Therapie mit Fischen in Deutschland

Kangalfische in der Wanne

Fische, die die Pso wegknabbern: Seit Jahren zieht dieses Phänomen durch Presse, Funk und Fernsehen. Der erste Boom ist vorüber. Es scheint sich abzuzeichnen: Wer die Therapie ausprobieren möchte, sollte entweder in die Türkei an die Quelle fahren, wo die Fische zuhause sind, oder sich hierzulande in die Hände von erfahrenen Therapeuten begeben. Unter letzteren waren die Mitstreiter in der Erlenbach-Klinik in Bad Mergentheim wohl am weitesten.

Die Erlenbach-Klinik hatte Platz für 80 Menschen – kein großer Klinik-Betrieb erwartete also den Patienten. Mit Hautkrankheiten beschäftigte sich die Klinik, seitdem die Garra rufa (der lateinische Name für die Fische) „in Mode“ waren. Klinikchef Karl Gutekunst litt selbst an Schuppenflechte und nahm die Therapie mit den Fischen unter die Lupe. Sie half ihm, und so zogen nach einigen Umbauten die ersten Garra rufa ein.

Das Procedere bei der Fischtherapie

Die Therapie wurde in einem separaten Gebäude – zwei Kilometer entfernt von der Klinik – durchgeführt. Die Patienten wurden dorthin gefahren, was schon wegen des bergigen Landes sehr angenehm ist.

Für jeden Patienten wurden vor seiner Ankunft etwa 150 Fische in eine Badewanne gesetzt. Dort blieben die Fische für die gesamten drei bis vier Wochen. Jeder Patient erhielt während der gesamten Therapiezeit seine eigene Wanne mit seinen eigenen Fischen. Die Fische wurden täglich mit herkömmlichem Futter gefüttert.

Denn: Sitzt der Patient bei seinen Fischen, stürzen die sich gleich auf ihn – schließlich hat er ihr Futter sozusagen am Leib. Die Fische stupsen die Stellen des Patienten weich und massieren sie. Zudem knabbern sie die Schuppen weg. So ging das 21 Tage lang: Täglich sitzt der Psoriatiker vier Stunden lang oder zwei mal zwei Stunden lang im Wasser.

Jeder Patient badete immer komplett – egal, ob der ganze Körper oder nur einzelne Stellen befallen sind.

Auch die Erlenbach-Klinik-Betreiber versprachen keine Heilung von der Psoriasis. Vielmehr sahen sie die Chance der Therapie in einem Abheilen der Haut-Stellen und weniger Juckreiz und Spannungsgefühl.

Patientenmeinung

Patient Uwe Gräser (29) würde die Therapie sofort wiederholen. Zwei Tage vor Ende seines Aufenthaltes konstatierte er: „Ich spüre keinen Juckreiz, keine Hautverspannungen. Meine Haut ist zwar an manchen Stellen noch etwas errötet, doch sie ist glatt, von Schuppen keine Spur.“ Endlich könne er wieder ein Hemd mit kurzen Ärmeln tragen. Den Skeptikern sagt er: „Wer den letzten Strohhalm nicht nutzt, leidet meiner Meinung nach nicht genug.“

Am Anfang war er selbst gar nicht so enthusiastisch: „Die erste halbe Stunde bedurfte einer gewissen Gewöhnungsphase, doch an das kitzelige Gefühl gewöhnt man sich schnell.“

Mehr über die Kangalfisch-Therapie

Ina Schubert, Mitarbeiterin der Erlenbach-Klinik: „Der Erfolg hielt bei unseren Patienten zwischen 14 Wochen und 18 Monaten an.“ Dr. Manfred Derr, niedergelassener Hautarzt in Bad Mergentheim, betreut die Psoriasis-Patienten in der Klinik – was nicht heißt, dass er ständig oder täglich anwesend war. „Für viele Patienten ist eine tägliche Visite gar nicht nötig“, meinte er damals. „Sie bringen ja Erfahrung mit ihrer Schuppenflechte mit.“

Anfangs könnten selbst erfahrene Psoriatiker einen Schreck bekommen: Bei 20 Prozent der Patienten wurde die Schuppenflechte zunächst schlimmer. Das jedoch ist laut Dr. Süßmuth, Chefarzt der Erlenbach-Klini, normal – vor allem bei Naturheilverfahren, zu denen er die Fische-Therapie zählt. Und: „Die Patienten, bei denen die Psoriasis am Anfang schlechter wurde, haben hinterher die schnellsten Erfolge erlebt.“

Dafür sind nicht nur die Fische verantwortlich: Die Patienten werden psychologisch mitbetreut und lernen, mit Stress umzugehen. Zudem wurde die Knabber-Therapie in der Erlenbach-Klinik immer mit einer Bestrahlungstherapie mit UV-A-Licht kombiniert. Wer wollte, bekam zusätzlich Stutenmilch, die der Patient schon zwei Wochen vor dem Klinikaufenthalt begann. Das „Getränk“ wurde während der Fische-Therapie und danach fortgesetzt. Hinzu kamen eine Colon-Hydro-Therapie zur Sanierung des Darmes und eine individuelle Ernährungsberatung von einer erfahrenen Diätassistentin.

Volker Schweizerhof, der für die Fische und deren Zucht verantwortlich zeichnet, wusste und weiß: „Wer behauptet, die Garra-rufa-Theapie ist nur angenehm und es würde nicht bluten, lügt.“ Deshalb werden offene Stellen stets abgeklebt. Viele Patienten berichten außerdem davon, dass die Haut hinterher kribbelt. Das soll laut Volker Schweizerhof geschehen, weil die unteren Hautschichten stimuliert werden – ähnlich wie bei der Anwendung von Interferenzstrom.

Dr. Süßmuth hat beobachtet, dass auch Haut an Ohren- und Kopfhaut besser wurde, obwohl sie nicht mit im Wasser waren.

War ein Patient weg, müssen die Fische erst einmal „durchatmen“: Obwohl jeder Patient vor der Therapie auf ansteckende Krankheiten wie Hepatitis oder HIV untersucht wurde, wurden die Fische zehn Tage lang in Quarantäne geschickt, damit keine ansteckenden Krankheiten oder krankmachende Keime zum nächsten Patienten gelangen konnten. Für Kenner der Materie: Die DIN 19346, bei der es um Wasserqualität und Keime geht, wurde streng überprüft.

Wer sollte nicht zu den Fischen steigen?

  • Ein Patient mit Psoriasis arthritis, der die Therapie ausprobierte, verspürte nur eine leichte Besserung.
  • Während des gesamten Klinik-Aufenthaltes soll auf Alkohol und Kortison verzichtet werden, weil die das Knabberverhalten der Fische beeinträchtigen. Wer mit diesen Verzichten Probleme hat, ist ebenfalls für die Therapie nicht geeignet.
  • Bei Menschen mit Fibromyalgie muss eine individuelle Klärung erfolgen.

Die Kosten

Keine Krankenkasse erkennt die Therapie bisher als Reha-Maßnahme an. Ina Schubert riet damals jedem, selbst zur Krankenkasse zu gehen und eine ambulante Badekur durchzuboxen, um wenigstens einen Teil der Therapiekosten erstattet zu bekommen.

Die Therapie hatte ihren Preis: Für das Rundum-Paket wurden für 21 Tage 1.990 Euro verlangt. Vier Wochen kosteten 2.650 Euro. Verzichtete der Patient auf den Verzehr von Stutenmilch, belief sich der Preis für eine dreiwöchige Therapie auf 1.790 Euro, für vier Wochen auf 2.385 Euro (Stand Frühjahr 2003).

Schnupperwochenenden gab es nicht. „Jeder kann aber zu seiner persönlichen Information vorbeikommen und einmal seinen Arm ins Aquarium halten“, so Ina Schubert.

Im Programm der Klinik war eine Mutter- oder Vater-Kind-Kur mit den Fischen im Sanatorium „An der Höhle“.

Was bleibt

Die Erlenbach-Klinik begab sich mit ihrem Konzept heraus aus dem Spannungsfeld der reinen Fische-Züchter, die hierzulande schnell ins Geschäft einstiegen, den Betroffenen das Blaue vom Himmel versprachen und ihnen gern viel Geld abnahmen. „Einige Züchter haben die Therapie in ein sehr schlechtes Licht gerückt und ihr geschadet“, sagt Volker Schweizerhof deutlich.

In der Erlenbach-Klinik setzte man auch nicht allein auf die Fische, sondern mischte herkömmliche Therapien wie Bestrahlung mit sanfteren Methoden.

Es wurde an einem wissenschaftlichen Nachweis gearbeitet, dass die Therapie besser hilft als die oft mit schweren Nebenwirkungen verbundenen bisherigen Methoden. Die Erlenbach-Klinik erstellte zusammen mit einem Dermatologen unter Zugrundelegung der Behandlungsergebnisse sämtlicher in der Wanne behandelten Patienten eine Studie zum Wirksamkeitsnachweis der Fischtherapie.

Nach wie vor meinen Wissenschaftler vor allem an Uni-Kliniken, dass der Patient eine entschuppte Haut auch einfacher haben kann (siehediesen Artikel). So muss jeder Patient für sich entscheiden, ob ihm der Versuch das Geld wert ist. Für andere Selbstzahler-Therapien berappt der Betroffene jedoch schnell die gleiche Summe.

Doch leider: Die Klinik musste ihre Pforten schließen.

Die Fakten, damals

Erlenbach-Sanatorium
Erlenbachweg 42-44
97980 Bad Mergentheim

Telefon: 07931/931400
Fax: 07931/931444

Internet: http://www.gutekunst-sanatorien.de
E-Mail: gutekunst.ina.schubert@t-online.de

Bildquellen

  • Kangalfische in der Wanne: Gutekunst Sanatorien
Über Claudia Liebram 279 Artikel
Claudia Liebram ist Berlinerin mit Leib und Seele. Dort arbeitet sie als Redakteurin. Ihre Psoriasis begann, als sie 3 Jahre alt war – viel Erfahrung also, die sie weitergeben kann.

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