Panaclar – das Medikament, das nie auf den Markt kam

Panaclar war ein Medikament – zumindest fast. Jahrelang wurde es in Studien erprobt, doch dann kam dem Hersteller etwas dazwischen. Dies ist die Geschichte dahinter.

Im Mai 2005 stellte Professor Ulrich Mrowietz bei der Tagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft in Dresden das Präparat Panaclar vor. Es sollte der Nachfolger des Medikamentes Fumaderm werden – und besser zu vertragen sein. Psoriatiker, die darauf gehofft hatten, wurden jedoch enttäuscht: Der Hersteller Biogen Idec brachte Panaclar nie auf den Markt.

Zunächst wurde als Grund angegeben, dass man warten wolle, bis es europaweit verkauft werden kann. Diesem Plan nämlich hatte die deutsche Behörde – das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – nämlich zuvor einen Strich durch die Rechnung gemacht: Sie signalisierte dem Hersteller, dass eine Ablehnung folgen könnte.

Anja Kamps vom Hersteller Biogen Idec erklärte damals: „In einer gemeinsamen Entscheidung von Biogen Idec und Fumapharm wurde der Zulassungsantrag für die Indikation Psoriasis bei der deutschen Zulassungsbehörde zurückgezogen, um den klinischen Entwicklungsplan zu optimieren und Panaclar so allen Patienten in Europa zugänglich zu machen. Es werden daher weitere Studien benötigt, um den Anforderungen der europäischen Zulassungsbehörde EMEA zu genügen.“

Anja Kamps weiter: „Ja, wir waren sehr optimistisch hinsichtlich einer rein deutschen Zulassung. Aber das Zulassungsverfahren für Panaclar ist nicht vergleichbar mit dem damaligen Zulassungsverfahren für Fumaderm.“

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hätte laut Kamps Kamps nach Abarbeitung der sogenannten Mängelliste die Zulassung wahrscheinlich erteilt, doch zugunsten einer europaweiten Zulassung hat man den Zulassungsantrag in Deutschland zurückgezogen.

Das Zulassungsverfahren wurde noch durch die Firma Fumapharm initiiert. Nach deren Übernahme durch Biogen Idec wurde die zuvor eingegangene Entwicklungskooperation in voller Verantwortung von Biogen Idec weitergeführt.

Ein Preis für das neue Medikament war noch nicht genannt worden.

Was war Panaclar?

In Panaclar war nur der Wirkstoff Dimethylfumarat enthalten. Der steckte in einer magensaftresistenten Mikrotablette. Die wiederum wurde in einer Gelatinekapsel „versteckt“. So wurde der Wirkstoff erst nach und nach im Körper freigesetzt.

Während Fumaderm ein Gemisch aus vier Fumarsäure-Esther-Substanzen ist, handelte es sich bei Panaclar nur um die Mono-Substanz (das erwähnte Dimethylfumarat). Weil es chemisch so simpel aufgebaut ist, wurde es auch einfach wieder ausgeschieden: 60 Prozent Kohlenmonoxyd (CO2) durch die Atemluft und 40 Prozent Wasser (H2O) durch den Urin. Im Körper blieb nichts zurück.

Panaclar vertrug sich mit allen Medikamenten, die der Patient außerdem nehmen muss: „Für Patienten mit mehreren Krankheiten ist Panaclar ein sehr sicheres Medikament, weil es keine Arzneimittel-Wechselwirkungen gibt“, so Mrowietz auf der 34. Tagung der Deutschen Dermatologen in Dresden im Jahr 2005.

Panaclar regulierte das Zuviel an Entzündungen herunter und brachte das Immunsystem in eine normale Balance. Deshalb bezeichnete Mrowietz das neue Medikament als „hochwirksamen Immunmodulator“.

Von Panaclar sollte in der ersten Woche dreimal eine Kapsel, später dreimal zwei Kapseln eingenommen werden. Vom Ergebnis berichtete Dr. Sandra Philipp, damals an der Uni-Hautklinik der Charité in Berlin: „Bei einer Einnahme von sechs Kapseln sahen wir bei Patienten eine Verbesserung des PASI um mehr als 70 Prozent“. Panaclar wirke schneller als Fumaderm, weil die Dosierung des Wirkstoffs gleich zu Anfang höher sei.

Als Nebenwirkungen nannte Dr. Philipp die vom Fumaderm bekannten: Flush, Durchfall und Magenschmerzen. „Sie sind aber milder als beim Fumaderm“, so die Ärztin.

Mrowietz verglich Panaclar bei besagter Tagung außerdem mit den modernen Biologika: 40 Prozent der Psoriatiker erreichen nach 16 Wochen Therapie eine mindestens 75 -prozentige Verbesserung ihres Hautzustandes. Bessere Ergebnisse würden diese Hightech-Medikamente auch nicht erreichen. Während die Biologika im Immunsystem Vorgänge blockieren oder Botenstoffe abfangen, reguliert das Fumarat das Immunsystem lediglich herunter.

Wie Panaclar in Studien wirkte

In Phase II

In einer Phase-II-Studie testeten 144 Patienten mit schwerer Schuppenflechte das Mittel, das damals noch den unspektakulären Namen BG-12 trug. Die Ergebnisse wurden auf dem Frühjahrssymposium der Europäischen Akademie für Dermatologie und Venerologie (EADV) im Jahr 2004 in Budapest (Ungarn) vorgestellt.

Burt A. Adelman, im Vorstand von Biogen Idec für die Entwicklung zuständig, erklärte damals: „Es ist ermutigend, dass 42 Prozent der Patienten, die die höchste Dosis einnahmen, nach zwölf Wochen eine mindestens 75-prozentige Verbesserung ihres Psoriasis-Befalls (korrekt: ihres PASI) erhielten. Dagegen war das nur bei elf Prozent der Patienten mit einem Placebo so. Wir freuen uns auf die Ergebnisse der laufenden Phase III in Europa und auf die Verkaufskonzession für Biogen Idec.“

Die Studie, ausgeführt von Fumapharm, war eine sogenannte Doppelblind-Multicenter-Studie mit Placebo-Kontrolle und Dosis-Vergleich. Doppelblind heißt, dass weder Arzt noch Patient wissen, ob der Proband gerade ein Medikament mit Wirkstoff oder einen Placebo bekommt. So ist auch unbekannt, in welcher Dosierung das Mittel dem Patienten verabreicht wird. Eine Multicenter-Studie ist eine, die in mehreren Prüfzentren – meist also in mehreren Uni-Kliniken und anderen Studienzentren – durchgeführt wurde.

BG-12 wurde zwölf Wochen lang in drei verschiedenen Stärken geschluckt – 120, 360 oder 720 Milligramm pro Tag.

Einigen Patienten ging es bereits zwei Wochen nach Beginn der Einnahme besser.

Nach zwölf Wochen war die PASI-Reduktion durchschnittlich

  • 71 Prozent bei den Patienten, die 720 Milligramm BG-12 bekamen
  • 52 Prozent bei den Patienten, die 360 Milligramm BG-12 bekamen
  • 31 Prozent bei den Patienten, die 120 Milligramm BG-12 bekamen
  • sechs Prozent bei den Patienten, die das Placebo bekamen

Nach 12 Wochen erreichten 42 Prozent der Patienten, die 720 Milligramm BG-12 bekamen, eine Besserung um mindestens (!) 75 Prozent.

Die meist genannten Nebenwirkungen waren ein Flush, Beeinträchtigungen der Leberfunktionen und Erkältungen. Die Nebenwirkungen warem „im allgemeinen“ vorübergehend und mild.

In Phase III

Im April 2005 wurden die ersten Ergebnisse aus Phase III der Studie vorgestellt.

In Phase III der Studie für BG-12 ging es um Wirksamkeit und Sicherheit von BG-12. Verglichen wurden Patienten, die 16 Wochen lang BG-12 bekommen hatten, mit denen, die eine Kapsel mit einem Placebo erhielten.

Für die Studie waren 175 Patienten mit leichter bis schwerer Schuppenflechte ausgewählt worden. Zufällig wurde bestimmt, wer ein Placebo oder wer eine Dosis von 720 Milligramm pro Tag einnehmen mußte.

Nach 16 Wochen betrug der durchschnittliche Psoriasis-Schwere-Index PASI 5,8 bei der BG-12-Gruppe und 14,2 bei der Placebogruppe. Die Schuppenflechte hatte sich bei den BG-12-Patienten durchschnittlich um 68 Prozent, bei denen anderen um 10 Prozent verbessert.

Während der Studie waren die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen Rötungen und Durchfall. Außerdem wurde ein Patient wegen Lungenentzündung und ein Patient wegen Nierensteinen stätionär aufgenommen.

Die Vorgeschichte

Für den weiteren Fortgang der Geschichte hinter Panaclar wichtig zu wissen: Im September 2003 hatte Biogen Idec von der Fumapharm AG die Exklusivrechte für die Entwicklung und Vermarktung von BG-12 erworben. Biogens Entwicklungspläne für BG-12 umfassen eine breite Anwendungspalette von Autoimmun- und entzündlichen Krankheiten wie Psoriasis oder Multipler Sklerose. Fumapharm war davor vor allem für das Medikament Fumaderm bekannt.

Aber: „Nur ein kleiner Teil von Forschung- und Entwicklungsprogrammen münden in eine Vermarktung eines Produkts“, schrieb Biogen Idec damals in einer Pressemitteilung – als hätte die Firma den Fortgang der Ereignisse geahnt.

Die Lizenz für das neue Fumarat war also nicht an den deutschen Hersteller von Fumaderm – die Firma Fumedica in Herne – gegangen. Mit Biogen Idec hätte erstmals ein international tätiger Konzern ein Fumarat für die Behandlung der Psoriasis angeboten. Bis dahin wurden nur Psoriatiker im deutschsprachigen Raum mit diesem Wirkstoff behandelt. Biogen Idec hätte es schaffen können, dass die Psoriasis in deutlich mehr Ländern auch mit einem Fumarat behandelt werden kann.

Insider erinnern sich: Biogen hatte zuvor die Entwicklung und Zulassung seines Biologics Amevive schon sehr weit vorangetrieben, den Antrag für Europa jedoch zurückgezogen, nachdem von der europäischen Zulassungsbehörde Sicherheitsbedenken geäußert worden waren.. Während Amevive für die USA zugelassen ist, darf es in der EU nicht angeboten werden.

Doch zurück zu Panaclar oder besser: Weiter zu seinem Ende. Nachdem Biogen Idec also den Antrag auf Zulassung zurückgezogen hatte, war es länger still darum, bis klar wurde: Die Firma strebte mit dem gleichen Wirkstoff in gleicher Zusammensetzung die Zulassung als Medikament zur Behandlung bei Multipler Sklerose an – zu einem vielfachen des Preises, der für die „Psoriasis-Version“ jemals hätte verlangt werden können.

Tipps zum Weiterlesen

In unserem Forum wurde über Erfahrungen mit BG-12 bzw. Panaclar diskutiert.

Quellen:

  • Firmenangaben, AktienCheck.de; April 2004
  • Angaben des Herstellers, Nachrichtenagentur Reuters, Aktien-Check
  • Vortrag und Diskussion im Psoriasis Forum Berlin, Juni 2006
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Über Claudia Liebram 280 Artikel
Claudia Liebram ist Berlinerin mit Leib und Seele. Dort arbeitet sie als Redakteurin. Ihre Psoriasis begann, als sie 3 Jahre alt war – viel Erfahrung also, die sie weitergeben kann.

6 Kommentare

  1. panaclar
    Hoffentlich ist das neue Medikament dann billiger als Fumaderm. Mein Arzt krümmt sich schon immer, weil Fumaderm immer noch so teuer ist, dabei ist das Mittel sehr billig herzustellen.

  2. wir schreiben 2011…
    und wo bleibt Panaclar.

    Der Artikel ist von 2007, wie sieht die Entwicklung in den letzten 4 Jahren aus?
    Kann man da noch Hoffnung haben?

  3. …wird teurer werden!
    Das FUMADERM-Nachfolgepräparat wird wohl teurer werden und daher wohl auch zunächst nur für die schwerere Erkrankung Multiple Sklerose vom Hersteller eine Zulassung betrieben werden. Für Psoriasis ist es dann später als second level Therapie einsetzbar, wenn FUMADERM nicht den gewünschten Erfolg zeigt oder zu starke Nebenwirkungen hat.
    Trotz kräftigem Preisaufschlag ist die magistrale Rezeptur der Fumarsäurekapseln Stärke III retard einer Nürnberger Apotheke immer noch viel preiswerter als FUMADERM und vom Darm her besser verträglich, da Retardform.

  4. Ich bin Apotheker. Ein 64-jähriger Apotheker, der es „hinter sich hat“ und nur noch eines bewahrt: eine unglaubliche Wut gegen die Pharma-Industrie im Bauch.
    Ich kann Ihnen nur eines raten: lassen Sie vom Apotheker Ihres Vertrauens das Medikament SO BILLIG WIE MÖGLICH als Rezeptur herstellen. Der Rohstoff kostet nur im Cent-Bereich pro Kapsel. Alles andere ist apothekerliche Sorgfalt (keine apothekerliche KUNST)!

    Gute Besserung!

  5. Ich kannte Dr.Schweckendiek, der 1959 die erste Veroeffentlichung ueber Fumarsaeure-/ester-/salze brachte, persoenlich und erhielt von ihm 1987 seine gesammelten Erfahrungen.

    Seit 20 Jahren stelle ich fuer einen Naturarzt die Pulvermischungen, die Cremes und Lotio 1987 her. Seither werden sie mit Erfolg angewendet. Ich habe vermieden, damit in die Breite zu gehen, da hier in Canada das Produkt noch nicht zugelassen ist und ich nicht in Schwierigkeiten kommen will. Die Herstellung der Estersalze, die im Handel nicht erhaeltlich sind, werden mir in kleinen Mengen in einem chem. Labor zubereitet. Billig sind sie nicht. Die gute Bewertung in neueren Veroeffentlichungen bestaetigt meine Erfahrungen. Vielleicht ist jetzt nach 60 Jahren ein Durchbruch gelungen.

    Mit Dr. Mrowietz habe ich schon vor 20 Jahren korrespondiert. R.K.

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