Ideen und Erfahrungen für eine neue Selbsthilfe-Generation

Figuren

 

„Junge Leute gesucht“ hieß eines Tagung des AOK-Bundesverbandes, zusammen veranstaltet mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe. (Hier das Programm.) Untertitel: „Generationenwechsel in der Selbsthilfe“.

Die Selbsthilfe hat ein Nachwuchsproblem – das wurde auf dieser Tagung gar nicht erst schöngeredet. Ein paar Gedanken der Redner seien hier festgehalten. Vielleicht findet ja der eine oder andere einen Ansatzpunkt für die eigene Arbeit.

Insgesamt lag mir der Fokus ein wenig zu sehr auf Mitglieder– oder Funktionärs-Gewinnung und nicht so sehr auf der Gewinnung „einfacher“ Selbsthilfe-Nutzer. Aber das Thema ist so weit gefasst, dass es sicherlich noch viele solcher Tagungen geben muss und wird.

Die Ausgabe 12/2009 der AOK-Zeitschrift „Gesundheit und Gesellschaft“ beschäftigte sich mit dem Thema, mit Konzepten, Projekten und Ergebnissen. Wer sie bekommen kann, sollte mal reinsehen.

Bei den folgenden Gedanken handelt sich um eine sinngemäße Wiedergabe der Redner – nach bestem Wissen und Gewissen.

Professor Frank Schulz-Nieswandt von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln

Die heute (älteren) Aktiven in der Selbsthilfe müssen sich ab und an mal fragen: Was erwarten jüngere Menschen? Welche Formen des Engagements können wir ihnen anbieten?

Der alleinige Fokus auf eine Krankheit stört die Ratsuchenden vielleicht. Die Leute sollen nicht nur über die eigene Krankheit reden. Selbsthilfegruppen müssen auch Orte des Lebens, der Freundschaft, der Netzwerkbildung sein.

An die Aktivierung passiver Mitglieder muss man systematisch rangehen. Dabei kann man nicht darauf bauen, dass das „von selbst“ kommt.

Alt und Jung müssen gegenseitig offen sein.

Patricia Carl, Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e.V.

Gute Erfahrungen:

  • Unterteilung der Arbeit in Altersgruppen
  • Dinge anbieten, die das Selbstbewusstsein stärken – zum Beispiel einen Rhetorik-Kurs. Das hilft auch präventiv.
  • spannende Jugendprogramme – z.B. Film erstellen, vor allem aber Unterhalten (Reden)
  • wiederholte Aufforderung an junge Mitglieder / Betroffene, dass sie sagen sollen, was sie sich vom Verein wünschen oder was sie stört
  • Angebote, die Spaß machen (deshalb wollte Patricia Carl als Kind jedes Jahr immer wieder zu den Bundestreffen – weil es da Spaß gemacht hat.)

Das Thema Spaß kam immer wieder bei der Tagung vor – als hätten Aktive Angst, ihre Arbeit disqualifiziert zu sehen, wenn Spaß dabei ist.

Patricia Carl arbeitet jetzt im Vorstand des Vereins mit. Die Arbeit dort erlebt sie als „bisschen zäh“, „es geht langsam voran“ und „langwierige Sitzungen“. Dennoch ist es für sie spannend, mitbestimmen zu können, wohin es geht – und das wollen jüngere Menschen.

Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe e.V.

Im Alltag geht das Nachdenken über eine Perspektive über die nächsten 10 bis 20 Jahre oft unter. Dabei muss man sich um Nachwuchsgewinnung ständig kümmern. Da hilft kein Aktionstag. Dabei geht es um die Gewinnung sowohl jüngerer Mitglieder als auch jüngerer Ehrenamtlicher. 

Gedanken sollte man sich machen über Vorurteile wie 

  • „Die sind doch sowieso alle von der Pharmaindustrie gekauft.“
  • „Die lamentieren doch nur.“
  • „Ich glaube denen nicht, ich glaube nur der Wissenschaft.“
  • „Das zieht mich doch nur runter – ich mache lieber etwas Lebensbejahendes.“

Die Bedürfnisse werden spezieller. Das ist an Ausgründungen zu bemerken. Große Krankheitsbilder (wie Rheuma) werden aufgeteilt. 

Womit kann man Ehrenamtliche gewinnen?

  • Schulungsveranstaltungen
  • Kommunikationsfördernden Maßnamen (Stichwort Sprachlosigkeit innerhalb einer Organisation)
  • Stellvertreter-Regelungen. Zu starke Führungspersönlichkeiten können potenziellen Nachwuchs auch abschrecken – im Sinne von „Gegen den komme ich ja sowieso nicht an“.

Internettechniken können nützlich sein. Aber sie werden die Selbsthilfe nicht ersetzen.

Nützlich beispielsweise: Abstimmungsprozesse innerhalb der Organisation gehen mit neuen Techniken deutlich schneller.

Silke Wohlleben, Aktion Multiple Sklerose Erkrankter

Bei Multipler Sklerose dauert es lange, bis Betroffene in eine Selbsthilfegruppe gehen. Sie tun vorher lange alles, um die Krankheit bzw. deren Folgen zu ignorieren. Selbsthilfegruppen haben bei Betroffenen oft einen staubigen Touch. „Da sitzen alle im Kreis und erzählen von ihrer Erkrankung.“ Das ist zwar oft so, aber nicht immer.

Die Auffindbarkeit im Internet wächst.

Viele Jüngere wollen sich nicht „outen“ – unter anderen aus Angst vor Entlassung.

Gutes Beispiel: ein Aktionstag für jüngere Betroffene

  • 1. Abend – Tanz und Spaß
  • 2. Tag – 4 Themen-Vorträge und Austausch untereinander

Jüngere Menschen wurden in die Vorbereitung mit eingebunden.

Der Apothekerverband wurde für eine Ankündigung gewonnen.

Andere gute Beispiele: 

  • Zwei Broschüren speziell für Jugendliche
  • Vorstand erweitert um einen Vertreter des Kreises „Junge Initiative“
  • Interviews mit jungen Betroffenen, um herauszufinden, was sie wollen, was sie nicht wollen, wo man sie findet

Sie wollen nicht gleich in einen Verein. Lieber bleiben sie oft so unverbindlich wie möglich.

Gutes Beispiel: Camp für Unter-30-Jährige („Open Space“) mit zehn Anmeldungen.

Freitag:

  • Zelt beziehen
  • Schifffahrt
  • gemeinsamer Einkauf von Lebensmitteln
  • Zusammensitzen auf dem Zeltplatz mit Fackeln

Sonnabend:

  • Ausschlafen! 
  • „Open Space“: Jeder schreibt auf, welches Thema ihn interessieren würde, worüber er von anderen mal erfahren möchte, wie sie das machen. Danach wird darüber geredet.
  • Abends: Grillparty

Wichtig: Themenwahl. Zu einem Fachvortrag über Blasenstörungen kommt in dem Alter keiner.

Außerdem gibt es einmal im Jahr ein Treffen „in cooler Location“ (hoch über Stuttgart) in entspannter Atmosphäre. Problem: Nur wenige legen sich fest. Es könnte ja noch ein cooleres Date kommen. 😉

„Man muss sich überlegen, wie man noch sexy ist.“

Problem abseits der Termine und Treffen: Wenn Aktive der „Jungen Aktiven“ älter werden, fällt ihnen das Loslassen und Übergeben an die dann wirklich Jungen schon schwer.

Jèrôme Ries, Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) e.V.

Gute Beispiele:

  • Sportwochenende mit dem Fußballverein Werder Bremen
  • Eigene Filmdokumentationen
  • Gruppen bei studivz, Facebook, MySpace oder wer-kennt-wen
  • Beachtung von Auffindbarkeit in Suchmaschinen
  • Schalten von Google-Anzeigen
  • Auswertung vom Nutzerverhalten der Websitebesucher
  • E-Mail-Verteiler
  • Newsletter
  • Telefonkonferenzen

Vorhaben:

  • eLearning (Ernährungsquiz)
  • Internetseite ins Englische übersetzen lassen (weil in der Analyse der Websitebesucher entsprechend viele Nutzer aus dem Ausland auftauchten)
  • Info-Portal für ehrenamtliche Mitarbeiter

„Wir sehen die neuen Medien als ergänzende Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung.“

Jens Hupfeld, Deutsche Morbus-Crohn-/Colitis-ulcerosa-Vereinigung e.V. (DCCV)

Es gibt einen „Arbeitskreis Youngster“ für 16- bis 29-Jährige. Dafür gibt es eigene Seiten mit einem Forum auf dccv.de

Es gibt eine geschlossene Gruppe auf studivz.

Jährlich gibt es zwei bis drei bundesweite Treffen. Das sind Wochenenden mit je 25 Teilnehmern. Es gibt so viele Anmeldungen, dass eine Warteliste entsteht. Youngster organisieren das Programm, Unterkunft etc.. Die Geschäftsstelle unterstützt bei allen Formalien mit Anmeldung etc.

Inhaltliches Angebot dieser Treffen (u.a.):

  • Aufenthalt im Hochseilgarten
  • Referenten zu medizinischen Themen – eine andere Situation, um mal mit einem Arzt zu reden.

Außerdem im Angebot: eine Jugendfreizeit für 11- bis 15-Jährige eine Woche lang in den Osterferien. Sie wird teils von Freizeit-Pädagogen begleitet. Dabei gibt es auch Gespräche mit Ärzten.

Gute Erfahrung mit

  • Fortbildung in der Civil Academy (Qualifizierungsprogramm für junge Menschen zwischen 18 und 27 Jahren)
  • speziellen Chats (Einzelchats mit Terminvereinbarung)
  • Mailberatung

Neu: Ein Neulingstreffen nur für die, die noch nie auf so einem Treffen waren

Wichtig sind Anerkennung und Wertschätzung.

Jungen Menschen sollte man eher kleine Pakete, Projekte, Aufgaben zum Mitmachen anbieten. Ihr Alltag ist auch so schon gut gefüllt.

Gedanken aus der Podiumsdiskussion

Was wünschen sie die jungen Leute von den „alten Hasen“? 

Claudia Beierlein, „Youngster“ im DCCV: Jugendliche sollten die Möglichkeit bekommen, erst einmal in die Arbeit reinzuschnuppern.

Dr. Martin Danner, BAG Selbsthilfe e.V. zum Thema Jugendbetreuer: Es sollte nicht zwangsweise jemand von den aktiven „alten Hasen“ zum Jugendbetreuer bestimmt werden – das hilft nicht.

Regina Müller, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.: Junge Leute wollen mitbestimmen. Verbände sind aber starr. Beide Seiten müssen sich bewegen.

Silke Wohlleben, AMSEL e.V.: Wo sich kein „Chef“ findet, gibt es bei ihnen eine „Gruppe ohne Leitung“ mit drei oder vier Leuten als „Chefs“.

Miriam Walther, NAKOS: Die Selbsthilfe braucht eine Image-Kampagne, damit der Begriff neu besetzt wird.

Bildquellen

  • Figuren: ioannis kounadeas / Fotolia.com
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Über Claudia Liebram 289 Artikel
Claudia Liebram ist Berlinerin mit Leib und Seele. Dort arbeitet sie als Redakteurin. Ihre Psoriasis begann, als sie 3 Jahre alt war – viel Erfahrung also, die sie weitergeben kann.

4 Kommentare

  1. Gedanken und ein paar gute Beispiele
    „Der alleinige Fokus auf eine Krankheit stört die Ratsuchenden vielleicht. Die Leute sollen nicht nur über die eigene Krankheit reden. Selbsthilfegruppen müssen auch Orte des Lebens, der Freundschaft, der Netzwerkbildung sein.“
    Ich würde auch nicht in eine Selbsthilfegruppe gehen wollen, wo nur über Krankheit gesprochen wird und es ohne Witz und Elan zugeht. Wichtig ist:
    Das es immer Informationen zum Krankheitsbild gibt. Das jeder die Möglichkeit hat sich einzubringen.
    Ein Gruppenleiter muss soviel Einfühlungsvermögen haben, dass er merkt was die Gruppe möchte. Gewinnen kann eine Selbsthilfegruppe nur wenn sie offen und tolerant ist.
    Ein Gruppenleiter darf nicht im Vordergrund stehen.
    In einer Gruppe sollte eine gesunde Mischung von allem sein.

  2. Schön schön, ich als Aktiver soll mir Gedanken machen oder besser wie die große Mehrheit auch in Zukunft die Hände in den Schoss legen?
    Meine Erfahrung aus fünfundzwanzig Jahre Ehrenamt zeigt das viele Fragen gestellt werden und wenn ich zurückdenke diese wurden beantwortet.
    Das Heilmittel meine grüne Pille (grün für Hoffnung)die hilft wird es leider vorläufig kaum geben, dazu sind wir Menschen zu verschieden.
    Wichtig ist zu erfragen erforschen was wird gewünscht und zu versuchen die Neigungen in Aktivität zu lenken.
    Ob das gelingt liegt doch nicht bei den Aktiven wenn die Nichtaktiven nicht wollen finden jeder immer einen Grund warum nicht.
    Aber vielleicht bin ich ein Ausaufmodell habe es nur nicht gemerkt.

  3. Hier beschreibt jemand eine Idee, wie kleine Aufgaben vielleicht an den Mann gebracht werden können: [url]http://foulder.blogspot.com/2009/12/smarte-engagementangbote-generieren.html[/url]

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