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Was Patienten ansprechen sollten, wenn Ärzte nicht fragen

In Hamburg trafen sich im Juni 2026 die Mitglieder des Arbeitskreises Psychosomatische Dermatologie zu ihrer 32. Jahrestagung. Wie wichtig ihre Arbeit ist, zeigt sich daran, dass bei jedem dritten Hauterkrankten psychosomatische Symptome festgestellt wurden. Symptome sind aber noch keine behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen. Das sollte möglichst schon in der Hautarztpraxis geklärt werden. Dazu aber müssen Arzt und Patient die Zeit und den Mut haben, solche Themen anzusprechen.

Statt wie sonst einen umfangreichen Tagungs-Überblick zu verfassen, haben wir diesmal aus den Referaten Tipps für Eure nächsten Arztgespräche herausgefiltert. Außerdem geht es um Placebos, Medikamentendosierungen und einige interessante Aussagen der Vortragenden. Wer sich für hintergründige Zusammenhänge interessiert, findet das gut erklärt im SPIEGEL 27/2026.

Körper und Psyche bilden eine Einheit

„Psychosomatik“ basiert auf der Erkenntnis, dass sich Erkrankung und Psyche wechselseitig beeinflussen und zusammen behandelt werden müssen:

  • Psychische Belastungen können eine körperliche Krankheit verursachen
    (Trigger).

  • Eine Erkrankung kann psychisch belastend sein, oft ein Leben lang
    (kumulative Beeinträchtigung im Lebensverlauf).

  • Ein Erkrankung kann aber auch aus sich heraus eine psychische Erkrankung entwickeln
    (Komorbidität).

  • Psychische Erkrankungen können körperliche Störungen nach sich ziehen.

Die Referate drehten sich zum Beispiel um typische Haut-Themen wie „Sorgen um Körper und Aussehen“, „Stigmatisierung“ oder „Leben mit einem sichtbaren Unterschied“. Auch wenn die Psoriasis inzwischen nicht mehr als reine Hauterkrankung verstanden wird, sondern als umfassende chronische Entzündungskrankheit (psoriatic disease), wird sie vorrangig von Dermatologen behandelt. Dazu passte das Thema „Wie Entzündung, Psyche und Erwartungen bei Psoriasis zusammenwirken“.

Nicht nur über die Haut reden

Die folgenden Tipps sind abgeleitet aus dem, was Professor Matthias Augustin seinen Kolleginnen und Kollegen für eine „psychosomatische Grundversorgung“ geraten hat. Zusätzlich zur Haut sollten sie bei ihren Patienten Daten zu Wohlbefinden, Belastungen und psychischer Gesundheit erheben.

Daraus folgt: Patientinnen und Patienten sollten mit dem Arzt nicht nur über die Haut reden, sondern auch

  • erwähnen,  wenn sie unter Juckreiz leiden und wie stark sie ihn einschätzen (auf einer Skala von 0 bis 10) und, wenn sie deshalb nicht durchschlafen können, an wie viel Tagen das der Fall ist.

  • erfragen, welche praktischen Hilfen es dagegen gibt, zum Beispiel Apps, Online-Übungen, Alternativen zum Kratzen wie Nägel kurzschneiden oder Haut kühlen, Reizkontrolle, Abendroutine, Schlafhygiene, Trigger-Tagebuch, Rückfallplan und ähnliches
    💡 Tipp: Hier findest du eine Checkliste, wie du den Juckreiz besser lindern kannst.

  • berichten, was sie an ihrer Psoriasis am meisten belastet und wovon sie dadurch abgehalten werden. Erwähnt werden sollten vor allem  Belastungen, die im Laufe der Jahre hinzugekommen sind.

Patienten könnten...

  • bitten, dazu Fragebogen beantworten zu dürfen. Das sind zum Beispiel der Fragebogen zum  Dermatologischer Lebensqualitäts Index oder zum WHO-5 Wohlbefinden. So können sie erfahren, wie stark diese Belastungen bewertet werden.

  • sich trauen, auch unangenehme Dinge im Zusammenhang mit der Erkrankung anzusprechen, wenn sie wegen der Psoriasis

    • bestimmte Situationen mit anderen Menschen vermeiden (Sport, Sexualität, Treffen) oder Freunde, Partner und Kollegen vernachlässigen oder

    • sich von anderen deshalb beobachtet, abgewertet oder ausgeschlossen fühlen.

    • an sich verzweifeln, z.B. glauben, sie seien sei selbst schuld an ihrer Schuppenflechte, sich für weniger wert halten oder unter ihrem  Aussehen leiden.

      💡 Tipp: Mit dem kostenlosen HautKompass kann in acht Übungseinheiten trainiert werden, solche Selbststigmatisierung abzubauen.

  • sich eingestehen, wenn sie bei sich psychische Auffälligkeiten bemerkt oder andere sie darauf aufmerksam gemacht haben. Zum Beispiel, wenn sie sich ständig unter Druck gesetzt fühlen, Ängste verspüren, depressiv sind, nicht mehr richtig schlafen können, sexuelle Probleme haben oder im schlimmsten Fall nicht mehr weiterleben wollen.
    📌 Wichtig zu wissen: Bei der Psoriasis hat jeder Dritte Angst- oder Depressions-Symptome. Die können sich, werden sie nicht oder zu spät behandelt, zu ernsthaften psychischen Erkrankungen entwickeln.

Es ist auch möglich...

  • den Arzt darum zu bitten, spezielle Fragebogen beantworten zu dürfen, zum Beispiel zu Angststörung oder Depressionen. So erfahren sie, ob diese Symptome eher vorübergehend sind oder auf eine dauerhafte Erkrankung hinweisen.

  • gemeinsam mit der Ärztin klären, wie damit umgegangen werden sollte, also ob es notwendig erscheint, deshalb zu Experten überwiesen zu werden (z.B. Psychotherapie) oder sich anderweitig helfen zu lassen (z.B. Sozialberatung, Selbsthilfe).  

  • zugeben, wenn sie die Therapie nicht wie abgesprochen durchführen. Mit dem Arzt wäre dann zu klären, was sie davon abhält (Angst, Überforderung, Ekel, Zeitaufwand, Frustration oder unerfüllte Erwartungen) und wie das überwunden werden könnte.

  • geduldig sein, d.h. sich aufklären lassen, dann aber akzeptieren, dass manches seine Zeit braucht bzw. nur Schritt für Schritt gelöst werden kann. 

Placebo oder verringerte Dosis?

Eigentlich gehört der Placebo-Effekt zum Fachgebiet der Psycho-Neuro-Immunologie. Aber er ist für die Psychosomatik ebenso interessant. Denn er zeigt auf andere Weise, wie Psyche und Körper direkt zusammenspielen. So kann eine medizinisch wirksame Reaktion auftreten, nur weil Patienten sie erwarten. Das funktioniert selbst dann, wenn die Betroffenen wissen, dass sie mit einem Placebo behandelt werden. Umstritten ist, ob und wie Mediziner den Placebo-Effekt gezielt einsetzen dürfen.

Gibt es diesen Effekt auch bei Psoriasis-Medikamenten? Darf man als Patient darum bitten, mit einem Placebo behandelt zu werden? 

Prof. Wiebke Sondermann hat sich damit befasst. So hätten in der Schmerzforschung Beeinflussungen starke Effekte gezeigt. Für die Psoriasis dagegen gebe es wenige Studien. In einer wurde z.B. Cyclosporin zusammen mit grün gefärbter Erdbeermilch und  Lavendelöl gegeben. Nach einer Weile bekamen alle ein Placebo mitsamt dem vertrauten Getränk. Beides zusammen bewirkte annähernd ähnlich hohe anti-entzündliche Werte wie bei Cyclosporin. Das Immunsystem war darauf konditioniert, dass mit dem Getränk ein Wirkstoff verabreicht wird.

Eine andere Studie wurde mit einer mittelstark wirksamen Kortison-Creme durchgeführt. Anfangs erhielten alle Probanden die 0,1 Prozent-Dosis. Dann erhielt eine Gruppe wirkstofffreie, die andere wirkstoffreduzierte Cremes. Trotzdem wirkte die Creme bei allen weiterhin gleich gut. Das Immunsystem war darauf konditioniert, dass mit genau dieser Creme ein Wirkstoff verabreicht wird. 

Funktioniert das auch bei Biologika? Das hat ein Team um Professorin Sondermann bei Secukinumab (Cosentyx) untersucht. Von drei Gruppen wurde einer die Standarddosis gegeben (300 mg) und zweien eine verringerte Menge (75 mg). Eine der Gruppen mit geringerer Dosis wurde zusätzlich intensiv beeinflusst, wie positiv das Medikament wirke. Sie erhielt außerdem ein geschmacksintensives Getränk. Nach 16 Wochen zeigten sich erwartungsgemäß die besten Behandlungsergebnisse bei der 300 mg-Gruppe. Aber bei denjenigen, die nur 75 mg bekommen hatten, verbesserten sich Symptome (Haut, Juckreiz, Angstzustände) und Entzündungswerte ebenfalls deutlich. Die  Beeinflussung plus das Getränk hatten dagegen nur einen geringen Einfluss. Das habe vermutlich an der hohen Erwartungshaltung gelegen, so die Autoren. Alle Patienten gingen schon von Beginn an von einer sehr hohen Wirkung des Medikaments aus. In diesem Fall konnte kein deutlicher Placebo-Effekt nachgewiesen werden.

Stattdessen war ein anderes Ergebnis eindeutig: Schon 25 Prozent der vorgeschriebenen Dosis wirkten pharmakologisch und erhöhten die IL-17A-Konzentration. Diesen Effekt hatten die Autoren schon einmal vorher für Secukinumab beschrieben; er wurde aktuell für weitere Psoriasis-Biologika bestätigt.

Darf man als Patient darum bitten, mit einem niedriger dosierten Biologikum behandelt zu werden? Nein, denn zum einen gibt es für wenige Biologika unterschiedliche Größen. Zum anderen aber ist es der Ärztin verboten, die Standard-Dosierung eines Medikaments zu verringern oder die Intervalle zu verlängern. Das wäre eine Verordnung außerhalb der Zulassung (off-label-use). Dermatologen, die das praktiziert hatten, mussten Strafzahlungen leisten (Regress), so Prof. Augustin auf der Münchener Fobi 2018.

Aufgeschnappt

  • Als aktualisierte Entscheidungshilfe ist die S3-Leitlinie "Psychosomatische Dermatologie" fertiggestellt und wird im Oktober 2026 eingereicht. (Prof. Dr. Eva Peters)

  • „Wir werden nicht erreichen, dass sichtbare Hautkrankheiten völlig neutral wahrgenommen werden.“ (Prof. Matthias Augustin)

  • „Aufklärung allein reicht nicht aus: Mit dem HautKompass wird hautkrankbezogene Selbststigmatisierung verringert und es wird eingeübt, damit auf Kurs zu bleiben“. (Juliane Trexler)

  • „Gedanken um das eigene Aussehen sind normal. Gefährdet ist, wer sich einen Großteil des Tages damit beschäftigt, makellos auszusehen, um nicht abgelehnt oder negativ beurteilt zu werden.“ (Prof. Christian Stierle)

  • „Depressionen können nicht allein durch eine erfolgreiche (anti-entzündliche) Psoriasis-Therapie behandelt werden – auch wenn manche Dermatologen das anders sehen.“ (Prof. Regine Gläser)

  •  „Angehörige neigen dazu, eine Hauterkrankung schlimmer zu beurteilen als die Betroffenen.“ (Prof. Karin Oechsele).

  • „Durch Telemedizin erleben schlecht versorgte Gruppen das erste Mal eine geregelte medizinische Betreuung, z.B. Schiffsbesatzungen, Gefängnisinsassen, Polarforscher, Landbewohner oder Pflegeheimbewohner.“(Dr. Brigitte Stephan)

  • „Patienten mit mehr Ängsten erwarten häufiger schwere Nebenwirkungen.“ (Prof. Wiebke Sondermann)


Über den Autoren

Rolf Blaga engagiert sich seit 1990 in der Patienten-Selbsthilfe für Menschen mit Schuppenflechte. Als Autor fürs Psoriasis-Netz besucht er regelmäßig medizinische Veranstaltungen. Er ist Vorsitzender der AG Medizin und Gesundheit bei Transparency Deutschland.

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Bildquellen:

Chloé / Unsplash+

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