Alternative Methoden in der Spezialklinik Neukirchen

Von G. Ionescu

Hinweis zum Autor: Dr. Ionescu ist Gründer und wissenschaftlicher Leiter der Spezialklinik Neukirchen.

Dass die Schuppenflechte eine entzündliche Hauterkrankung mit Rötung, Schuppung und Bläschenbildung ist, einhergehend mit einem stark beschleunigten Wachstum der oberen Hautschicht, dürfte allen Betroffenen bekannt sein. Auch die Einteilung in mehrere klinisch-morphologische Formen (Psoriasis vulgaris, Psoriasis pustulosa, Psoriasis arthropathica, psoriatische Erythrodermie) ist einstimmig anerkannt, bringt allerdings wenig Einblick in die Pathogenese dieser Erkrankung.

Herkömmliche Behandlungsmethoden

Die Analyse des Therapiespektrums bei Psoriasis in den Industrieländern in den letzten 30 Jahren zeigt immer wieder dieselben Verfahren wie:

  • Die Bestrahlungstherapie: UV-Behandlung unter stationären oder ambulatorischen Bedingungen, oft kombiniert mit Chemotherapeutika wie Psoralen (PUVA-Therapie)
  • Klimatherapie in hohen Gebirgen oder am Meer kombiniert die positive Wirkung der Sonne (UV-Bestrahlung) mit der Mineral- und Spurenelementeinwirkung des Meerwassers. Auf dieser natürlichen Therapieform basieren auch klinische oder ambulatorische Ansätze mit UV-Strahlen und Sole-Therapie, die in Kliniken und Kurorten angeboten werden.
  • Lokale symptomatische Behandlung mit verschiedenen Salben, Cremes und Emulsionen ebenfalls in Hautkliniken und Praxen, meistens basierend auf Kortison-, Retinoid-, Salicylsäure-, Cignolin- und Teerformulierungen.
  • Innere Behandlung schwerster Psoriasisformen mit Vitamin-A-Derivaten (Tigason, Roaccutan) oder sogar auch mit Zytostatika (Methotrexat, Cyclosponil).

Die oben erwähnten Therapieformen sind mit Sicherheit allen Psoriasis-Betroffenen längst bekannt und bis heute in jeden dermatologischen Therapieansätzen auffindbar.

Alle diese Verfahren haben leider drei Gemeinsamkeiten:

  • Keines dieser Verfahren berücksichtigt wichtige Provokationsfaktoren psoriatischer Erscheinungen.
  • Alle diese Verfahren richten sich lediglich auf die psoriatischen Symptome (Entzündungen und hohe Vermehrungsrate der Hautzellen, verbunden mit Schuppung), daher ist die beschwerdefreie Zeit begrenzt und die Rückfälle kommen nach wiederholter Behandlung immer schneller wieder.
  • Alle diese Verfahren haben verschiedene Nebenwirkungen, die bei langfristiger Anwendung für den Patienten leichter oder gravierender sein können, von Hemmung der Immunreaktion über Atrophie der Haut, Ödeme, Haarverlust und innere Organschäden bis hin zu Hautkrebs.

Anhand dieser Tatsachen konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Betroffenen in den letzten Jahren verstärkt auf neue, biologische, nebenwirkungsarme Therapieansätze, die

unter Umständen auch eine längere Beschwerdefreiheit sichern können.

Aktuelle Begleittherapien

Von verschiedenen Therapiestätten hört man in den letzten Jahren von dem Einsatz der einen oder anderen biologischen Mittel, meistens als Ergänzung zu den klassischen Therapieformen. Hierzu gehören z. B. die Anwendung von

  • Fumarsäurepräparaten für den inneren und äußerlichen Gebrauch,
  • mehrfach ungesättigte Fettsäuren wie z. B. aus Nachtkerzen- und Fischöl,
  • Antipilzmittei, besonders gegen die Kontaminierung des Darmes und
  • verschiedene Diätempfehlungen, die ebenfalls eine Linderung der Beschwerden bringen sollen.

Auch hier sind die Ansätze und die Therapieerfolge kontrovers diskutiert, da keines dieser neuen Mittel im Alleingang eine signifikante Erfolgsquote für sich verbuchen konnte. Dies zeigte sowohl den Therapeuten als auch den betroffenen Patienten wiederum, daß es nicht darum geht, die Diagnose Psoriasis pauschal, sondern vielmehr darum, den einzelnen Patienten mit seinem eigenen biologischen Muster zu behandeln. Das gleiche haben auch die Neurodermitis-Patienten erkannt und viele Therapeuten, die die multifaktorielle Determinierung dieser Erkrankung inzwischen sehr wohl berücksichtigen.

Das Neukirchener Modell

Seit 1986 werden in der Spezialklinik Neukirchen die verschiedenen klinischen Formen der Psoriasis anhand eines ganzheitlichen, komplexen Therapiemodelis behandelt. Die Wissenschaftler der Klinik waren vorher mehrere Jahre mit der Problematik der verursachenden Faktoren psoriatischer Erscheinungen beschäftigt. Die heute zur Verfügung stehenden Daten aus der Fachliteratur zeigen eindeutig, daß in 50-65% der Psoriasis-Fälle eine genetische Disposition vorliegt, die man heute mit den sogenannten genetischen Blutmarker-Systemen (Antigene der Lewis-Blutgruppen, der HLA- und MLC-Systeme) feststellen kann. Interessant ist aber die Tatsache, daß sowohl in diesen Fällen, als auch bei einer Vielzahl von Patienten, bei denen weder eine familiäre Veranlagung noch genetische Merkmale erkennbar waren, die Kranklieit erst relativ spät (meist im 2. Lebensjahrzehnt) zum Ausbruch kam. Das zeigt eindeutig, daß hier neben der erwähnten genetischen Disposition zusätzliche Provokationsfaktoren eintreten müssen, um eine latente, genetisch verankerte Psoriasis in eine klinisch definierte, sichtbare Psoriasis umzuwandeln.

Provokationsfaktoren psoriatischer Schübe

Nach den uns zur Verfügung stehenden Daten gelten als wichtige somatische Auslöser psoriatischer Schübe:

  • Hautreize chemischer oder physikalischer Natur
  • negative Klimaeinflüsse (naßkalte Witterung, Sonnenbrand)
  • Abweichungen in der humoralen oder zellularen Immunfunktion
  • rezidivierende bakterielle oder mykotische Infektionen der Haut, der Luftwege und des Darmes, die langfristige Einnahme verschiedener Medikamente tJnter anderen muß man hier in erster Linie denken an: Beta-Blocker, Lithium, Penizilline, Sulfonamide, Cimetidin, y-lnterferon, Anti-Malaria-Mittel u.a.,
  • der Verzehr bestimmter Nahrungsmittel und -Zusatzstoffe, die durch die IgE-vermittelten oder pseudoallergischen Reaktionen den Reizzustand der Haut deutlich steigern,
  • Schadstoffe wie Pestizide, Düngemittel, Holzschutzmittel, Lösungsmittel, Kosmetikbestandteile oder Schwermetalle aus Dentallegierungen, Schmuck, Konservendosen, Trinkwasser,
  • die Hemmung des Energiestoffwechsels, verbunden mit niedrigen Werten energiereicher Stoffe (ATP) und zyklischer Nukleotide (cAMP).
  • Abweichungen im Purin-, Eiweiß- und Fettstoffwechsel,
  • eine mangelnde antitoxische Funktion der Leber und des Blutes (eigene Untersuchungen zeigen erniedrigte MAO-, DAO- und ß -Glukuronidase-Werte) sowie
  • neurohormonelle Störungen, verbunden mit signifikanten KatecholaminAbweichungen und Blockaden der ß-Rezeptoren.

Die negative Wirkung verschiedener psychogener Faktoren wie z.B. Konfliktsituationen, Prüfungsangst, Verlust des Arbeitsplatzes, Unfälle, Operationen, Scheidung, Tod von Angehörigen u.a. konnte ebenfalls bei über 40% der Psoriatiker statistisch dokumentiert werden. Neuere Ergebnisse aus unserem Labor zeigen in diesem Zusammenhang signifikant erhöhte Noradrenalin-Werte im Plasma (p < 0,005), welche auf eine chronisch veränderte Reaktionslage in der neurohormonellen Regulation beim Psoriatiker hinweisen. -ber die negativen Streßeinflüsse auf die zelluläre Immunfünktion wurde ebenfalls in der Literatur berichtet.

Ganzheitliche, individuelle Therapie

Bei der o.g. multifaktorellen Determinierung psoriatischer Schübe ist es leicht verständlich, daß nur eine individuelle Ganzheitstherapie, die die o.g. Provokationsfaktoren berücksichtigt, langfristig Erfolg haben kann. Ziel dieser Therapie ist es, die manifeste Psoriasis in eine erscheinungsfreie Form umzuwandeln und diesen Zustand langfristig zu stabilisieren. Da die genetische Prädisposition der Psoriatiker nicht zu beeinflussen ist und jeder Patient seine eigene Krankheit hat, wird versucht, in erster Linie möglichst genau die individuellen Provokatidnsfaktoren exogener und endogener Natur herauszufinden und diese gezielt auszuschalten. Dies wird in der Spezialklinik Neukirchen zuerst im Rahmen eines umfassenden Diagnoseprogramms anhand klinischer und spezieller umweltmedizinischer, mikrobiologischer, biochemischer und immunologischer Untersuchungen gewährleistet. Die nachfolgenden individuellen Therapiemaßnahmen orientieren sich strikt an den im Diagnoseprogramm gewonnenen Ergebnissen und beinhalten vor allem:

Innere Behandlungskomponente

Hierzu gehören Maßnahmen wie

  • Sanierung mikrobieller Herde, die die Schleimhäute, die Luftwege, Harnwege, den Darm oder den Genitalbereich befallen haben.
  • Wiederherstellung einer gesunden Darmflora und Darmfunktion, z. B. anhand von milchsäureproduzierenden Bakterien und gesunden E.-coli-Stämmen.
  • Identifizierung und Ausleitung relevanter Schadstoffe wie Pestizide, Holzschutzmittel, Schwermetalle aus Dentallegierungen u.a.
  • Aktivierung von Entgiftungsmechanismen der Leber und des Blutes (Alkohol/Aldehyddehydrogenasen, Phenoloxydasen, Mono- und Diaminoxydasen) sowie Abbau erhöhter Harnsäure- und Fettwerte im Blut. Hier kommen biologische Leberschutzmittel und Vitamine mit Co-Enzym-Funktion wie B2, B6, B12 zum Einsatz.
  • Eliminierung erhöhter Konzentrationen von krankheitsfördernden Stoffen im Blut (Endotoxine, biogene Amine, pathogene Antikörper und zirkulierende Immunkomplexe) durch Ausschluß-Diät, Enzymgaben, u.a.
  • Aktivierung der humoralen und zehnlären körpereigenen Abwehrfunktion mittels Immunglobulingaben, Autovakzine und biologisch-pflanzlicher Präparate wie Echinacea, Thuja, Baptisia.
  • Ersatz fehlender Vitamine, Spurenelemente, essentieller Fettsäuren (Omega-3 und Omega-6) und energetisch wirksamer Stoffe (Fumarsäure, ATP). Die Gabe solcher Mittel hat ebenfalls individuellen Charakter und orientiert sich strikt an den Untersuchungsergebnissen.

Diätetische Maßnahmen

Erfahrungsgemäß müssen die meisten Psoriatiker auf die Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel verzichten, die allergische oder pseudoallergische Reaktionen auslösen können oder eine ungünstige Wirkung auf den intermediären Stoffwechsel entfalten. Hier kommen in Frage Nahrungsmittel

  • mit steigernder Wirkung auf die Harnsäure- und Blutfettwerte (Schweinefleisch, Innereien, Spargel, Fettspeisen),
  • mit ungünstiger Wirkung für die Unterhaltung bakterieller oder mykotischer Herde (Zucker- und Mehlprodukte, Alkohol),
  • mit reizender Wirkung auf das Nerven- und Gefäßsystem (biogene Amine, Kaffee, Konservierungsstoffe, Farbstoffe sowie bestimmte vasoaktive Gewurze wie Pfeffer, Paprika, Curry, Chilii),
  • die mit IgE-Antikörpern allergische Reaktionen hervorrufen oder ohne Immunglobulinbeteiligung zu der Entstehung pseudoallergischer Reaktionen beitragen (verschiedene Nahrungsmittelbestandteile und/oder Zusatzstoffe).

Lokale, äußerliche Behandlung

Diese wird in der Regel mit keratolytischen, wachstums- und entzündungshemmenden oder antimikrobiellen Präparaten (Harnstoff, Milchsäure, Teer, Dithranol, Zink, ATP, Antimykotika) durchgeführt, welche regelmäßig unter nassen oder trockenen Umschlägen- je nach Hautzustand und den Ergebnissen der mikrobiologischen Untersuchungen – zur Anwendung kommen. Die so erzielte herdsanierende, antlinflammatorische und aufbauende Wirkung wird durch medizinische Bäder (Teer, Milchsäure, Ölbäder) unterstützt. In der Nachbehandlungsphase werden in der Regel nur vitaminhaltige, feuchtigkeitsspendende Präparate angewandt.

Psychologische Betreuung

Die konsequente, individuelle psychologische Betreuung der Patienten wird in Neukirchen durch einen sehr engen Kontakt zu unseren Ärzten und Psychologen sowie durch zusätzliche Therapieformen wie autogenes Training, Yoga und Bio-Feedback gewährleistet. Hierzu kommen auch regelmäßige Einzel- und Gruppengespräche zur Erläuterung der Therapieprinzipien und verhaltenstherapeutische Hinweise für die Nachbehandlungsphase.

Nachbehandlungsphase

Obwohl die meisten Psoriasis-Patienten die Spezialklinik Neukirchen erscheinungsfrei verlassen, ist es nötig, in den folgenden acht bis zehn Monaten der Nachbehandlungsphase weitere diätetische, stoffwechselunterstützende und immunstimulierende Maßnahmen zu veranlassen, um eine dauerhafte Beschwerdefreiheit zu sichern. Dabei wird die Therapie anhand der Ergebnisse wiederholter klinischbiologischer Kontroll-Untersuchungen schrittweise abgebaut. Eine enge Zusammenarbeit mit dem behandelnden Hausarzt ist während dieser Zeit von wesentlicher Bedeutung.

Eine im Jahr 1990 abgeschlossene Statistik des Deutschen Psoriasis-Bundes dokumentiert, daß über 80% aller in Neukirchen behandelten Patienten mit ihrem Therapieergebnis langfristig zufrieden oder sehr zufrieden sind. Wir denken, daß dieses Ergebnis von Bedeutung ist, gerade wenn bekanntlich in diesem Therapiemodell weder Kortisonpräparate (extern oder intern) noch Zytostatika noch Retinolde noch UV-Bestrahlungen bzw. Photochemotherapie (PWA) einen Platz finden.

Literatur

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  • lonescu G.: Triggering factors and new therapy approaches in Psoriasis. communicatiun at Ihe Annual Meeting of the Belgian Psoriasis Association, Brüssel, Nov. 24,1990.
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  • Ionescu 0., Müller- Steinwachs J.: Intossirazione da amalgami: intossicazione da mercurio nella psoriasi e dermatite atopica. Diagnosi e terapia. Academia: L’Arte Medica, 1,38-40, 1994.

Anschrift des Verfassers:

Dr G. Ionescu

Spezialklinik Neukirchen

93453 Neukirchen

Quelle: Naturheilpraxis mit Naturmedizin, Sonderdruck, 49. Jahrgang, Nr. 7, Juli 1996, Seiten 1040-1044

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