Naftalan – natürliche oder riskante Psoriasis-Therapie?

Psoriasis auf der Haut oder an den Gelenken mit Naftalan-Öl behandeln? Wir hatten davon gehört, Nutzer haben danach gefragt. Jetzt haben wir uns damit beschäftigt. Wie bei der UV-Bestrahlung oder bei Teerpräparaten gibt es auch für diese Therapie Warnungen vor möglichen Krebsgefahren – und Entwarnungen der Praktiker, darunter das Bundesinstitut für Risikobewertung.

2002 tauchte im Psoriasis-Netz der erste Forumsbeitrag zur Naftalan-Behandlung in Kroatien auf. Die Klinik wurde von uns danach öfters als kostengünstige Alternative für Selbstzahler genannt. Ein Nutzer fragte vergeblich nach Erfahrungen in Aserbaidschan. Gelegentlich gab es Hinweise auf Anbieter von Naftalan-Kosmetik. 2014 veröffentlichten wir die Informationen der Klinik zur „Behandlung mit Naftalan in Kroatien„. Im September 2016 schließlich hat sich der Autor auf Einladung eines Reiseveranstalters eine Woche in dieser einzigen europäischen Naftalan-Klinik behandeln lassen.

Das Wort Naftalan (korrekter „Naphthalan“) setzt sich zusammen aus dem griechischen „Naphtha“ (Roh-Erdöl) und dem aserbaidschanischen „alan“ (nehmen), wie bei Wikipedia nachzulesen ist. Der Ort, an dem dieses Öl für Heilzwecke zuerst entdeckt wurde, heißt ebenfalls Naftalan.

Was ist Naftalan?

Naftalan wird aus schwerem Mineralöl destilliert, das für herkömmliche industrielle Zwecke nicht geeignet ist. Das Resultat ist eine dicke Flüssigkeit, schwarz-braun, schokoladen-braun oder gold-gelb. Mit Wasser gemischt, bildet sie ein relativ stabiles Gemisch – eine Emulsion. Naftalan besteht überwiegend aus Naphthalin. Dieser Stoff gehört zu den mineralischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (MOAH – Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) und innerhalb dieser Gruppe zu den polyzyklischen (PAH – Polycyclic Aromatic Hydrocarbons). „Aromatisch“ heißt diese Stoffgruppe wegen ihrer auffälligen Gerüche. Naftalan riecht wie früher Mottenkugeln, weil Naphthalin deren hauptsächlicher Inhaltsstoff war.

Geschichte

Der Legende nach wurde Anfang des 6. Jahrhunderts ein schwerkrankes Kamel von einer Karawane am Ausläufer des Kaukasus zurückgelassen. Auf dem Heimweg fanden die Händler das Kamel geheilt, weil es in dem öligen Wasser gebadet hatte. Die Soldaten Alexander des Großen, der Römer und der Wikinger sollen mit diesem Öl ihre Wunden gepflegt haben.

Ab dem 12. Jahrhundert kamen Wohlhabende aus der Türkei, Persien, Afghanistan und anderen Ländern, um dort zu medizinischen Zwecken zu baden. Das Öl aus Naftalan gelangte bereits zu dieser Zeit über Karawanen in viele Länder des Nahen Ostens.

Marco Polo wird zugeschrieben, Naftlan-Öl als „magische Lösung für Hautkrankheiten“ bezeichnet zu haben. Praktisch benutzte er es vor allem gegen Krätze [1]. Es waren sicherlich nicht nur Kriege, die dazu führten, dass Naftalan als Heil-Öl später über Jahrhunderte außerhalb der Region „vergessen“ wurde.

Wiederentdeckt wurde es Ende des 19. Jahrhunderts, als die Ölfelder rund um Baku erschlossen wurden. Ein deutscher Ingenieur stellte aus dem Naftalan-Öl eine Wund- und Heilsalbe her, mit der er weltweit sehr erfolgreich war. Seit 1926 wurden in diesem Erdölgebiet immer mehr Patienten mit Naftalan-Öl behandelt – 1980 waren es 75.000 pro Jahr [2]. Ihre Zahl sank aber seit Ende der 80-er Jahre: Für Flüchtlinge aus Berg-Karabach wurden fünf der sechs Bäder in Lager umfunktioniert. Erst seit einigen Jahren steigt die Zahl der Gesundheits- und vor allem der Wellness-Touristen langsam wieder an.

In Kroatien dagegen hat man das Naftalan erst in den 1970-er Jahren entdeckt: im Križ-Ölfeld, nahe der Stadt Ivanić Grad im Inneren des Landes. Analysen zeigten, dass es identisch ist mit dem aus Aserbaidschan. Die einzige Naftalan-Klinik dort wurde 1989 eröffnet.

Wogegen hilft Naftalan?

Naftalan-Öl soll angeblich bei 70 bis 100 Krankheiten und Beschwerden helfen. Von Haut-, Gelenk- und Gewebe-Erkrankungen über neurologische, gynäkologische, chirurgische, und urologische Leiden – selbst bei Unfruchtbarkeit und zu geringer Spermienproduktion. Es soll unter anderem die Durchblutung fördern, den Stoffwechsel anregen, Schmerz stillen, Entzündungen hemmen, Gefäße erweitern, die Wundheilung beschleunigen, die Produktion von Nebennierenrinden-Hormonen anregen, vor UV-Strahlen schützen, die Blutgerinnung verlangsamen.

„Naftalanisches Öl tötet alles ab: Viren, Bakterien und Pilze“, so Hashim Hashimov, Spa-Leiter des Naftalan Health Centre in Aserbaidschan [3].

Was ist bewiesen?

Auf mehreren Internetseiten liest man, die Wirksamkeit von Naftalan-Öl sei in „mehr als 1.600 wissenschaftlichen Artikeln und Büchern, darunter 270 Thesen“ bestätigt. Das wird aber nicht belegt, so dass es unklar bleibt, wie seriös diese Veröffentlichungen sind. Es gibt keine statistisch und wissenschaftlich fundierten Studien darüber, bei wie viel Patienten welche konkreten Verbesserungen durch Naftalan erzielt werden können.

Selbst wenn keine Beweise nach heutigen wissenschaftlichen Standards vorliegen: Es ist davon auszugehen, dass eine über hunderte von Jahren angewendete Therapie bei Patienten auch gewirkt hat. Nicht ohne Grund gibt es in der Stadt Naftalan ein „Museum der Krücken“; zurückgelassenen von denjenigen, die sie nicht mehr brauchten. Aber ob es wirklich am Öl  lag, bleibt offen. Mediziner berichten, dass chronisch Kranke sich oft erst dann behandeln lassen, wenn die Krankheit längere Zeit besonders schlimm war. Dann aber ist der Höhepunkt des Schubs überschritten und es würde ihnen erfahrungsgemäß sowie wieder besser gehen – bis zum nächsten Schub. Die Patienten würden ihre Gesundung aber der Therapie zuschreiben. Hinzu kommen Placebo-Effekte (Glaube, Mitgefühl und Hoffnung), die ebenfalls auf das Krankheitsgeschehen einwirken können.

Naftalan-Öl und Psoriasis

Für die Psoriasis liegen wenige wissenschaftliche Untersuchungen vor, die leider nur mit statistisch unbedeutenden Patientenzahlen durchgeführt worden sind.

Dr. Pero Vržogić, Arzt der Naftalan-Klinik in Ivanić Grad (Kroatien), hat 10 Psoriasis-Patienten vor und nach einer dreiwöchigen Naftalan-Behandlung untersucht. Dabei hat er festgestellt, dass sich die Zahl der immunaktiven Lymphozyten in der Haut verringert und sich die Hautzellen seltener geteilt haben. Außerdem konnte er nachweisen, dass in den Psoriasis-Läsionen deutlich weniger neue Blutgefäße vorhanden waren, als vor der Therapie mit Naftalan-Öl.

Dr. Marc Schindewolf hat in seiner Dissertation untersucht, wie sich Naftalan im Vergleich zu Placebo-Öl auf die Psoriasis auswirkt. Er untersuchte zwei Gruppen mit 5 bzw. 20 Personen nach drei Wochen einmal täglicher, 12-minütiger Ganzkörper-Therapie. Alle Patienten hatten eine schwere Psoriasis (PASI > 20). In der kleineren Gruppe verbesserte sich der PASI um 77 Prozent, in der größeren um 65 Prozent. Das ist auch für heutige Verhältnisse ein solides Ergebnis. Die Hautzellen teilten sich deutlich seltener als zu Beginn der Therapie. Insgesamt habe sich die „Hautarchitektur“ normalisiert. Dieser Erfolg, so Schindewolf, beruhe allein auf dem im Naftalan-Öl enthaltenen Kohlenwasserstoff; konkret auf die Gruppe der Sterane und Hopane. Beide haben strukturelle Ähnlichkeiten mit den Steroiden, die man z.B. als Kortisone kennt.

Schindewolf empfiehlt, größere kontrollierte Studien durchzuführen, um sein Ergebnis zu überprüfen: Naftalan sei eine Möglichkeit, um die Psoriasis effektiv zu behandeln. Die Therapie wäre leicht anzuwenden, gut verträglich, bisher seien keine innerlichen Nebenwirkungen bekannt und sie sei wirtschaftlich. Naftalan könne selbst jenen Patienten helfen, die auf andere Therapien nicht oder nur schlecht angesprochen hätten.

Es gibt keine wissenschaftlichen Beobachtungen darüber, wie lange dieser Effekt anhält. Im Gespräch meinte Dr. Vržogić, dass die Patienten zwischen 3 und 5 Monaten erscheinungsfrei seien. Im Klinikprospekt wird sogar von 6 bis 7 Monaten gesprochen. Auf der offiziellen Seite aus Aserbaidschan steht, die Wirkung einer Naftalan-Behandlung halte eineinhalb bis zwei Monate an.

Vorteile der Naftalan-Therapie

Es handelt sich um ein sanftes, naturheilkundlichen Verfahren. Im Vergleich zu starken Medikamenten ist nicht zu erwarten, dass das Immunsystem derart geschwächt wird, dass Infekte oder Organschäden befürchtet werden müssen. Die Klinik weist darauf hin, dass typische Kortisoneffekte wie Verschlimmerung beim Absetzen, Hautverdünnung oder Streifenbildung bei Naftalan nicht auftreten. Auch würde es zu keiner Unterfunktion der Talg- und Schweißdrüsen kommen.

Was heißt „potentiell krebserregend“?

Der Hauptwirkstoff des Öls, das Naphthalin, gilt in den USA [4] und in der EU [6] offiziell als krebsverdächtig. Naphthalin ist in Kosmetika und Pflegemitteln in der gesamten EU verboten [7]. In Materialien und Verbrauchsgütern, mit denen die Haut länger als 30 Sekunden in Kontakt kommt, sind maximal 2 mg Naphthalin pro 1’000.000 mg (1 kg) zulässig. „Potentiell“ und „verdächtig“ sagt aber nichts über die tatsächliche Gefahr aus.

Naphthalin darf, wie alle Mineralöl-Kohlenwasserstoffe, nicht Inhaltsstoff von Kosmetika sein. In 2015 hatten test und ÖKO-Test trotzdem diese verbotenen Substanzen in Pflegeprodukten gefunden. Als besonders kritisch gelte, so test, die Gruppe der MOAH, zu den Naphtalin zählt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (efsa) nehme an, dass sie ergutverändernde und krebserregende Komponenten enthält. Sie seien vor allem dann gefährlich, wenn sie über den Mund in den Körper gelangen – z.B. durch Kosmetika wie Lippenstifte. Eine Schweizer Studie, so die Warentester, hätte gezeigt, das Mineralöle auch durch die Haut dringen können. MOAH sollten aber überhaupt nicht in den Körper gelangen.

Mineralöl-Kohlenwasserstoffe werden immer wieder in viel zu hohe Mengen als Weichmacher in Gebrauchsgegenständen gefunden – oft sogar in Kindersachen. Und in Lebensmitteln, deren Verpackung Druckerfarben abgeben. Diese Substanzen reichern sich im Körper an. Schon jetzt, so die Stiftung Warentest, hätten wir von keinem Schadstoff mehr im Körper, als von Mineralöl: 1 g pro Person (test 6/2015).

Keine gesundheitlichen Auswirkungen beobachtet

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erklärte daraufhin, es könne derzeit kein gesundheitliches Risiko durch MOAH in Kosmetika erkennen. Aber es gäbe keine sicheren Daten darüber, wie Mineralöle über die Haut aufgenommen werden würden. Insbesondere, wenn sie regelmäßig und über Jahre aufgetragen werden. Die Gruppe der MOAH, zu denen Naphthalin gehört, würde sich nicht im Körper anreichern, sondern wieder ausgeschieden werden.

Trotz langjährigen und weitverbreiteten Gebrauch von kosmetischen Produkten seien gesundheitliche Risiken durch Mineralöle nicht berichtet worden; statistisch ausgedrückt fehlten „epidemiologische Hinweise“. Dennoch solle der Anteil von MOAH wie Naphtalin in Pflegeprodukten auf „unvermeidbare Spurengehalte“ minimiert werden.

Abschließend erklärt das BfR, dass seine Einschätzung “aufgrund vorhandener größerer Datenlücken als vorläufig“ anzusehen seien.

Wir hatten das BfR direkt nach Naphthalin gefragt. In einer Stellungnahme hieß es, dass die krebserzeugende Potenz von Naphthalin – im Vergleich zu anderen aromatischen Kohlenwasserstoffen – „wesentlich geringer“ sei. Krebs hätte sich bei Nagetieren entwickelt, die es eingeatmet hätten. Es lägen aber „keine aussagekräftigen epidemiologischen Befunde vor“, dass auch Menschen Krebs bekommen können, wenn sie Naphthalin einatmen. Trotzdem hat das Umweltbundesamt Naphtalin-Richtwerte festgelegt, wie viel davon in der Luft von Innenräumen sein dürfe. Würden die überschritten, bestehe „unverzüglich Handlungsbedarf“. Bei Hautkontakten könnten, so das BfR „Hautreaktionen“ auftreten.

Auch Klinik sieht keine Krebsfälle

Bei der Naftalan-Therapie wirkt Naphthalin 3 Wochen täglich knapp 15 Minuten auf die gesamte Haut. In hartnäckigen Fällen wird das Öl abends zusätzlich über Nacht unter luftdichter Folie auf die Plaques aufgetragen. Bei dieser intensiven Behandlung müssten eigentlich im Laufe der Zeit Krebsfälle aufgefallen sein.

Die Naftalan-Klinik in Kroatien hat uns mitgeteilt, dass seit 1989 bei den dort jahrelang behandelten Patienten weder Hautkarzinome, noch Melanome (Schwarzer Hautkrebs) festgestellt worden seien. Zwar enthalte das Naftalan-Öl 20 Prozent aromatische Kohlenwasserstoffe, die potentiell (d.h. möglicherweise!) krebserregend seien. Aber die größere Gefahr gehe von den polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAH) aus. Die seien nur zu 1 Prozent im Heil-Öl enthalten. Tests mit Mäusen hätten keine krebserregenden Faktoren gezeigt, so Dr. Gordana Krnjevic Pezic, die leitende Dermatologin dort.

„Potentielle“ Krebsgefahr auch bei anderen Psoriasis-Therapien

Die Bestrahlung mit künstlichem UVB hat bei Tieren krebserregende Effekte verursacht; weniger beim Schmalspektrum 311 nm. Gesichert ist, dass Menschen, die zu viel Sonne abbekommen (natürliches UV), stark hautkrebsgefährdet sind. Bestrahlungsexperten sehen trotzdem kein Risiko: UV-Patienten würden nicht häufiger mit Hautkrebs auffallen, als die Normalbevölkerung. Obgleich potentielle Gefahren bekannt sind, gibt es keine Langzeit-Untersuchungen, ob und wie sich regelmäßige UV-Therapien beim Menschen auswirken. Experten empfehlen, maximal 50 intensive UV-Bestrahlungen pro Jahr – egal ob durch künstliches oder natürliches UV-Licht.

Bei der heutzutage aus der Mode gekommenen oralen (innerlichen) PUVA-Therapie sei das Krebsrisiko gesichert, abhängig von der im Laufe des Lebens erhaltenen UVA-Dosis, heißt es in den „Leitlinien zur Therapie der Psoriasis vulgaris, Update 2011“.

Steinkohlen-Teer sollte „nur unter sorgfältiger Abwägung“ eingesetzt werden, ob der Nutzen gegenüber dem Krebs-Risiko höher ist. Vorher sollte geprüft werden, ob „risikoärmere therapeutische Alternativen“ möglich sind (Leitlinie 2011). Keine sehr starke Empfehlung! Die krebserregende Wirkung von Steinkohlen-Teer sei in Tier-Experimenten beschrieben worden. Es seien aber keine Krebsfälle bekannt  „bei therapeutischer Anwendung an der [menschlichen] Haut“.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung teilte uns auf Anfrage mit: Teersalben enthalten krebserregende aromatische Kohlenwasserstoffe. Die würden über den Urin ausgeschieden werden. Aktuelle Studien zeigten, dass trotzdem kein höheres Blasenkrebs-Risiko bestehen würde. Das gelte auch für Hautkrebs und andere Tumore [5].

Trotzdem: „Steinkohlenteer darf […] nur noch über einen begrenzten Zeitraum etwa in medizinischen Shampoos gegen Schuppenflechte (Psoriasis) angewendet werden“ (ÖKO Test 1/2016). Naphthalin wird auch als „Steinkohlen-Teer-Kampfer“ bezeichnet.

Naftalan-Therapie wirkt nicht immer

Dr. Vržogić von der Naftalan-Klinik in Ivanić Grad meinte, dass 10 bis 15 Prozent der Patienten auf die Therapie nicht ansprechen würden. Zum Beispiel deshalb, weil sie vorher viel mit Kortison behandelt worden sind oder aktuell an einem Infekt leiden. Aus Aserbaidschan wird berichtet [2], dass Patienten mit Herzproblemen nicht behandelt werden, weil Naftalan stark durchblutungsfördernd wirkt.

Nicht geeignet, so Dr. Vržogić, sei die Therapie für Patienten mit Psoriasis pustulosa. Bei allen anderen Formen schlage sie gut an. Bei Patienten, die eine Psoriasis Arthritis hätten, würden die Gelenke zusätzlich mit warmen Naftalan-Packungen behandelt oder Naftalan mit Gleichstrom bzw. Ultraschall in die Gelenke „eingeschleust“.

Persönliche Eindruck von der Naftalan-Klinik

Die Therapie in der „Naftalan-Spezialklinik für medizinische Rehabilitation“ in Ivanić Grad machte auf mich einen soliden professionellen Eindruck. Das Personal war mir gegenüber sehr freundlich und hilfsbereit, sprach gut Englisch. Einige konnten sogar Deutsch. Als Patient bekam ich einen klar strukturieren Behandlungsplan. Im Gegensatz zu den Berichten aus Aserbaidschan sitzt man hier in einer Einzelkabine; das Naftalan-Öl lässt sich leicht und rückstandslos abduschen.

Die genaue Zusammensetzung des Naftalan-Öls und seine Wiederaufbereitung wurde mir gegenüber als Geschäftsgeheimnis behandelt. Man hat mir aber versichert, dass das Öl jedesmal nach Gebrauch hygienisch mit Wasserdampf behandelt werde. Der Hauptbestandteil, das Naphtahalin, wirkt an sich schon gegen Bakterien, Viren und Pilze.

Über die Therapien hinaus kann man Wassergymnastik und individuelles Training an Sportgeräten machen sowie im kleinen Becken mit warmen Salzwasser schwimmen. Weitere Rehabilitations-Angebote wie Ergo-Therapie, Ernährungskurse, sportliche Aktivitäten, psychologische Beratung o.ä. gibt es nicht. Auf dem Dachgarten gibt es einige Liegestühle zum Sonnenbaden.

Das Gebäude ist modern und großzügig, die Behandlungsräume sind hell, sinnvoll gestaltet und technisch gut ausgerüstet, z.B. mit Geräten für UV-Bestrahlung, Elektrotherapien und Reha-Gymnastik.

Die Zimmer für selbstzahlende Gäste sind groß genug und gut ausgestattet – lediglich mein erstes Zimmer war zu verwinkelt. Es soll möglich sein, die TV-Geräte nach persönlichem Wunsch programmieren zu lassen, d.h. mit deutschen Sendern. Kostenloses WLAN funktionierte sehr gut. Auf Nachfrage erhielt ich eine Schreibtischlampe.

Das Essen war, selbst in der besseren Kategorie, relativ einfach. Für Menschen mit Entzündungskrankheiten gab es viel zu viel Fleisch und kaum Gemüse. Weil ich morgens keinen fertigen Milchkaffee mag, konnte ich einen Espresso bestellen. Klinikleitung und Reiseveranstalter haben mir versichert, dass die Essenswünsche von Gruppen berücksichtigt werden könnten. Kroatische Patienten würden das Essen aber wegen seiner Rustikalität lieben.

Als ausländischer Einzelreisender war es kaum möglich, sich mit den kroatischen Patienten zu verständigen. Zum Vergnügen meiner Tischnachbarn lernte ich zu jeder Mahlzeit neue kroatische Wörter. Der Reiseveranstalter bietet deshalb Gruppenreisen an. Für Gruppen lassen sich auch eher Ausflüge oder Aktivitäten in die weitere Umgebung organisieren.

Die Klinik liegt am Rande der Innenstadt von Ivanić Grad, die man in zehn Minuten zu Fuß erreicht. Es gibt keinen „Kurpark“, sondern nur ein paar Bänke und Bäume direkt am Haus. Gegenüber ist eine Sportanlage. Die freie große freie Fläche neben der Klinik soll ab 2017 mit einem Wellness-Zentrum bebaut werden.

Für Geräuschempfindliche: Frühmorgens bellen gerne Hunde aus den umgebenen Einfamilienhäusern. Wer sich auf eine der wenigen Bänke am Eingang setzen will, muss akzeptieren, dass Musik aus Lautsprechern für die zahlenden Gäste des Restaurant-Vorgartens ertönt.

Die nähere Umgebung ist nicht besonders reizvoll; es handelt sich eben um ein Erdöl-Gebiet. Mit dem Fahrrad, vor allem aber mit dem Auto oder eben als organisierte Gruppenfahrt kann man aber Ausflüge in weiter weg liegende, schönere Gegenden und zu Sehenswürdigkeiten machen. Das Tourismus-Büro in Ivanić Grad ist wochentags bis 16 Uhr geöffnet. Es ist  auch möglich, außerhalb der Klinik zu übernachten und nur zu den Anwendungen zu kommen.

Generell sollte eine Naftalan-Therapie drei Wochen, mindestens aber zwei Wochen durchgeführt werden. Der Reiseveranstalter empfiehlt, den Klinikaufenthalt mit einer Strandwoche an der kroatischen Adria abzuschließen.

 

[1] Die im Öl schwimmen, Louis Imbert (Die Presse), 27.03.2010, sachlicher Bericht über die Therapie in Aserbaidschan.
[2] Baden in der Erdölwanne, Margit Kohl, 26.07.2014, Bericht über die Therapie in Aserbaidschan ohne medizinische Erklärungen.
[3] Asiatisches Luxus-Spa bietet Erdöl-Bäder an, Yahoo-Nachrichten, 05.07.2015, sehr oberflächlicher Bericht über die Therapie in Aserbaidschan.
[4] Bathing in Black Gold for Health and Profit in Azerbaijan New York Times, 04.12.2006, Bericht über die Therapie in Aserbaidschan mit deutlicher Krebswarnung.
[5] Roelofzen et al. in Urol Oncol 33 (2015) 20.e19-20.e22 und Roelofzen et al. in Journal of Investigative Dermatology (2010) 130, 953-961
[6] CLP-Verordnung (EU-Verordnung 109/2012)
[7] Anhang II der Kosmetikverordnung (L342/83): Liste der Stoffe, die in kosmetischen Mitteln verboten sind.

Weitere Informationen zur Naftalan-Therapie
  • Website der Naftalan-Spezialklinik für medizinische Rehabilitation in Ivanić Grad
  • Prospekt des Reiseveranstalters MED in Croatia mit ausführlicher Beschreibung
  • Bericht einer österreichischen Website-Betreiberin über ihren Besuch in der Naftalan-Klinik in Ivanić Grad – viele Details
  • Video der Naftalan-Klinik in Ivanić Grad
  • TV-Beitrag der Deutsche-Welle-Journals: Alexandra von Nahmen badet in aserbaidschanischem Schweröl
  • Offizielle Informationsbroschüre: Naftalan – ein magisches Geschenk der Natur aus dem innersten Aserbaidschans, IRS Erbe – Mein Aserbaidschan, mit russischen Quellenangabe
Über Rolf Blaga 115 Artikel
Rolf Blaga hat bis 2012 als Studienrat in Berlin am Oberstufenzentrum Gesundheit unterrichtet. Seit 1993 ist er aktiv in der Psoriasis-Selbsthilfe tätig, sowohl regional im Psoriasis Forum Berlin als auch überregional in der Psoriasis Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft.

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