaft weiterbilden möchten, könnten sich an das Institut für Sexualmedizin in Berlin wenden (Telefon 030/6238988)

Wie stark stört Sie die Psoriasis in der Sexualität?

Betroffener Partner
gar nicht 33 Prozent 68 Prozent
gering 37 Prozent 22 Prozent
stark 21,8 Prozent 8,5 Prozent
sehr stark 6,6 Prozent (sehr wenige)

Fazit der Studienleiter: Die Partner stört die Psoriasis gar nicht so oft wie die Betroffenen.

Quellen:

  • Vortrag von Doreen Sharav im Psoriasis Forum Berlin
  • Zeitschrift „Sexuologie“, Ausgabe 3-4/2004
  • Information des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité

Bildquellen

Über Claudia Liebram 279 Artikel
Claudia Liebram ist Berlinerin mit Leib und Seele. Dort arbeitet sie als Redakteurin. Ihre Psoriasis begann, als sie 3 Jahre alt war – viel Erfahrung also, die sie weitergeben kann.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*