Der Hautarzt im Aquarium

Wenn’s mal zu sehr juckt, wenden Sie sich doch vertrauensvoll an Herrn Seidler. Seine Saugfische knabbern Sie gerne gesund.

Von Birgit Bürkner

Wenn Georg Seidler, 35, seine Fische füttert, steckt er den Arm ins Aquarium. Oder den Fuß. Oder gleich den ganzen Oberkörper. Die kleinen Biester stürzen sich auf ihn. Knabbern die oberste Hautschicht ab. Eine leckere Mahlzeit.

Georg Seidler hat nämlich eine ganz seltene Art in seinem Aquarium zu schwimmen. Die „Hautarztfische“ – wahre Wunderheiler. Ärzte sprechen von einem Phänomen.

Die neun Zentimeter langen Flossentiere heilen oder lindern fast jede Hautkrankheit. „Es sind zwei Arten“, erklärt Georg. „Die einen knabbern die Oberhaut ab. Die anderen massieren und reinigen die Unterhaut.“

Bislang gab es die schwimmenden Hautärzte nur in einer 37 Grad heißen Quelle in der Türkei, nahe dem Dörfchen Kavaj. Tausende Menschen reisen jedes Jahr dort hin, um das Wunder zu erleben.

Auch Georg Seidler. Jahrelang litt er an einer Schuppenflechte. „Eine halbe Stunde in dem Quellwasser mit den Fischen und ich hatte weiche Haut wie ein Baby., sagt er.

Seine Idee: Die Fische mit nach Hause nehmen, ein Thermalbad aufbauen, den zwei Millionen Schuppenflechte-Kranken in Deutschland helfen. Dafür waren viele Genehmigungen nötig.

Aber schließlich durfte er hundert Fische fangen. „Ich nahm sie in einer Plastiktüte mit in den Flieger. Zehn Prozent haben die Reise leider nicht überlebt.“

Für die übrigend baute er in seinem Keller zwölf Aquarien und hofft nun, dass sie sich schnell vermehren – und bald großen großen Hunger haben, der Menschen heilt.

Quelle: BZ, 16. März 2001

Kommentar vom Psoriasis-Netz

Die gute alte BZ mal wieder: Der Leser wird keineswegs überfordert. So fragt die Schreiberin keine Experten. „Ärzte sprechen von einem Phänomen.“ Welche Ärzte genau? Die Heilwirkung der Fische ist wirklich ein Phänomen – aber das gilt für Kangal, für dort, wo die Fische leben. Dass sie auch nur irgendwie helfen, wenn sie ins heimische Aquarium gesetzt werden, ist noch nirgends langfristig und wissenschaftlich erwiesen. Nebenbei: Wie Georg Seidler seinen ganzen Oberkörper ins Aquarium taucht, möchte ich mal sehen.

Schlimm genug, dass jemand Fische von dort mitnimmt. Georg Seidler war nicht der erste. Kommen alle Gäste auf diese grandiose Idee, sind bald keine Fische mehr da. Übrigens muss dazu niemand die Reise in die hintersten Winkel der Türkei antreten. In normalen Flüssen überall in der Türkei schwimmen die Fische ebenfalls – nach Aussage von Götz Lefeber von Fener-Reisen, die sich seit Jahren auf die „Kur-„Reisen nach Kangal spezialisiert haben. Nur: In Kangal leben sie unter ganz besonderen Bedingungen, die sie nirgends anders – auch in keiner Regentonne und in keinem Aquarium – finden.

Wer wie die meisten Psoriatiker seit Jahren und Jahrzehnten mit der Schuppenflechte lebt, wird müde lächeln über eine Aussage wie die, dass eine halbe Stunde im Wasser eine „weiche Haut wie ein Baby“ macht. Eine halbe Stunde in meiner Badewanne, mit einem Öl-Zusatz oder gar ein wenig stinknormalem Salz, hat die gleiche Wirkung.

Aber vielleicht lässt sich ja mit 90 Fischen und zwölf Aquarien ein ganzes Thermalbad aufbauen, auf dass die Psoriatiker ihr und möglichst viel Geld brav dorthin tragen… Claudia Liebram

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