Salz und Sonne für die Haut

Von Martin Stürzinger

Gegen den Abendhimmel zeichnet sich die Silhouette von Jerusalem ab. Dann verändert sich die Landschaft. Säumten bis dahin vorgefertigte Einfamilienhäuser und Hütten von Beduinen die Strasse, führt sie nun durch eine Steinwüste. Wenige Kilometer östlich der israelischen Hauptstadt fallen die judäischen Berge steil hinab zum Toten Meer. Eine Tafel zeigt die Meereshöhe an. Danach windet sich die Strasse nochmals 400 Meter in die Tiefe zum tiefsten Punkt der Erde, bevor sie dem Ufer entlang Richtung Süden führt und in der Ferne die Leuchttafeln von Hotels zu sehen sind. Als der palästinensische Fahrer die Türe des klimatisierten Wagens öffnet, dringt ein Schwall heisser Luft ins Fahrzeug.

Auf einem ersten Rundgang durch das nächtliche En Boqeq ist die Wärme bereits erträglicher. Die trockene Luft riecht unbekannt würzig. Das Meer liegt wellenlos, am gegenüberliegenden Ufer funkeln jordanische Dörfer. Auf dem Gehsteig flanieren lachende Gruppen, in Restaurants wird Bier getrunken. Am Strand sitzen einheimische Touristen auf Klappstühlen neben einem Grill, in einigen Hotellobbies wird getanzt. Souvenirläden verkaufen Postkarten, Bücher und kosmetische Artikel, an der Busstation gibt es Falafel und kalte Getränke.

Am nächsten Morgen gewahrt man verblüfft die Kargheit der Landschaft. Hinter den modernen Hotels sammeln sich Geröllhalden am Fuss der steinigen Berge. Pflanzen wachsen nur auf bewässerten Grünflächen. Ein Dunstschleier lässt das gegenüberliegende Ufer mehr erahnen als sehen. – Eine Freude für Auge und Gaumen ist das reichhaltige Frühstücksbuffet im Hotel Lot: Salate, Früchte, Quark, Fisch, Käse, Oliven und für Traditionalisten Brot, Butter und Konfitüre. Einzig Fleisch fehlt, wie immer in Israel, wenn es Milch gibt; alle Mahlzeiten sind streng koscher. Und es wird auf gesunde Ernährung geachtet, sind doch jene, die sich daran gütlich tun, nicht einfach Feriengäste, sondern Heilung Suchende.

In der MOR-Klinik im Untergeschoss des Hotels wartet auch schon ein gutes Dutzend Patienten, einige braungebrannt in Shorts und T-Shirts, andere in langen Hemden und Hosen. Die Eintrittsuntersuchung dauert eine Viertelstunde. In den ersten Kurtag entlassen wird man mit Babyöl, Vaseline, einer Lotion für den Abend und einem Stundenplan mit den optimalen Bestrahlungszeiten, die der Computer auf Grund des Hauttyps, des Krankheitsbildes und der Jahreszeit errechnet hat. SonnenschutzcrÏme gibt es nicht; einziger Schutz ist die allmähliche Gewöhnung der Haut an täglich länger werdende Sonnenbäder. Für den Anfang reichen zweimal fünfzehn Minuten, sagt der Arzt Marco Harari bestimmt. Wer wollte da widersprechen!

Im sogenannten Natursolarium, zwei orange eingezäunten Strandbezirken, wo Frauen und Männer getrennt an der Sonne liegen, sind die meisten Liegen bereits besetzt. Die Hitze ist schon vormittags um zehn fast unerträglich. Zuerst also ein Bad nehmen, klar. Erfrischend ist das allerdings auch nicht. Das Wasser des Toten Meers hat Wannentemperatur und wirkt ölig. Am Geländer beim Einstieg haben sich Salzkrusten abgelagert. Kaum ist man bis zur Hüfte im Wasser, zieht es einem die Beine nach vorne hoch, und man dümpelt wie ein Korken in der lauen Lache. Die kleinste Schnittwunde brennt höllisch.

Auf der Liege im Solarium erscheint dann die verordnete Viertelstunde auf einmal sehr kurz: Kaum ist man richtig eingeölt und liegt bequem, soll man wieder zurück ins klimatisierte Hotelzimmer. Doch der Neuling wird vom Nachbarn sofort beraten: Es sei besser, die berechneten Zeiten einzuhalten. Er selber habe sich kurz nach seiner Ankunft einen Sonnenbrand geholt und dann zwei Tage aussetzen müssen.

Man lernt sich rasch kennen an diesem Ort, wo alle ihre schuppige, fleckige oder sonstwie geplagte Haut vertrauensvoll der Sonne aussetzen. Höflichkeitsfloskeln werden wie Kleidungsstücke abgelegt. Man duzt sich, ohne ganz vertraulich werden zu müssen: Leidensgenossen unter sich. Da werden Krankengeschichten verhandelt, Erfahrungen ausgetauscht, Tips weitergegeben, Diäten diskutiert. Nur Anfänger wissen noch nicht, wo man Vierliterkanister kaufen kann, um im Hotel kaltes Trinkwasser abfüllen zu können. Franz aus Deutschland war schon fünfmal hier und ist jedesmal abgeheilt nach Hause gefahren. Jetzt sind seine Knie und Ellbogen wieder mit Schuppen gepanzert, und auf Brust und Rücken zeigen sich rote Flecken. Vielleicht müsste er auch mal die Ernährung umstellen wie Eckhard: der isst kein Schweinefleisch mehr und lässt die meisten Gewürze weg. Und Peter, der an Neurodermitis leidet, lebt seit einem halben Jahr ohne tierisches Eiweiss und hofft, dass die Wirkung der Klimatherapie dank der Diät möglichst lang anhält. Es sind ja immer nur Erfolge auf Zeit, das wissen alle. Von völliger Heilung, von lebenslang blütenreiner Haut kann man höchstens träumen.

Am fünften Tag ist immerhin zweimal eine Stunde Sonne erlaubt. Da lohnt es sich bereits, ein Buch oder den Walkman auszupacken. Dass es am Toten Meer mit Sonne und Baden nicht getan ist, lernt man allerdings auch. Am Abend ist ein ölbad praktisch Pflicht, und über Nacht pflegen Feuchtigkeitslotions die von der Sonne strapazierte Haut. Wer Schuppen am Haarboden hat, muss diesen mit salicylsäure- und schwefelhaltigen Präparaten behandeln. Kein Wunder, tragen fast alle Männer ihr Haar extrem kurz.

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Dank den Patienten, die mittlerweile aus der ganzen Welt ans Tote Meer kommen, hat sich En Boqeq in den letzten Jahren massiv verändert. Heute bieten zwölf Hotels 3200 Zimmer an, und es wird immer noch weitergebaut. Dov Litvinoff, der Tourismusmanager des Dead Sea Regional Council, hat hochfliegende Pläne: Noch in diesem Jahr sollen zwei Hotels eröffnet werden, ein weiteres ist geplant. Zusätzlich sollen bis in etwa zehn Jahren bei der Oase En Gedi Hotels mit 3000 Zimmern erstellt werden. Auch auf der jordanischen Seite sind drei Hotels in Betrieb, zwei weitere im Bau. All das ist natürlich keineswegs nur für Patienten gedacht. åDie Luxushotels haben der Gegend ein neues Image gegebenÄ, sagt Litvinoff. åMan kann auch einfach zwei, drei Tage ausspannen, ohne dass man sich krank fühlt. An den Wochenenden sind wir praktisch immer ausgebucht.Ä

Das war 1959 anders, als Zvi Even-Paz vom Dead Sea Medical Research Center mit einer Gruppe junger Dermatologen erstmals die Gegend besichtigte: åWir fuhren auf holprigen Strassen in etwa sieben Stunden ans Tote Meer und kamen uns vor, als seien wir auf dem Mond gelandet. Es gab kein Trinkwasser, keine Elektrizität, keine Vegetation, nur Wüste und ein geheimnisvoll aussehendes Meer.Ä Aus dem Altertum überlieferte Berichte von der Heilkraft des Toten Meers hatten die Dermatologen aus Jerusalem zu ihrer Reise bewogen. Sie wollten an Ort und Stelle ergründen, weshalb seinerzeit wohlhabende Römer sich das extrem salzhaltige Wasser bis nach Italien hatten bringen lassen.

Tatsächlich stellten die ärzte bei Psoriasis-Patienten innerhalb weniger Tage markante Besserungen fest. Weitere Studien wurden jedoch durch die politische Lage erschwert. Der nördliche Teil des Toten Meeres gehörte zu Jordanien, eine Strasse gab es nicht. Das änderte sich nach dem Sechstagekrieg von 1967. Israel kontrollierte nun Cisjordanien. Eine Strasse wurde gebaut, 1971 die erste Klinik, 1973 das erste Hotel eröffnet.

Eine der häufigsten Indikationen für einen Kuraufenthalt am Toten Meer ist noch immer Psoriasis oder Schuppenflechte, eine genetisch bedingte Krankheit, von der etwa zwei Prozent der Weltbevölkerung betroffen sind. Die Haut bildet zu viele Hornzellen, die sich als Schuppen auf der Haut ablagern. Die Krankheit kann auch Nägel und Gelenke befallen und zu Invalidität führen. Psoriasis ist bis heute unheilbar. Temporäre Linderung verschaffen verschiedene Wirkstoffe in CrÏmes und Salben; schwere Fälle werden mit Spritzen und Tabletten oder stationär im Spital therapiert.

Die Heilkraft des Toten Meers nutzen indes auch Patienten mit anderen Hautkrankheiten, etwa Neurodermitis, die sich als heftiger Juckreiz vor allem in den Gelenkbeugen äussert, sich jedoch auf den ganzen Körper ausdehnen kann. Durch das Kratzen beginnt die Haut zu reissen und wird mit der Zeit pergamentartig dünn. ärzte verschreiben bis heute vorwiegend Cortisonsalben. ähnlich ratlos ist die Schulmedizin bei der Pigmentstörung Vitiligo, da weder Cortison noch Bestrahlungen oder Hauttransplantationen eine dauerhafte Repigmentierung der weissen Flecken bewirken, die oft im Gesicht und an den Händen auftreten.

Ferner finden auch Asthma- und Lungenkranke Linderung in der trockenen, pollenarmen Luft, und neuere Studien haben ergeben, dass die Uveitis, eine Augenentzündung, die zur Erblindung führen kann, sich am Toten Meer bessert oder gar völlig ausheilt.

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Nicht nur das Natursolarium, auch alle Hoteldächer sind bevölkert mit Patienten, die nackt an der Sonne liegen. Die Hitze macht einigen schwer zu schaffen. åWer glaubt, das seien Ferien, macht sich Illusionen. Das ständige Sonnenbaden hängt einem schon bald zum Hals herausÄ, klagt Harry. Mit Strandferien hat eine Klimatherapie nicht das geringste zu tun. Franz, der sich zu Hause nicht in ein Freibad traut, weil er wegen seines Ausschlags weggewiesen zu werden fürchtet, verharrt geduldig auf Knie und Ellbogen gestützt, damit die Sonne auch Winkel bestrahlt, die ihr normalerweise verborgen bleiben. Und Peter ist jeden Morgen schon um halb acht im Solarium, damit ihm keiner seinen Stammplatz vor dem Ventilator streitig machen kann.

Manche liegen bis zu acht Stunden auf der Pritsche und gönnen sich nur die obligatorische Mittagspause. Dazwischen muntert man sich gegenseitig auf oder lobt die sichtbaren Genesungsfortschritte. Je heisser es dann wird, desto mehr schwindet die Kommunikationsfreude. Stumm schwitzt jeder vor sich hin. Einige lesen in Büchern voller ölflecken, andere haben Kopfhörer auf.

Auch abends bestimmt die Krankheit das Gespräch. Klaus zeigt die ersten braunen Punkte auf seinen weissen Flecken. Rolf erzählt, sein Hausarzt sei fast vom Hocker gefallen, als er ihm nach der ersten Klimatherapie seinen braungebrannten Körper präsentiert habe. Und Gabi, die seit frühester Kindheit an Neurodermitis leidet, hat ihren Körper nach der Kur erstmals ohne Rötungen und Schrunden gesehen: åIch habe Stunden vor dem Spiegel verbracht.Ä

Zurückgeführt werden diese Erfolge auf die einmalige Lage und die klimatischen Verhältnisse. Der hohe atmosphärische Druck und die Dunstglocke über dem Meer wirken wie ein Schirm, der die Haut vor der gefährlichen Ultraviolett-B-Strahlung schützt. Die Luft ist sauerstoffreich wie sonst nirgends auf der Welt, trocken und praktisch pollenfrei. Auch die Zusammensetzung des Meerwassers ist einzigartig. Der Salzgehalt ist zehnmal so hoch wie im Mittelmeer: Ein Liter enthält über 400 Gramm Mineralien, darunter vor allem Magnesium- und Kalziumchlorid. Grund dafür sind salzhaltige Quellen und die Tatsache, dass das Wasser nicht abfliesst, sondern nur verdunstet.

Welche Faktoren im einzelnen für den Behandlungserfolg verantwortlich sind, ist bis heute unklar. Studien zeigen, dass schon die einzigartige Sonneneinstrahlung eine wesentliche Besserung bewirkt. Zudem hat der hohe Salzgehalt des Wassers einen abschuppenden und entzündungshemmenden Effekt, der sich insbesondere bei Psoriasis positiv auswirkt.

Die meisten Patienten halten die empfohlenen vier Wochen Kurzeit ziemlich brav durch. Eckhard wird nach zwei Wochen vom Therapiekoller gepackt: Er sucht in der Mittagspause Mitleidende, die ein Taxi nach Jerusalem teilen. Oder nach Eilat, Qumran oder Masada, sogar nach Tel Aviv würde er fahren, um der Eintönigkeit zu entrinnen. Eine kleine Gruppe ist bald gefunden, doch die meisten wollen nichts wissen von Eckhards Plänen. åWenn du Erfolg haben willst, musst du schwitzenÄ, sagt Franz, der Vielerfahrene. Auch er hat erst Halbzeit, ist aber schon sechs Stunden pro Tag an der Sonne. Dazu kommen täglich vier Bäder im Toten Meer, das erste vor dem Frühstück. Sogar die regelmässigen Arztbesuche versucht er auf den frühen Morgen zu legen. „Los, an die Arbeit“, muntert er andere auf, denen es nach der Mittagspause noch zu heiss ist, um sich an die Sonne zu legen. „Schon wieder liegen. Nachts liegt man, tagsüber liegt man, und auch in dieser Salzlache kann man nur liegen“, klagt Eckhard. „Aber schau dich jetzt an, und erinnere dich, wie du vor zwei Wochen angekommen bist“, entgegnet Franz. Ein schlagendes Argument. Kleinlaut macht sich die Gruppe auf den Weg ins Solarium.

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Die Tage an der Sonne ausnützen heisst auch auf Ausflüge verzichten. Gar mancher ist mit Reiseführern im Gepäck angekommen und hat dann die geplanten Touren gestrichen. Dabei gäbe es in der Umgebung einiges zu sehen. åNormaleÄ Reisegruppen machen in En Boqeq meist nur kurz halt, um sich zu überzeugen, dass man im Toten Meer wirklich Zeitung lesen kann, und ziehen dann weiter zu den legendären Stätten des Alten Testaments. Sodom und Gomorrha müssen ganz in der Nähe gelegen haben. Die Salzsäule, zu der Lots Frau erstarrt sein soll, wäre sogar zu Fuss erreichbar, die fruchtbare Oase En Gedi, wo sich schon David aufhielt, liegt eine Viertelstunde entfernt. Beliebtestes Touristenziel sind die Höhlen von Qumran, wo in den späten vierziger Jahren zahlreiche Schriftrollen aus vorchristlicher Zeit gefunden wurden, die bisher ältesten hebräischen Abschriften des Alten Testaments. Ebenfalls ins Programm gehört Masada, eine Festung, die auf einem Felsplateau 440 Meter über dem Toten Meer liegt. Die Burg spielt in der jüdischen Geschichte eine herausragende Rolle. Gemäss der Legende sollen hier rund 1000 Zeloten den anrückenden Römern heroisch Widerstand geleistet und dann kollektiv Selbstmord begangen haben.

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Je länger die Kur schon dauert, desto knapper wird die Freizeit der åSchuppisÄ, åJuckisÄ und åFleckisÄ, wie sich die Patienten scherzhaft nennen. Schwitzen, baden, duschen, ölen, salben, eincrÏmen. åWenn man nicht fast täglich sähe, wie die Haut besser wird, würde man das nie durchstehenÄ, meint Eckhard. Um so mehr entrüstet er sich, dass ihm sein Arzt die längste Zeit eine Klimatherapie am Toten Meer verweigert hatte. ärzte sind ein ständiges Thema im Solarium. Jahrelang habe er sich mit Cortisonsalben vollgeschmiert, sagt Franz, bis er gemerkt habe, dass so die Krankheit nur immer stärker wiederkehre. Als er dann vom Toten Meer gehört habe, sei ihm klar gewesen, dass er dorthin wolle. Seither schwört er auf die Klimatherapie. Nur im Juli und August würde er nicht mehr fahren. åDann ist das Meer bereits vor Mittag derart heiss, dass man nicht mehr baden kann.Ä Sechs bis sieben Liter Wasser habe er tagsüber getrunken, den Kaffee am Morgen und das Bier am Abend nicht mitgerechnet.

Heiss wird das Wasser, weil es vor En Boqeq nur gerade drei bis vier Meter tief ist. Würde es nicht vom Nordbecken her hochgepumpt, wäre der südliche Teil längst trockengelegt. Vor allem die Nutzung des Jordans für Trinkwasser und Bewässerung hat den Wasserspiegel des Toten Meeres drastisch gesenkt. Allein in den letzten 15 Jahren ist er von 399 auf 412 Meter unter Meer gefallen, also fast einen Meter pro Jahr. In den letzten hundert Jahren ist der Salzsee einen Drittel kleiner geworden.

Pläne, das Tote Meer durch eine Verbindung zum Mittelmeer oder zum Roten Meer wieder aufzufüllen, gibt es seit Jahren. Im Moment könne sich niemand leisten, den Kanal zu bauen, sagt Dov Litvinoff – was bedeutet, dass sich der Meeresspiegel weiter senkt. Ein neues Projekt sieht vor, die Abwässer aus Jerusalem zu klären und ins Tote Meer zu leiten. Ein weiteres Sinken des Wasserspiegels wäre nicht nur für die Patienten dramatisch. Das Tote Meer hat für Israel auch enorme wirtschaftliche Bedeutung. Die Dead Sea Works am südlichen Ende machen sich das riesige Reservoir an Salzen und Mineralien zunutze. Dazu wurde das Südbecken mit Dämmen in verschiedene Abschnitte eingeteilt. über Verdunstung wird die Konzentration erhöht, bis sich Carnallit, eine Verbindung aus Magnesiumchlorid und Kalium, absetzt. Daraus werden jährlich drei Millionen Tonnen Pottasche oder Kaliumkarbonat gewonnen, die vorwiegend als Düngemittel Verwendung finden. Daneben werden jährlich 600 000 Tonnen Salz sowie Chlor und Brom abgebaut. 1996 gründeten die Dead Sea Works zusammen mit Volkswagen die Firma Dead Sea Magnesium. Das geringe Gewicht und die leichte Verarbeitung machen Magnesium zu einem idealen Werkstoff für umweltschonende Fahrzeuge. Die Firma produziert bereits heute 35 000 Tonnen Magnesium pro Jahr, die aus dem Toten Meer gewonnen werden.

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Schwitzend werden im Solarium und auf den Hoteldächern Freundschaften geknüpft, und manch einer vertraut hier Menschen, die er zwei Wochen zuvor nicht kannte, Probleme an, die er zu Hause seinen besten Freunden nicht erzählen würde. Gegen Ende der Therapie werden die Nächte sogar oft etwas ausgelassen. Nach dem Tratschen in der Hotellobby getrauen sich manche wieder einmal mit kurzen ärmeln in die Disco. übertreiben darf man aber nicht: Schliesslich will man sich ja länger als nur gerade während der vier Wochen wohl fühlen in seiner Haut.

Und dann muss auch schon gepackt werden. Die Badehose kann man gleich hier entsorgen, weil die Gummibänder vom Salzwasser derart zersetzt sind, dass sie für das Strandbad nicht mehr taugen. Der Abschied fällt vielen schwer. Tränen fliessen, man verspricht, einander zu besuchen oder wenigstens zu schreiben. Nicht wenige kommen jedes Jahr zur selben Zeit hierher, damit sie ihre Freunde wieder treffen können.

Die Erfolge der Klimatherapie am Toten Meer geben heute auch unter Dermatologen zu reden. So werden Psoriasis, Vitiligo und Neurodermitis des öfteren mit UV-Bestrahlungen behandelt, vielerorts nach einem Bad in einer Salzlösung, deren Zusammensetzung derjenigen des Toten Meeres entspricht. Die Patienten sind allerdings der Ansicht, dass sich die einzigartigen klimatischen Verhältnisse und vor allem die örtliche Atmosphäre, die den Betroffenen erlaubt, sich frei zu bewegen, nur beschränkt imitiert werden können. Die Schweizerische Psoriasis- und Vitiligo-Gesellschaft hat deshalb in einer Studie Wirksamkeit und Kosten einer Behandlung am Toten Meer mit einer stationären Therapie in der Schweiz verglichen und ist zum Schluss gekommen, dass eine vierwöchige Klimatherapie bei Psoriasis-Patienten gleich gute Ergebnisse bringt wie ein Spitalaufenthalt in der Schweiz. Nun will die Selbsthilfeorganisation beim Bundesamt für Sozialversicherungen einen Antrag einreichen, damit die Klimatherapie wie bereits in Deutschland, österreich oder Dänemark von den Krankenkassen bezahlt wird. Davon würden letztlich auch die Prämienzahler profitieren, denn ein Aufenthalt am Toten Meer ist wesentlich günstiger als eine Behandlung in einem Schweizer Spital.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung ZEITBILDER Samstag, 06.05.2000^

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