Ayurveda – was ist das?

Von Marianne Paulus

Ich habe seit 13 Jahren Psoriasis und haben sehr viele Therapien sowohl aus dem schulmedizinischen Bereich als auch alternative Heilverfahren gemacht. Leider bisher alle ohne einen langfristigen Erfolg. Mit Ayurveda ist es mir eine ganze Zeit lang gelungen meine Pso „in den Griff zu bekommen“.

Über Ayurveda gibt es eine Vielzahl von Publikationen und unterschiedliche Auffassungen. Ich habe hier versucht die wichtigsten Fakten zusammenzufassen. Eines habe ich auch gelernt, seitdem ich mich mit Ayurvede befasse: Jede Therapie bringt nur dann etwas, wenn man sie auch gerne macht. Wenn einem das eine oder andere zuwider ist und man sich dazu regelrecht zwingen muss, ist es besser es gleich bleiben zu lassen.

Ayurveda – Die Wissenschaft vom gesunden Leben

So wird Ayurveda korrekt übersetzt. Sie ist keine rein naturwissenschaftlich orientierte Heilkunde, sondern wesentlich mehr, nämlich eine Lehre der Medizin. Sie beruht auf der Erkenntnis, dass der Mensch als eine Einheit aus Körper, Seele und Geist gesehen und behandelt werden muss. Alles hängt vom Gleichgewicht des Individuums ab, eine Ausgewogenheit sowohl im Inneren als auch nach außen hin muss gegeben sein, eine Ausgewogenheit zur Umwelt und zum Kosmos.

Die Ursprünge von Ayurveda sind in Indien zu suchen. Die westliche Schulmedizin kam erst im Zuge der Kolonialisierung dorthin. Hier gilt die Regel: die westliche Medizin hilft kurzfristig, Ayurveda langfristig. Besonders bei chronischen Erkrankungen wie z.B. Rheuma, Migräne, Stoffwechselstörungen und alle daraus entstehenden Erkrankungen wie z.B. der Haut hat Ayurveda große Erfolge.

Der klassische Ayurvedaarzt wird Vaidya genannt. Seine Aufgabe besteht darin, die Harmonie und das Gleichgewicht bei seinen Schutzbefohlenen (so werden Patienten in der Ayurveda-Heilkunde genannt) zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient sollte eher dem eines Lehrers zu seinem Schüler gleichen. Ein ayurvedisches Wunschziel lautet „Dem Leben mehr Jahre und den Jahren mehr Leben schenken.“

Dem Vaidya stehen als Hilfsmittel außergewöhnliche pflanzliche Arzneimittel, Wassertherapie, Massagelehren und Diätetik zur Verfügung. Die Ausbildung zum Vaidya dauert 12 Semester und darf nur mit staatlicher Genehmigung und offiziellem Zertifikat ausgeübt werden.

Ayurveda ist vorwiegend eine Naturheilkunde. Rund 5.000 Pflanzen gehören zum ayurvedischen Arzneischatz. Ayurveda ist aber auch eine hochentwickelte Lebensphilosophie, ein ganzes medizinisches System, das den menschlichen Sinnen noch „vertraut“.

Obwohl Ayurveda rund 3.500 Jahre alt ist, passt sie auch in unser Industriezeitalter. Unser Kontakt zur Natur hat sich in den letzten 200 Jahren grundlegend geändert. Dieses „weg von der Natur“ hat unser Gleichgewicht zerstört. Wir müssen nun wieder lernen, mit der Natur und uns in Harmonie zu leben.

In der Lehre von Ayurveda ist nicht die Entstehung von Krankheiten beschrieben, sondern auch viele Maßnahmen zu deren Verhütung und vor allen zur Erhaltung der psychischen und physischen Gesundheit. Die Diagnose stellt der Vaidya nicht mit Hilfe von Laborwerten, Röntgenbildern und sonstigen uns vertrauten Diagnosehilfen. Die wichtigsten Methoden sind die Augen-, Zungen und die Pulsdiagnose.

Mit Zeige-, Mittel und Ringfinger spürt der Vaidya den Strom in den Adern. Über den Puls lässt sich genau ermitteln, was gerade in unseren Organen vorgeht. Die ganze Symphonie der körperlichen Signale werden im Puls gebündelt. Dabei erfühlt der Vaidya den Allgemeinzustand des Patienten und seiner Energieflüsse.

Vata steuert die Bewegungsabläufe, Pitta kurbelt den Stoffwechsel an, und Kapha gibt die Struktur. Gesundheit entspricht dem Gleichgewicht dieser drei sogenannten Doshas. Krankheiten können ausbrechen, wenn sich die Doshas im Ungleichgewicht befinden. Der Ayurveda-Typ eines jeden einzelnen ist auch entscheidend dafür, welche Nahrungsmittel und Gewürze er meiden soll und welche seiner Gesundheit förderlich sind. Ein ayurvedischer Grundsatz lautet „Lasst eure Nahrung eure Medizin sein“. Die Nahrung ist ein wichtiger Weg zur Harmonisierung der Doshas.

Die drei Doshas

Vata verbindet Luft mit dem Ätherelement, wobei die Luft vorherrscht. Vata steht für Bewegung und Fluss. Vata steuert das Wachstum, regelt die Aktivität des Geistes und der Sinnesorgane und bewirkt Wachheit, Klarheit und Kreativität. Vata kontrolliert die beiden anderen Doshas und kann entsprechend auch als „Schrittmacher der biologischen Aktivität“ bezeichnet werden.

Merkmale: beweglich, schnell, leicht, kalt, subtil, rauh, trocken

Eigenschaften: geringes Gewicht und leichter Körperbau, Begeisterungsfähigkeit, Neigung zu trockener Haut, Geht Dinge schnell an, Abneigung gegen kaltes und windiges Wetter, Unregelmäßiger Hunger und unregelmäßige Verdauung, Neigung zu Verstopfung, Schnelle Auffassungsgabe und gutes Kurzzeitgedächtnis, Neigung zu Sorgen und Kummer. Leichter unterbrochener Schlaf
Ist das Dosha Vata nicht im Gleichgewicht, kann das die Ursache für folgende Krankheiten sein: Gewichtsverlust, Schwäche, Verstopfung, Lähmung, Arthrose, Bluthochdruck, rauhe Haut, Angst, Ruhe- und Schlaflosigkeit

Ausgeglichenes Vata sorgt für Vitalität, Abwehrkraft, gesunden Schlaf, gute Bildung der Körpergewebe, geregelte Verdauung, Heiterkeit, klarer und wacher Geist

Pitta

In erster Linie ist Pitta das Feuerelement. Wasser ist ihm als zweites Element zugeordnet Pitta ist für den Stoffwechsel und die Verdauung zuständig. Pitta regelt den Wärmehaushalt des Körpers. Eine weitere Funktion ist der Intellekt und der emotionale Ausdruck.

Merkmale: heiß, scharf, leicht sauer, durchdringend, leicht ölig

Eigenschaften: mittelschwerer Körperbau, arbeitet sehr systematisch und organisiert, Abneigung gegen Hitze. starker Hunger und gute Verdauung. kann Mahlzeiten schlecht ausfallen lassen, mittlere Auffassungsgabe und Gedächtnis, guter Rechner, Erlerntes systematisch wiedergeben, unternehmungslustig, mutiger Charakter, Neigung zu Ungeduld, Ärger, leicht erregbar, bevorzugt kalte Speisen und kühle Getränke, Neigung zu Sommersprossen und Muttermalen

Ist das Dosha Pitta nicht im Gleichgewicht, kann das die Ursache für folgende Krankheiten sein: Verdauungs- und Leberfunktionsstörungen, Entzündungen, Hautkrankheiten, ungenügender Schlaf, brennende Empfindungen, starkes Schwitzen, übersäuerter Magen, Reizbarkeit.

Ausgeglichenes Pitta sorgt für gute Verdauung, Zufriedenheit, reine Haut, geschmeidiger Körper, ausgewogene Körperwärme, ausgeglichenes Seelenleben

Kapha ist die Verknüpfung von Wasser mit dem Erdelement, wobei das Wasser vorherrscht.

Die Körperstrukturen und der Flüssigkeitshaushalt sind wichtige Aufgaben von Kapha. Auch Zusammenhalt und Stabilität der Strukturen unseres Körpers sowie die Förderung unserer biologischen Stärke werden Kapha zugeordnet.

Merkmale: schwer, ölig, kalt, stabil, glatt, fest, träge

Eigenschaften: stabiler, schwerer Körperbau, große Stärke und Ausdauer, geht Dinge methodisch und langsam an, Neigung zu glatter und fetter Haut, geringes Hungergefühl und langsame Verdauung, ruhige und beständige Persönlichkeit, langsame Auffassungsgabe, aber gutes Langzeitgedächtnis, tiefer und langer Schlaf, kräftiges, eher dunkles Haar, ist schwer aus der Ruhe zu bringen

Ist das Dosha Kapha nicht im Gleichgewicht, kann das die Ursache für folgende Krankheiten sein: Gewichtszunahme, schwache Gelenke, großes Schlafbedürfnis, Trägheit, Blässe, Kälte, Depression

Ausgeglichenes Kapha sorgt für Kraft, Würde, gesunde Gelenke, geistige Stabilität, Nachsicht, Mut, Vitalität, wohlproportionierter Körper

Die Fünf Elemente – Bausteine des Lebens

Die Natur wird im westlichen Denken als etwas zweidimensionales gesehen. Die Ebenen sind Materie und Energie. Ayurveda kennt ebenfalls zwei Ebenen, die unserer sinnlichen Wahrnehmung entsprechen. Eine Ebene ist die der drei Doshas, die andere beschreibt die materiellen und submateriellen Bausteine des Lebens.

In vielen europäischen Publikationen wird vom Element Raum gesprochen. Die gebräuchlich ayurvedische Bezeichnung ist Äther.

Äther ist so feinstofflich, dass wir kaum an ihn denken. Er ist gleichbedeutend mit Raum oder Ausmaß.

Luft das Luftelement ist gasartig und hat luftige Eigenschaften. Es ist leicht, durchsichtig, trocken und verteilt sich.

Feuer im Feuer liegt die Kraft der Veränderung und der Verwandlung. Seine Eigenschaften sind Hitze, Trockenheit und die aufwärts gerichtete Bewegung.

Wasser ist flüssig, kalt und fließt abwärts. Es hat keine eigene Gestalt

Erde die Erde ist fest. Ihre Eigenschaften sind Schwere, Härte und eine nur wenig abwärts gerichtete Bewegung.

Eigenschaften der fundamentalen Elemente

  • Äther
  • Luft
  • Feuer
  • Wasser
  • Erde
  • Feinheit
  • Leichtigkeit
  • Hitze
  • Kälte
  • Schwere

 

  • Beweglichkeit
  • Leichtigkeit
  • Formbarkeit
  • Unbeweglichkeit

 

  • Rauheit
  • Schärfe
  • Weichheit
  • Festigkeit

 

  • Formbarkeit
  • Glätte

 

Verbindungen zwischen Elementen und Organen

Fundamentale Elemente

feinstoffliche Elemente

Sinnesorgane

Bewegliche Organe

Funktion

Äther

Klang

Ohren

Stimmbänder

Sprechen

Luft

Berührung

Haut

Hände

Greifen

Feuer

Erscheinung

Augen

Füße

Fortbewegen

Wasser

Geschmack

Zunge

Geschlechtsorgane

Zeugen

Erde

Geruch

Nase

Anus

Ausscheiden

Krankheit oder Gesundheit in Abhängigkeit der Doshas

Wie bereits erwähnt beruht Ayurveda darauf, dass die Doshas im Gleichgewicht sein sollen. Das bedeutet aber nicht, dass alle drei Doshas zu gleichen Teilen im Körper vorhanden sein müssen. In erster Linie geht es um die individuelle Balance der Doshas. Befindet sich ein Dosha nicht im Gleichgewicht, kommt es zu Störungen im Organismus. Langfristig kann dies zu Krankheiten führen.

Soweit zu den theoretischen Grundzügen von Ayurveda.

Was kann Ayurveda für uns Psoriatiker tun?

Sehr viel, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Wie aus der Schulmedizin bekannt, hängen Stoffwechsel und Psoriasis eng zusammen. Gerade auf diesem Gebiet kann Ayurveda sehr viel bewirken. Was jeder für sich ohne großen Aufwand und ohne zusätzlich Kosten tun kann, ist sich ayurvedisch zu ernähren. Im Ayurveda ist Nahrung eine Art von Medizin. Ayurveda beurteilt den Wert der Ernährung nicht anhand von Kalorien, Fetten, Kohlehydraten, Vitaminen u.a. wie bei uns üblich.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat vor einiger Zeit bekanntgegeben, dass die ayurvedische Ernährung den Körper nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Dazu muss ergänzend gesagt werden, dass nur die vegetarische Ernährung während einer Panchakarma-Kur untersucht wurde. Die Ernährung während einer Kur unterscheidet sich aber sehr von der alltäglichen Ayurveda-Küche. Auf einen Nenner gebracht, darf beim Ayurveda alles gegessen werden, was es gibt. Für eine gesunde ayurvedische Ernährung ist es aber wichtig zu wissen, welche Einflüsse auf welches Dosha die verschiedenen Lebensmittel haben. Auch gibt es Lebensmittel, die dem einen Ayurveda-Typen bekommen und dem anderen eben nicht.

So sollte ein Mensch mit den konstitutionellen Typ Kapha keine Bananen essen, ein Vata-Typ jedoch schon. Auch kann durch die Auswahl der richtigen Nahrungsmittel direkt Einfluss auf die Doshas genommen werden. Soll das Dosha Pitta beruhigt werden, muss die Nahrungszusammenstellung anders aussehen, als wenn Vata beruhigt werden soll. Eine Umstellung der Ernährung sollte langsam erfolgen. Wie bei so vielen ist es ein langer Lernprozess und das schwierigste ist es, eingefahrene Gewohnheiten zu ändern.

Sicherlich ist nur eine Ernährungsumstellung nicht ausreichend, um bei einer Psoriasis erscheinungsfreie Zeiten zu erzielen, aber ein erster Schritt ist es auf alle Fälle. Das Ungleichgewicht der Doshas kann durch eine konsequente Ernährung nach ayurvedischen Richtlinien wieder ins Lot gebracht werden. Zu berücksichtigen ist auch, dass sich die Ernährung in dieser Phase von der „Normalkost“ unterscheidet. Die Zusammenstellung der Nahrung ist also sehr individuell. Es gibt inzwischen einige Kochbücher, und auch in Zeitschriften findet man immer wieder Rezepte für die Ayurveda-Küche.

Wer die Gelegenheit, hat eine Ayurveda-Kur zu machen, sollte das unbedingt tun. Am Anfang steht die meist 10-tägige Panchakarma-Behandlung. Ziel ist es, den Körper zu entgiften. Ehrlicherweise muss gesagt werden, dass Ayurveda-Medizin meist ziemlich unangenehm riecht und auch geschmacklich nicht gerade einen kulinarischen Höhepunkt darstellt. Manchmal braucht man schon eine große Portion Überwindung um z.B. ein Glas Ghee (zerlassene und gekochte Butter) zu trinken. Aber wenn man das schafft, spürt man auch, wie es einem täglich besser geht.

Was auch zu jeder Kur gehört, sind unterschiedliche Massagen, Kräuterdampfbäder und vieles mehr. Ich persönlich habe die Synchronmassagen sehr genossen. Zwei Therapeuten massieren sanft und synchron mit warmen Öl. Bei den ersten beiden Massagen war ich noch ziemlich verkrampft und konnte nicht richtig abschalten. Aber dann – wenn man es einfach passieren lässt, sich fallen lassen kann, es schafft, den Geist fliegen lassen und nur dieses wunderbare entspannende Gefühl genießen kann – versteht man, warum Ayurveda immer beliebter wird. Diese Massagen sind nicht nur eine Wohltat für die Haut, sondern auch für die Seele.

Mein vom Büroalltag total verkrampfter Rücken war nach vier „Streichelmassagen“ total entspannt. Leider war meine Zeit in Sri Lanka zu kurz, um eine intensive Kur zu machen. Aber bereits mit den wenigen Anwendungen, die ich hatte, ging es meiner Haut täglich besser.

Mein Vaidya hat mir noch einen wichtigen Rat mit auf den Weg gegeben „Sie müssen wieder lernen, die Signale ihres Körpers zu hören und zu deuten. Wir legen soviel Wert auf geistige Intelligenz. Für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit ist aber die Körperintelligenz viel wichtiger.“ Oder wie der Lateiner sagt: „In einem gesunden Körper ist ein gesunder Geist zu Hause.“ Also machen wir uns auf den Weg.

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