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![]() Vor 2000 Jahren ahnten die Menschen noch nicht einmal, dass irgendwann motorbetriebene Fahrzeuge auf geteerten Straßen fahren würden. Allerdings wussten sie schon damals um die heilsame Wirkung von Teer bei Hauterkrankungen.
Vor über 100 Jahren erkannte man schließlich den Nutzen für die Behandlung der Psoriasis. Denn die Wirkung des schwarzbraunen Gemisches aus Schiefer, Holz oder Kohle umfasst ein breites Spektrum - nicht nur, dass die Inhaltsstoffe der Masse entzündungshemmend wirken.
Durch die antibakterielle Wirkung verhindert Teer auch mögliche Infektionen. Er hemmt die überschießende Zellteilung und die Verhornung. Außerdem mindert er den Juckreiz . Zwar reicht die Wirkung für schwere Krankheitsverläufe allein nicht aus, dennoch hatten diverse Präparate bald einen festen Platz im Therapieplan.
Die Entwicklung von Alternativen in der modernen Medizin rückte die Nachteile der Teerprodukte mehr und mehr in den Vordergrund. Zu nennen sind der unangenehme Geruch oder das Verfärben von Haut und Kleidung. Die Behandlung geht – wie fast jede Medikamenten-Behandlung – manchmal mit Nebenwirkungen einher. Dazu gehören Kontaktdermatitis, Follikulitis und erhöhte UV-Empfindlichkeit, die ein Sonnenbad verbietet - obwohl doch gerade Sonne meist Linderung der Symptome verspricht.
Schlimmer noch als das wogen dann jedoch die Vermutungen, dass Teer krebserregend sei und das Erbgut schädigen könnte.
Zumindest der Krebs-Verdacht wurde jetzt erschüttert: "Steinkohlenteer ist eine effektive Behandlungsmöglichkeit für Psoriasis und Ekzeme, aber mehrere Bestandteile könnten krebserregend sein", schreiben Judith H.J. Roelofzen von der Universitätsklinik in Nijmegen (Niederlande) und Kollegen in der Zeitschrift "Nature". "Viele Dermatologen haben die Steinkohlenteer-Behandlung aufgegeben - obwohl unklar ist, wie hoch das Risiko ist." In einer Untersuchung an 13.200 Patienten mit Psoriasis und Ekzemen wurde die Krebsgefahr von Steinkohlenteer-Präparaten mit der von Kortison-Salben verglichen. Die Teersalbe wurde im Durchschnitt sechs Monate lang angewendet - bei einigen Probanden einen Monat, bei anderen 300 Monate lang. Das Fazit der Forscher: "Die Behandlung mit Steinkohlenteer ist nicht mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden."
Obwohl das Krebsrisiko also bislang nicht bewiesen werden konnten, wurden Teerpräparate seitdem verschreibungspflichtig oder gar vom Markt genommen.
Nun scheint das Schattendasein ein Ende zu haben. Im Jahr 2010 brachte Promius Pharma beispielsweise Scytera® auf den US-Markt. Einer der Vorteile des neuen Medikamentes liegt in der neuartigen Darreichungsform als Schaum. Denn ein Schaum trocknet schneller auf der Haut und lässt sich leichter verteilen als etwa Salben oder Cremes.
Solche Eigenschaften sind besonders nützlich bei Körperstellen, an denen zwei Hautschichten aneinander reiben: in der Gegend von Achseln, Leisten, Kniekehlen oder im Genitalbereich, zwischen den Fingern oder Zehen.
Auf der Kopfhaut erschweren die Haare normalerweise eine optimale Wirkung. Hier scheint eine Darreichungsform geeignet, die sich leicht auftragen lässt. Bei Schuppenflechte auf den Handflächen ist es sicher von Vorteil, wenn das Präparat schnell einzieht.
Außerdem soll - sagt der Hersteller - der Geruch nur minimal an Teer erinnern. In der Fachzeitschrift "Clinical an Aesthetic Dermatology" wurde die Wirksamkeit anhand von zwei Beispielen eindrucksvoll dargestellt.
Allerdings ergab eine Studie mithilfe von 38 Teilnehmern im Vergleich zu Calcipotriol weniger beeindruckende Ergebnisse. Die Wirkung beider Produkte war vergleichbar, doch in der Scytera®-Gruppe klagten mehr Teilnehmer über die Nebenwirkungen wie Jucken, Hautverfärbungen und den (dennoch) unangenehmen Geruch.
Linda Stein, Dermatologin am Henry Ford Hospital in Detroit, zielt dann auf einem Dermatologie-Seminar der Skin Disease Education Foundation (SDEF) eher auf den geringeren Preis von Scytera® ab.
Einem weiteren Teerpräparat der neuen Generation gab die Herstellerfirma Neostrata den Namen Psorent® - ein transparentes Gel, das 2,3 % Steinkohlenteer enthält und ebenfalls in den USA zu haben ist.
Laut Linda Stein verfärbt Psorent® kein gefärbtes Haar, wenn es für Kopfpsoriasis benutzt wird. Das Medikament trocknet ebenfalls schnell und wird in einer Flasche mit Pinsel angeboten, so dass der Kontakt mit den Händen unterbunden wird.
Wie bei Skytera® scheint die Studienlage bislang recht dürftig – zumindest die Anzahl der Untersuchungen, die der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Glaubt man den Ergebnissen einer Testreihe an 60 Patienten, dann scheint Psorent® gegenüber Calcipotriol jedoch gut abgeschnitten zu haben.
Die Ergebnisse im Überblick:
Tabelle: 60 Patienten wurden über zwölf Wochen entweder mit Psorent® oder mit Calcipotriol behandelt. Quelle: "A new topically applied liquor carbonis distillate (coal tar) solution helps reduce regression of plaque psoriasis after 12 weeks of treatment" in: Journal of the American Academy of Dermatology 2009;60 (Issue 3, Suppl. 1)
Ob Teerpräparate tatsächlich ihr „Comeback“ feiern werden, wird wohl erst die Zukunft zeigen.
Inga Richter
Foto: Elenathewise / Fotolia.de
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| Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 28. Juni 2011 um 19:08 Uhr |
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