Mit Wechselstrom gegen die Schuppenflechte

Die Schuppenflechte, auch Psoriasis genannt, ist eine der großen Volkskrankheiten. Vom chronisch verlaufenden, äußerst unangenehmen Hautleiden sind schätzungsweise gegen 3 Prozent der Bevölkerung betroffen, und einige sprechen auf gängige Behandlungen wie Salben, Salzwasser- und UV-Therapien nur ungenügend an.

Wissenschaftern vom Forschungszentrum Karlsruhe und vom Uniklinikum Mannheim ist es nun gelungen, eine besonders hartnäckige Form, die «Psoriasis palmaris», die vor allem Hände, Füsse und Nägel befällt, mit einer neuartigen Form der Elektrotherapie erfolgreich zu bekämpfen.

Die von der Schuppenflechte befallenen Hautstellen sind entzündlich gerötet und schuppen stark. Etwa 10 Prozent der Betroffenen leiden zudem unter Gelenkentzündungen. Obwohl nicht lebensbedrohlich, kann die in Schüben verlaufende Psoriasis in schweren Fällen bis zur Arbeitsunfähigkeit führen. Je nach betroffener Körperregion ist die Krankheit ausserdem eine grosse psychische Belastung, da sie die Patienten entstellt. Über die Ursachen dieses Leidens, das den Menschen bereits seit den Zeiten des Alten Testaments begleitet, ist neben einer gesicherten genetischen Komponente noch wenig bekannt.

Das Schuppen der Haut wird durch eine abnorm hohe Teilungsrate der Zellen in den unteren Hautschichten verursacht. Dadurch wird der Zeitraum, innerhalb dessen sich die menschliche Haut regelmäßig erneuert, von normalerweise vier Wochen beim Gesunden auf weniger als eine Woche beim Psoriasis-Patienten verkürzt. Die übermässig produzierte Haut stirbt ab und wird abgestossen, was bei grossflächigem Befall täglich bis zu eine Kehrschaufel voll Hautflockenergeben kann. Ein Grund für die beschleunigte Zellteilung liegt darin, dass der chemische Botenstoff «cAMP» (zyklisches Adenosinmonophosphat) in den betroffenen Hautzellen in zu geringer Menge produziert wird. Und genau an diesem Punkt setzt die Wechselstrombehandlung an.

Bereits seit geraumer Zeit beschäftigt sich Karl- Friedrich Weibezahn mit seiner Gruppe in Karlsruhe mit der Frage, über welche Mechanismen Wechselstromfelder auf die verschiedenen Körperzellen einwirken. Diese Therapieform wird in der Physio- und Schmerztherapie seit langem eingesetzt. In Zellkulturen haben die Forscher beobachtet, dass sich unter der Einwirkung bestimmter Stromfrequenzen die cAMP-Konzentrationen in den Zellen verändert, und dies, so Weibezahn, legte die Anwendung bei der Psoriasis nahe.

In Zusammenarbeit mit Dermatologen der Hautklinik Mannheim hat Weibezahn erste Pilotprojekte gestartet. Die Mannheimer Hautärzte seien der Methode erst skeptisch gegenübergestanden, gibt der Biophysiker Weibezahn unumwunden zu.

Da die Studie aber sehr vielversprechend verlief – nach sechs bis acht Wochen waren sämtliche Herde deutlich reduziert -, wurden letztes Jahr 12 Patienten mit ausgedehntem Hand- und Nagelbefall behandelt. Diese Patienten, die allesamt seit über einem Jahr unter der Krankheit litten, hatten auf keine der herkömmlichen Therapien angesprochen. Nach einer dreimonatigen Behandlung, wobei die Hände zweimal täglich während einiger Minuten in kleinen Wannen dem Strom ausgesetzt wurden, hatten sich bei 11 Patienten die erkrankten Hautareale weitgehend normalisiert. Besonders erfreulich an der Elektrotherapie sei, so Weibezahn, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Psoriasistherapien offenbar frei von Nebenwirkungen ist und auch nach mehrmaliger Anwendung ihre Wirksamkeit nicht verliert. Während der Behandlung spüren die Patienten lediglich ein leichtes Kribbeln.

In der Zwischenzeit sind bereits rund 100 Patienten «bestromt» worden, und die Forscher sind dabei, die Methode zur Therapie weiterer Psoriasisformen zu testen. Armin Philipp, einer der Mannheimer Ärzte, ist vom Potential der Methode überzeugt – und dies, obwohl er die Stromtherapie ursprünglich für eine «irrwitzige Idee» gehalten hat.

Einen Nachteil sieht Philipp allerdings darin, dass die Methode nicht besonders anwenderfreundlich ist, vor allem bei Körperstellen, die nicht so leicht zugänglich sind wie Hände und Füsse. Außerdem zeige sich erst nach einigen Wochen eine Wirkung, was bedeutend langsamer sei als zum Beispiel bei Vitamin-D- oder Cortison-Salben. Bisher schwer oder gar nicht zu behandelnden Problempatienten könnte die Elektrotherapie aber eine echte Alternative bieten, so Weibezahn. Ob die Strombehandlung allerdings eine weitere Verbreitung finden oder gar zur Standardtherapie wird, lässt sich gemäss Wolfram Sterry, Leiter der Dermatologischen Klinik an der Berliner Charité, erst nach Abschluss längerfristiger Studien mit einer grösseren Anzahl Patienten beantworten.

Michael Hagmann

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 10.05.2000

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