Teer in der Behandlung der Psoriasis

Seit mehr als 100 Jahren werden chronische Hautkrankheiten mit Steinkohle-Teer behandelt. Es wirkt eher schwach, d.h. es ist nicht für mittelschwere und schwere Formen der Psoriasis geeignet. Steinkohle-Teer wurde in Deutschland verdächtigt, krebserregende Stoffe zu enthalten. Nachdem es deshalb in Kosmetika völlig verboten wurde, wurden steinkohlenteerhaltige Cremes und Shampoos verschreibungspflichtig. Diese Entscheidung war aber zwischen den Experten stets umstritten. Wegen der öffentlichen Diskussion wurden die teerhaltigen Präparate kaum noch verschrieben. Die Hersteller nahmen sie daraufhin vom Markt.

Teer ist einer der ältesten Wirkstoffe, um Hautkrankheiten zu behandeln. Er wird aus Kohle, Holzkohle und Torf gewonnen. Daher auch der intensive Geruch. Teer enthält mehr als 400 Inhaltsstoffe, von denen nicht einmal die Hälfte erforscht ist. Die Medizin arbeitet meist mit Steinkohle-Teer (LCD – liquor carbonis detergens).

Substanzen im Teer hemmen die übertriebene Zellteilung und Verhornung. Sie wirken entzündungshemmend und lindern den Juckreiz. Viele Patienten haben gute Erfahrungen mit Teer gemacht. Oft können sie auf Kortisoncremes oder -salben verzichten, wenn sie stattdessen teerhaltige Präparate auftragen1. In den USA gehört Teer (neben Kortison) zu den am meisten verschriebenen Wirkstoffen bei Psoriasis.

Teere machen die Haut besonders empfindlich für UV-Strahlen. Deshalb sollte man sich nicht gleichzeitig intensiv mit Sonnen- oder künstlichem UV-Licht bestrahlen. Das kann zu Sonnenbrand und Blasenbildung führen. In den USA dagegen wird eine Behandlung mit Steinkohle-Teer einer UVB-Therapie vorgeschaltet („Goeckermann-Schema“). Bei der „Ingram-Methode“ werden Teerbad, UVB-Bestrahlung und Dithranol-Paste kombiniert.

Gelegentliche Hautreizungen verschwinden nach sehr kurzer Zeit. Teerhaltige Präparate dürfen nicht bei einer feucht-entzündlichen bzw. einer pustulösen Psoriasis eingesetzt werden. Vorsicht ist außerdem in Körperregionen geboten, die den Wirkstoff vermehrt aufnehmen: z.B. Gesicht, Hautfalten, Leistenbeuge, Hodensack oder um den After. Teerhaltige Produkte dürfen nicht während der Schwangerschaft und Stillzeit verwendet werden. Man sollte sie bei Kindern unter 12 Jahren nicht einsetzen.

Trotz guter Wirkung stört es viele Anwender, dass die Cremes intensiv riechen. Die modernen Zubereitungen synthetischer Teere sind aber hinsichtlich Farbe und Geruch durchaus akzeptabel. Sie eignen sich besonders zur preiswerten Nachbehandlung, wenn die akute Entzündung z. B. durch Kortison abgeklungen ist.

Wegen möglicher erbgutschädigender und krebserregender Effekte von Steinkohle-Teerverbindungen sind die teerhaltigen Shampoos und Cremes in Verruf geraten. Das galt nie für Ölschiefer-Teer. In Tierexperimenten hatte sich gezeigt, dass die im Steinkohle-Teer manchmal vorkommenden Benzpyrene krebserregend sind. Daraufhin wurde Steinkohle-Teer zuerst in Kosmetika verboten, dann als Wirkstoff in Fertigpräparaten rezeptpflichtig. Einige der bisher frei käuflichen Präparate verschwanden vom Markt: Poloris-Lotion, Poloris-Fettcreme und Basiter.

Prof. Roland Niedner von der Hautklinik Potsdam spricht von “ unkritischen Krebswarnungen“ und hält die „sporadische Anwendung des altbewährten Steinkohleteers“ weiterhin für vertretbar. Andere Experten verweisen auf die jahrzehntelangen klinischen Erfahrungen und die zahlreichen Studien an Patienten. Sie halten es „so gut wie ausgeschlossen“, dass Menschen Krebs bekommen, weil sie mit Teer behandelt wurden. Die Patientenzeitschrift PSO aktuell weist darauf hin, dass ein Krebsrisiko nur besteht bei „ununterbrochenem Dauergebrauch und an Körperstellen, an denen die Haut den den Wirkstoff vermehrt aufnimmt. Meiden sollte Steinkohle-Teer auch, wer an einer angeborenen Geschwulstneigung leidet. In den USA hat die Gesundheitsbehörde FDA, deren strenge Richtlinien für Nahrungs- und Arzneimittel international als vorbildlich gelten, die freiverkäuflichen Steinkohleteer-Shampoos als „sicher und wirksam“ eingestuft.

Zurzeit (August 2005) sind folgende Steinkohle-Teer-Präparate gegen Rezept erhältlich:

  • Berniter Kopfhaut Gel, 0,5 % Steinkohleteer, zugelassen nur für die unterstützende Therapie bei Psoriasis auf der Kopfhaut.
  • Teer-Linola-Fett Creme, 2 % Steinkohleteerdestillat, zugelassen nur bei chronischem Ekzem und Neurodermitis.
  • LorindenT-Salbe, 1,5 % Steinkohleteer, zugelassen für Psoriasis vulgaris.
  • Tarmed-Lösung, 4 % Steinkohle-Teer-Lösung, zugelassen für Psoriasis auf der Kopfhaut.
  • Exorex Lotion, 1 %Steinkohleteerextrakt, in Österreich, Luxemburg, Holland, Spanien und Irland zugelassen zur Behandlung der Schuppenflechte auf Haut und Kopfhaut. In Deutschland können es Patienten mit einem ärztlichen Rezept über das Internet bestellen: http://www.exorex.com

Rezepturen (Zubereitungen) mit Konzentrationen von 10 % bis 20 % Steinkohleteer werden wegen des unangenehmen Teergeruchs und der Verfärbung von Haut und Kleidung nur noch in Klinken angewendet.

Rolf Blaga

Zusatz

1) In einem vierwöchigen Rechts-Links-Vergleich an 30 Patienten wirkte Teer nicht schlechter, als Hydrokortison 1% („arznei-telegramm“ 2003; Jg. 34, Nr. 5. S. 53).

Der Vertreiber von Exorex verweist auf eine kontrollierten Prüfung an 40 Patienten mit Plaque-Psoriasis, die an der Universitäts-Hautklinik in Wien durchgeführt wurde (S. Tzaneva, H. Hönigsmann, A. Tanew im British Journal of Dermatology. Volume 149 / 2003, S. 350 ff.). Danach hat sich dieses steinkohleteerhaltige Präparat klinisch und statistisch dem Wirkstoff Calcipotriol (Daivonex oder Psorcutan Creme) als „ebenbürtig“ erwiesen.

Tipps zum Weiterlesen

Wie Hautkrankheiten mit Steinkohlenteer behandelt werden können
(Pharmazeutische Zeitung, 31.07.2014)
Die Pharmazeutische Zeitung gibt einen Überblick zur Behandlung der Schuppenflechte mit Steinkohlenteer. Auch Seborrhoische Dermatitis, Ekzeme und einige Kopfhaut-Probleme können damit therapiert werden – wenn man denn den Geruch mag und ausgiebige Sonnenbäder oder Besuche im Solarium sein lässt.

Über Rolf Blaga 115 Artikel
Rolf Blaga hat bis 2012 als Studienrat in Berlin am Oberstufenzentrum Gesundheit unterrichtet. Seit 1993 ist er aktiv in der Psoriasis-Selbsthilfe tätig, sowohl regional im Psoriasis Forum Berlin als auch überregional in der Psoriasis Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft.

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