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Anfang Juli waren Hautärzte wieder zu einer Woche voller Fortbildung eingeladen. Wir konnten dabeisein und haben hier aufgeschrieben, was es Neues für Menschen mit Psoriasis gibt – oder was uns aufgefallen ist.

Die Fortbildungswoche 2026 wurde anlässlich ihres 30-jährigen Jubiläums von Alphorn blasenden Dermatologen eröffnet. Seit 1976 findet in München diese Veranstaltung für Hautärzte statt – alle zwei Jahre im Juli. Im Laufe der Jahre hat sich daraus ein exzellenter Kongress entwickelt. 

Für Betroffene mit mittelschwerer oder schwerer Psoriasis wird es in nächster Zeit weitere Präparate in Tablettenform geben, sogenannte "orale Medikamente". Die wirken inzwischen fast so gut wie Spritzen oder Pens. Aber: Sie müssen täglich eingenommen werden. Alle Hautpatienten werden künftig noch mehr mit digitalen Anwendungen und Telemedizin zu tun haben. Der Trend geht zur „Avatar-Praxis“. 

Ja, der Artikel ist lang! Aber du kannst in der Übersicht die Themen anklicken, die dich interessieren.

Für schnelle Leser

  • Mit Icotrokinra (Icotyde) und Zasocitinib werden in nächster Zeit wirkungsstarke Medikamente in Tablettenform zugelassen.

  • Kombiniert mit der Abnehmspritze Mounjaro wirkt Taltz bei denjenigen deutlich besser, die dadurch ihr Gewicht verringern konnten.

  • Ein völlig neuartiger IL-23 Blocker könnte eines Tages dazu führen, dass Betroffene ihn nur noch zwei- oder sogar einmal pro Jahr spritzen müssen. 

  • Die Namen neu zugelassener Biologika haben zukünftig nicht mehr die Endung „mab“.    

  • Mit Digitalisierung, Apps und künstlicher Intelligenz werden Abläufe und Behandlung immer weiter perfektioniert. Patientinnen und Patienten sind gefordert.

  • Es dauert bei Kleinkindern meist eine Zeit, bis eindeutig zwischen Psoriasis und Neurodermitis unterschieden werden kann.

  • Haut und Gehirn tauschen permanent Signale aus und reagieren aufeinander. Über die "Haut-Hirn-Achse" können Entzüngsbotenstoffe Psoriasis und Depressionen anstoßen.

Neue Tabletten

Professor Sascha Gerdes berichtete von einer Umfrage unter Patienten der Kieler Universitäts-Hautklinik. Mehr als die Hälfte der Psoriasis-Patienten hat sich für eine Behandlung mit Spritze bzw. Pen ausgesprochen. Nur ein Achtel bevorzugt orale Präparate. In Zukunft werden die bei Psoriasis vermutlich trotzdem häufiger verordnet, weil sie immer besser wirken und weniger kosten als Biologika. Demnächst werden zwei neue zugelassen:

Icotrokinra (Icotyde)

Icotrokinra  ist die erste IL-23-Blocker-„Pille“. Anbieter ist Johnson & Johnson. Das Präparat wurde im März 2026 in den USA zugelassen. Für die EU ist die Zulassung beantragt. In der vorliegenden Studie wurde Icotrokinra verglichen mit Deucravacitinib (Sotyktu), ebenfalls eine Tablette. Dabei erwies sich Icotrokinra als deutlich wirkungsvoller.

Selbst, nachdem der Wirkstoff ein halbes Jahr nicht mehr gegeben wurde, blieb bei einem Viertel der Probanden der Effekt erhalten. Es gab keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, aber bei 22 Prozent der Probanden traten Infektionen auf – auch in der Placebo-Gruppe. 

Zasocitinib

Zasocitinib ist ein weiterer TYK2-Hemmer. Anbieter ist die japanische Firma Takeda. Die Zulassung soll bis März 2027 „bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA und anderen Behörden“ beantragt werden. In zwei Studien wurde das Präparat mit Apremilast (Otezla) und in einer weiteren mit Deucravacitinib (Sotyktu) verglichen – beides Tabletten. Zasocitinib erwies sich gegenüber beiden als deutlich wirkungsstärker.

Die Abheilquoten blieben bei mehr als 90 Prozent der Probanden auch nach 60 Wochen gleich. Selbst, nachdem der Wirkstoff abgesetzt und stattdessen ein Placebo gegeben wurde, blieb bei mehr als die Hälfte der Effekt erhalten. Nebenwirkungen entsprechen dem der Vergleichspräparate.

Eine kleine, nur zwölfwöchigen Studie zur Psoriasis arthritis zeigte bei vielen Probanden Gelenkverbessserungen von 50 Prozent (ACR 50) bzw. 70 Prozent (ACR 70). Das wäre im Vergleich zum IL-17-Blocker Bimekizumab (Bimzelx) beachtlich. Aber realistisch ist, dass solche Werte im Praxisalltag bisher selten erreicht werden.

Kombi-Therapie bei starkem Übergewicht

Übergewicht (BMI ≥27) und Adipositas (BMI ≥30) erhöhen das Risiko für Schuppenflechte und Psoriasis Arthritis. Sie verschlechtern außerdem die Wirkung der meisten anti-entzündlichen Medikamente. Eli Lilly hat deshalb testen lassen, ob ihr Psoriasis-Medikament Ixekizumab (Taltz) besser wirkt, wenn diese Patientengruppe während der Therapie abnimmt. So bekam die eine Gruppe nur das Psoriasis-Medikament, die andere zusätzlich die Abnehmspritze von Lilly,  Tirzepatid (Mounjaro).

Nach 36 Wochen zeigte sich ein Effekt bei denjenigen, die ihr Gewicht verringern konnten: Sie hatten deutlich bessere Abheilwerte auf der Haut und den Gelenken, als die Vergleichsgruppe, die nur mit Ixekizumab behandelt wurde.

Es wird sich zeigen, ob sich das als Behandlungsmöglichkeit für Übergewichtige mit Psoriasis durchsetzen wird. Abnehmspritzen gelten als "Lifestyle-"Präparat und werden von den Kassen nicht erstattet. Die Kombination würde die Therapiekosten deutlich erhöhen. Auch deshalb, weil Abnehmspritzen lebenslang verabreicht werden müssen, wenn man das verringerte Gewicht halten will. Experten empfehlen stattdessen, die Ernährung umzustellen und körperlich aktiv zu sein.

Nur noch einmal jährlich spritzen?

Berichtet wurde über eine Studie mit dem neuen Biologikum ORKA-001. Das blockiert nahezu den gleichen Bereich (Interleukin23p19) wie Risankizumab (Skyrizi). Es hat aber eine deutlich längere Halbwertzeit. Das bedeutet, es wirkt stärker und bleibt länger verfügbar. Dadurch muss es nur nur zwei- oder sogar nur einmal pro Jahr gegeben werden – wenn sich die Werte der Phase-1-Studie bestätigen. Aber das wird noch seine Zeit dauern. Dann aber würde das Präparat seinem aktuellen Namen alle Ehre machen und wäre ein „dicker Fisch“ unter den Psoriasis-Medikamenten. Aber: für Impfungen, größere Operationen, Wechsel der Biologika-Therapie oder Kinderwunsch kann es hinderlich sein, wenn der Wirkstoff nur langsam abgebaut wird.

Neue Namen für Biologika

Um ein Biologikum von anderen Wirkstoffen zu unterscheiden werden, wird bisher seinem Namen am Ende ein „mab“ für "monoclonal antibody" angehängt. Antikörper sind Eiweiße, die bei der Immunabwehr aktiv sind (auch: Immunglobuline). Ein Wirkstoffname wie „Risankizumab“ wurde von der WHO vergeben; sein Handelsname „Skyrizi“ dagegen von der Werbeabteilung des Anbieters Abbvie. Inzwischen werden regelmäßig neuartige, verschieden wirkende Antikörper entwickelt. Um sie genauer zu unterscheiden, tragen zukünftige Biologika die Endungen „tug“, „mig“, „bart“ oder „ment“.

Digital erfasst alles

Die gestiegenen Anforderungen in der Arztpraxis sind nur mit digitalen Lösungen zu bewältigen. Von den U-70-Patienten wird erwartet, dass sie damit umgehen können, so Dr. Max Tischler. Die Hautarztpraxis der Zukunft wird die „Avatar-Praxis“ sein. Sie arbeitet „hybrid“, d.h. so viele Patientenkontakte wie möglich werden digital abgewickelt. Nur, wenn es die Daten erforderlich machen, wird ein Arzttermin in der Praxis vereinbart. Die Telefonnummer wird nicht mehr veröffentlicht, weil das Kontaktangebot als zu personalintensiv gilt.

Digital werden unter anderem erledigt 

  • Terminvereinbarungen

  • Ausfüllen von Fragebögen

  • Einsenden von Fotos

  • mehrsprachige, personalisierte Aufklärung durch Avatar

  • Erst-Diagnose per Telemedizin

  • eRezept-Anforderung durch den Patienten

  • Arztkontakt über Video-Sprechstunde oder Chat

  • Erinnern an Medikamenten-Einnahme, Erfragen des Hautzustand, Auswertung von Fotos auf PASI-Veränderungen, Abfragen von Nebenwirkungssymptomen, Übernahme der Daten von Messgeräten oder Wearables, Warnmeldungen bei Auffälligkeiten und Benachrichtigung der behandelnden Ärztin mithilfe von Apps

  • Zusammenfassen und Strukturieren des aufgenommenen Patienten-/ Arztgesprächs und Therapievorschläge mithilfe „künstlicher Intelligenz“.  

In einer Studie aus 2022 wurden acht Psoriasis-Apps untersucht und überwiegend schlecht bewertet. Nach Ansicht der Autoren benutzen nur wenige der Apps wirksame Instrumente, um die Krankheitsaktivität der Nutzer zu messen.
Unter den 56 zugelassenen „digitalen Gesundheitsanwendungen“ (DiGA) gibt es bisher keine für die Haut. Es fehlt also z.B. Sorea, eine Psoriasis-App. Denn die Premiumversion wird nur von einigen Krankenkassen erstattet. Mitglieder des DPB bekommen sie ebenfalls.
Auch interessant: Die gesetzlichen Krankenkassen wollen ein digitales Navigationssystem einführen, über das Patienten künftig Rezepte und Überweisungen zum Facharzt auch ohne vorherigen Arztkontakt erhalten sollen.

Diagnose bei Kleinkindern oft schwierig

Ärzte haben sich nicht geirrt, wenn sie bei einem Baby oder Kleinkind anfangs ein Ekzem, später eine Psoriasis diagnostizieren. Das Immunsystem beginnt erst sich zu entwickeln. So kann es zu einem Hautbild kommen, das Muster beider Erkrankungen aufweist (psoriasisforme Dermatitis).

Bei den meisten klärt sich früher oder später, woran ihre Haut tatsächlich erkrankt ist. Manchmal aber bleibt es bis ins Erwachsenenalter unklar. Und es gibt seltene Fälle, bei denen sich zugleich Neurodermitis und Psoriasis verfestigen. In allen Fällen ist die Behandlung komplizierter als bei einem eindeutigem Krankheitsbild.

Die „Haut-Hirn-Achse“

Menschen mit Hautkrankheiten entwickeln häufig Depressionen. Umgekehrt gilt: Wer an einer Depression leidet ist, muss damit rechnen, auch an der Haut zu erkranken. Wie man jetzt weiß, wird das durch eine „Haut-Hirn-Achse“ möglich. Vereinfacht ausgedrückt werden zwischen den Nervenzellen der Haut und dem Zentralnervensystem ständig Botenstoffe ausgetauscht. Die signalisieren zum Beispiel, dass eine Berührung gute Gefühle erzeugt oder unangenehme Gedanken die Haut frösteln lässt. Das Prinzip kennt man schon von der „Darm-Hirn-Achse“.

Problematisch wird es, wenn einer der beteiligten Akteure „Stress“ hat: Trauma, Alltagsbelastung oder Stigmatisierung, die im Gehirn verarbeitet werden; Plaques, vermehrte Zellbildung, Schmerz oder Juckreiz, mit der die Haut fertig werden muss. Dann werden Botenstoffe wie Zytokine freigesetzt, die Entzündungen anstoßen.

Psoriasis und Depression werden von nahezu den gleichen Immunzellen hervorgerufen. Deshalb können sie sich wechselseitig beeinflussen.

Aufgeschnappt

  • Dermatologen werden sich zukünftig als Fachärzte verstärkt auf die „Exzellenz-Medizin“ konzentrieren: Bagatell-Fälle sollen bei den Hausärzten bleiben. (Dr. Ralph von Kiedrowski, BVDD)

  • Menschen mit Psoriasis haben generell ein höheres Krebsrisiko, das aber mit IL-23-Blockern gesenkt werden kann. (Prof. Wiebke Sondermann)

  • Kinder und Jugendliche müssen frühzeitig mit wirksamen Medikamenten behandelt werden, um lebenslange Belastungen und Begleiterkrankungen zu vermeiden. Das Zeitfenster dafür zwischen Diagnose und Behandlungsbeginn der Psoriasis ist klein! (Prof. Dr. Annika Vogt)

  • Klariva ist eine wirksame App, mit der Psoriasis-Betroffene trainieren können, ihre psycho-sozialen Belastungen zu verringern – in zwölf Abschnitten innerhalb von vier Wochen. (Prof. Uwe Gieler)

  • Wer durch UVB die körpereigene Vitamin-D-Bildung anregen will, sollte sich trotzdem vor Sonnenbrand schützen. Dazu reichen Mittel mit LSF 15 und hohem UVA-Schutz (PPD 30 - 60). Bei intensiver Bestrahlung sei aber nach wie vor zu LSF 30 - 50 zu raten. (Prof. Mark Berneburg)


Über den Autoren

Rolf Blaga engagiert sich seit 1990 in der Patienten-Selbsthilfe für Menschen mit Schuppenflechte. Als Autor fürs Psoriasis-Netz besucht er regelmäßig medizinische Veranstaltungen. Er ist Vorsitzender der AG Medizin und Gesundheit bei Transparency Deutschland.

Mehr über und von Rolf Blaga


Bildquellen:

Xavier von Erlach / Unsplash

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Empfohlene Kommentare

Timura81m

Timura81m

Benutzer
4 Stunden her, Rolf Blaga schrieb:

Die „Haut-Hirn-Achse“

Menschen mit Hautkrankheiten entwickeln häufig Depressionen. Umgekehrt gilt: Wer an einer Depression leidet ist, muss damit rechnen, auch an der Haut zu erkranken. Wie man jetzt weiß, wird das durch eine „Haut-Hirn-Achse“ möglich. Vereinfacht ausgedrückt werden zwischen den Nervenzellen der Haut und dem Zentralnervensystem ständig Botenstoffe ausgetauscht. Die signalisieren zum Beispiel, dass eine Berührung gute Gefühle erzeugt oder unangenehme Gedanken die Haut frösteln lässt. Das Prinzip kennt man schon von der „Darm-Hirn-Achse“.

Problematisch wird es, wenn einer der beteiligten Akteure „Stress“ hat: Trauma, Alltagsbelastung oder Stigmatisierung, die im Gehirn verarbeitet werden; Plaques, vermehrte Zellbildung, Schmerz oder Juckreiz, mit der die Haut fertig werden muss. Dann werden Botenstoffe wie Zytokine freigesetzt, die Entzündungen anstoßen.

Psoriasis und Depression werden von nahezu den gleichen Immunzellen hervorgerufen. Deshalb können sie sich wechselseitig beeinflussen.

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