Warum Waschen mit Urea sinnvoll ist

Waschen mit Urea

Veladerm war, so weit wir es beurteilen können, die einzige Wasch-Emulsion, die nicht mit fettlösenden Tensiden reinigt. Damit war sie gerade für Hautkranke gut geeignet. Das Problem: Sie wird nicht mehr produziert. Nach dem Konkurs des bisherigen Anbieters esteer hat der Nachfolger die Veladerm-Produkte nicht übernommen. Aber: Jeder kann diese harnstoffhaltige Waschsubstanz auch selbst herstellen. Vorher sollte man jedoch testen, ob man Harnstoff gut verträgt.

Der Freiburger Immunologe Professor Eckhard Kownatzki hatte mit Veladerm 1993 ein Reinigungsprodukt entwickelt, das die Hautbarriere nicht angreift. Bei vielen Hautkrankheiten ist es wichtig, die schon verletzte Schutzschicht nicht noch weiter zu schwächen – krankmachende Bakterien, Viren oder Allergene können sonst verstärkt in die Haut eindringen. Das trifft vor allem bei Neurodermitis zu. Eine intakte Hautbarriere spielt bei der Schuppenflechte zwar eine eher untergeordnete Rolle, weil sie durch innerliche Entzündungsprozesse angestoßen wird. Aber auch die psoriatische Haut sollte durch Waschen nicht austrocknen, weil sie dann verstärkt juckt und sich schuppige Psoriasis-Stellen verschlimmern können.

Tenside schädigen die Hautbarriere

Bei Seifen, Shampoos und Syndets wirken die enthaltenen Tenside: Sie verringern die Oberflächenspannung zwischen Fett und Wasser. Dadurch lösen sich die Schmutzpartikel von der Haut. Gleichzeitig werden aber auch Fette ausgewaschen. Das beschädigt den Schutzmantel der Haut. Im Gegensatz zur gesunden Haut benötigt die erkrankte deutlich mehr Zeit, bis sich ihre Barriere wieder erneuert hat. Um das zu beschleunigen, enthalten viele dieser Waschsubstanzen rückfettende Mittel.

Professor Kownatzki meint, Rückfettungsmittel seien kein vollwertiger Ersatz. Die natürlichen Fette der Hornschicht (Ceramide) ließen sich nicht genau nachahmen.

pH-neutrale Waschsubstanzen sollen dafür sorgen, dass der so genannte „Säureschutzmantel“ nicht angegriffen wird. Die Aussage, es wäre allein der niedrige pH-Wert, der vor Bakterien schützt, ist aber umstritten, wenn nicht sogar unwahrscheinlich. Die schützende Hautflora besteht aus einem vielfältigen chemischen Gemisch und nicht lediglich aus sauren Substanzen. Professor Kownatzki weist darauf hin, dass eine Schutzfunktion der sauren Reaktionsweise der Haut nie nachgewiesen worden sei. Das wäre lediglich ein „Märchen“, damit die Verbraucher vor allem diese Produkte kaufen.

Wie alle (industriell hergestellten) Kosmetika können auch Seifen- und Syndetreiniger problematische Stoffe enthalten: die lösen Allergien aus, wirken hormonell, vor allem zeugungshemmend, sind krebsverdächtig oder reichern sich im Fettgewebe an. Manche Inhaltsstoffe irritieren die Haut (Rötung, Jucken, Brennen) und können sie langfristig reizen (Rötung, Entzündung, Ekzem). Vor allem ÖKOTEST und Stiftung Warentest verweisen regelmäßig darauf.

Waschen mit Harnstoff (Urea)

Veladerm dagegen war eine Waschsubstanz ohne fettlösende Tenside. Der Schmutz wird durch den Harnstoff (Urea) von der Haut gelöst, ohne den Fettfilm anzugreifen. Der „Erfinder“ hat nun sein Wissen ins Netz gestellt und beschreibt unter anderem, wie man es für unterschiedliche Anwendungen selbst herstellen kann – völlig ohne problematische Zusatzstoffe.

Es ist für Hautkranke sinnvoll, sich mit einem Harnstoff-Reiniger zu säubern. Professor Kownatzki empfiehlt das vor allem

  • Kindern mit einer Neurodermitis, die durch Tenside (v.a. Seife) verursacht ist,
  • Beschäftigten in „Feuchtberufen“ bzw. mit Gummihandschuhen (Ekzem-Risiko),
  • Frauen mit Ekzemen im Intimbereich,
  • Senioren, weil ihre Haut meist trocken ist und juckt.

Aber: Harnstoff kann die Haut reizen, vor allem dann, wenn sie akut entzündet ist. Dr. Petra Staubach weist darauf hin, dass er auf der Haut brennen kann („Stinging-Effekt“). Deshalb sollte man Produkte mit Urea vorsichtig an kleinen, nicht sichtbaren Hautflächen ausprobieren. Völlig darauf zu verzichten rät Professor Markus Metz dann, wenn man das Gefühl hat, die Haut reagiert gereizt darauf.  Bei Kindern würde er Harnstoff immer vorsichtig und gering dosiert einsetzen. In den Neurodermitis Leitlinien dagegen wird nur davon abgeraten, Harnstoff  bei Säuglingen für Pflege und Reinigung einzusetzen. Andere Dermatologen ziehen die Grenze bei drei bzw. fünf Jahren. In einer Studie, in der Flüssigseife mit Milchsäure und Harnstoff getestet wurde, waren die jüngsten Teilnehmer drei Jahre alt.

Während bei der Hautpflege der Wirkstoff  auf der Haut bleibt und einzieht, wird er bei der Hautreinigung auf der angefeuchteten Haut verdünnt und gleich wieder mit dem gelösten Schmutz abgespült. Deshalb geht Professor Kownatzki davon aus, dass die harnstoffhaltige Waschsubstanz kein Brennen verursacht und für Kinder geeignet ist.

Hautärzte warnen, dass wir uns zu oft und fast immer mit zu starken Reinigungsprodukten waschen. Klares (warmes) Wasser reicht zur sanften Reinigung eigentlich völlig aus. Aber selbst „Wasser ist kein Freund der Hautkranken“, so Dr. Joachim Kresken. Vermutlich meint er zu viel Wasser.

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Über Rolf Blaga 129 Artikel
Rolf Blaga hat bis 2012 als Studienrat in Berlin am Oberstufenzentrum Gesundheit unterrichtet. Seit 1993 ist er aktiv in der Psoriasis-Selbsthilfe tätig, sowohl regional im Psoriasis Forum Berlin als auch überregional in der Psoriasis Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft.

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