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  • Claudia Liebram
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    Claudia Liebram

    Die traurige Sensation von Salzwedel

    Die Stadt Salzwedel hat einen Jahresempfang gegeben. Und es gab eine Sensation!

    Wow, eine Sensation? Bringt ein Investor neue ArbeitsplĂ€tze in die Stadt? Konnte Dieter Bohlen als Veranstalter fĂŒr das Hansefest gewonnen werden? Wurde ein amtliches Baumkuchen-Rezept verraten?

    Immer mit der Ruhe! Eine Pressemitteilung der Stadt bezeugt, dass beim Jahresempfang ĂŒber Wichtiges gesprochen wurde: Zivilschutz, Katastrophenvorsorge, Notarztversorgung – alles Dinge, die ganz klar fĂŒr die AltmĂ€rker wichtig sind. Die Innenministerin sprach lange mit Feuerwehrleuten, die Europa-Abgeordnete warb fĂŒr, nun ja, Europa. Die GeschĂ€ftsleute und Unternehmen der Region wurden gelobt, Musiker waren da, ein Weltmeister im Jiu-Jitsu durfte sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen.

    Aber Sensation?

    Die "Volksstimme", die örtliche Tageszeitung, hat vom Jahresempfang nichts von alledem oben berichtet. Nein, sie berichtet nur von eben jener Sensation:

    Zitat

    Das war die Sensationsnachricht beim Jahresempfang der Hansestadt Salzwedel am Freitagabend: Tobias Seiling, Facharzt fĂŒr Haut- und Geschlechtskrankheiten, kommt zurĂŒck in die Stadt!

    Der Hautarzt kehrt zurĂŒck!

    Wenn es nicht so traurig wĂ€re, dass das eine Meldung – noch dazu eine Sensationsmeldung – wert ist, könnte man darĂŒber lachen. Aber es bleibt: traurig. Und exemplarisch fĂŒr den Hautarzt-Mangel in inzwischen so vielen Landkreisen.

    Der Hautarzt Tobias Seiling hatte die Praxis in Salzwedel im Jahr 2022 in Richtung Bitterfeld verlassen. In der Altmark gab es daraufhin fĂŒr Kassenpatienten nur noch eine Hautarztpraxis: in Stendal. Jetzt kehrt der Hautarzt zurĂŒck – und wird als Sensation gefeiert.

    Zitat

    Salzwedels BĂŒrgermeister Olaf Meining zeigte sich beim Jahresempfang sehr erfreut ĂŒber diese neue Entwicklung und bereitete Tobias Seiling einen herzlichen Empfang.

    Kein Einzelfall – sondern System

    Was Salzwedel erlebt hat, ist kein Pech und auch kein Zufall. Es ist ein strukturelles Problem, das große Teile Ostdeutschlands – und zunehmend auch den Westen – betrifft. Das bestĂ€tigt der Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) mit Zahlen, die er Ende Februar 2026 auf einer Fachpressekonferenz vorgestellt hat.

    In Sachsen etwa verzeichnen 19 von 25 dermatologischen Planungsregionen einen RĂŒckgang des Versorgungsgrades in den letzten zehn Jahren. Die Extrembeispiele sprechen fĂŒr sich: Die Kreisregion Löbau-Zittau kommt heute auf einen Versorgungsgrad von gerade mal 15 Prozent – 2016 waren es noch 122 Prozent. In Annaberg lag der Wert 2016 bei 161 Prozent, heute sind es 60 Prozent. Wo frĂŒher mehr als genug HautĂ€rzte praktizierten, ist heute kaum noch jemand da.

    Was sind Planungsregionen?

    Deutschland ist fĂŒr die Planung von Arztpraxen in Regionen aufgeteilt – meist entsprechen diese einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt. FĂŒr jede dieser Regionen berechnet die zustĂ€ndige KassenĂ€rztliche Vereinigung, wie viele HautĂ€rzte die Bevölkerung dort eigentlich brĂ€uchte. Das Ergebnis ist der Versorgungsgrad. 100 Prozent bedeutet: alles im Lot. 15 Prozent bedeutet: Es ist fast niemand mehr da.

    Was das fĂŒr Patienten bedeutet

    „Wenn Planungsbereiche Versorgungsgrade im unteren zweistelligen Bereich aufweisen, bedeutet das fĂŒr Patientinnen und Patienten weite Wege, lange Wartezeiten, verzögerte Diagnostik und vermeidbare Krankheitsprogression", sagt BVDD-PrĂ€sident Dr. Ralph von Kiedrowski.

    Das trifft eine Bevölkerung, die eigentlich mehr HautĂ€rzte brĂ€uchte als frĂŒher – nicht weniger. Allein beim hellen Hautkrebs rechnen Experten fĂŒr 2025 mit rund 320.000 Neuerkrankungen in Deutschland. Dazu kommen chronisch-entzĂŒndliche Erkrankungen wie unsere Psoriasis oder die Neurodermitis, die eine dauerhafte fachĂ€rztliche Betreuung brauchen. Wer keinen Hautarzt in der NĂ€he hat, wartet lĂ€nger – und erkrankt dadurch im Zweifel schwerer.

    Warum fehlen die HautÀrzte?

    Das Problem hat mehrere Wurzeln.

    • Viele Praxen stehen vor einer ungeklĂ€rten Nachfolge. Ältere Ärzte gehen in Rente und finden keinen Nachfolger. Junge FachĂ€rzte zieht es in die StĂ€dte – dort gibt es bessere Infrastruktur und flexiblere Arbeitsmodelle. Auf dem Land bleibt die LĂŒcke.
    • Das aktuelle VergĂŒtungssystem belohnt laut BVDD-PrĂ€sident Kiedrowski viele einfache FĂ€lle mehr als wenige schwere. Das klingt absurd, ist aber so. Eine Praxis muss wirtschaftlich ĂŒberleben – und das gelingt leichter mit vielen unkomplizierten Patienten als mit wenigen aufwendigen. Von Kiedrowski fordert deshalb eine Umkehr: „Es muss sich wieder lohnen, aufwendige FĂ€lle zu versorgen."

    Was der Berufsverband fordert

    Der BVDD hat konkrete Forderungen.

    Erstens soll der direkte Zugang zum Hautarzt erhalten bleiben – ohne Überweisung vom Hausarzt. Das gilt vor allem fĂŒr Menschen mit chronischen Hauterkrankungen wie Psoriasis, fĂŒr Allergiker und fĂŒr Patienten, die bereits einen Hauttumor hatten oder an Krebsvorstufen leiden.

    Zweitens soll das Hautkrebsscreening auch in einem kĂŒnftigen PrimĂ€rarztsystem ohne Überweisungspflicht zugĂ€nglich bleiben.

    Und drittens sollen Kleinigkeiten wie Warzen oder Fußpilz kĂŒnftig nicht mehr beim Hautarzt landen, damit die knappen Termine fĂŒr ernste Erkrankungen frei bleiben.

    Zur Nachwuchsförderung hat der BVDD vor 15 Jahren die Arbeitsgruppe „Junge Dermatologen" (JuDerm) gegrĂŒndet. Außerdem gibt es seit Kurzem eine zertifizierte Fortbildung zur „Dermatologischen Fachassistenz" – damit Arzthelferinnen und Arzthelfer die HautĂ€rzte gezielt entlasten können.

    Salzwedel als Symbol

    Der Jubel ĂŒber die RĂŒckkehr vom Hautarzt Tobias Seiling zeigt, wie tief das Problem sitzt. Dass eine Stadt eine Hautarztpraxis wie eine RaritĂ€t feiert, sagt mehr ĂŒber den Zustand der Gesundheitsversorgung auf dem Land aus als jede Statistik. FĂŒr Menschen mit Psoriasis, Neurodermitis oder Hautkrebsrisiko ist ein wohnortnaher Hautarzt keine SelbstverstĂ€ndlichkeit mehr – sondern mancherorts schon ein GlĂŒcksfall.


    Über die Autorin

    Claudia Liebram ist Journalistin in Berlin. Ihre Psoriasis begann, als sie drei Jahre alt war. Sie absolvierte den Masterstudiengang "Consumer Health Care" an der Berliner Charité.

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    Erstmals erschienen:

    Kommentare

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    Sehr traurig! đŸ˜Ș Das als Sensationsnachricht zu bezeichnen, spricht BĂ€nde ĂŒber die Entwicklung unseres Gesundheitswesens!

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