Wir haben’s an der Haut – nicht am Kopf (1)

Lyto B12 – ein Wundermittel bei Psoriasis?

Frau am Kosmetikregal

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Den Anfang macht ein Produkt, das in nahezu klassisch typischer Weise als Wundermittel angepriesen wird. Es geht dabei um eine Creme mit dem Wirkstoff Vitamin B12. Der machte unter dem Namen Regividerm im Jahr 2009 Furore. Seitdem hoffen immer wieder Neurodermitiker, aber auch Psoriatiker, dass sie ihre Krankheit mit Vitamin-B12-Cremes nebenwirkungsfrei behandeln können.

Lyto B12 – ein Wunder?

Dazu gehört zum Beispiel die Creme Lyto B12. Auf der Seite des Produkts für Deutschland und Österreich [1] wird Patienten „garantiert“, sie von ihren „Beschwerden [zu] befreien“ – so wörtlich eine Sandra Bierstedt. „Als Gesundheits-Expertin habe ich viele dieser Menschen und Betroffene beraten. Und alle sagen: ‚Wir sind geheilt’!“

Das gelte für Neurodermitis, Hämorriden, Nesselausschlag, Schuppenflechte, Wunden und Risse, offene Stellen, Hautausschläge oder andere Haut-Irritationen. „Die meisten Ärzte sagen“, so Bierstedt, „in Fällen von schwerer Neurodermitis, Psoriasis, Juckreiz etc. kann man eben nichts machen.“ Doch das, so Bierstedt, stimme nicht. Sie habe die Lösung.

Wer ihre Verhaltens-Tipps, vor allem für die Ernährung umsetzen und auf Kortisonprodukte verzichten würde, bekäme eine „wunderbar gesunde Haut“. Immer wieder weist sie auf die Creme Lyto B12 hin, zum Beispiel als „pflegende Unterstützung in Akutfällen“. Am Schluss ihrer Ausführungen kann man die Creme bestellen.

Auf der Internetseite der Lyto-B12-Creme für den Schweizer Markt verzichtet Sandra Bierstedt auf ausführliche Tipps. Hier behauptet sie, dass allein die Creme „die Lösung auf jedes noch so drängende Hautproblem“ sei. Sie verweist darauf, dass das Produkt „bei schweren Hautleiden wunderbare Ergebnisse“ erziele. Es würden „selbst hartnäckigste Hautprobleme für immer gelöst. „Immer mehr Ärzte empfehlen“ die Creme Lyto B12 und „die, die es bereits ausprobiert haben, sprechen von einem Wunder.“ Als Beweis wird der Fall der 18-jährige Katrin B. aus München aufgeführt, die dank der Lyto-B12-Creme „frei von Neurodermitis“ geworden sei.

Lyto B12

Erklärt wird die therapeutische Wirkung der Creme mit „einer völlig neuartigen und erst jetzt möglichen Wirkstoff-Kombination“ aus der Natur: Elektrolyte würden die Leitfähigkeit der natürlichen Wirkstoffe erhöhen. Sie würden dafür sorgen, dass sie an der eigentlichen Störstelle wirken. Die Creme sei mit der „wertvollen Grundsubstanz Grander-Wasser“ hergestellt. Vitamin B12 fördere das Wachstum neuer, gesunder Zellen. Das Pflanzenextrakt Cardiospermum lasse „die Haut wieder gesund werden“. Die rechtsdrehende Milchsäure „erhöht die Zellatmung und regeneriert den Säuremantel der Haut“.

Für eine weitere Creme ohne Vitamin B12 gibt es fast genau die gleiche Seite. Eine andere „Spezialistin für Hautgesundheit“, Angela Peters, äußert sich zur ECR®-Creme. Der Text ähnelt dem, den Frau Bierstedt zur Lyto-B12-Creme verfasst hat. Die gleiche junge Frau, die berichtet hat, ihre Neurodermitis sei dank der Creme Lyto B12 verschwunden, behauptet das auf dieser Seite von der ECR®-Creme.ECR-Creme

Kommentar zu Lyto B12 und den Werbe-Versprechen

„Kosmetik mit Doktorfaktor“ (Cosmeceuticals) bieten viele große Firmen an. Die Werbung verspricht, eine Creme würde zum Beispiel die Haut entfetten, Altersfalten beseitigen, Juckreiz lindern, bestimmte Bakterien bekämpfen oder Bindegewebe bilden. Manchmal wird das durch Studien belegt [2]. Nicht immer sind diese Wirkungsversprechen glaubwürdig. Alle diese kosmetischen Produkte sollen medizinisch wirken, ohne jedoch als Medizinprodukt oder Arzneimittel geprüft und zugelassen zu sein.

Komplette Heilung durch eine Creme?

Die Werbung für die Creme Lyto B12 geht über behauptete Einzeleffekte hinaus. Im Vordergrund steht die therapeutische Wirkung auf komplette Krankheitsbilder – selbst in schweren, chronischen Fällen. Heilung wird direkt versprochen oder den Patienten in den Mund gelegt. Oft wird behauptet, ein Wirkstoff oder Kombinationen seien neu entdeckt worden. Diese Werbung folgt damit einem Muster, das typisch für Anbieter so genannter Wundermittel ist [3]. Behauptungen und Wirkungsbeweise sind meist nicht nachprüfbar, Fälschungen weit verbreitet. Die Werbung für solche Produkte ist im Endeffekt illegal [4].

Im beschriebenen Fall bezeichnet sich Sandra Bierstedt als „ Haut- und Gesundheitsexpertin“. Unklar bleibt, welche fachliche Qualifizierung sie berechtigt, Heilung bei chronischen Hautkrankheiten zu versprechen. Nachprüfbar ist lediglich, dass sie Geschäftsführerin der Arthroexpress GmbH ist, eines „Versandhandels mit nichtverschreibungspflichtigen Gesundheits- und Kosmetikprodukten für Endverbraucher“. Es gibt Adressen-Identitäten mit dem Schweizer Anbieter der Creme Lyto B12.

Angeblich versagt die Schulmedizin

Auf der Seite für Deutschland und Österreich ist die Werbung für die Lyto-B12-Creme eingebettet in praktische Ratschläge, die durchaus sinnvoll sein können. Aber es ist kaum zu glauben, dass für völlig unterschiedliche Hautkrankheiten (von Psoriasis bis zu Hämmoriden) die gleichen Ernährungsregeln gelten sollen. Bisher ist wissenschaftlicher Standard, dass es keine Diät gibt, mit der die Psoriasis gelindert, geschweige denn „geheilt“ werden kann. Auch wenn es immer wieder Apologeten gibt, die das Gegenteil behaupten [5]. Bewiesen ist, dass die Therapie der Psoriasis besser anschlägt, wenn übergewichtige Psoriatiker deutlich abnehmen.

Typisch sind kritische Hinweise auf die Schulmedizin, um enttäuschte Patienten zu überzeugen. Trotzdem ist die Behauptung von Frau Bierstedt falsch, dass „die meisten“ Dermatologen ratlos seien und meinten, bei schwerer Psoriasis könne man eben nichts machen. Spätestens seit Einführung der Biologika ist das Gegenteil der Fall: Mediziner wie Professor Thomas Luger sprechen sogar von einem „Einstieg in die praktische Erscheinungsfreiheit.“

Ebenfalls typisch ist die Kritik an kortisonhaltigen Präparaten. Damit werden längst überholte Ängste geschürt und aktuelle Entwicklungen ignoriert: Im Gegensatz zu früher gibt es unterschiedlich stark dosierte Kortisonpräparate. Deshalb treten die beschriebenen typischen Nebenwirkungen heutzutage nur noch selten auf. Fast alle dieser Nebenwirkungen verschwinden nach einiger Zeit, wenn man das Medikament abgesetzt hat. Kortison wird vor allem vorübergehend zur „Ersten Hilfe“ eingesetzt, wenn starke Entzündungen schnell abklingen sollen [6].

Behauptungen statt wissenschaftlicher Beweise

Naturheilkundliche Mittel wirken meist mild und langsam. Aber sie wirken erfahrungsgemäß nicht im aktuellen Schub. Deshalb ist nicht zu erwarten, dass die Creme Lyto B12 wie sie behauptet, „in Akutfällen“ angebracht sei.

Was viele nicht wissen: Neurodermitis (Atopische Dermatitis) verschwindet bei den allermeisten Patienten nach der Pubertät von allein. Es kann, muss aber nicht die Creme gewesen sein, die der jungen Frau geholfen hat. Frau Bierstedt spricht von „hunderten weiterer Beispiele begeisterter Anwenderinnen und Anwender“, ohne das zu belegen. Solche Zuschriften sind nicht nachprüfbar und werden oft gefälscht. Nur eine wissenschaftliche Studie kann nachweisen, bei wie vielen Menschen ein Stoff wirkt. Dass der Fall der jungen Frau auch für eine weitere Creme benutzt wird, macht die Beweisführung nicht besonders glaubwürdig.

Was wirkt in der Creme?

Die Lyto-B12-Creme soll wegen der enthaltenen natürlichen Stoffe besonders effektiv sein. Tatsächlich führen die Anbieter die Inhaltsstoffe auf ihren Seiten nicht auf. Sie sind nur über den Umweg eines vergrößerten Packungs-Fotos zu ermitteln.

Die Behauptung, äußerlich aufgenommene Elektrolyte könnten Wirkstoffe gezielt an „Störstellen“ leiten, ist nicht nachzuvollziehen. Elektrolyte erhöhen zwar die Leitfähigkeit von Lösungen, aber ihr hoher Salzgehalt müsste eigentlich die Haut eher austrocknen.

Grandner-Wasser wird in esoterischen Kreisen heilende Wirkung zugeschrieben. Der Wasserchemiker Dr. Helge Bergmann bezeichnet das als „pseudo-wissenschaftlich“ und „ohne nachvollziehbare Beweise“ [7].

Die Wirkung von Vitamin B12 ist falsch dargestellt: Es bindet, so Professor Clemens Allgaier, rein physikalisch Stickstoff-Monoxyd (NO). Eine so verringerte NO-Konzentration in der Haut von Patienten mit Psoriasis oder dem atopischen Ekzem führe dazu, dass die Entzündung zurückgeht. Ob das tatsächlich so abläuft, ist aber umstritten. Einer großen Mehrheit von Psoriatikern und Neurodermitikern hat eine Creme mit Vitamin B12 nicht geholfen [8].

Die Arzneipflanze Cardiospermum (Ballonrebe, Herzsame) wirkt entzündungshemmend und juckreizlindernd.

Rechtsdrehende Milchsäure wird therapeutisch von Naturheilkundlern und Homöopathen eingesetzt. Sie wandelt Zucker in Energie um. Ihre Bakterien sorgen für einen gesunden Darm. Ob sie tatsächlich durch „Zellatmung“ den Organismus mit mehr Sauerstoff versorgt, ist umstritten. Eine „säureregulierende“ Wirkung ist denkbar [9]. Welche Auswirkungen diese Effekte auf eine entzündliche Hautkrankheit wie die Psoriasis haben sollen, bleibt unklar.

Hände weg bei schwerer Psoriasis

Wer aufgrund dieser Behauptungen zur Creme Lyto B12 greift, anstatt sich sachgerecht behandeln zu lassen, riskiert bei einer schweren Psoriasis gefährliche Begleiterkrankungen [10]. Denn die Entzündungen bleiben weiterhin im Körper aktiv.

Bei einer leichten Psoriasis ist es kein Problem, eine Vitamin-B12-Creme auszuprobieren. Die Lyto-B12-Creme ist aber aus unser Sicht überteuert. Es gibt im Internet deutlich günstigere Angebote. Am billigsten ist es wohl, sie sich in der Apotheke anrühren zu lassen (siehe Rezeptur).

Übrigens: Dass die Creme Lyto B12 eine Pharma-Zentral-Nummer (PZN) hat, bedeutet nicht, dass sie pharmazeutisch geprüft wurde. Eine PZN ist eine reine Vertriebsnummer und kann von jedermann beantragt werden.

Fazit: Wir haben’s an der Haut und nicht am Kopf.

 

[1] Im Impressum steht die Wellpursan GmbH, die in Österreich und Deutschland aktiv ist.
[2] Ökotest Heft 11/2015, S.80 ff
[3] Siehe: „Wundermittel bei Schuppenflechte“,Information des Psoriasis Forum Berlin e.V.
ZEHN INDIZIEN FÜR QUACKSALBEREI“ arznei-telegramm
[4] § 3 Heilmittelwerbe-Gesetz, Die europäische Kosmetikverordnung schließt Heilung und Linderung von Krankheiten ausdrücklich aus.
[5] Siehe Besprechung des Buches von Marianne Sebök „Schuppenflechte: Selbstheilung ohne Medikamente“.
[6]Keine Angst vor Kortison“, Information des Psoriasis Forum Berlin e.V.
[7] „Wundersames Wasser – Von Emoto bis Grandner“, Skeptiker 3/2011, S. 117 ff.
Wasser, das Wunderelement? Wissenschaft oder Hokuspokus“, beides Dr. H. Bergemann
[8] Ausführliche Informationen darüber finden sich im Artikel „Vitamin-B12-Salbe – was ist daraus geworden?“, Psoriasis-Netz
[9] Rechtsdrehende Milchsäure könnte die Zellatmung sogar eher blockieren, da Laktat als Endprodukt der anaeroben Atmung entsteht. Eine „säureregulierende“ Wirkung ist denkbar, da Laktat als pH-Puffer wirken kann. Siehe „Kurzporträt Natriumlaktat
[10]Begleiterkrankungen“, Information des Psoriasis Forum Berlin e.V.


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Bildquellen

  • Frau am Kosmetikregal: Robert Kneschke / Fotolia.com
Über Rolf Blaga 110 Artikel
Rolf Blaga hat bis 2012 als Studienrat in Berlin am Oberstufenzentrum Gesundheit unterrichtet. Seit 1993 ist er aktiv in der Psoriasis-Selbsthilfe tätig, sowohl regional im Psoriasis Forum Berlin als auch überregional in der Psoriasis Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft.

1 Kommentar zu Wir haben’s an der Haut – nicht am Kopf (1)

  1. Der Artikel macht sehr gut deutlich, wie einzelne Personen, die sich als ExpertInnen ausgeben, die Diskussion beeinflussen bzw. bestimmen.

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