Botschaft aus dem Universum
Was verbirgt sich hinter Falun Gong?
In China werden Anhänger gnadenlos verfolgt. Die Kommunistische Partei sieht ihr Regime durch sie gefährdet. Ein Begegnung mit Mitgliedern der fernöstlichen Bewegung in Hamburg.
Von SABINE TESCHE
Jing Hua Ben Ti", die Stimme des Meisters kommt monoton zu meditativen Klängen aus dem CD-Spieler. Synchron strecken sich die Hände gen Himmel, die Augen bleiben geschlossen, die Körper wirken entspannt. Von weitem sieht die neunköpfige Gruppe im Hamburger Stadtpark wie eine Gymnastikgruppe aus. Tatsächlich aber sind die sechs Deutschen und drei Chinesinnen gerade dabei, ihren Körper zu reinigen. In ihnen vereint sich die kosmische mit der körperlichen Energie, und unaufhörlich kreist das Falun (Abbild des Universums) in ihrem Unterbauch. Die Falun-Gong-Praktizierenden sind mitten in der Guan Tong Liang Ji Fa-Übung (das heißt, die beiden kosmischen Pole verbinden), und in ihrer Konzentration lassen sie sich auch nicht von den neugierigen Spaziergängern oder den schnüffelnden Hunden stören.
"Nach den Übungen ist alle Müdigkeit und der Stress des Tages von mir gefallen. Das Herz öffnet sich. Ich fühle mich leicht und eine innere Ruhe in mir", sagt die Studentin Nina Akbar in die nickende Runde. Seit zwei Jahren praktiziert die 26-jährige Hamburgerin Falun Gong, und wie die anderen um sie herum trinkt sie keinen Alkohol mehr, ist Rauchen für sie tabu und lebt sie nach den drei Prinzipien Wahrhaftigkeit, Nachsicht und Barmherzigkeit. Ehrgeiz ist genauso verpönt wie Neid oder materielle Begierde. Li Hongzhi, der Gründer und Meister der Falun Gong-Bewegung, hat dieses Lebensmotto aufgestellt und auch die insgesamt fünf Übungen erfunden, die gemeinsam mit seiner Lehre "Zhuan Falun" und viel eigenem Willen aus gewöhnlichen bessere Menschen mit hoher Moral machen soll.
Ziel ist es, seinen Körper und Geist zu kultivieren, was so viel wie verfeinern, veredeln oder schlicht entwickeln heißt, wie Dietrich Dischler (49) es definiert. Mit der Halbglatze, dem braven, rosakarierten Hemd und der Anzugshose wirkt der Gesamtschullehrer auf den ersten Blick so gar nicht wie der Anhänger einer fernöstlichen Heilmethode.
Doch gerade das ist typisch für Falun-Gong-Praktizierende, zu denen Menschen aller Gesellschaftsschichten gehören. Die Berufe des Hamburger Grüppchens reichen von der Schülerin zur Zahnarzthelferin, vom Kaufmann zur Rutengängerin. Wie oft falsch beschrieben, ist Falun Gong weder Sekte noch Kult, sondern eher eine Verbindung von Elementen des Buddhismus mit der Atemtechnik der traditionellen chinesischen Heilmethode Qi-Gong. Die Gruppen sind freiwillig organisiert, es werden keine Spenden angenommen, weder politische noch religiöse Parolen verbreitet. Jeder ist willkommen mitzumachen und kann gehen, wann immer er will. Der Meister Li Hongzhi, der aus Angst vor Verfolgung in den USA lebt, lehnt einen Personenkult ab.
In Hamburg gibt es vielleicht 25 Menschen, die Falun Gong praktizieren, in ganz Deutschland mögen es 1000 sein. In China jedoch haben sich innerhalb von acht Jahren rund 60 Millionen Chinesen der Bewegung angeschlossen - mehr als der Kommunisitischen Partei. "In China gibt es ein Vakuum. Der Buddhismus hat die Menschen nicht erfüllt, es herrscht Hoffnungslosigkeit nach Mao. Die Falun-Gong-Lehre sagt vielen Menschen mehr als das, was die KP-Führung verkündet", sagt Sigrun Ahrens. Wer Falun Gong praktiziere, sei politisch nicht mehr manipulierbar.
Diese Tatsache, aber auch die Beliebtheit der Bewegung, zu der auch viele KP-Mitglieder, Regierungsbeamte und auch Gelehrte gehören, ist der Führung anscheinend unheimlich. Die Regierung hat Falun Gong als "bösen Kult" eingestuft, der die öffentliche Ordnung und die Herrschaft der Kommunistischen Partei gefährde. Seit dem 22. Juli 1999 ist die Gemeinschaft in China verboten, ihre Angehörigen werden gnadenlos verfolgt. Bisher wurden 35 000 Praktizierende verhaftet, rund 5000 ins Arbeitslager gesteckt, mehr als ein Dutzend zu Tode gefoltert und die Schriften des Meisters verbrannt. Kritik des Auslands an diesen Aktionen prallen an den Schaltstellen der Macht in Peking ab.
Dennoch will Nina Akbar dieser Gewalt gegen Falun-Gong-Praktizierende nicht tatenlos zusehen. Sie sammelt gemeinsam mit ihrer Schwester Julia Unterschriften, die sie an Amnesty International schicken. "Wir bitten die Menschen auf der Straße um moralische Unterstützung, und viele unterschreiben", freut sich die Studentin. Die Hamburger Gruppe hat bei ihren
Übungstreffen im Park immer Informationsmaterial ausliegen.
"Wichtig ist vor allem, dass die Menschen die Wahrheit über Falun Gong erfahren. Es ist so viel Negatives über uns verbreitet worden", sagt Sigrun Ahrens (47). Mehr als aufklären können die deutschen Praktizierenden nicht, denn eine politische Einmischung oder gar eigene Gewaltanwendung widerspricht ihrem Prinzip.
Bis auf ihre Sorge um die chinesischen Falun-Gong-Praktizierenden und die wöchentlichen Treffen verbindet die Hamburger wenig Persönliches miteinander. "Die Übungen sind jedoch in der Gruppe energiereicher, und man kann sich gut austauschen", sagt Nina Akbar, deren gesamte Familie bis auf ihren moslemischen Vater Falun Gong praktiziert. Allerdings war jeder in der Gruppe vorher auf der Suche nach einem Sinn im Leben, und die meisten haben sich schon vorher mit Esoterik beschäftigt. Wenn es eine Voraussetzung für Falun-Gong-Praktizierende gibt, dann ist es die Offenheit für Spiritualität.
Worte wie Himmelsauge, Erleuchtung, kosmische Energie oder
auch Hauptbewusstsein dürfen nicht von vornherein abschrecken. Die Bücher und Wortschöpfungen Li Honghzis sind schwer verständlich, besonders für Westler. "Sie sind für Chinesen geschrieben. Ich habe mich am Anfang über diese Schwarz-Weiß-Darstellungen gewundert. Entweder ist etwas gut oder böse. Es fehlen einfach die Zwischentöne, die es offenbar in der chinesischen Kultur nicht gibt, wie mir eine Chinesin erklärt hat", sagt Sigrun Ahrens.
Sie ist Feng-Shui-Beraterin (chinesische Harmonielehre), hat
vorher jahrelang Tai Chi praktiziert. "Doch das wars nicht." Seit sie Falun-Gong-Anhängerin ist, bleibt sie angeblich ruhig in jeder Lebenslage, streitet weniger mit ihrem Mann, und zudem hat sich ihr Blutbild verbessert. Falun Gong heilt, das kann auch Nina Akbar bestätigen. Sie hatte früher Knieprobleme, Allergien und Schuppenflechte. "Alles weg. Bei der Schuppenflechte half mir vorher nur Cortison", erzählt die Pädagogik-Studentin.
Die neun Hamburger glauben nur an die Worte des Meisters. Falun Gong lässt sich nicht mit anderen Religionen verbinden, obwohl die Prinzipien wie Nachsicht oder Barmherzigkeit auch von Christen gelehrt werden. "Entweder ich folge der einen oder der anderen Lehre. Wenn man zum Anfang der Übungen Christ ist, wird man sich später für Falun Gong entscheiden, weil es einfach besser ist", sagt Nina Akbar, ohne konkreter zu werden.
Anders als bei Christen, Moslems oder auch den Zeugen Jehovas heiraten Falun-Gong-Praktizierende jedoch nicht am liebsten ihresgleichen. Es geht auch nicht darum, andere zu missionieren und von der eigenen Einsicht zu überzeugen. "Das wäre gegen das Prinzip des Meisters", sagt Jan Kaniewski, dessen Freundin nichts mit Falun Gong zu tun hat.
Der hoch gewachsene Kaufmann mit den kurzen Haaren und der runden Brille ist durch einen Artikel vor zwei Jahren auf Falun Gong aufmerksam geworden, hat einen kostenlosen Wochenendkurs besucht und sich anschließend monatelang damit beschäftigt. "Das war eine ganz langsame Entwicklung. Man muss die Übungen und Lesungen ausprobieren, schauen, ob man die Veränderungen, die in einem vorgehen, die Energie, die einen durchströmt, mag. Es gibt genügend, die in unserer Gruppe waren und wieder gegangen sind", erinnert er sich. Da war zum Beispiel ein Homosexueller, der das Gefühl hatte, seine "Sexualität zu verlieren" und deswegen aufhörte.
Schwule lehnt Li Hongzhi ab, für ihn sind deren Liebespraktiken schmutzig, eben wider die Natur. Sprich, wer Falun Gong praktiziert, kann nicht homosexuell sein oder wird über kurz oder lang wieder umgedreht. "Mann und Frau wurden geschaffen, um sich zu vereinen und sich zu vermehren, so sagt es der Meister", wirft Nina Akbar in die Runde. Da kraust Sigrun Ahrens missbilligend die Stirn: "Ich habe viele schwule Freunde und werde sie immer haben. Auch wenn der Meister anderer Meinung ist, ich habe mich in dem Fall für meine Ansicht entschieden." Auch der 49 Jahre alte Dietrich Dischler will das
Ganze weniger dogmatisch als Li Hongzhi sehen. Erstmals spaltet ein Thema die Gruppe. Die Jüngeren berufen sich auf die auswendig gelernten Worte des Meisters, während die Älteren ihre eigene Lebensweisheit einbringen - auch die soll durch Falun Gong gestärkt werden.
Informationen zur Hamburger Falun-Gong-Gruppe bei Jan Kaniewski: Tel: 040/513 12 967
Quelle: Hamburger Morgenpost, 19. Mai 2000








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