Buchtipp: Ville und Egon

Buch "Ville und Egon"Das Buch ist gedacht für Kinder im Vorschulalter, die an Allergien leiden, an Asthma und an juckender Neurodermitis. Die Geschichte soll bewirken, dass schon die Kleinen ihre Erkrankung akzeptieren, anstatt sie „ausweglos“ zu bekämpfen.

Sie sollen verstehen, dass es Lebenssituationen gibt, die zunächst nicht zu ändern sind. Die Autoren versprechen, die kleinen Zuhörer werden danach gelassener sein und ihre Krankheit „häufig“ positiver bewältigen können. Das müsste doch auch etwas für die kleinen Schuppis sein!?

Wir lernen Ville, den Elch kennen, seine Schwester und seine Eltern. Am liebsten knabbert Ville leckere Kräuter und Pilze. Aber leider gibt es gerade an diesem Platz viele Flöhe. Die hören gar nicht auf, Ville an der Haut zu ziehen und zu kneifen. Er ärgert sich darüber und versucht sie immer wieder loszuwerden. Die Elch-Eltern wollen, dass Ville etwas Gesundes isst und verbieten ihm, bei den Kräutern und Pilzen zu spielen. Weil Ville aber gerade die besonders mag, macht ihn das Verbot traurig. Plötzlich taucht Egon, ein kleiner Floh, auf seiner Nase auf. Er erklärt dem Elch, dass Flöhe völlig normal sind: sie essen, schlafen, spielen und sie seien mal sanft und liebevoll, dann wieder wild und schrecklich. Am liebsten würden Flöhe es sich bei den Elchen gemütlich machen und mit ihnen in der Sonne liegen, um zu träumen.

Der Floh Egon fragt den kleinen Elch Ville, ob sie nicht Freunde werden wollen. Der Elch müsse es einfach nur den Flöhen nachmachen und genauso unbeschwert und gelassen leben, wie sie. Dazu brauche er sich nur ein paar Tricks merken: „Du wünscht dir, was gut für dich ist“. Mal eben zärtlich und leise, dann wieder wild und schrecklich. „Du bist wie du bist. Du hast deine Freunde. Und deine Eltern lieben dich – so wie du bist!“. Wer das beherzige, würde Tag ein und Tag aus fröhlich mit den anderen auskommen. Also auch mit Flöhen.

Die Kinder, die gut aufgepasst haben beim Vorlesen, werden vermutlich fragen, ob die Flöhe nun aufgehört haben, den kleinen Elch zu ziehen und zu kneifen. Schließlich macht man so etwas nicht unter Freunden! Oder fühlt sich Ville jetzt ganz einfach nicht mehr von den Flöhen geplagt, weil er weiß, dass sie sich wohl fühlen auf seiner Haut? Man will seinen Freunden doch nicht den Spaß verderben! Diese grundlegende Frage wird leider nicht beantwortet! So wie die Geschichte erzählt wird, werden Ville und alle kleinen Zuhörer mit ihrem Jucken allein gelassen. Den Kindern wird nicht wirklich erklärt, was mit ihrem Juckreiz passiert.

Welche Kinder im Vorschulalter können den Ratschlag „Du wünscht dir, was gut für dich ist“? wirklich richtig verstehen? Viele Kinder wünschen sich gerade Dinge, die objektiv nicht gut für sie sind, z.B. Coca Cola, Pommes Frites oder Schokolade. Auf dem vorletzten Bild im Buch sieht man Ville zwischen den Pilzen und Kräuter, die er eigentlich meiden sollte. Wie erklärt man das betroffenen Kindern?

Das Motto „Du bist wie du bist“ ist zwar richtig, aber für Fünfjährige viel zu intellektuell formuliert. Das wäre hinzunehmen, wenn es in der Bildergeschichte kindgemäß umgesetzt worden wäre. Ist es aber nicht! An keiner Stelle wird den Kindern praktisch vorgeführt, dass man auch mit Flohjucken gut leben kann. Damit ist das eigentliche Ziel des Buches in Frage gestellt! Denn die Autoren betonen in ihrem Vorwort, wie wichtig gerade diese Ermutigung für die kleinen Patienten ist. Natürlich ist es wichtig, Kindern klar zu machen, dass Krankheiten „normal“ sind und dass man damit kein schlechterer Mensch ist. Der Spruch ist angebracht, wenn Kinder sich selbst nicht akzeptieren bzw. wenn sie von anderen wegen ihrer Hautstellen oder anderen Äußerlichkeiten gehänselt werden. Aber „Du bist wie du bist“ hilft nicht weiter wenn kleine Kinder sich ständig kratzen müssen, weil es nicht mehr aufhört zu jucken. Diese Ermutigung schlägt in ihr Gegenteil um, wenn der kleine Elch mit diesem Spruch begründet, verbotene Pilze und Kräuter fressen zu dürfen. Wenn die kleinen Zuhörer pfiffig sind, leiten sie daraus ab, dass sie wieder die Allergie auslösenden Lebensmittel essen dürfen. Damit aber ist die hübsche Grundidee mit dem Elch und dem Floh letztendlich doch verpatzt. Werden solche Bücher nicht mit betroffenen Kindern getestet? Aber selbst die Erwachsenen von Psoriasis-Kids mussten das Buch zweimal lesen, bis sie es verstanden hatten! Statt der Flöhe hätten die Kräuter oder Pilze (?) das Jucken bewirken sollen. Eine Katze hätte dann erzählen können, dass sie von frischer Milch Magenschmerzen bekommt und ein Hase, dass ihm von Schokolade die Fellhaare ausfallen. Das wären Parallelen gewesen, damit die Kinder verstehen, dass es nicht ungewöhnlich ist, wenn der Körper nicht alles verträgt.

Die Bilder sind wirklich schön gezeichnet. Sicherlich haben nicht nur die Kleinen daran ihren Spaß.

Am Schluss des Buches stehen einige Hinweise für Eltern. Sie sind richtig und wichtig, aber für ein relativ teures Buch viel zu kurz. Es hätte wenigstens ausführlich auf weiterführende Literatur hingewiesen werden müssen und auf Selbsthilfe-Initiativen, die es auch für Eltern mit betroffenen Kindern gibt. Die drei Internethinweise sind viel zu allgemein und nicht ausreichend.

Die Fotos der beiden Autoren am Schluss des Buches sind nicht sehr kindgerecht. Der Maler Alf Andersson ist nur halb zu erkennen, der Psychologe Klaus Witt hat ein langweiliges Passfoto abgegeben. Die Beschreibung ihrer Personen sind nur für die Erwachsenen.

Das Buch beginnt damit, dass die Kinder gleich vorne im Buchdeckel ihren Namen eintragen können – sofern sie ihn im Vorschulalter schon schreiben können. Das ist sehr liebevoll gemeint. Aber leider gehört das Buch doch nicht sofort dem Kind. Denn es folgen erst einmal mindestens drei Seiten mit Texten für Erwachsene. Die hätten auch am Schluss stehen können.

Ein schön gestaltetes Bilderbuch. Aber leider hilft es den kleinen Patienten nicht, mit dem Juckreiz fertig zu werden. Kinder mit Allergien könnten es völlig missverstehen. Und asthmatische Kinder finden sich überhaupt nicht darin wieder, weil es ihnen zum Beispiel nicht klar gemacht wird, dass nicht nur sie körperlich gehandicapt sind, sondern es auch schwache und faule Kinder gibt.

Anmerkungen dazu vom Verlag

Buchbesprechung von Psoriasis-Kids:

Das Konzept und der Hintergrund des Buches sind anders gedacht. Es soll ganz bewusst keine Verhaltensregeln im klassischen Sinne umsetzen, wie in dieser Rezension vermutet. Unter dieser Vorgabe wäre das Buch wirklich sehr schlecht.) Es soll am Selbstwert ansetzen und möglichst viele eigene kreative Ideen der Kinder freisetzen.

Die Aussage ist, dass es sich zwei Flöhe gemütlich machen. Nur zwei, weil das eine noch gut verdauliche Konzentration ist. Die sollen von den Kindern bewusst oder auch nur unbewusst erfasst werden. So befreundet bleiben die gefährlichen Flohüberfälle aus. Dann können sie auch in der Sonne liegen und träumen. Das wird zwar nicht gesagt, aber sollte von Kindern gedeutet werden. Es ist ganz bewusst keine Geschichte, die alle Lösungen glaubt vorgeben zu müssen. Stattdessen soll sie breite, positive Impulse setzen. Viele Fragen sollen vom Buch garnicht pauschal beantwortet werden, sondern von den Eltern und erst dann, wenn sie von den Kindern überhaupt aufkommen.

Ihre Aussage, „man will seinen Freunden doch nicht den Spaß verderben“ ist gehässig und trifft leider all zu oft den Kern der eigenen Grenzüberschreitung, da „man“ oder Kind aus Angst vor Ablehnung oder Liebesentzug diese eigene Grenze überschreiten.

Wir haben vor, dieses Konzept kurzfristig auch noch mit einem Training für Eltern anzubieten, das alle medizinischen Notwendigkeiten und Hinweise beinhaltet und diese mit psycho-allergologischen Maßnahmen ergänzt und unterstützt.

Margareta Hinz
Deutsche Gesellschaft für Psycho-Allergologie e.V.

Ville und Egon
von Alf Anderson und Klaus Witt
psymed-Verlag
Hamburg 2003
ISBN 3-9807085-1-9
€ 10,80

Bildquellen

  • Buch „Ville und Egon“: Verlag
Über Rolf Blaga 133 Artikel

Rolf Blaga hat bis 2012 als Studienrat in Berlin am Oberstufenzentrum Gesundheit unterrichtet. Seit 1993 ist er aktiv in der Psoriasis-Selbsthilfe tätig, sowohl regional im Psoriasis Forum Berlin als auch überregional in der Psoriasis Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft.

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