Die Patientin, die aus der Kälte kam

Kältekammer
Kältekammer in Bad Bleiberg (Österreich)

In der Inselklinik im Seeheilbad Heringsdorf geht es mit 110 Grad minus auch gegen Neurodermitis.

Da die Patientin einen Bikini anhat, könnte man vermuten, daß sie soeben von einem erfrischenden Bad in der offenen See zurückgekehrt ist. Doch zum einen ist sie nicht naß. Und zum anderen trägt sie nicht nur einen Bikini, sondern auch Mundschutz und Ohrenschutz sowie Handschuhe, dicke Socken und festes Schuhwerk. Und tatsächlich ist die junge Frau soeben nicht von einem sonnenüberfluteten Strand zurückgekehrt, sondern von einem wenige Minuten dauerten Aufenthalt direkt in der Kälte, und zwar mit einer Temperatur von minus 110 Grad Celsius ziemlich extreme Kälte.

Erfolgsgeheimnis Ganzkörper-Kältetherapie

Was sich für den uneingeweihten Leser wie die Anleitung für eine Schocktherapie anhören mag, das ist in einem gewissen Maße auch eine. Dabei handelt es sich um die sogenannte Ganzkörper-Kältetherapie, die seit Mitte der 80er Jahre mit Erfolg auch in Deutschland angewendet wird, so 1996/97 auch als Bestandteil eines umfassenden therapeutischen Konzeptes in der Rehabilitationsklinik für Psychosomatische Medizin im Seeheilbad Heringsdorf in Mecklenburg-Vorpommern, einer Fachklinik für ganz-heitlich-integrative Therapie.

Herzstück der „Schocktherapie“, bei der es durch die kurzzeitige Einwirkung einer extremen Kälte zu einer Schmerzblockade kommt, ist eine aus drei Sektionen bestehende Kältekammer, in die der Patient oder die Patientin mit Badebekleidung sowie mit der speziellen „Kälteschutzkleidung“ hineingeht. In der ersten Sektion herrscht eine Temperatur von minus 10 Grad, in der zweiten Sektion eine Temperatur von minus 60 Grad. Diese beiden Sektionen dienen als eine Art Schleuse, bevor die eigentliche therapeutische Sektion betreten wird, in der eine Temperatur von minus 110 Grad herrscht. Die Verweildauer in dieser eigentlichen Kältekammer sollte maximal zwei bis drei Minuten nicht überschreiten. Ebenso sind nach Ansicht der verantwortlichen Mediziner Temperaturen von über 110 Grad also z.B. -80’C oder -60″C in ihrer therapeutischen Wirkung eher fragwürdig. Ebenso wichtig ist aber eine Temperatur von unter minus 100 Grad, da nur für diesen Bereich die Wirkung der Ganzkörper-Kältetherapie wissenschaftlich nachgewiesen wurde.

Unmittelbar nach dem Verlassen der Kältekammer stellt sich bei den Patienten im ganzen Körper ein angenehmes warmes Gefühl ein, und die Gelenke lassen sich freier bewegen. Die sofort einsetzende Schmerzreduktion hält einige Stunden an. Daher ist diese Therapie besonders für Patienten mit Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates einschließlich der Muskulatur mit entzündlich, degenerativ oder traumatisch bedingter Funktionsstörung geeignet.

Kälte als Mittel schon seit altersher bekannt

In Heringsdorf macht man sich mit der Ganzkörper-Kältetherapie den schon seit altersher bekannten Umstand zunutze, wonach sowohl Wärme als eben auch Kälte als therapeutische Medien eingesetzt werden können. In der Medizin hat das Heilen durch Kälte eine lange Tradition. Schon die „Hippokra-tische Schule“ kannte die schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung der tiefen Temperaturen. Allgemein bekannt ist – nicht zuletzt als bewährtes Hausmittel – die lokal begrenzte Anwendung von Kälte, wenn etwa kalte metallische Gegenstände auf schmerzhafte Schwellungen gedrückt werden oder kühlende Umschläge bei entzündlichen Prozessen helfen. Auch im Sport werden häufig Kältesprays verwendet. Und im vorigen Jahrhundert nutzten die Chirurgen Eispackungen, um zum Beispiel Gliedmaßen soweit zu unterkühlen, daß die betroffenen Patienten schmerzfrei operiert oder amputiert werden konnten.

Ganzkörper-Kältetherapie kommt ursprünglich aus Japan

Die therapeutische Nutzung der Ganzkörper-Kälte ist dagegen erst seit einigen Jahren bekannt: Nachdem der Japaner Yamauchi sie 1980 erstmals angewendet hatte, begann Professor Fricke als erster Therapeut außerhalb Japans sie vier Jahre später im Rheuma-Zentrum Sendenhorst mit Erfolg einzusetzen.

Kälte hilft auch gegen Neurodermitis

Doch die Ganzkörper-Kältetherapie hilft nicht nur bei Rheuma. Wie Prof. Dr. Winfried Papenfuß, Chefarzt der bereits erwähnten Inselklinik in Heringsdorf, berichtete, habe man dort bei Patienten, „die wir beispielsweise wegen eines Gelenkrheumatismus in der Kältekammer behandelten, und die gleichzeitig eine Dermatose – Neurodermitis oder Schuppenflechte – hatten“ eine günstige Wirkung der Kälte auf diese Hauterkrankungen beobachten können. Nach Aussagen von Prof. Papenfuß überrasche das allerdings nicht, wenn man bedenke, „daß bei ihnen ähnlich wie bei rheumatischen Erkrankungen eine Hyperstimulation des Immunsystems als Krankheitsursache anzusehen ist“. Man versuche ja auch mit bestimmten Medikamenten – den sogenannten „Immunsuppressiva“ – das Immunsystem zu dämpfen. Daher liege die Vermutung nahe, daß eben diese Dämpfungsfunktion auch von der Kälte übernommen werden kann.

Weitere Untersuchungen sind notwendig

Allerdings sind nach Ansicht der Mediziner hierzu weitere Untersuchungen notwendig, die von der Heringsdorfer Klinik gegenwärtig gemeinsam mit Dermatologen des Landes Mecklenburg-Vorpommern und einer Universitätsklinik vorbereitet werden. So soll unter anderem geprüft werden, ob die Kälte eventuell nicht nur eine „immunsuppresive“, sondern auch eine „immunmodulierende“ Wirkung entfaltet, und ob beispielsweise die über Monate anhaltende Wirkung durch eine ergänzende mikrobiologische Therapie verlängert – oder sogar in einen Heilungsprozeß überführt werden kann. Aber zurück zu der Patientin in Bikini und Handschuhen.

Therapie wird durch Krankengymnastik ergänzt

Unmittelbar nach dem Verlassen der Kältekammer setzt eine Schmerzreduzierung oder ein gänzliches Aufheben des Schmerzes ein. Die Anzahl der Kältebehandlungen richtet sich übrigens nach dem individuellen Beschwerdebild sowie nach den Therapieeffekten bei den jeweiligen Patienten. Im Normalfall geht es zwei Mal täglich in die Kälte. Die schmerzfreien oder wenigstens schmerzarmen Zeitintervalle werden außerdem zur Besserung der Gelenk- und Muskelfunktionen durch eine krankengymnastische Behandlung genutzt. Nach den Heringsdorfer Erfahrungen ist zum Beispiel beim Gelenkrheumatismus ab 15 bis 20 Behandlungen mit einer positiven Wirkung zu rechnen. Die Langzeitwirkung hält in der Regel mehrere Monate an.

Erstaunliche Wirkung bei Neurodermitis

Eine erstaunliche Wirkung hat die Ganzkörper-Kältetherapie auch bei Neurodermitis und bei Schuppenflechte. So geht der oft unerträgliche Juckreiz bei Neurodermitis schon nach einigen „Expeditionen in die Kälte“ zurück und verschwindet in der Regel dann fast völlig. Nach etwa 20 Kälteanwendungen sind auch die entzündlichen Hautveränderungen rückläufig, und sie verschwinden ebenfalls oft bis auf eine Hautrötung vollständig. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Schuppenflechte. Allerdings muß an dieser Stelle noch einmal betont werden, daß insbesondere bei den Hauterkrankungen nicht in jedem Fall mit einem eindeutigen therapeutischen Erfolg gerechnet werden kann. Außerdem ist die Ganzkörper-Kältetherapie bei einigen Kontraindikationen überhaupt nicht angezeigt. Dazu gehören zum Beispiel natürlich Erkrankungen mit einer erhöhten Kälteempfindlichkeit sowie mit Durchblutungsstörungen der Extremitäten, koronare Herzerkrankungen und auch die Angst vor geschlossenen Räumen. Eventuelle Nebenwirkungen der Ganzkörper-Kältetherapie sind dagegen nicht bekannt.

Stationäre Behandlung ist erfolgversprechender

Die Kältetherapie kann sowohl unter stationären als auch unter ambulanten Bedingungen erfolgen. Für den Behandlungserfolg ist es allerdings vorteilhaft, wenn diese Therapie im Rahmen einer stationären Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme durchgeführt werden kann. In diesem Falle ist sie – wie eben auch in Heringsdorf – in ein komplexes therapeutisches Angebot eingebettet, zu dem die ärztliche und psychologische Betreuung ebenso gehört wie physikalische Therapie und das Vermitteln spezieller Entspannungs- und Bewältigungsstrategien sowie alternative und naturheilkundliche Verfahren.

Heilung an der Ostsee

Das Haus Kulm der Inselklinik Heringsdorf Rehabilitationsklinik für Psychosomatische Medizin, Fachklinik für ganzheitlich-integrative Therapie befindet sich auf der Ostseeinsel Usedom und zwar in unmittelbarer Strandnähe im Zentrum des zu den Kaiserbädern gehörenden Seeheilbades Heringsdorf.

Die Inselklinik Heringsdorf ist für 120 Patienten einschließlich Begleitpersonen ausgelegt und verfügt neben den erforderlichen medizinischen Funktionsräumen und Schwimmbad sowie Sauna, Schlaflabor, Tanz- und Gymnastikräumen und einer Patientenbibliothek auch über eine Druckkammer zur hyperbaren Sauerstofftherapie und über die bereits erwähnte Kammer zur Ganzkörper-Kältetherapie bei minus 110 Grad Celsius. Das Haus Kulm bietet seine Behandlungen gesetzlich und privat versicherten Patienten an, die sowohl ambulant als auch stationär durchgeführt werden können. Voraussetzung für jeden Antrag ist die medizinische Verordnung durch den behandelnden Arzt. Stationäre Heilverfahren haben eine Dauer von 3 bis 5 Wochen.

Quelle: Leben`s Art 12/98 (Informationsmagazin der Deutschen Kurorte und Heilbäder, Telefon 07531/13130)

Bildquellen

  • Kältekammer: Rudolf Simon via Wikimedia

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