Fernsehtipp: „Die WHO im Griff der Lobbyisten?“

WHO-Symbol
Die Fernseh-Dokumentation „Die WHO – Im Griff der Lobbyisten?“ sollte man nicht versäumen – entweder im April 2017 bei arte (Sendetermine am Schluss) oder danach in der Mediathek. Die Autorinnen decken Hintergründe auf, die die Glaubwürdigkeit der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) erheblich erschüttern.

Die Sendung bekräftigt die Kritik am Zustandekommen des WHO-„Global report on Psoriasis“: Die WHO wird direkt und indirekt von mächtigen Geldgebern beeinflusst. Weil sie von ihren Mitgliedsstaaten viel zu wenig Geld bekommt, ist die WHO auf erhebliche Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Die aber sind unter anderem mit der Pharma- und der Rüstungsindustrie eng verbunden. Jahrelang bekamen Entscheidungsträger in der WHO ihr Gehalt direkt von diesen Stiftungen.

Anhand vieler Beispiele wird gezeigt, wie diese Lobbyisten Entscheidungen und Bewertungen der WHO beeinflussen: Medikamente wurden voreilig empfohlen, Grenzwerte um das 200-fache erhöht, Krebsrisiken verschwiegen, gesundheitliche Gefahren von Nuklearstoffen heruntergespielt, Opferzahlen kleingerechnet und Medikamenten-Kampagnen propagiert, ohne die Ursachen zu bekämpfen. Das Fazit der Sendung: Wenn die WHO nicht grundlegend reformiert wird, werden Private auch zukünftig deren Politik lenken können. Und das nicht unbedingt zum Nutzen der Bevölkerung.

Interessen am WHO-Bericht Psoriasis

Schaut man sich genau an, wie der Globale Bericht zur Schuppenflechte der WHO zustande gekommen ist, muss man kritisch prüfen, wie unabhängig und neutral der Report tatsächlich ist – vor allem in Bezug auf die politischen Forderungen. Immer wieder haben wir darauf hingewiesen, dass das Ziel, die WHO möge sich zur Psoriasis äußern, ursprünglich aus der Pharma-Industrie kam.

Seit 2004 wurden weltweit Dermatologen- und Patientenverbände massiv von Pharmafirmen finanziell und organisatorisch unterstützt, um dieses Ziel zu erreichen. Aktionen zum selbst ausgerufenen „Welt-Psoriasis-Tag“ in vielen Ländern waren nur möglich, weil sie aus der Industrie großzügig gesponsert wurden. Die Initiative zum WHO-Bericht kam nicht aus Ländern, in denen es viele Psoriatiker gibt. Ganz im Gegenteil waren es die Vertreter von Argentinien, Ecuador, Panama und Katar, die den Antrag dazu einbrachten. Weshalb gerade diese Länder?

Die internen Fachleute der WHO lehnten es erst ab, nur für eine einzige Hautkrankheit einen WHO-Bericht verfassen zu lassen. Üblich wäre es gewesen, sich mit der gesamten Gruppe der „chronischen, nicht ansteckenden Hautkrankheiten“ zu befassen.  Der Beschluss der WHO-Versammlung bezog sich aber nur auf die Schuppenflechte.

Kein Dermatologenverband und keine Patientenvereinigung haben ihre enge, jahrelange Zusammenarbeit mit Pharmafirmen als Problem gesehen. Es wird heftig bestritten, dass die „Industriepartner“ irgendeinen Einfluss auf die eigenen Handlungen und Bewertungen haben würden. Das aber widerspricht allen sozial-psychologischen Untersuchungen (Reziprozitätsregel, Selbstüberschätzung). Trotzdem wurden die Autoren nicht verpflichtet, im WHO-Bericht ihre Interessenkonflikte transparent zu machen. Obgleich das inzwischen internationaler Standard ist. So konnten im Namen der als neutral geltenden WHO viele Mediziner ihre Bewertungen abgeben, ohne ihre zahlreichen Verbindungen zur Industrie offenlegen zu müssen.

Wem nützt der WHO-Bericht?

Der Bericht zur Schuppenflechte ist beeindruckend und auf dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft – aber fast nur für die schwere Psoriasis. Die große Mehrheit der Betroffenen hat aber eine leichte Form. Sie kommt in diesem Bericht so gut wie gar nicht vor. Selbst für schwer Betroffene ist offensichtlich, dass 95 Prozent der weltweit erkrankten Psoriatiker nie in den Genuss wirksamer, aber teurer Medikamente kommen wird. Einfache, preisgünstige und in den jeweiligen Ländern verfügbare Therapien werden nicht gesehen. Man geht davon aus, dass es die nicht gibt. Das heißt, die WHO, die eigentlich für alle ihre Mitgliedsstaaten handeln sollte, hat sich mit diesem WHO-Psoriasis-Report auf die eher wohlhabende Klientel beschränkt. Zwar heißt es im Bericht, für Preissenkungen teurer Medikamente müsse „einiges unternommen werden“. Das ist aber keine Aufforderung an die Pharmafirmen, die „Mondpreise“ (Peter C. Gøtzsche) ihrer hoch profitabelen Präparate zu senken. Dem langjährigen Beobachter vermittelt sich der Eindruck, dass die Pharmafirmen diese WHO-Kampagne für Psoriasis vor allem aus einem Grund geführt haben: Möglichst viele Patienten sollen diese sehr teuren Medikamente  verschrieben bekommen: realistischerweise in solchen Ländern, in denen die Krankenkassen das bezahlen können.

Der WHO-Report zur Psoriasis wird in nächster Zeit dafür genutzt werden, Druck auf die Politik auszuüben – national wie auf EU-Ebene. In Deutschland hatten die Psoriasis-Lobbyisten schon parlamentarische Frühstückstreffen mit Gesundheitspolitikern. Auch mit Gesundheitsminister Gröhe und hohen Verwaltungsbeamten aus dem Gesundheitsministerium gab es wohlwollende Gespräche.„Man muss das Eisen schmieden, bevor es kalt wird“, so ein führender Dermatologe zu den geplanten Lobby-Aktivitäten. Vielleicht wird für Patienten mit Psoriasis dabei einiges herauskommen, wie z.B. vorstrukturierte Behandlungsabläufe (DMP) oder leichtere Verfügbarkeit von Medikamenten. Aber ist es wirklich notwendig, für nachweislich überzeugende Therapien einen derartigen Lobby-Aufwand zu betreiben? Bezahlt wird das Ganze letztendlich von den Versicherten, also von uns Betroffenen.

Die deutsche Dermatologie kann sich nicht mehr vorstellen, ohne Pharma-Unterstützung auszukommen. Das trifft ebenfalls auf die meisten Psoriasis-Vereinigungen zu. Nach heutigen sozial-wissenschaftlichen Erkenntnisse sind sie damit beeinflussbar – unabhängig davon, wie sie sich selbst wahrnehmen. Spätestens nach diesem TV-Beitrag weiß man, dass auch die WHO ohne diese Unterstützung nicht auskommt. Dabei wünscht man sich als Patient unabhängige und neutrale Instanzen im Gesundheitswesen, denen man glauben kann.

Sendetermin

„Die WHO im Griff der Lobbyisten“
04. April 2017 um 20.15 Uhr in arte
Wiederholungen: 07.04.2017 um 09:20 Uhr und 20.04.2017 um 09:20 Uhr

Informationen zur Sendung

Trailer

Bildquellen

  • WHO-Symbol: arte
Über Rolf Blaga 124 Artikel
Rolf Blaga hat bis 2012 als Studienrat in Berlin am Oberstufenzentrum Gesundheit unterrichtet. Seit 1993 ist er aktiv in der Psoriasis-Selbsthilfe tätig, sowohl regional im Psoriasis Forum Berlin als auch überregional in der Psoriasis Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft.

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